Toccata 04/2022

mae or Seven Teares' von Dowland. Shakespeare wird auch als Vertreter dieser Gemütslage betrachtet, und aus seinem Oeuvre wurden Lieder ausgewählt, in denen das zum Ausdruck kommt, wie 'Come, heavy sleep', 'Flow my tears' - das auf die Lachrimae basiert - und 'In darkness let me dwell'. Dazu kommen zwei Lieder von William Corkine (u.a. 'Go, heavy thoughts') und Tobias Hume (What greater grief) sowie Instrumentalwerke anonymer Komponisten und von Hume. Und auch The Willow Song ist dabei, aber dann in voller Länge: acht Strophen (und nicht drei davon, wie bei The Baltimore Consort). Die Besetzung ist hier bescheidener und historisch korrekt: Singstimme, Viola da gamba und Laute bzw. Theorbe. Grosse Überraschungen hat das Programm nicht zu bieten, obwohl einige Instrumentalwerke und auch die Lieder von Corkine unbekannt sein mögen. Aber es wird gut gesungen und gespielt. Die Sopranistin Delia Agúndez ist überzeugend in den Liedern; ihre englische Aussprache ist gut, aber nicht historisch. Carles Magraner spielt die Gambe, Robert Cases Laute und Theorbe. Auf der dritten CD widmet sich das Ensemble Musicke & Mirth einer bemerkenswerten Handschrift, bekannt als 'John Baldwin's Commonplace Book'. Baldwin war ein Sänger, Komponist und Musikkopist. Für mehrere Jahre wirkte er als Sänger in der Königlichen Kapelle. In seiner Qualität als Kopist ist er vor allem bekannt geworden, insbesondere wegen seiner Zusammenstellung von My Ladye Nevells Booke, einer Sammlung von Werken für ein Tasteninstrument von William Byrd. Der war offensichtlich der von ihm favorisierte Komponist, denn auch ins Commonplace Book nahm er viele Werke von Byrd auf. Eine Besonderheit ist, dass der erste Teil aus Vokalwerken besteht, aber ohne Text. Das hat mit der religiösen Situation zu tun: Byrd war Katholik, und Messen konnten nur im Geheimen stattfinden. Es gab also keinen Bedarf an Motetten auf lateinischen Texten. Aber da die Musik schon sehr beliebt war, wurde sie instrumental dargestellt, wie hier von Musicke & Mirth. Eine weitere Besonderheit ist, dass auch mehrere Madrigale des italienischen Komponisten Luca Marenzio aufgenommen wurden, was zeugt vom wachsenden Interesse an der italienischen Musik der Spätrenaissance. Der zweite Teil enthält Vokalwerke zu zwei bis vier Stimmen in separaten Stimmbüchern. Viele Stücke sind technisch komplex, und dienten als Material zum Unterricht der Chorknaben der Königlichen Kapelle. Sie lernten nicht nur den Gesang, sondern auch das Spiel auf der Viola da gamba. Teil der Erziehung war auch die Solmisation, und das wird hier demonstriert, indem verschiedene Stücke auf den Namen der Noten gesungen werden. Diese Produktion ist ohne Zweifel von grosser Bedeutung, da sie unsere Kenntnisse der musikalischen Landschaft Englands von um 1600 substantiell erweitert. Dazu kommt, dass die Sänger sich einer historischen Aussprache bedienen, was heute leider noch immer eine Seltenheit ist. Die Leistungen der Sänger und Spieler sind von höchster Qualität. Wir haben es hier mit einer Spitzenproduktion zu tun, die kein Liebhaber englischer Renaissancemusik missen sollte. Dass sich im Commonplace Book Madrigale von Marenzio finden, zeugt vom Interesse englischer Komponisten und Musikliebhaber an italienischen Madrigalen. Solche Stücke kursierten bereits in den 1530er Jahren in Handschrift in England. Weitere Anreize kamen von Alfonso Ferrabosco I., der einige Zeit im Dienst von Elisabeths Hof stand. Ein Zeichen der wachsenden Popularität italienischer Madrigale war der Druck mehrerer Sammlungen solcher Stücke in englischer Übersetzung. Die berühmteste dieser war Musica Transalpina (1688). Erst in den 1590er Jahren begannen Komponisten, die Form des Madrigals für eigene Kompositionen auf englischen Texten zu übernehmen. Eine der bekanntesten Sammlungen englischer Madrigale wurde 1601 unter dem Titel The Triumphes of Oriana veröffentlicht. Die bekanntesten Madrigalkomponisten waren Thomas Morley, Thomas Weelkes und John Wilbye. Sie sind auch auf der letzten hier besprochenen CD vertreten, die sich einer besonderen Kategorie von Madrigalen widmet: Elegien, die Trauer über den Tod eines geliebten Menschen ausdrücken. Einige handeln von David, der den Tod seines Sohnes Absalom (Tomkins, When David heard) oder seines Freundes Jonathan (Ramsey, How Are the Mighty Fallen) beklagt. Auch der Tod von Heinrich, Prinz von Wales und Thronfolger, war Gegenstand solcher Elegien (Ward, Weep forth your tears; No object dearer). Tomkins komponierte 'Woe is me' anlässlich des Todes seines Bruders John. Für dieses Madrigal wählte er einen Vers aus Psalm 120. Die meisten Texte sind weltlich, aber selbstverständlich tragen die Stücke über die Klagen Davids starke biblische Züge. Bemerkenswert ist, dass Tomkins' Lament in der