Toccata 04/2022

nicht diskutiert. Auf jeden Fall gibt es in der Sopranarie 'Wie zittern und wanken' eine Obligatpartie für die Klarinette. In der Tenorarie 'Kann ich nur Jesum mir zum Freunde machen' spielt eine Posaune mit. Es scheint mir durchaus interessant, mehr über den Umgang von Schumann und seinen Zeitgenossen mit Bachs Musik zu erfahren, auch durch Aufnahmen der damals aufgeführten Fassungen. Weltlich ist dann das erste Werk auf der CD, die Ballade vom Pagen und der Königstochter, Op. 140 - auch nicht gerade ein Teil des Standardrepertoires. Der Text stammt von Emanuel Geibel und basiert auf Grimms Legende 'Der singende Knochen'. Es besteht aus vier Balladen und es gibt verschiedene Rollen: König, Königin, Prinzessin, Nixe, Meermann, Spielmann und Page. Im Orchester spielen Posaunen, Hörner und Harfe eine prominente Rolle. Man wird oft erinnert an Das Paradies und die Peri, und es ist etwas rätselhalft, warum dieses Werk so wenig aufgeführt wird. Diese CD ist für jeden Liebhaber der Musik von Schumann unverzichtbar, zumal auch die Interpretation restlos gelungen ist. Merkwürdig nur, dass mit Benno Schachtner ein Altus mitwirkt. Dieser Stimmtypus wird Schumann wohl unbekannt gewesen sein. Das spielt aber weiter keine Rolle. Alle Solisten bringen sehr gute Leistungen und die gesamte Aufnahme lässt diese drei Werke im besten Licht erscheinen. Hoffentlich trägt diese Produktion dazu bei, diese Werke besser bekannt werden zu lassen. Ein problematisches Verhältnis zum christlichen Glauben hatte auch Johannes Brahms. Ein deutsches Requiem, das zu Recht als Meisterwerk gilt und zweifellos eines der grössten geistlichen Werke des 19. Jahrhunderts ist, war nicht für die Liturgie, sondern für den Konzertsaal gedacht. Mit dem Titel 'Deutsches Requiem' war er nicht zufrieden; er meinte es als 'Requiem für den Menschen'. Trotzdem wurzelt es in der Tradition des deutschen Protestantismus, und in diesem Werk knüpfte Brahms ganz bewusst an die 'Musicalischen Exequien' von Heinrich Schütz an, die er gut kannte und oft aufführte. Er wählte Texte aus dem Alten und dem Neuen Testament aus, und verteilte sie auf sieben Abschnitte. Im Textheft zur Glossa-Aufnahme wird das Werk von Clemens Romijn ausführlich analysiert, und dabei weist er auf die Symmetrie des Werkes hin. Es gibt viele Aufnahmen mit modernen Instrumenten und einem grossen Chor. Auch Brahms stand bei der Erstaufführung ein grosses Apparat an Mitwirkenden zur Verfügung. Allerdings waren die Instrumente anders gebaut als die heute üblichen, und damit ändert sich auch der Klang. Daniel Reuss hat ein nicht allzu grosses Ensemble zusammengebracht: 42 Sänger (12/10/10/10) und ein Orchester von 16 Geigen, sechs Bratschen, sechs Violoncellos und drei Kontrabässen, und dazu noch Bläser, Pauken, Harfen und Orgel. Es handelt sich um den Mitschnitt einer Live-Aufführung im Konzertsaal De Doelen in Rotterdam. Dieser ist wegen seiner halligen Akustik bekannt/berüchtigt, und das wirkt sich hier negativ aus. Die Durchsichtigkeit und Textverständlichkeit hätte besser sein können, zumal die Cappella Amsterdam ein Vokalensemble ist, das sich in der alten Musik gut auskennt und aus relativ schlanken Stimmen besteht. Bei einem relativ begrenzten Umfang von Chor und Orchester kann man keine grosse Klangausbrüche erwarten. Aber innerhalb des Möglichen weiss Reuss doch dem Charakter des Werkes, auch in dynamischer Hinsicht, gerecht zu werden. Eine Besonderheit ist, dass er sich an die Tempi von Brahms orientiert. Davon sind Metronomzahlen überliefert. Die Solisten spielen eine relativ begrenzte, aber doch wichtige Rolle. Carolyn Sampson und André Morsch können in der Interpretation überzeugen, stilistisch aber weniger. Ich hätte andere Solisten bevorzugt, aber nur wenige Dirigenten sind ganz konsequent in dieser Hinsicht. Wer eine gute Aufnahme des deutschen Requiems sucht, sollte diese Glossa-Produktion in Betracht ziehen. Wer aber eine in jeder Hinsicht stilistisch konsequente Interpretation bevorzugt, wird vielleicht noch etwas warten müssen. Für die letzte Aufnahme gehen wir zurück in die Zeit, zu 1820, als das Oratorium Das Weltgericht von Friedrich Schneider (1786-1853) uraufgeführt wurde, und zwar im Leipziger Gewandhaus. In jenem Jahr wurde er Hofkapellmeister zu Anhalt-Dessau, wo er eine Singakademie, eine Liedertafel und eine Musikschule gründete. Dass die Uraufführung seines Oratoriums in Leipzig stattfand, war kein Zufall: für mehrere Jahre hatte er das Leipziger Musikleben mitgeprägt, u.a. als Dirigent der Singakademie und Organist der Thomaskirche. Das Libretto wurde von Johann August Apel verfasst, der auch das Libretto für Webers Oper Der Freischütz schrieb. Apel bot sein Libretto zunächst Peter von Winter an, der aber damit nichts anzufangen wusste. Auch Schneider hatte seine Schwierigkeiten mit dem Text: er empfing das Libretto 1815, und erst fünf Jahre später war das Oratorium fertig. Die Besetzung ist relativ bescheiden: sechs Solisten, Chor und Orchester. Vier der Solisten verkörpern je einen Engel: Gabriel (S), Michael (A), Raphael (T) und Uriel (B). Eine zweite Sopranistin singt die Rollen der Eva und der Maria, und ein zweiter Bass singt die Rolle des Satan. Nur er und Raphael singen je eine Arie. Das Oratorium besteht aus drei Teilen, die keinen Titel tragen. In der Programmerläuterung werden sie mit 'Der Tod', 'Die Auferstehung' bzw. 