Toccata 04/2022

ren zu seiner Zeit schon altmodisch, da sie strikt polyphon sind und nicht - wie damals üblich - für eine oder einige Solostimmen und Instrumente. Die Besetzung für fünf Stimmen mit zwei Tenören (statt zwei Soprane) war ebenfalls ein Relikt alter Zeiten. Für diese Art von Madrigalen gab es sogar einen spezifischen Ausdruck: 'madrigali al tavolino' - Madrigale am Tisch. Im 16. Jahrhundert sassen Sänger um einen Tisch herum, jede(r) mit einer Partie eines Madrigals. So wurde übrigens auch Consortmusik gespielt. Diese Madrigale wurden in den Akademien gesungen, im intimen Kreis an einem aristokratischen Hof. Das Ensemble Domus Artis - dessen Name auf das häusliche Musizieren verweist - versucht, unter der Leitung von Johannes Keller, diese Praxis zu neuem Leben zu erwecken. Im Textheft beschreibt Keller, wie man dabei zu Werke geht. Jeder Mitwirkende hat einen gleichbereichtigten Anteil an der Interpretation und der praktischen Darstellung; es wird auch über die Interpretation der Texte diskutiert. Eine Besonderheit ist, dass bei öffentlichen Konzerten nur wenige Zuhörer zugelassen werden, und es wird angestrebt, dass der Unterschied zwischen Interpreten und Publikum verschwindet. Die Interpretation hat stark improvisatorische Züge. Das lässt sich auf CD selbstverständlich nicht festlegen. (Aber das gilt für Musik sowieso: sie lebt vom Moment, und keine zwei Aufführung sind jemals identisch.) Eine Besonderheit ist hier, dass diese Madrigale auf ein Tonsystem basieren, das sich vom heute üblichen unterscheidet. Ausgangspunkt ist das von Nicola Vicentino (1511-c1576) entwickelte 'arciorgano', ein Instrument, auf dem jede Oktave in 36 Tonstufen aufgeteilt ist. Dieses Instrument spielt bei den Aufführungen mit, sei es in einer bescheidenen Rolle. Dazu wird dann und wann ein Madrigal intavoliert auf einem 'clavemusicum omnitonum', einem Cembalo mit 31 Tasten pro Oktave. Dass Rossi von einer Oktave ausging, die mehr als nur zwölf Töne umfasste, geht daraus hervor, dass es in seinen Madrigalen Doppelkreuze gibt zur Bezeichnung von Fisis und Cisis, und dazu gibt es noch die Anweisung an die Sänger, dass alle notierten Vorzeichen auch gesungen werden sollen. Es gibt über die Musik und die Aufführungspraxis noch mehr zu erzählen, aber das kann hier nicht weiter erörtert werden. Das Textheft bietet ausführliche Informationen zu beiden Themen, auch auf deutsch, und ich rate jedem, der sich für Madrigale und deren Interpretation interessiert, diese sorgfältig zu lesen. Und man soll diese CD auch nicht verpassen, denn es handelt sich um sehr schöne Madrigale - die oft an Gesualdo erinnern - und die Interpretation ist allerhöchsten Ranges. Ich bin von dieser CD sehr beeindruckt, und hoffe sehr, dass Johannes Keller und sein Ensemble die Möglichkeit haben, weitere Aufnahmen auf den Markt zu bringen. Johan van Veen Nebra, Corselli: Kantaten. Alberto Miguélez Rouco (Altus), Los Elementos Pan Classics - PC 10416 (2020; 66') Cristal Bello. Alicia Amo (Sopran), La Guirlande Vanitas - VA-16 (2020; 69') Eine der interessantesten Entwicklungen der letzten Jahre ist die Wiederentdeckung der spanischen Musik des 18. Jahrhunderts. Zwei Komponisten stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses: José de Nebra (1702-1768) und Francisco Corselli (1705-1778). Beide wirkten die längste Zeit ihres Lebens am Hofe zu Madrid, der im spanischen Musikleben sowieso eine zentrale Position einnahm. Corselli war, wie sein Name zeigt, Italiener von Geburt und Nebra wurde auch stark vom italienischen Stil beeinflusst. Deswegen wundert es nicht, dass die Kantaten der beiden, die Alberto Miguélez Rouco mit seinem Ensemble