Toccata 04/2022

Vivaldis “L'Estro Armonico” und dessen Bearbeitungen durch den jungen J.S. Bach Seit seiner Gründung im Jahre 1984 hat der Cembalist und Dirigent Rinaldo Alessandrini mit seinem Concerto Italiano viel zur Wiederbelebung und Erneuerung der Alten Musik in seinem Heimatland Italien und darüber hinaus beigetragen. Von Anfang an bildeten die Meisterwerke von Claudio Monteverdi, Antonio Vivaldi und J.S. Bach die Eckpfeiler seiner Arbeit, darunter auch etliche Vokal- und Opernwerke. Es war sein großes Anliegen, die Sprache der Alten Musik zu erneuern, indem völlig neue ästhetische und rhetorische Aspekte erprobt wurden. Diese Arbeit ist in zahlreichen CD-Aufnahmen dokumentiert, von denen viele heute als Referenzaufnahmen gelten. Das könnte nun auch bei der vorliegenden Neuaufnahme von Vivaldis “L'Estro Armonico” der Fall sein, die vor kurzem beim französischen Label Naïve erschienen ist. Concerto Italiano hat aber nicht nur die zwölf phantasievollen Instrumental-Konzerte eingespielt - die stets im Schatten der “Vier Jahreszeiten” standen - sondern sinnigerweise mit Johann Sebastian Bachs Bearbeitungen von sechs der “L'Estro Armonico”-Konzerte für Tasteninstrumente kombiniert; vier davon sind für Cembalo und zwei für Orgel transkribiert. Diese sind so angeordnet, dass für den Hörer ein direkter Vergleich zwischen Original und Bearbeitung hintereinander möglich ist. Mit liebevoller Hingabe und unvergleichlicher Präzision arbeitet Concerto Italiano alle rhetorischen Details heraus und bringt die Schönheit und Virtuosität der Werke voll zur Geltung. Das ist spritzig, zupackend und voll poetischen Schwungs. Daran haben neben Rinaldo Alessandrini mit seinem Concerto Italiano die Cembalisten Andrea Buccarella, Salvatore Carchiolo und Ignazio Schifani einen erheblichen Anteil, wundervoll zu erleben in Bachs Konzert für 4 Cembali und Streicher BWV 1065 (nach Vivaldis Konzert für 4 Violinen RV580). Für die Orgelbearbeitungen hat sich Concerto Italiano den famosen Organisten Lorenzo Ghielmi mit ins Boot geholt. Wahrlich eine großartige Aufnahme, die neue Maßstäbe setzt! Wolfgang Reihing Vivaldi: 12 Concertos op. 3 L'Estro Armonico, J.S. Bach: Keyboards Arrangements. Concerto Italiano, Rinaldo Alessandrini. Naïve, OP 7367. Aufnahme: Dezember 2020. ! & © 2022 (2 CD). Spanische Orgelmusik des Frühbarock Der spanische Komponist und Organist Francisco Correa de Arauxo (1584-1654) hat trotz seiner großen Bedeutung für Theorie und Praxis der spanischen Orgelmusik nie den Bekanntheitsgrad erlangt, der ihm zusteht. Organisten und Orgelliebhabern ist er aber seit langem ein Begriff, nicht zuletzt durch sein 1626 veröffentlichtes Standardwerk “Faculdad Organica”, einer musikwissenschaftlichen Abhandlung zu Aufführungspraktiken von Orgelmusik. Diese entält auch 69 beispielhafte eigene Kompositionen, so genannte Tientos (dem Ricercar vergleichbar). Einen sehr repräsentativen Teil von de Arauxos Tientos hat nun der belgische Organist und Komponist Bernard Foccroulle in einer 4-CDBox beim Label Ricercar vorgelegt. Er erkundet auf fünf historischen spanischen Orgeln (und einer modernen Orgel im flämischen Stil) den Erfindungsreichtum, die rhytmischen Feinheiten und das außergewöhnliche Farbenspektrum dieser Meisterwerke der spanischen Orgelmusik. Mit großem Gespür für die Erhabenheit dieser Musik und für die Besonderheiten frühbarocker Verzierungskunst, führt uns Bernard Foccroulle in vier thematischen Blöcken in diese faszinierende Musikwelt voller Kontraste. Das Clou dieser Neuaufnahme ist aber die Einbeziehung von Ensemble- und Vokalmusik