Toccata 04/2022

wird diese Sonate zu einem expressiv aufleuchtenden Kleinod. Ein hinreissendes Plädoyer für den “anderen” Domenico Scarlatti! Wolfgang Reihing Domenico Scarlatti: Stabat Mater & Other Works. Le Caravansérail, Betrand Cuiller, Emmanuelle de Negri, Paul-Antoine Bénos-Dijan. Harmonia Mundi, HMM 905340. Aufnahme: Oktober 2020 & Juni 2021 !& © 2022 (1 CD). Lustvolle Marienverehrung am Hofe zu Ferrara Seit 36 Jahren beschäftigt sich das italienische Ensemble La Reverdie mit dem reichen und vielfältigen Repertoire vom Mittelalter bis zur frühen Renaissance. Neben einer intensiven Konzerttätigkeit in Europa und Übersee sind in dieser Zeit annähernd 20 CD-Aufnahmen entstanden, 13 davon beim französischen Label Arcana. Zuletzt erschien im Jahre 2019 eine viel beachtete Aufnahme mit Werken des Florentiner Dichters und Komponisten Francesco Landini (1325-1397). Nach einer pandemiebedingten Pause ist soeben bei Arcana eine neue Aufnahme erschienen, die sich dem bedeutenden Musikleben der Familie Este am Hofe zu Ferrara im 15. Jahrhundert widmet. Ferrara war zu dieser Zeit ein unumstrittenes Musik- und Kulturzentrum, welches viele bedeutende Komponisten und Musiker von nördlich der Alpen anzog. Die CD "Lux Laetitiae" präsentiert eine feine Auswahl von zwölf kunstvoll gearbeiteten Marien-Motetten aus dem heute in Modena aufbewahrten Ferranesischen Manuskript, genannt "ModB". Dieses entält vorwiegend geistliche Vokalwerke aus Nordeuropa, die in der ersten Hälfte des 15. Jahrhundertsentstanden sind. La Reverdie hat daraus einige Motetten von John Dunstable, Gilles Binchois, Leonel Power und Guillaume Dufay kongenial aufgenommen. Es gelingt dem erfahrenen Ensemble mühelos, diese artifiziellen Werke ins 21. Jahrhundert zu holen, nicht zuletzt durch die frische und lebendige Darstellung und dem ausgeglichenen, perfekt aufeinander abgestimmen Zusammenspiel zwischen den Vokalstimmen und dem sparsam aber gezielt eingesetzten Instrumentarium. Eine leuchtende Einspielung, die uns das lustvolle Musikleben von Ferrara näher bringt! Wolfgang Reihing Lux Laetitiae - Splendors of the Marian Cult in Early Renaissance Ferrara. La Reverdie. Arcana, A 526. Aufnahme: Juli 2021 !& © 2022 (1 CD). Rekonstruierte Frühfassungen von J.S. Bachs Ouvertüren Johann Sebastian Bachs Orchestersuiten - wegen der ausufernden Kopfsätze auch Ouvertüre genannt - gehören zum Standardrepertoire instrumentaler Barockmusik und erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit bei Musikern und Musikliebhabern. Von Frankreich aus - vor allem durch Lully - verbreitete sich die Form der Ouvertüre und erfreute sich im frühen 18. Jahrhundert großer Beliebtheit, wo sie auch der junge Bach Bach für sich entdeckt hat. Man weiss nicht genau, wo Bachs Ouvertüren entstanden sind, vermutet aber, dass Bach diese in Weimar und Köthen geschrieben hat und in einer kleineren Besetzung aufgeführt hat. Später in Leipzig hat er die Ouvertüren für Aufführungen mit dem studentischen Collegium musicum für ein größeres Ensemble bearbeitet und sowohl Pauken als auch Trompeten hinzugefügt, um den festlichen Charakter der Werke zu unterstreichen. Nach Lars Ulrik Mortensen und seinem Concerto Copenhagen, der im vergangenen Jahr beim Label CPO mit einer solistisch besetzten "Originalversion" von Bachs Orchestersuiten faszinierte, geht Olivier Fortin mit seinem Ensemble Masques in seiner vorliegenden neuen Einspielung bei Alpha noch einen Schritt weiter. Auch er lässt Pauken und Trompeten beiseite und besetzt die Streichergruppe mit einem Musiker