Toccata 04/2022

CD-UMSCHAU 24 TOCCATA - 120/2022 von exzellenter Qualität. La Guirlande ist ein vorzügliches Ensemble, das die Musik hier wirklich zum Leben erweckt. Alicia Amo verfügt über eine schöne Stimme und weiss schon, was sie mit dem Repertoire anfangen sollte. Schade nur, dass sie zuviel Vibrato in ihr Gesang zulässt. Es hält mich aber nicht davon ab, diese CD zu empfehlen, insbesondere jenen, die gerne spanische Musik hören. Sie werden von einigen hier einbezogenen Komponisten vielleicht noch nichts in ihrer Sammlung haben. Diese CD bietet eine gute Chance, diese Lücken zu schliessen. Johan van Veen WA Mozart: Klavierkonzerte KV 271 & 453. Olga Pashchenko (Fortepiano), Il Gardellino Alpha - 726 (2020; 64') Hummel: Klavierkonzerte, Vol. 2. Alessandro Commellato (Fortepiano), Stefano Barneschi (Violine), La Galante, Milano Classica, Didier Talpain Brilliant Classics - 95894 (2018; 63') Weber: Sämtliche Werke für Klavier und Orchester. Ronald Brautigam (Fortepiano), Kölner Akademie, Michael Alexander Willens BIS - 2384 (2018; 57') Olga Pashchenko ist eine vielseitige Künstlerin, die alle Tasteninstrumente spielt: Orgel, Cembalo, Fortepiano und das moderne Klavier. Sie hat mehrere CD-Aufnahmen gemacht, aber mit Mozart hat sie sich noch nicht beschäftigt. Jetzt liegt eine Aufnahme von zwei Klavierkonzerten vor, die beide für eine Dame komponiert wurden. Das Konzert in Es-Dur (KV 271) ist allgemein mit dem Beinamen 'Jeunehomme' bekannt, denn so sollte die Dame heissen, für die Mozart das Konzert geschrieben hat. Im Textheft erklärt Nicolas Derny, dass es eine Dame mit diesem Namen nie gegeben hat. Mozart hat ihren Namen auf verschiedene Weisen geschrieben, aber nie als 'Jeunehomme', sondern als Jenomy, Jenomè und Genomai - Rechtschreibung war damals noch keine Mode. Der korrekte Name soll aber Jenamy sein, und so wird das Konzert in der Trackliste bezeichnet. Das zweite Konzert ist das in G-Dur (KV 453), das Mozart für Barbara Ployer komponiert hat. Allerdings ist es fraglich, ob Mozart diese Konzerte den beiden Damen auf den Leib geschrieben hat. Derny hat vielleicht recht, wenn er behauptet, dass Mozart für sie nicht anders komponierte als für sich selbst. Aus welchen Gründen Olga Pashchenko sich für diese beiden Konzerte entschieden hat, wird nicht erwähnt. Wenn es die Tatsache wäre, dass sie für eine Dame komponiert wurden, ist das - angesichts des, was Derny schreibt - von wenig musikalischer Bedeutung. Wie dem auch sei, es sind zwei schöne und nicht umsonst oft gespielten Konzerte. Pashchenko spielt auf zwei verschiedenen Instrumenten, beide Kopien von Paul McNulty: die erste nach J.A. Stein (1788), die zweite nach Walter (um 1792). Da die beiden Konzerte Ende der 1770er Jahren entstanden sind, sind diese Instrumente nicht die am meisten geeigneten. Aber das ist heute gang und gäbe. Pashchenko ist bekannt als eine eigensinnige und temperamentvolle Interpretin, und das zeigt sich hier. Sie bringt durchaus spannende Darbietungen, die sich durch Originalität und Mut auszeichnen. Sie behandelt die Tempi sehr differenziert, hält dann und wann auch mal ein, und baut so eine grosse Spannung auf. In den Verzierungen hält sie sich zurück, und das scheint mir richtig. Ihre Fantasie kann sie in den Kadenzen ausleben. Es