Toccata 04/2022

Die Gerdin Handschrift (Uppsala 1758). Tabea Schwarz (Blockflöte), Thomas Leininger (Cembalo) Pan Classics - PC 10431 (2020; 67') Galliard: Blockflötensonaten op. 1. Fabiano Martignago (Blockflöte), Angelica Selmo (Cembalo) Brilliant Classics - 96328 (2020; 46') Valentini: Blockflötensonaten Op. 5; La Villeggiatura. Cappella Musicale Enrico Stuart Brilliant Classics - 96050 (2 CDs) (2019; 1.56') Mancini: Sechs Blockflötensonaten. Ensemble IJ Space Claves - 50-1907 (2018; 57') G Sammartini: Sonaten für Blockflöte und Basso continuo, Vol. 2. Andreas Böhlen (Blockflöte), Daniel Rosin (Violoncello), Pietro Prosser (Laute), Michael Hell (Cembalo) Aeolus - AE-10336 (2019; 77') Ohrwurm. Tabea Debus (Blockflöte), Jonathan Rees (Viola da gamba), Alex McCartney (Theorbe, Gitarre) Delphian Records - DCD34243 (2020; 71') Es geht wohl kaum ein Jahr vorbei ohne neue Aufnahmen mit Musik für die Blockflöte. Oft sind es bekannte Stücke, die aufgenommen werden; schliesslich ist das Repertoire relativ begrenzt, wenn man es, beispielsweise, mit der Violinliteratur vergleicht. Glücklicherweise gibt es aber dann und wann auch Produktionen mit relativ wenig bekannten Werken. Ein Beispiel ist die erste hier rezensierte CD, die von Tabea Schwarz und dem Cembalisten Thomas Leininger aufgezeichnet wurde. Sie bringt Musik aus einer in Uppsala aufbewahrten Handschrift, die nach dem ersten Besitzer als 'GerdinHandschrift' bekannt ist. Wer dieser Gerdin war, ist nicht bekannt. Er hat wahrscheinlich auch die sechs Sonaten - vier von Pietro Castrucci (1679-1752) und zwei von Francesco Geminiani (1687-1762) - in die Sammlung eingetragen. Dabei hat er sich möglicherweise auf eine in Amsterdam gedruckte Ausgabe von 1727 gestützt, die selbst wieder ein Nachdruck einer Ausgabe war, die 1720 in London erschien. Bei den Sonaten handelt es sich um Werke, die ursprünglich für die Violine gedacht waren. Das zeigt, dass schon damals solche Sonaten der Blockflöte angepasst wurden - eine Praxis, der heutzutage von Blockflötisten gefolgt wird. Wenn man in Betracht zieht, dass die ursprünglichen Fassungen 1716 bzw. 1718 erschienen, ist es schon bemerkenswert, dass diese Blockflötenfassungen 1758 erstellt wurden. Diese CD ist sowieso interessant, da diese Fassungen - soviel ich weiss - hier zum ersten Mal auf CD erscheinen. Dazu kommen noch einige Stücke für Cembalo solo eines gewissen Frederick Nussen, der deutscher Abstammung war und 1755 englischer Staatsbürger wurde. Es sind meistens Bearbeitungen von damals bekannten Melodien, unter anderem aus The Beggar's Opera. Die Interpreten haben sich einige Freiheiten erlaubt, aber bleiben innerhalb der Grenzen des historisch Vertretbaren. Beide bringen erstklassige Darbietungen und so ist eine sehr unterhaltsame CD entstanden, die nicht nur Blockflötenfreunden viel Vergnügen bereiten wird. Auch bei John Ernest Galliard haben wir es mit einem deutschen Einwanderer zu tun. Er wurde in Celle geboren aus einer Familie, deren Wurzel in Frankreich lagen. Er lernte das Spiel auf Traversflöte und Oboe und studierte Komposition bei Steffani und Farinelli im nahegelegenen Hannover. 1706 wanderte er nach England aus, wo er in den Dienst von Prinz Georg von Dänemark, dem Gatten von Königin Anne, trat. Er komponierte weltliche Musik und spielte als Oboist im Queen's Theatre. Seine Kammermusik ist gering in Umfang: drei Sammlungen von je sechs Sonaten für Blockflöte, Violoncello bzw. Cello oder Fagott. Fabiano Martignago und Angelica Selmo haben die sechs Blockflötensonaten, die unter der Opusnummer 1 gedruckt wurden, aufgezeichnet. Sie bestehen aus vier oder fünf Sätzen. Diese Sonaten würde ich nicht als unverzichtbar betrachten. Sie erreichen nicht die Qualität der soeben genannten Sonaten von Castrucci und Geminiani. Trotzdem sind sie durchaus unterhaltsam, und es ist schön, dass sie auf CD vorliegen. Die beiden Musiker bringen gute Interpretationen, und Blockflötenfreunde werden sie gerne in ihre Sammlung aufnehmen. Angelica Selmo spielt auch einige Stücke von Purcell. Während in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts viele Musiker und Komponisten sich in England niederliessen, vor allem aus Italien, bewegte Robert Valentine (1671-1747) sich in umgekehrter Richtung. Er wurde in Leicester geboren und liess sich in den 1690er Jahren in Rom nieder. Er spielte verschiedene Instrumente: Blockflöte, Oboe, Violine und Violoncello. Als Oboist spielte er 1707 im Orchester bei der Aufführung von Händels Oratorium La Resurrezione. Sein Oeuvre ist ziemlich