pro Stimme, aber er wagt eine Rekonstruktion der Urfassungen. Vor allem besetzt er die Flötensoli in der berühmten 2. Suite mit einer Solo-Oboe. Kopierfehler in den Instrumentalstimmen deuten darauf hin, dass dieses Stück ursprünglich einen Ton tiefer und vermutlich für ein anderes Soloinstrument als die Querflöte geschrieben wurde. Diese Entscheidung erzielt einen gänzlich verschiedenen Grundcharakter und wirkt so viel sanglicher. Bei recht flotten Tempi brillieren das Ensemble Masques und Olivier Fortin am Cembalo mit ausgesprochen federndem Spiel und ausgefeilter Artikulation. Es gelingt ihnen tatsächlich, die viel gehörten Stücke aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten, so dass wir viele neue Details entdecken dürfen. Es spricht viel für diese explizit kammermusikalische Herangehensweise, da sie die musikalischen Strukturen, die Bach hauptsächlich in den Streicherstimmen verankert hat, so deutlicher hervor treten. Wolfgang Reihing J.S. Bach: Ouvertures-Suites. Ensemble Masques, Olivier Fortin. Alpha Classics, 832. Aufnahme: Februar 2021 !& © 2022 (1 CD). ORA Singers: Marienmotteten aus Renaissance und Gegenwart Vor gut fünf Jahren gründete Suzi Digby, eine der renommiertesten und mit zahlreichen Auszeichnungen geehrten Chordirigentin Englands, die ORA Singers, die aus einer kleinen Gruppe von professionellen Sängern aus der Alte-Musik-Szene besteht. "Hundert Auftragswerke von hundert zeitgenössischen Komponisten in zehn Jahren", das ist das erklärte Ziel des Ensembles, um die Jahrhunderte währende englische Chortradition weiter lebendig zu halten. Der Präsident der ORA Singers ist der bekannte Schauspieler Stephen Fry. Für ihr Album „Many Are The Wonders“ erhielten die ORA Singers 2018 den OPUS Klassik Award in der Kategorie „Ensemble des Jahres (Chor)“. Wie so oft schlagen die ORA Singers in ihren CD- und Konzertprogrammen gerne eine Brücke von der Alten Musik zur Zeitgenössischen Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. So auch auf ihrer aktuellen Neuerscheinung "Stella", die soeben bei Harmonia Mundi erschienen ist und mehrstimmige Marienmotteten des bedeutenden spanischen Renaissance-Komponisten Tomás Luis de Victoria (ca. 1548-1611) in das Zentrum des Aufnahmeprojekts stellt. Nach frühen Studien in Ávila wirkte De Victoria in Rom als Lehrer, Priester, Organist und Kapellmeister am Collegium Germanicum des ansäßigen Jesuitenordes, und zwar als Nachfolger von Giovanni Pierluigi da Palestrina. Zwischen de Victorias polyphonen Meisterwerken - allen voran das 4-stimmige Ave Maris Stella - erklingen in der vorliegenden Aufnahme vier Auftragskompositionen mit zeitgenössischen Reflektionen auf de Victorias Werke von Mark Simpson (*1988), Alexander Campkin (*1984), Julian Wachner (*1969) und Francisco Coll (*1985) sowie zwei Vokalkompsitionen von Cecilia McDowall (*1951) und Will Todd (*1970). Die herausragenden Sänger der ORA-Singers bestechen durch makellose Klangkultur und größtmöglicher Transparenz und vermögen es, die ausgewählten Werke aus den verschiedenen Epochen zu einem Ganzen zu formen. Mit großer Hingabe und sinnlich-warmer Tongebung bringen die ORA-Singers diese von religiöser Extase geprägten Meisterwerke zum Klingen. Eine wahre Chormusik-Perle, die Alt und Neu auf's Schönste verbindet! Wolfgang Reihing STELLA - Renaissance Gems and their Reflections, Volume 3: Victoria. ORA Singers. Harmonia Mundi, HMM 905341. Aufnahme: August 2017 !& © 2022 (1 CD). 15 TOCCATA - 120/2022 CD-TIPPS

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