soll auch bemerkt werden, dass sie von Anfang an mitmacht: sie spielt den Bass in den Tutti mit, wie das in Mozarts Zeit üblich war, aber heute leider selten praktiziert wird. Damit ist der Solist Teil des Ganzen. Es gibt sowieso eine grosse Kongenialität zwischen Pashchenko und dem Ensemble Il Gardellino, das hier der ideale Partner ist. Im G-Dur Konzert spielen die Bläser eine ausgeprägte Rolle. Mozartliebhaber werden mehrere Aufnahmen dieser Konzerte im Schrank haben, auch auf einem Fortepiano. Darin sollte doch für diese CD noch Platz sein, denn Olga Pashchenko hat durchaus etwas eigenes beizusteuern. Auf Einspielungen auf den historisch 'richtigen' Instrumenten werden wir aber weiterhin warten müssen. Von Mozart zu Hummel ist ein kleiner Schritt. Der in Pressburg (heute Bratislava) geborene Hummel war ein Wunderkind, wie Mozart, und wurde als achtjähriger Knabe dessen Schüler. Wie Mozart machte er zwischen 1788 und 1793 Konzertreisen durch Europa, und nach seiner Rückkehr etablierte er sich als Klaviervirtuose und bald auch als Komponist. Insgesamt zehn Klavierkonzerte hat er komponiert, die er selber auf Konzerten spielte. Sie finden heute kaum Beachtung; es liegt noch keine Gesamtaufnahme auf historischen Instrumenten vor, und wahrscheinlich auch nicht auf modernen Instrumenten. Hummel steht, wie andere Komponisten seiner Zeit auch, im Schatten von Mozart, Haydn und Beethoven. Das ist schade, denn die beiden Konzerte, die Didier Talpain mit zwei verschiedenen Orchestern und den beiden Solisten Alessandro Commellato und Stefano Barneschi eingespielt hat, sind durchaus attraktiv. Dass Hummel ein Virtuose war, ist unverkennbar, aber mit dem richtigen Instrumentarium kommen auch Aspekte an die Oberfläche, die in einem modernen Gewand weitgehend unterbeleuchtet bleiben. Bemerkenswert ist der Einsatz des Klaviers im ersten Satz des Konzerts in ADur (WoO 24a): Talpain schreibt im Textheft, dass es eines der höchsten Einsätze der ganzen Literatur für Klavier und Orchester ist. In den beiden Ecksätzen spielen die Holzbläser eine wichtige Rolle. Der letzte Satz ist ein Rondo, wie auch im Konzert für Klavier und Violine G-Dur Op. 17. Diese Kombination ist bemerkenswert, und relativ rar. Während die beiden Instrumente in den Ecksätzen zusammenspielen, wechseln sie sich im Mittelsatz (Thema mit Variationen) ab. Nicht nur der Klavierpart, sondern auch die Partie der Geige ist technisch anspruchsvoll. Die Bedeutung dieser Produktion - wie auch der ersten Folge, die ich nicht kenne - kann nicht überschätzt werden. Talpain signalisiert eine gewisse Neubewertung des Oeuvres von Hummel, und das ist erfreulich. Es ist zu hoffen, dass weitere Klavierkonzerte von Hummel - wie auch seine Beiträge zu anderen Gattungen - auf CD erscheinen werden. Die beiden Solisten und die Orchester bringen sehr gute Interpretationen. Es gibt allerdings einige nicht unwichtige Kritikpunkte. Der erste ist, wie so oft, die Wahl des Fortepianos. Das erste hier gespielte Konzert ist zwischen 1795 und 1800 entstanden, das zweite um 1805. Daher ist ein Klavier von Joseph Böhm von 1825, wie schön auch, kaum das geeignete Instrument für diese Konzerte. Der perlende Klang wirkt zu modern. Es muss bezweifelt werden, ob auf diese Weise ein korrektes Bild der Klavierparts