Toccata 04/2022

Meine Seele erhebt den Herren (BWV 10) ist eine Kantate für Mariä Heimsuchung 1724. Sie basiert nicht auf die deutsche Nachdichtung des Magnificat, sondern die gregorianische Melodie im 9. Kirchenton, die in Leipzig in einer Harmonisierung von Johann Hermann Schein gesungen wurde. Die erste Arie, 'Herr, wie du stark und mächtig bist', wird von Yeree Suh schön gesungen, aber sie wird etwas überstimmt von den Oboen. Ochoas kräftige Stimme passt zu seiner Arie 'Gewaltige stößt Gott vom Stuhl'. Wer nur den lieben Gott läßt walten (BWV 93) ist für den 5. Sonntag nach Trinitatis bestimmt. Die Form der Kantate ist symmetrisch. Georg Poplutz ist ein erfahrener Bach-Interpret, und seine weite Tessitur kommt gelegen in seiner Arie, die einige hohe Noten enthält. Seine Diktion ist makellos, und deswegen ist jedes Wort verständlich. Im Duett in der Mitte mischen sich die Stimmen von Yeree Suh und Benno Schachtner zu gutem Effekt. Du Friedefürst, Herr Jesu Christ (BWV 116) ist für den 25. Sonntag nach Trinitatis, den letzten Sonntag vor dem Advent, bestimmt. Benno Schachtner ist exzellent in der ersten Arie, in der er mit den Koloraturen gut zurecht kommt. Darin gibt es auch eine schöne Obligatpartie für Oboe d'amore. Das Terzett ist in den besten Händen bei Yeree Suh, Benedikt Kristjánsson und Tobias Berndt. Meinen Jesum laß ich nicht wurde am ersten Sonntag nach Epiphanias 1725 aufgeführt. Es gibt nur eine Arie, für Tenor mit einem Obligatpart für Oboe d'amore; Georg Poplutz zeichnet verantwortlich für eine ausdrucksstarke Darbietung. Yeree Suh und Benno Schachtner sorgen für eine schöne Interpretation des Duetts. Eine Woche später erklang Ach Gott, wie manches Herzeleid (BWV 3), die auf einem Choral von Martin Moller (1587) basiert; darin wird eine alte lateinische Hymne, 'Jesu dulcis memoria', verarbeitet. Im Eröffnungschor spielen zwei Oboi d'amore eine führende Rolle. Auffällig ist das Rezitativ für vier Stimmen, die sich abwechseln in der Darstellung einer Strophe des Chorals. Daniel Ochoa ist hier sehr gut in seiner Arie, genauso wie Yeree Suh und Leandro Marziotte im Duett. Wir haben es hier mit guten und schönen Interpretationen zu tun, die Bachfreude mit Sicherheit gerne in ihre Sammulung aufnehmen werden. Ein Kritikpunkt sollte noch erwähnt werden: Spering setzt hier ein Kontrafagott ein, obwohl dieses Instrument Bach erst in den späten 1730er Jahren zur Verfügung stand. Aus historischer Sicht lässt sich diese Entscheidung nicht verteidigen. Wo Spering Kantaten auswählte, die zu einem Jahrgang gehören, hat Philippe Herreweghe für seine neueste Kantatenproduktion drei Werke ausgewählt, die zu verschiedenen Zeitpunkten entstanden sind und unterschiedlichen Charakters sind. Im Textheft wird die Auswahl nicht begründet. Zwei Werke sind auf jeden Fall thematisch verbunden: die Trauerode (BWV 198) wurde aus Anlass des Todes der Kurfürstin Christiane Eberhardine, Gattin Augusts des Starken, am 5. September 1727, aufgeführt, und die Motette O Jesu Christ, meins Lebens Licht (BWV 118), mag für eine Beerdigung komponiert worden sein, genauso wie die meisten der Motetten von Bach. Dass dieses Werk im Schmieder-Katalog unter den Kantaten gerechnet wird, lässt sich daraus erklären, dass man früher annahm, es handele sich hier um ein Fragment einer Kantate. Bach selber bezeichnete das Stück als Motette, und es unterscheidet sich in Charakter nicht von den Motetten, die Mitglieder seiner Familie komponierten. Es gibt zwei Fassungen dieser Motette: die erste verlangt einen Zink und drei Posaunen, gemäss der Praxis im 17. Jahrhundert. Dazu treten zwei Instrumente, die Bach als 'lituo' bezeichnete; es wird angenommen, dass es sich dabei um ein Horn in hoher Stimmung handelt. Hier hören wir die zweite Fassung, in der Zink und Posaunen von Streichern ersetzt werden. Auch hier sollten die 'litui' spielen, aber aus im Textheft nicht genannten Gründen, fehlen sie hier. Die Trauerode ist eines der bekanntesten Werke von Bach. Auch hier findet sich eine Mischung von 'alt' und 'neu'. Das 17. Jahrhundert wird hier von zwei Viole da gamba und zwei Lauten vertreten, während zwei Traversflöten und eine Oboe d'amore das neue Zeitalter repräsentieren. Der Text der Tenorarie ist Anlass zu Diskussionen. Die Neue Bachausgabe hat "Dreckbild", aber u.a. Alfred Dürr hat argumentiert, es solle "Denkbild" heissen, wie es bei Johann Christoph Gottsched, dem Autor des von Bach vertonten Textes, steht. Bachs Handschrift ist fast unlesbar, und da Bach nicht zögerte, dann und wann mal den vorgegebenen Text zu verändern, kann man nicht sicher sein, dass "Denkbild" hier gemeint ist. Herreweghe folgt, wie immer, der Lesung der NBA, aber dieses Problem hätte auf jeden Fall im Textheft erwähnt werden sollen. Das dritte Werk ist die Kantate für den