umfangreich: auf jeden Fall dreizehn Sammlungen mit und fünf ohne Opusnummer. Dazu kommen noch einige separat überlieferte Werke, und eine in Handschrift aufbewahrte Sammlung von sechs Blockflötenduetten, die von der Cappella Musicale Enrico Stuart aufgezeichnet wurde, zusammen mit den zwölf Sonaten für Blockflöte und Basso continuo Op. 5. Letztere erschienen 1716 in Amsterdam, wurden dann zwei Jahre später wiederveröffentlicht. Viele seiner Werke wurden nachgedruckt, was zeigt, dass sie gut aufgenommen wurden. Diese Sonaten sind klar von Corelli beeinflusst worden, aber Valentini - wie er sich in Italien nannte - folgt nicht sklavisch dessen Vorbild. Später sollte er den galanten Stil übernehmen. Die sechs Duette sind unter dem Gesamttitel 'La Villeggiatura" überliefert, was so viel bedeutet wie 'Ferienzeit'. Es sind nicht wirklich Duette, denn die Blockflöten werden nicht strikt gleich behandelt. Dann und wann spielen sie in Parallelen, aber es gibt auch Passagen, wo die zweite Blockflöte einen Bass spielt, als Ersatz für den fehlenden Basso continuo. Wenn man in Betracht zieht, dass Valentinis Musik damals gut ankam und dass die hier aufgezeichneten Werke von sehr guter Qualität sind, ist es schon bemerkenswert, dass so wenig Musik seiner Feder auf CD erhältlich ist. Da gibt es noch einen grossen Nachholbedarf. Umso erfreulicher ist die exzellente Interpretation der fünf Mitglieder der Cappella Musicale Enrico Stuart: Romeo Ciuffa und Carolina Pace (Blockflöte), Irene Maria Caraba (Viola da gamba), Michele Carreca (Theorbe und Gitarre) sowie Marco Vitale (Cembalo und Orgel). Es ist sehr zu hoffen, dass weitere Werke von Valentini aufgenommen werden. Die Blockflötensonaten von Francesco Mancini (1672-1737) erfreuen sich viel grösserer Bekanntheit als jene von Valentini. Es gibt mehrere Aufnahmen, und auch in Sammelprogrammen werden sie einbezogen. Mancini war einer der wichtigsten Komponisten in Neapel, und hat fast zu jeder Gattung beigetragen. Seine Vokalwerke stellen den wichtigsten Teil seines Oeuvres dar, aber - abgesehen von einigen geistlichen Werken - sind es vor allem die Sonaten und Konzerte für Blockflöte, die die Aufmerksamkeit der Musikwelt unserer Zeit auf sich ziehen. Vor allem die Konzerte im 'Manoscritto di Napoli 1725', in dem sich auch Konzerte von anderen Komponisten finden, wie Alessandro Scarlatti, sind bekannt geworden. Das Ensemble IJ Space hat sechs der zwölf Sonaten aufgenommen, die 1724 in London gedruckt wurden, als Sonaten für Blockflöte oder Violine. Eine zweite Ausgabe erschien 1727; darin wird die Violine nicht mehr erwähnt. Offensichtlich waren die Sonaten bei den vielen Blockflötisten in England so gut angekommen, dass eine Alternative nicht mehr erwähnt zu werden brauchte. Die komplette Sammlung wurde von Tripla Concordia (Brilliant Classics, 2010) und von Armonia delle Sfere (Tactus, 2020) aufgenommen. Die letztgenannte ist interessant, da darin einige Sonaten auf der Traversflöte gespielt werden, und zwei Sonaten als Cembalosoli erklingen, in Übereinstimmung mit einem Hinweis auf der Titelseite. Tripla Concordia bringt sehr gute Darbietungen, generell etwas extravertierter und dramatischer als IJ Space, aber nicht immer werden alle Wiederholungen gespielt. Das scheint hier aber der Fall zu sein. Anfänglich fand ich das Spiel des Blockflötisten Yi-Chang Liang etwas zu reserviert, aber im Verlaufe der CD habe ich mich keineswegs gelangweilt und hat er mich überzeugt. Sein Ton ist schön und sauber, und er hat den goldenen Mittelweg zwischen zu wenig und zu viel Verzierungen gefunden. Seine Mitstreiter sind eine exzellente Stütze. Ich weiss nicht, ob eine Aufnahme der restlichen Sonaten geplant ist; schön wäre es. Die fünfte CD ist dann wieder etwas ganz Besonderes. Blockflötenfreunde werden sich erinnern, dass vor einigen Jahren eine CD mit handschriftlich überlieferten Sonaten von Giuseppe Sammartini erschien, gespielt von Andreas Böhlen. Diese wurde als Folge 1 bezeichnet, und jetzt liegt die zweite Folge vor. Sammartini galt als einer der grössten Oboisten seiner Zeit, und nachdem er sich in England niedergelassen hatte, erntete er die Bewunderung seiner Umwelt, nicht nur wegen seines brillanten Spiels, sondern auch wegen seiner Kompositionen. Insgesamt 29 Sonaten für Blockflöte und Basso continuo sind in Handschrift überliefert, und die meisten befinden sich in Parma bzw. in Rochester (USA). Während die erste Folge sieben Sonaten aus TOCCATA - 120/2022 CD-UMSCHAU 16

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