realisiert werden kann. Der zweite Kritikpunkt betrifft die Kadenz im zweiten Konzert. Diese ist zum Teil im zeitgenössischen Stil; das könnte man vielleicht in einer Live-Aufführung machen, aber nicht auf CD. Dazu kommt, dass Commellato kurz den Janitscharen-Zug benutzt. Es ist zweifelhaft, ob die Klaviere zur Zeit der Entstehung dieses Konzerts über ein solches Register verfügten. Es soll schliesslich auch noch bemerkt werden, dass das Klavier in den Tutti nicht mitmacht. Kurz und gut: keine Produktion ohne Wenn und Aber, trotzdem wichtig und jedem Liebhaber der klassischen Klaviermusik zu empfehlen. Auch Carl Maria von Weber war ein Klaviervirtuose. Er komponierte zwei Klavierkonzerte sowie ein Konzertstück, aber - wie die Klavierkonzerte von Hummel - gehören sie nicht gerade zum Standardrepertoire, und das trifft insbesondere auf die beiden Konzerte zu. Dieses Los hat übrigens nicht nur diese Werke getroffen: generell wird Webers Musik wenig aufgeführt, abgesehen von seiner Oper Freischütz. Sogar die Orchester, die auf historischen Instrumenten spielen, beschäftigen sich kaum mit Weber, und bei der Kammermusik und den Liedern sieht es nicht besser aus. Das ist schwer verständlich: wenn man mal die Gelegenheit bekommt, seine Musik zu hören, fragt man sich, warum sie denn so selten gespielt wird. Deswegen ist die Aufnahme der drei Werke für Klavier und Orchester restlos zu begrüssen. Die beiden Konzerte vereinigen klassische und romantische Elemente. Das erste Konzert zeigt den Einfluss von Mozart, das zweite ist an Beethovens 5. Klavierkonzert orientiert (mit dem es die Tonart EsDur teilt). Die Romantik klingt in den langsamen Sätzen durch: im ersten Konzert wird das Orchester auf Bratschen, Violoncellos, Hörner und Pauken reduziert, und im zweiten Konzert spielen die Streicher mit Dämpfern. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die man auch in romantischen Nachtstücken findet. Dem Konzertstück liegt eine Geschichte zugrunde, die im Textheft abgedruckt wurde, die aber von Weber nicht vertont wurde. Es handelt sich also nicht um Programmmusik. In seiner Programmerläuterung charakterisiert Jean-Pascal Vachon das Werk als ein sinfonisches Gedicht mit obligatem Klavierpart. Er weist darauf hin, dass Liszt das Werk häufig spielte, und es ihm als Vorbild für seine eigenen Klavierkonzerte diente. Ronald Brautigam hat schon das gesamte Werk für Klaviersolo von Mozart, Haydn und Beethoven aufgenommen, und auch die Klavierkonzerte von Mozart und Beethoven eingespielt. Es ist schön, dass er sich der Klavierkonzerte von Weber angenommen hat. Soviel ich weiss, handelt es sich hier um die erste Gesamtaufnahme auf historischen Instrumenten. Die Eigenschaften dieser Werke, und insbesondere die Atmosphäre in den langsamen Sätzen, kommt voll zum Tragen, auch dank des historischen Instrumentariums. Die Kölner Akademie erweist sich als der ideale Partner von Brautigam. Allerdings muss auch hier darauf hingewiesen werden, dass das verwendete Instrument - eine Kopie eines Grafflügels von 1819 - etwas zu spät ist für die beiden Konzerte, die zwischen 1810 und 1812 entstanden sind. Der Abstand ist aber weniger krass als in der Hummel-Aufnahme, und musikalisch ist das Ergebnis befriedigender. Diese CD

RkJQdWJsaXNoZXIy OTM2NTI=