achten Sonntag nach Trinitatis 1726: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist (BWV 45). Die Besetzung ist ganz 'modern', mit zwei Traversflöten und zwei Oboi d'amore. Der zweite Teil eröffnet mit einem dramatischen Arioso für Bass. Bemerkenswert sind die harmonischen Fortschreitungen in der Arie 'Qual und Hohn". Die vier Solisten sind Spezialisten in diesem Repertoire, und wirken häufig mit Herreweghe zusammen. Das führt zu stilistisch konsequenten Darbietungen. Hier stimmt alles. Schön auch, wie die Rezitative sprechend gestaltet werden. Der Text steht immer im Mittelpunkt. Das Textbuch lässt einiges zu wünschen übrig. Dass Kantate BWV 45 aus zwei Teilen besteht, ist dem abgedruckten Libretto nicht zu entnehmen. In der Trauerode wurde als Text der zweiten Arie (Track 13) den Text der ersten abgedruckt (Track 11). So etwas soll doch nicht passieren. Der britische Dirigent und Bachexperte John Butt hat schon mehrere Aufnahmen mit Vokalwerken von Bach herausgebracht, darunter die Passionen. Die jüngste Aufnahme ist drei Kantaten aus unterschiedlichen Phasen der Karriere von Bach gewidmet. Die älteste ist auch eine der bekanntesten: Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit (BWV 106), auch als Actus Tragicus bekannt. Wie gewohnt bei Butts Aufnahmen ist die Besetzung solistisch. Leider ist die Darbietung etwas aus Balance: Joanne Lunn ist exzellent in der Sopranpartie, aber sie dominiert zuviel im ersten Chor. Der Bass Robert Davies bleibt etwas blass und neigt zum Pathetischen; seine Artikulation auf den Worten "wirst sterben" ist unklar. Katie Bray verdirbt mit ihrem relativ grossen Vibrato die Arie 'In deine Hände'. Auch übrigens ist die Aufnahme etwas ungleichmässig und inkonsequent. 'Ich habe genug' (BWV 82) ist enttäuschend. Matthew Brooks deutsche Aussprache ist zwar korrekt, aber seine Textbehandlung nicht wirklich idiomatisch, auch weil er zuviel legato singt. Es mangelt an dynamischer Differenzierung, und die Rezitative sind zu strikt im Takt. In der letzten Arie will die Freude des Textes nicht so richtig aufkommen. Die Dialogkantate BWV 32, 'Liebster Jesu, mein Verlangen', ist am Besten gelungen, vor allem dank der Sopranistin Joanne Lunn, die in der Eröffnungsarie alles richtig macht, und eine sehr ausdrucksstarke Interpretation vorlegt. Offensichtlich hatte sie einen positiven Einfluss auf das Instrumentalensemble, denn das spielt dynamisch viel differenzierter, und auch auf Matthew Brook, der hier stilistisch überzeugender ist. Trotzdem mischen sich die Stimmen im abschliessenden Duett nicht optimal. Die letzte CD ist dann ganz den Solokantaten gewidmet. Auch Miriam Feuersinger singt die Kantate BWV 82, 'Ich habe genung' - hier in der ursprünglichen Schreibweise, mit "ng", so wie das Wort auch gesungen wird. Bekanntlich gibt es vier Fassungen dieser Kantate, und hier hören wir die zweite, für Sopran mit obligater Traversflöte. Miriam Feuersinger hat eine wunderschöne Stimme, und sie singt das Werk sehr gut, aber etwas zu geradlinig. Ich habe doch dynamische Differenzen vermisst, und insgesamt finde ich diese Darbietung nicht besonders expressiv. Dazu trägt auch die hallige Akustik bei, was dem eher intimen Charakter des Werkes Abbruch tut. Viel besser ist Kantate BWV 84, 'Ich bin vergnügt mit meinem Glücke', gelungen. Es ist eine etwas unbeschwerte Komposition, und die strahlende und flexible Stimme von Miriam Feuersinger ist hier das ideale Instrument. Das trifft auch auf Kantate BWV 51, 'Jauchzet Gott in allen Landen', zu. Dieses Werk verlangt eine weite Tessitur, und mit den höchsten Noten hat Miriam Feuersinger keine Probleme; sie kommen strahlend herüber. Die tiefsten Noten sind etwas zu schwach. Sehr schön ist der Choral, mit dem Sängerinnen manchmal hadern. Die Zusammenarbeit mit der Trompete ist perfekt gelungen. Schade nur, dass man sich nicht für eine Trompete ohne Löcher entschieden hat. Zwischen den Kantaten erklingen die Triosonate BWV 1038 und zwei Orgelchoräle, in einer Transkription für Streicher. Obwohl Kantate 82 nicht ganz überzeugend herüber kommt, ist diese CD ein echter Gewinn für die Bach-Diskographie. Johan van Veen 'Tis too late to be wise - Streichquartette vor dem Streichquartett. Kitgut Quartet Harmonia mundi - HMM 902313 (2019; 54') Die Evolution des Streichquartetts. Musica Fiorita, Daniela Dolci Pan Classics - PC 10415 (2019; 62') Das Streichquartett ist eine der wichtigsten Kammermusikgattungen des 18. und 19. Jahrhunderts, und ist noch immer quicklebendig. Auch heutzutage werden noch Streichquartette komponiert, und es gibt eine stattliche Zahl von Musikliebhabern, die nichts gerner hören als Streichquartette. Aber wann wurden die ersten Quartette komponiert? Die18 TOCCATA - 120/2022 CD-UMSCHAU

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