Toccata 04/2022

Sinn verliert. Der Text lautet: "Möge es die Strafe an den untreuen Körper bezahlen". Was ist "es"? Der Hörer, der die Kantate nicht kennt, tappt im Dunkeln über die Bedeutung dieser Arie. Piau gilt als eine der grossen Interpretinnen der barocken Oper, und wer diese CD hört, wird das verstehen. Ihre Fähigkeit, die Emotionen eines Charakters musikalisch auszumalen, kommt in der schon erwähnten Arie 'Piangerò la sorte mia', mit ihren starken Kontrasten zwischen dem A- und dem B- Abschnitt, brillant zum Ausdruck. 'Ah! mio cor!' aus Alcina ist eine der Höhepunkte; zugleich macht diese Arie klar, warum ein Dacapo oft wenig Sinn macht, und Komponisten einer späteren Generation sich davon verabschieden wollten. Ich brauche oft Zeit, mich mit den Darbietungen von Sandrine Piau abzufinden. Vor kurzem hörte ich sie in Händels Brockes-Passion (Jonathan Cohen) und da fand ich einige Arien unbefriedigend, andere aber wunderschön. Oft habe ich Probleme mit ihrem Gesangsstil. Sie verwendet oft mehr Vibrato als erwünscht, aber meistens mit Augenmass, wie das auch hier der Fall ist. Die Verzierungen und Kadenzen sind dann und wann auch übertrieben. Ihre Kadenz in 'Desterò dell'empia Dite' scheint mir im Widerspruch zum Inhalt des Textes. Alles in allem aber habe ich diese Aufnahme mit mehr Vergnügen angehört als ich erwartet hatte. Das hat damit zu tun, dass Piau mehr als einige ihrer Kolleginnen in der Lage ist, die dramatischen Züge von Arien zum Tragen kommen zu lassen. Es ist auch hilfreich, dass Les Paladins ein echtes Opernorchester ist und die Aufnahme in einem Theater durchgeführt wurde. Die nächste Aufnahme stellt eine Sängerin vor, von der ich noch nie gehört hatte. Die Mezzosopranistin Héloïse Mas hat Arien ausgewählt, die meistens von weiblichen. aber auch von einigen männlichen Charakteren gesungen werden (wie Orpheus aus Parnasso in festa und Dardanus aus Amadigi di Gaula). Als ich damit anfing, die CD anzuhören, fiel mir zunächst ihr dramatisches Talent auf, aber auch ein Mangel an Verständnis barocker Gesangstechnik. Später habe ich dann meine Meinung leicht geändert. Letztendlich fand ich sie dramatisch weniger überzeugend als am Anfang. Die Kantate La Lucrezia - hier in ganzer Länge zu hören - ist enttäuschend. Frau Mas singt oft ziemlich laut, aber das hat an sich mit einer dramatischen Interpretation wenig zu tun. Ich fand ihr ziemlich weites Vibrato auch schwer zu verdauen; allerdings wird es zwar zu oft angewandt, aber - entgegen meinen Befürchtungen - nicht undifferenziert. Sie hält sich darin zurück, beispielsweise, in 'Ho perso il caro ben' aus Parnasso in festa. 'Scherza in fida' aus Ariodante gehört auch zu den besser gelungenen Stücken in dieser Aufnahme. Trotzdem, ich glaube, dass sie sich in ihrer Singweise ziemlich weit von dem entfernt, das im Barock als Ideal galt. Aber das wird heute leider weitgehend akzeptiert, auch von denen, die besser wissen sollten, darunter auch Laurence Cummings, der das London Handel Orchestra leitet. Das Spiel ist etwas blass und das Orchester vielleicht auch etwas zu klein. Insgesamt betrachte ich diese CD nicht als ein substantieller Beitrag zur Händel-Diskographie. Die Mezzosopranistin Eva Zaïcik hörte ich zum ersten Mal in Bachs Magnificat, in einer Aufnahme unter der Leitung von Valentin Tournet (Château de Versailles Spectacles). Ich war beeindruckt von ihren Leistungen, und deswegen war ich neugierig nach ihren Interpretationen eines völlig anderen Repertoires. Wenn man sie singen hört, denkt man vielleicht nicht direkt an Oper als eine Gattung, in der sie überzeugen könnte. In ihrer Aufnahme unter dem Titel 'Royal Handel' kann sich der Hörer vom Gegenteil überzeugen. Das Programm ist gemeint als ein musikalisches Porträt der ersten Royal Academy of Music, wie es die Programmerläuterung ausdrückt. Das erklärt, weshalb Zaïcik hier, neben Arien von Händel, auch Arien von zwei anderen Komponisten singt: Attilio Ariosi und Giovanni Bononcini. Trotzdem: Händel ist der wichtigste Komponist im Programm. Zaïcik hat eine Auswahl getroffen, die ihre stimmlichen Qualitäten am Besten zum Tragen kommen lässt. Insbesondere 'Stille amare' aus Tolomeo, 'Ah! tu non sai' aus Ottone und 'Ombra cara' aus Radamisto sind besonders gut gelungen. Es sind Stücke eines relativ intimen Charakters, und das passt zu Eva Zaïciks schöner, wendiger und warmer Stimme, die an sich schon etwas Intimes hat. Zu meiner Überraschung weiss sie auch in extravertierteren Arien zu überzeugen, wie in 'Strazio, scempio, furia e morte' aus Bononcinis Crispo und einigen Arien von Händel. Allerdings vermeidet sie jedes Geschrei und Gebrüll, das Sänger manchmal für nötig halten, um die Gefühle eines Charakters zum Ausdruck zu bringen. Eva Zaïcik schenkt auch dem Text viel Aufmerksamkeit, die meistens gut zu verstehen ist. Das Orchester ist