Toccata 04/2022

Eine “Lange Nacht der Musik” im London Mitte des 18. Jahrhunderts Der wenig originelle CD-Titel “A Night in London” prangt auf dem Cover der neuen Einspielung des Pulcinella Ensembles unter der Leitung der umtriebigen Cellistin Ophélie Gaillard. Schon viele Ensembles widmeten sich mit diversen Alben dem europäischen Musikzentrum London, welches dieses unumstritten im 18. Jahrhundert darstelllte. Wer aber Ophélie Gaillard als kluge Programmgestalterin kennt, der musste nicht fürchten, ein barockes Wald- und Wiesenprogramm vorgesetzt zu bekommen. Und tatsächlich erwartet uns ein raffiniert zusammen gestelltes Konzeptalbum, quasi eine “Lange Nacht der Musik” in Londons Opernhäusern, Salons und Kneipen der damaligen Zeit. Der bunte musikalische Reigen beinhaltet verschiedene Genres und Stile: Vom (Cello-) Konzert bis zur Opernarie, von der Kantate bis zu Bearbeitungen von schottischen Volksliedern. Das Zentrum der Einspielung bilden das virtuose Cellokonzert in G von Nicola Porpora (1686-1768) und das facettenreiche Cellokonzert Nr. 2 von Giovanni Battista Cirri (1724-1808). Besonders Cirris Konzert ist für mich eine große Entdeckung! Ganz natürlich verbinden sich hier Eleganz, Virtuosität und Melancholie zu einer eindringlichen Melange. So gesehen ist dieses Werk programmatischer Angel- und Ausgangspunkt der Konzeption und kann für die ganze CD stehen. Es erklingen aber auch bekanntere Werke, wie z.B. Auszüge aus den Concerti grossi von Charles Avison und Francesco Geminiani sowie zwei vokale Einsprengsel: Eine Alcina-Arie von Georg Friedrich Händel (gesungen von der Sopranistin Sandrine Piau) und eine Bearbeitung eines britischen Volksliedes von Geminiani (fabelhaft: Mezzosopranistin Lucile Richardot). Außerordentlich reizvoll umrahmen zwei unterschiedlich Versionen des schottischen Volksliedes „She’s Sweetest When She’s Naked“ in den Bearbeitungen von James Oswald (1710-1769) - für Cello solo und für Ensemble - die illustre Collage der unterschiedlichsten Werke des Londoner Musiklebens in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Ophelie Gaillard überzeugt auch auf ihrer neuen CD mit ihrem uppigen, flexiblen und sanglichen Celloton und bildet mit ihrem auftrumpfend aufspielenden Pulcinella Orchestra eine abslout stimmige Einheit. Durch die Hinzuziehung von Perkussionsinstrumenten sowie von Gitarre, Harfe und Oboe (Gabriel Pidoux) wird die musikalische Farbenpalette erheblich bereichert. Da sprüht es nur so vor Spiellust! Eine äußerst stimmungsvolle Imagination einer Londoner Musiknacht! Wolfgang Reihing A Night in London. Ophélie Gaillard, Pulcinella Ensemble, Sandrine Piau, Lucile Richardot. Aparté, AP 274. Aufnahme: September & Dezember 2021. !& © 2022 (1 CD). CD DES MONATS JULI 2022 Platte des Monats CD of the month Foto: Alberto Crespo

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