Toccata 04/2022

der Parma-Handschrift enthielt, bietet die zweite Folge sieben Sonaten aus der Rochester-Sammlung. Auf den ersten Blick scheinen diese Sonaten, in drei oder vier Sätzen, ganz konventionell. Stilistisch sind sie aber alles andere als konventionell. Sie haben mit Sonaten von Zeitgenossen wenig gemeinsam, und generell vermeidet Sammartini die damals üblichen Gemeinplätze (im neutralen Sinne des Wortes). Darin zeigt er eine gewisse Ähnlichkeit mit Christoph Graupner. Immer wieder wird man von ungewöhnlichen melodischen Formeln, unkonventionellen harmonischen Fortschreitungen und plötzlichen Schlüssen überrascht. Es gibt hier einfach nichts Vorhersehbares. Und das macht diese Stücke ungemein spannend. Böhlen und seine Kollegen wissen damit schon etwas anzufangen. Das Anhören dieser CD ist ein Abenteuer, auf das neugierige Musikfreunde - nicht nur Liebhaber der Blockflöte - sich einlassen sollten. Jeder Musikliebhaber hat wohl die Erfahrung, dass sich bestimmte Melodien oder ein Musikstück im Gehirn festsetzt und sich daraus nicht entfernen lässt. Man spricht dann von einem Ohrwurm. Tabea Debus hat sich mit diesem Phänomen auseinandergestetzt und Stücke aufgenommen, die als Ohrwürmer bezeichnet werden können. Allerdings ist das diskutabel, denn welches Werk ein Ohrwurm ist, lässt sich nicht wissenschaftlich definieren. Was für den einen ein Ohrwurm ist, geht bei einem anderen ins eine Ohr rein und zum anderen wieder raus. Jede Auswahl ist daher persönlich und subjektiv. Warum ist ein Stück überhaupt ein Ohrwurm? Liegt das am Stück selbst oder hat es damit zu tun, dass es so oft erklingt? Tabea Debus spielt zum Beispiel die Arie 'Lascia ch'io pianga' aus Händels Oper Rinaldo. Ist das ein Ohrwurm, wenn man sie zum ersten Mal hört? Oder wird es einer, da sie so oft gesungen wird, und immer wieder als Zugabe verwendet wird? Selbstverständlich lässt sich diese Arie nur in Bearbeitung darstellen, denn neben Tabea Debus auf der Blockflöte spielen nur Jonathan Rees (Viola da gamba) und Alex McCartney (Laute und Gitarre). Die Streicherstimmen sind hier weggelassen, und auch der langsame Satz aus Alessandro Marcellos Oboenkonzert erklingt hier mit Blockflöte und Basso continuo, mit den Verzierungen aus Bachs Cembalotranskription. Das anonyme Lied 'Vuestros ojos tienen d'amor' aus Robert Dowlands 'A Musical Banquet' ist ein anderes Vokalwerk, das auf der Blockflöte gespielt wird, wie auch 'Fairest Isle' aus Purcells Semi-Oper King Arthur. In einigen Bearbeitungen entfernen sich die Musiker ziemlich weit vom Original: aus Solers Fandango wird ein modernes Stück, vor allem im Bereich der Harmonie. Tabea Debus spielt auch zwei Stücke, die für sie komponiert wurden, von Freya Waley-Cohen und Gareth Moorcraft. Ob sich diese zu Ohrwürmer entwickeln werden, wage ich zu bezweifeln. Aber, wie gesagt, was ein Ohrwurm ist, ist halt subjektiv. Diese CD scheint mir vor allem für Blockflötenfreunde geeignet, die mit den manchmal radikalen Bearbeitungen keine Probleme haben. Die Qualitäten der Musiker sind über alle Zweifel erhaben. Johan van Veen Salterio italiano. Romina Basso (Mezzosopran), Il Dolce Conforto, Franziska Fleischanderl Christophorus - CHR 77426 (2017; 63') Per il Salterio. La Gioia Armonica Ramée - RAM 1906 (2019; 79') Das Salterio hat in der Musikgeschichte eine wichtige Rolle gespielt. Vor allem im Italien des 18. Jahrhunderts war es ungemein beliebt, insbesondere unter den höheren Kreisen, wie die erhaltenen Instrumente zeigen. In der Aufführungspraxis wurde die Rolle des Salterios lange Zeit fast ganz übersehen. Erst in den letzten zehn bis fünfzehn Jahre haben sich einige Musikerinnen für eine Wiederbelebung dieses Instrumentes eingesetzt: Margit Übellacker, Elisabeth Seitz und Franziska Fleischanderl. Letztere hat ihr Studium des Instruments, dessen Repertoire und der Aufführungspraxis mit einer Promotion an der Universität zu Leiden gekrönt. Ihre Diktorarbeit wird sicherlich für viele Jahre das Standardwerk zum Salterio bleiben. Sie ist aber nicht nur Musikwissenschaftlerin, sondern auch Musikerin. Sie hat schon einmal eine CD mit geistlicher Musik mit obligatem Salterio aufgenommen, und vor einigen Jahren erschien eine zweite CD, in der zwei geistliche Werke von drei Werken für Salterio und Basso continuo umrahmt werden. Die Komponisten sind weitgehend unbekannt; der einzig bekannte ist Giovanni Battista Martini, besser bekannt als 'Padre Martini'. Er hat einen Text von Augustin für die Karwoche vertont, und sein heute vergessener Kollege Girolamo Rossi