sehr klein und das schadet die Auswirkung dieser Arien, aber passt vielleicht besser zu Zaïciks Stimme als ein grösseres Ensemble. Die Akustik der Kirche, wo diese Aufnahme stattfand, ist zu hallig und nicht der ideale Ort für Oper. Insgesamt hat es aber meine Freude an dieser Produktion keineswegs verdorben. Die letzte CD trägt den Titel 'Handelian Pyrotechnics', was soviel bedeutet wie 'Händels Feuerwerk'. Gemeint ist dann nicht seine Feuerwerksmusik, sondern das Feuerwerk in seinen Opern, wo viele Arien technisch ziemlich anspruchsvoll sind. Der Sänger ist der britische Altus William Towers, den ich zwar kannte, aber nicht in Opernrepertoire. Er zeigt sich in seinen Ausführungen im Textheft bescheiden: er wollte keine Arienplatte machen um damit seine Karriere zu fördern, sondern möchte nur Arien aufnehmen, nachdem er sie selbst zunächst in Opernproduktionen auf der Bühne gesungen hatte. Die CD enthält übrigens keineswegs nur virtuose Arien, sondern auch intimere Stücke. Schade, dass mehrere ziemlich bekannt sind, wie das unvermeidliche 'Ombra mai fu' aus Giulio Cesare. Trotzdem, es gibt genug Variation, und Towers hat auch einige weniger bekannte Arien ausgewählt. Ich mag seine Stimme, die kräftig ist, aber auch gefühlvoll. Ich schätze seine Interpretationen; seine Verzierungen sind stilistisch überzeugend. Leider geht er dann und wann ins Extreme und überschreitet dann die Tessitur seiner Partie. Das technische Feuerwerk ist nicht immer optimal gelungen. Im Armonia Consort sind alle Partien solistisch besetzt, was mit der Aufführungspraxis bei Händel natürlich nichts zu tun hat. Das Spiel des Ensembles ist nicht besonders spannend. Im Vergleich macht das Ensemble Le Consort in Eva Zaïciks Aufnahme - ebenfalls sehr klein - eine viel bessere Figur. Johan van Veen The Food of Love - Lieder, Tänze und Fantasien für Shakespeare. The Baltimore Consort Sono Luminus - DSL-92234 (2018; 68') A Circle in the Water. Capella de Ministrers, Carles Magraner Capella de Ministrers - CdM1947 (2019; 64') A Store Housse of Treasure - John Baldwin's Commonplace Book. Musicke & Mirth Ramée - RAM 2001 (2020; 70') Lachrymarium. Ensemble Alerion Spektral - SRL4-19178 (2019; 57') In der englischen Renaissance war das Theater eine wichtige Form der Unterhaltung. Es gab die sogenannte 'masques', eine Mischung von gesprochenen Texten, Musik und Tanz. Und es gab die Bühnenwerke von u.a. William Shakespeare. Auch darin spielte Musik eine Rolle. Erstens gibt es Lieder, die gesungen wurden; zweitens finden sich in seinen Bühnenwerken Hinweise auf Instrumentalmusik, die eingefügt werden sollte, und drittens werden auch mal Begriffe aus der Welt er Musik erwähnt, beispielsweise Instrumente. Es gibt also allen Grund, die Verbindung zwischen Shakespeares Bühnenwerken und Musik zu erforschen. Allerdings wissen wir nur bei einigen Liedern mit Sicherheit, zu welcher Melodie sie gesungen wurden und wer der Komponist war. Zwei stammen aus 'The Tempest': Where the bee sucks und Full fathom five, beide komponiert von Robert Johnson, einem engen Mitarbeiter Shakespeares. In Othello hat Shakespeare ein damals bekanntes Lied eines anonymen Komponisten einbezogen: The Willow Song. Ansonsten kann man nur vermuten, was gespielt und gesungen wurde. The Baltimore Consort hat daher Musik aus der Zeit ausgewählt, die in irgendeiner Weise mit den verschiedenen Bühnenwerken in Verbindung gebracht werden könnte. Das Programm ist in acht Kapitel aufgeteilt; jedes Kapitel ist einem Bühnenwerk gewidmet, wie Romeo and Juliet und Hamlet. Es gibt mehrere anonyme Stücke, wie sogenannte 'broadside ballads' (populäre Lieder, deren Texte auf Flugblätter verbreitet wurden) und auch Werke von einigen der prominentesten Komponisten der Zeit, wie John Dowland, Anthony Holborne und Robert Jones. Dass so ein Programm ohne Spekulation nicht auskommt, spricht für sich und ist wohl unvermeidlich. Leider hat man sich einige Freiheiten in der Interpretation erlaubt, die diskutabel sind, wie die Verwendung von Instrumenten, die in England zu jener Zeit nicht in Gebrauch waren oder ganz selten gespielt wurden, wie Krummhorn, Gemshorn und Querpfeife. Auf eine historische Aussprache der Lieder wurde verzichtet, aber es wird der Versuch unternommen, in einigen Liedern mal 'platt' zu singen, was nicht sehr überzeugend ist. Diese Produktion ist eine Mischung aus 'Kunstmusik' und 'Volksmusik', und das kommt auch in der Darbietung zum Ausdruck. Insgesamt wird gut gesungen und gespielt, aber dann und wann habe ich mich auch mal etwas gelangweilt. Auch die Capella de Ministrers legt eine Verbindung zwischen Shakespeare und der Musik, aber dann auf eine ganz andere Weise. Melancholie war eine grosse Mode, und das kommt in vielen Musikstücken zum Ausdruck, vor allem in den bekannten 'LachriTOCCATA - 120/2022 CD-UMSCHAU 21

RkJQdWJsaXNoZXIy OTM2NTI=