Los Elementos aufgezeichnet hat, den italienischen Geist atmen. Es handelt sich um Kantaten geistlichen Inhalts, aber auf spanischen Texten. Auch in der Struktur sind sie der italienischen Kammerkantate ähnlich: die beiden Kantaten von Corselli bestehen aus zwei Paare von Rezitiv und Arie. Nebra verzichtet in einer Kantate auf das einleitende Rezitativ, und die zweite Kantate besteht nur aus einem Rezitativ und einer Arie. In diesen Stücken musste einige Rekonstruktionsarbeit unternommen werden. In 'Divina mesa próvida' fehlten die beiden Geigenstimmen in der Abschrift; diese hat Rouco rekonstruiert, und das hat er vorzüglich gemacht. In 'Suavidad al aire inspire' ist das Rezitativ in der Altlage und die Arie in der Sopranlage gesetzt; Rouco hat die Arie für seine Stimme transponiert. In den beiden Kantaten von Corselli ist die zweite Arie immer technisch anspruchsvoll. Diese vier Werke sind sehr schön und expressiv und empfangen hier eine vorzügliche Interpretation von Rouco, den ich noch nie gehört hatte, und der mir sehr gut gefällt. Eine Sinfonia von Nicola Porpora passt zum italienischen Geist der Kantaten. Diese CD ist ein weiterer Schritt zur Neubewertung der spanischen Musik des 18. Jahrhunderts. Die zweite CD enthält Werke einiger Komponisten, die bisher kaum Beachtung gefunden haben. La Guirlande und die Sopranistin Alicia Amo haben ein Programm mit Musik aufgenommen, die zwei Entwicklungen im spanischen Musikleben dokumentieren. Wie wir schon festgestellt haben, übte der italienische Stil einen wachsenden Einfluss auf die spanische Musik aus. La Guirlande konzentriert sich dabei vor allem auf den Einfluss aus Neapel. Die zweite Entwicklung ist die wachsende Beliebtheit der Traversflöte. In allen Vokalwerken ist der Flöte eine Obligatpartie anvertraut. Die CD schlägt auch eine Brücke zur neuen Welt: es erklingt eine Flötensonate aus dem Opus 2 von Locatelli; die ganze Sammlung ist Teil einer Handschrift, die sich in Mexico befindet. Wir begegnen auch De Nebra, der hier mit einer Cembalosonate vertreten ist. Es sind aber vor allem die Vokalwerke, die zur Bedeutung dieser Produktion beitragen. Es erklingt eine Kantate ('tono' genannt) von Jaime Casellas (1690-1764), die Elemente der italienischen Kantate und des traditionellen spanischen Villancicos in sich vereint. Casellas war ein Vertreter des italienischen Stils, wie auch der noch weniger bekannte Francisco Hernández Illana (c17001780), der hier mit einer Weihnachtskantate vertreten ist, deren einzige Arie sehr dramatisch ist. Juan Martín Ramos ist ebenfalls unbekannt, obwohl er mehr als 700 Werke hinterlassen hat. Seine Kantate zum Epifanienfest dokumentiert eine neue Ästhetik, was u.a. darin zum Ausdruck kommt, dass in der Arie die Einheit von Affekt - ein barockes Prinzip - verlassen wird. Mit Ignacio Jerusalem y Stella (17071769) sind wir dann wieder in Mexico, wo er von 1749 bis zu seinem Tode Kapellmeister an der Kathedrale zu Mexisco-Stadt war. Er ist hier mit einer Arie vertreten - von der die CD ihren Titel hat - und Versetten für ein Instrumentalensemble für die Alternatimspraxis in der Liturgie. Diese CD zeugt vom wachsenden Interesse an der spanischen Musik des 18. Jahrhunderts, zeigt aber auch, wieviel Musik und wieviele Komponisten noch auf Entdeckung warten. Es lohnt sich, das vergessene Repertoire auszugraben, denn was wir hier zu Gehör bekommen, ist CD-UMSCHAU TOCCATA - 120/2022 23 ,* '%# !*\Z%#X\MKM JI# HGX\F G*' 'E#XM%DD%*'% CG*XM -#E+) (*XM\MGM JI# ,DM% HGX\F G*' ,GJJI&#G*$X"#E]\X) $%DE*$M Z[#EGXX\Y&MD\Y& EB '%A @\*M%#X%A%XM%# ?>?=<?; %\*% 97420.,4+*+,(.#"0,,!. 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