setzte den gleichen Text zur Musik. Das erlaubt einen Vergleich, und dabei zeigt Rossi sich ein Vertreter eines neuen Stils; sein Werk ist klar von der Oper beeinflusst. Franziska Fleischanderl macht mehr als nur einige Stücke zu Gehör zu bringen. Sie demonstriert auch die verschiedenen Spieltechniken: das Salterio kann entweder geschlagen (battuto) oder gezupft (pizzicato) werden. Der Unterschied ist hier deutlich hörbar, wie auch der Unterschied im Material der Schlägel. Das ist alles ungemein interessant, und Franziska Fleischanderl erklärt ausführlich alle Aspekte des Salteriospiels im Textheft. Dazu kommen dann vorzügliche und voll überzeugende Interpretationen der ausgewählten Werke. Romina Basso singt die beiden Vokalwerke sehr schön. Ich würde jedem raten, sich mal überraschen zu lassen. Es tut sich hier eine neue Welt auf, die interessant und musikalisch fesselnd ist. Dabei sollte man dann auch die zweite CD beachten, denn die bei Ramée erschienene Aufnahme von Stücken für Salterio und Basso continuo kann als Gegenstück der soeben besprochenen CD gelten. Auch Margit Übellacker und Jürgen Banholzer (Cembalo und Orgel) haben mehrere Sonaten von unbekannten Komponisten aufgenommen. Lediglich Baldassare Galuppi ist wirklich bekannt, und dem einen oder anderen wird auch der Name Carlo Monza geläufig sein. Franziska Fleischanderl bemerkt in ihrem Begleittext, dass viele Werke für das Salterio verloren gegangen sind. Das macht diese beiden CDs umso bedeutsamer. Es ist zu hoffen, dass weitere Werke aus dem Staub herausgehoben werden. Margit Übellacker und Jürgen Banholzer haben eine fesselnde Aufnahe vorgelegt, die zeigt, dass das Salterio mehr ist als ein Instrument in einem Ensemble, beispielsweise als Teil einer Basso-continuoGruppe. Es kann sich durchaus in einer solistischen Rolle behaupten. Die beiden Spieler wissen die Qualität des Instruments und der ausgewählten Werke voll zur Geltung zu bringen. Ausserdem ist diese CD ein Bild der Zeit, in der der galante Stil vorherrschte. Dass dieser Stil nicht mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt werden sollte, wird hier ganz klar. Wer dem Salterio skeptisch gegenübersteht, sollte sich von diesen CDs den Kopf waschen lassen. Johan van Veen JS Bach: Eternity (Kantaten BWV 3,10,20,93,116,124). Yeree Suh (Sopran), Leandro Marziotte, Benno Schachtner (Altus), Benedikt Kristjánsson, Georg Poplutz (Tenor), Tobias Berndt, Daniel Ochoa (Bass), Chorus Musicus Köln, Das Neue Orchester, Christoph Spering deutsche harmonia mundi - 19075874862 (2 CDs) (2018; 1.51') JS Bach: Meins Lebens Licht (Kantaten BWV 45 & 198; Motette BWV 118). Dorothee Mields (Sopran), Alex Potter (Altus), Thomas Hobbs (Tenor), Peter Kooij (Bass), Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe PHI - LPH 035 (2020; 59') JS Bach: Ich habe genug - Kantaten BWV 82, 32 & 106. Joanne Lunn (Sopran), Katie Bray (Alt), Hugo Hymas (Tenor), Matthew Brook, Robert Davies (Bass), Dunedin Consort, John Butt Linn Records - CKD 672 (2020; 67') JS Bach: Ich bin vergnügt ... - Kantaten BWV 51, 82, 84. Miriam Feuersinger (Sopran), Capricornus Consort Basel Christophorus - CHR 77459 (2021; 69') In den letzten Jahren habe ich hier schon einige Aufnahmen von Kantaten von Bach in Interpretationen von Christoph Spering rezensiert. Es ist mir nicht bekannt, ob er eine Gesamteinspielung anstrebt. Auf jeden Fall sind einige neue Produktionen, wie immer mit zwei CDs, auf den Markt gekommen. Die hier zu rezensierende trägt den Titel 'Eternity' - Ewigkeit. Sie enthält sechs Kantaten, die Bach in der Zeit zwischen Dreifältigkeitssonntag 1724 und Ostern 1725 aufgeführt hat. Sie gehören alle zum Choralkantatenjahrgang, was heisst, dass in jeder Kantate ein Choral zum Ausgangspunkt genommen wird. Normalerweise werden die erste und letzte Strophe des Chorals unverändert in ihrer Form übernommen, während die dazwischenliegenden Strophen zu Rezitativen und Arien umgebildet werden. O Ewigkeit, du Donnerwort (BWV 20) ist für den ersten Sonntag nach Trinitatis 1724 komponiert. Der Tenor des Textes ist 'memento mori' - bedenke, dass du sterben musst. Da diese Kantate den Zyklus eröffnet, stellt Bach eine französische Ouvertüre an die Spitze. Benedikt Kristjánsson ist sehr gut in seiner Arie, und seine Stimme mischt sich optimal mit der des Altisten Leandro Marziotte im Duett. Das Rezitativ gestaltet er zu strikt im Takt. Daniel Ochoa singt expressiv, aber seine Stimme ist etwas zu aggressiv. 17 TOCCATA - 120/2022 CD-UMSCHAU

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