'Das Gericht' überschrieben. Im ersten Teil werden Erde, Himmel und Hölle vorgestellt und das letzte Gericht angekündigt. Im zweiten Teil werden die Freude der Gerechten über die Auferstehung und die Angst der Ungerechten vor dem ewigen Feuer einander gegenübergestellt. Im dritten Teil findet dann das Gericht statt; Maria greift ein, und weiss zu verhindern, dass die Ungerechten ins ewige Feuer untergehen. In einem Werk solch apokalyptischen Charakters darf man nicht viel Subtilität erwarten. Die Beschreibung der Ereignisse erinnert mich an die Art und Weise, wie die zehn ägyptischen Plagen in Händels Oratorium Israel in Egypt musikalisch ausgemalt werden. Auch die Tatsache, dass es fast keine Arien gibt, erinnert an dieses Werk. Nach einiger Zeit geriet Schneiders Oratorium in Vergessenheit. Das hatte mit dem Text und mit der Form zu tun - der letztere Aspekt bezieht sich vor allem auf die Fugen. 1834 schrieb Wagner: "Denn ist es nicht eine offenbare Verkennung der Gegenwart, wenn jetzt einer Oratorien schreibt, an deren Gehalt und Form keiner mehr glaubt?" Schneiders Oratorium kam anfänglich vor allem gut an, da es so viele Chorsätze enthielt, und Chorgesang damals in Deutschland sehr beliebt war. Mit dem Verfall des Chorwesens gab es keinen Platz mehr für ein Oratorium wie Das Weltgericht. Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass die Aufnahme dieses Werkes dazu führen wird, dass es ins Standardrepertoire des 19. Jahrhunderts vordringen wird. Sogar die Oratorien von Mendelssohn finden keine allgemeine Wertschätzung. Trotzdem, die bei CPO erschienene Einspielung ist von grosser Bedeutung, da hier eine Gattung ins Rampenlicht gerückt wird, die wenig bekannt ist, aber ein wichtiger Bestandteil der deutschen Romantik darstellt. Es sind in der jüngsten Vergangenheit schon mehrere deutsche Oratorien der Romantik auf CD erschienen, und das muss positiv bewertet werden. Dazu kommt, dass Schneiders Oratorium hier sehr überzeugend interpretiert wird. Die Chorepisoden sind vor allem eindrucksvoll, und das Orchester spielt farbenreich und dynamisch differenziert. Mit der Auswahl der Solisten hat Gregor Meyer eine glückliche Hand gehabt. Hoffentlich werden in den nächsten Jahren weitere Werke dieser Art auf CD erscheinen. Johan van Veen Händel: Enchantresses. Sandrine Piau (Sopran), Les Paladins, Jérôme Corréas Alpha - 765 (2020; 68') Händel: Anachronistic Hearts - Arien. Héloïse Mas (Mezzosopran), London Handel Orchestra, Laurence Cummings muso - mu-045 (2020; 77') Händel: Royal Handel. Eva Zaïcik (Mezzosopran), Le Consort Alpha - 662 (2020; 65') Händel: Handelian Pyrotechnics. William Towers (Altus), Armonico Consort, Christopher Monks Signum Classics - SIGCD658 (2019; 61') Jedes Jahr erscheinen CDs mit Arien aus Opern (und manchmal Oratorien). Generell bin ich davon nicht sehr beeindruckt: ich finde es unbefriedigend, Arien aus ihrem dramatischen Kontext herauszuheben, auch wenn viele Arien so allgemeiner Natur sind, dass sie in fast jede Oper eingefügt werden können. Dazu kommt, dass die Singweise, die heute im Opernbetrieb gepflegt wird, oft wenig mit den barocken Idealen und der barocken Ästhetik zu tun haben. Die hier zu besprechenden CDs sind (fast) ganz einem Komponisten gewidmet: Georg Friedrich Händel. Da seine Opern zu den am meisten aufgeführten des Barock gehören, lässt sich eine Arienplatte kaum mit dem Argument verteidigen, dass auf diese Weise eine Oper einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden könnte. Solche Platten eröffnen aber die Möglichkeit, Händels Opern aus einem thematischen Blickwinkel zu betrachten. Die erste CD scheint eben mit diesem Ziel gemacht worden zu sein. Sandrine Piau hat Arien aufgenommen, die unter dem Titel 'Enchantresses' (Zauberinnen) präsentiert werden, obwohl die Charaktere, die in den Arien zu Wort kommen, keineswegs alle Zauberinnen sind. Wie zu erwarten, gibt es unter den Arien einige sehr bekannte, wie 'Piangerò la sorte mia' aus Giulio Cesare, 'Desterò dell'empia Dite' aus Amadigi di Gaula und das unvermeidliche 'Lascio ch'io pianga' aus Rinaldo. Überraschend ist die Wahl der Arie 'Alla salma infedel porga la pena' aus Lucrezia, denn das ist keine Oper, sondern eine Kantate. Der Titel ist auch der komplette Text, und es kann als Beispiel dienen, wie eine isolierte Arie ihren 20 TOCCATA - 120/2022 CD-UMSCHAU

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