von bedeutenden Komponisten des 16. Jahrhunderts, die de Arauxo als Vorbild gedient haben und die er in “Faculdad Organica” ausdrücklich erwähnt hat. Darunter finden sich herausragende Werke von Josquin Desprez, Antonio de Cabezón, Nicolas Gombert, Clemens non Papa u.a. Hierfür konnte Foccroulle das Ensemble InAlto unter der Leitung des erfahrenen Zinkenisten Lambert Colson gewinnen, mit dem er oft und gerne in Konzerten und CD-Projekten zusammen arbeitet. Die stilistisch perfekte und farbenreich instrumentierte Darbietung von InAlto spiegelt nicht nur die musikalischen Traditionen, denen sich de Aurauxo verpflichtet fühlte, sondern erlaubt es dem Zuhörer - inmitten von expressiven Orgelstücken - sich zwischendurch zu sammeln und sich für neue Eindrücke zu öffnen. Allen Orgelmusik-Liebhabern sei diese CDSammlung dringend ans Herz gelegt! Wolfgang Reihing Francisco Correa de Arauxo: Libro de Tientos. Bernard Foccroulle, InAlto, Lambert Colson. Ricercar, RIC 435. Aufnahme: Oktober 2019, September 2020, Juni 2021 !& © 2022 (4 CD). Der "andere" Domenico Scarlatti Den Namen Scarlatti bringen wir in Bezug auf Opernund Vokalmusik weniger mit Domenico, sondern eher mit dessen Vater Alessandro (1660-1725) in Verbindung, der zu seiner Zeit auf diesem Feld sehr erfolgreich war. Außerdem sind eine Großzahl seiner Werke der Nachwelt erhalten, was eine Rezeption überhaupt erst möglich machte. Das sieht bei seinem berühmten Sohn Domenico Scarlatti (1685-1757) ganz anders aus. Von ihm sind vor allem seine riesige Sammlung an 555 Cembalowerken und sein Stabat Mater erhalten, die seinen Ruhm bis heute ausmachen. Dabei wird leicht vergessen, dass er sich in früheren Jahren in Rom und auch später in Lissabon als Komponist von geistlicher und weltlicher Vokalmusik hervor tat. Das große Lissaboner Erdbeben vom 1. November 1755 hat leider die Manuskripte dieser Werke vernichtet, so dass wir davon nur einen sehr kleinen Teil kennen. Dieser eher unbekannten Seite Domenico Scarlattis ein kleines Denkmal zu errichten, scheint das Anliegen von Bertrand Cuiller und seinem Ensemble Le Caravansérail zu sein. Auf den ersten Blick mutet das Programm etwas zusammengewürfelt an, aber schon bald erschließt sich die Stringenz der Auswahl an weltlichen Kantaten, Opernarien und Sonaten, die sich um das berühmte 10-stimmige Stabat Mater ranken, welches um das Jahr 1715 in Rom entstanden ist. Das Stabat Mater wird von Le Caravansérail weniger als melancholische Marienverehrung interpretiert, sondern huldigt eher einem heiteren Grundton mit herrlich aufblühenden Vokalstimmen. Diese Haltung findet sich besonders auch in den ausgewählten Opernarien und weltlichen Kantaten wieder: Die Sopranistin Emmanuelle de Negri und der Countertenor Paul-Antoine Bénos-Dijan gestalten ihre ausdrucksvollen Partien klangschön und mit großer Leidenschaftlichkeit. Zwischen den vokalen Nummern sind einige Sonaten eingestreut: Die Sonate KV 144 eröffnet die CD überraschend, da gespielt auf einer Harfe, die Sonate K 213 wird von Bertrand Cuiller mit großer Hingabe und Detailverliebtheit auf dem Cembalo gegeben. Die größte Überraschung und Entdeckung dieser Aufnahme stellt für mich aber die Sonate KV 90 dar, die hier als Violinsonate erklingt. Aufgrund verschiedener Besonderheiten - wie z.B. der mehrsätzigen Struktur und dem beziffertem Bass - liegt es nahe, dass Domenico Scarlatti die Sonate vermutlich für ein Soloinstrument und Continuo komponiert hat. Unter Leila Schayeghs und Bertrand Cuillers Händen TOCCATA - 120/2022 CD-TIPPS 14

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