englischen Musikenzyklopädie New Grove zu den Anthems gezählt wird, das Stück selbst aber in seinen Songs von 1622 aufgenommen ist. Orlando Gibbons' Madrigal Faire is the Rose ist The First Set of Madrigals and Mottets, apt for Viols and Voyces (1612) entnommen. Dass diese Sammlung Motetten und Madrigale umfasst, zeugt einmal mehr davon, dass es damals keine Wasserscheide zwischen Geistlichem und Weltlichem gab. Die vom Ensemble Alerion für die Aufnahme ausgewählten Madrigale zeigen, dass die englischen Madrigalkomponisten einiges von ihren italienischen Vorbildern gelernt hatten. Es gibt ziemlich viel Textausdruck, und einige Komponisten verwenden Harmonien auch für expressive Zwecke. Diese Aspekte werden in der Interpretation des Ensembles betont. Die Sänger*innen haben unter der Leitung von Anthony Rooley und Evelyn Tubb daran gearbeitet, und das hat Früchte getragen. Die Art und Weise, wie sie mit dem Text umgehen, ist ausschlaggebend für die Übermittlung seiner Bedeutung und emotionalen Gehalt. Starke dynamische Kontraste werden nicht gescheut. Das mündet in ausdrucksstarke Aufführungen, in denen der elegische Charakter dieser Stücke voll zur Geltung kommt. Johan van Veen Il gioco della cieca. Concerto di Margherita Arcana - A498 (2019; 47') M Rossi: Madrigali al Tavolino. Ensemble Domus Artia, Johannes Keller Glossa - GCD922522 (2019; 57') Italienische Madrigale sind ziemlich beliebt unter Interpreten und Musikliebhabern. Jedes Jahr erscheinen eine oder mehrere Neuaufnahmen solchen Repertoires, aber meistens sind es einige Komponisten, deren Madrigale aufgeführt werden, wie Marenzio, Rore, Gesualdo und natürlich auch Monteverdi. Die zwei hier zu rezensierenden Produktionen haben etwas Besonderes zu bieten, sowohl im Bereich des Repertoires als der Aufführungspraxis. Als Giulio Caccini 1602 seine Sammlung 'Nuove Musiche' drucken liess, war sein Ideal eine Aufführung von einem Sänger, der sich selbst begeleitete, vorzugsweise auf der Chitarrone. So sang er selber seine Lieder. Diese Praxis war nicht neu, denn das war gang und gäbe im 16. Jahrhundert. Heute wird es noch selten praktiziert, denn die meisten Sänger sind selbst keine Instrumentalisten, jedenfalls nicht professionell. Eine Ausname ist beispielsweise der Bass Joel Frederiksen. Das Concerto di Margherita besteht aus fünf Sänger*innen, die alle auch ein Instrument spielen, nicht nur individuell, sondern auch zusammen. Und damit sind wir bei der Aufnahme, die beim Label Arcana erschien. Das Ensemble knüpft an die Aufführungen einer Gruppe von Sängerinnen an, die gegen Ende des 16. Jahrhunderts am Hofe zu Ferrara aktiv war, und als Concerto delle Dame bekannt war. Sie waren berühmt als Sängerinnen, aber sie begleiteten auch sich selbst. Das Ensemble versucht diese Praxis zu neuem Leben zu erwecken, und demonstriert das auf dieser CD in Madrigalen von Monteverdi, Wert und d'India, aber auch von Andrea Gabrieli, Giovanni Giacomo Gastoldi und Kapsperger. Diese Aufnahme zeigt, auf welche Weisen Madrigale dargestellt werden können. Erstens: eine Aufführung von allen Sängern, die sich selbst - abwechselnd oder zusammen - begleiten. Zweitens: entweder vokal oder instrumental. Ein Madrigal von Andrea Gabrieli wird zunächst in einer Instrumentalfassung dargestellt und dann a capella gesungen. Auch ein Madrigal von Giaches de Wert wird zweimal aufgeführt: in der Originalfassung und dann mit Diminutionen im einem Stile, der als 'alla bastarda' bekannt ist, was heisst, dass der Spieler nicht eine Stimme - meistens die Oberstimme - mit Diminutionen versieht, sondern das ganze Stück. Und schliesslich hören wir auch noch ein Madrigal, in dem ein Instrument - hier die Viola da gamba - eine Singstimme ersetzt. Es ist schade, dass diese CD so kurz geraten ist. Das mag der eine oder andere davon abhalten, sie zu ergattern. Damit würde man sich die Möglichkeit, die hier vorgeführte Aufführungspraxis kennenzulernen, vorenthalten. Ausserdem gibt es hier mehrere Madrigale, die man selten hört und exzellente Darbietungen des ausgewählten Repertoires. Ich kannte dieses Ensemble nicht, aber bin von den Leistungen beeindruckt. Ich bin gespannt auf weitere Projekte. Noch ungewöhnlicher ist die zweite CD, schon wegen des Repertoires. Michelangelo Rossi (1601/021656) war in erster Linie Geiger; er trug den Beinamen 'Michel Angelo del Violino'. Heute ist er vor allem wegen seiner Sammlung Toccate e Correnti d'Intavolatura d'organo e cembalo bekannt. Darin gibt es eine Toccata (die Nr. 7), die besticht wegen seiner ungewöhnlichen harmonischen Fortschreitungen. Wer dieses Werk kennt, wird vielleicht nicht ganz überrascht sein von den extremen harmonischen Experimenten in seinen Madrigalen. Die wa22 TOCCATA - 120/2022 CD-UMSCHAU

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