Toccata 04/2022

ist auf jeden Fall eine echte Bereicherung der Diskographie. Und auch hier gilt: Weber soll mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Johan van Veen Dandrieu, Corelli. Le Consort Alpha - 542 (2018; 62') Dandrieu: Offertoires und Triosonaten. Jean-Baptiste Robin (Orgel), Ensemble Il Caravaggio, Camille Delaforge Château de Versailles Spectacles - CVS045 (2019; 73') Generationen: Leclair, Sénaillé. Théotime Langlois de Swarte (Violine), William Christie (Cembalo) Harmonia mundi - HAF 8905292 (2020; 69') Dieupart: Cembalosuiten. Marie van Rhijn (Cembalo) Château de Versailles Spectacles - CVS060 (2020; 65') PD Philidor: Suiten für Traversflöte und B.c. Musica ad Rhenum Brilliant Classics - 96032 (2 CDs) (2019; 1.51') Braun: Sonaten für Traversflöte und B.c. Musica ad Rhenum Brilliant Classics - 95764 (4 CDs) (2017/18; 4.05') Jean-François Dandrieu ist vor allem als Organist und Komponist von Orgelwerken bekannt. Der deutsche Theoretiker Friedrich Wilhelm Marpurg bezeichnete ihn als "den deutschen Organisten", da der Kontrapunkt, der oft als typisch für die deutsche Musik betrachtet wurde, in seinem Oeuvre einen wichtigen Platz einnimmt. Das kommt auch in seinen Triosonaten zum Ausdruck, die wenig bekannt sind. Es ist schon sonderbar, dass innerhalb zwei Jahren zwei Aufnahmen dieser Stücke auf CD erschienen sind. Die erste hat die zweite nicht überflüssig gemacht, denn die jeweiligen Interpreten betrachten die Sonaten aus verschiedenen Blickwinkeln. Le Consort blickt zurück: Dandrieu stand unter dem Einfluss des italienischen Stils und insbesondere der Sonaten von Arcangelo Corelli. Deswegen hat das Ensemble zwei der Triosonaten von Corelli (aus dem Op. 2 und dem Op. 4) ins Programm einbezogen. In der Darbietung wird dieser Einfluss auch benachdruckt, u.a. durch starke dynamische Kontraste. Eine interessante Frage ist, ob das der Aufführungsweise in den französischen Salons entspricht. Hat man solche Werke dort vielleicht etwas 'französischer' behandelt? Das lässt sich wohl schwer überprüfen. Diskutabel ist in solchem Repertoire aber sowieso die Verwendung einer Orgel, denn in wievielen Salons wird es ein solches Instrument gegeben haben? Und noch problematischer ist der Wechsel von Cembalo zur Orgel innerhalb einer Sonate. Der Grund will mir nicht einleuchten. Das Ensemble hat sich auch einige Freiheiten erlaubt, die ich nicht nachvollziehen kann, wie in der Sonate Nr. 4, in der der letzte Satz in zwei Abschnitte gespalten wird, die den dritten Satz umrahmen. Und warum wird der zweite Abschnitt ganz pizzicato gespielt? Trotzdem, ich möchte diese Produktion durchaus positiv beurteilen, denn hier wird den vernachlässigten Sonaten von Dandrieu die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie verdient haben. Und Le Consort ist ein vorzügliches Ensemble, das spannende Interpretationen vorlegt. Die zweite Aufnahme schaut sozusagen in die Zukunft, denn hier wird jede Triosonate von Offertoires gefolgt, die Transkriptionen von Sätzen aus den Sonaten sind. Solche Werke sind für den liturgischen Gebrauch bestimmt. Man könnte sie als Zeichen der Säkularisierung der liturgischen Orgelmusik betrachten, die sich im Verlaufe des 18. Jahrhunderts vollzog. Auch das Ensemble Il Caravaggio lässt die italienischen Züge der Triosonaten zur Geltung kommen, ist im Vergleich zu Le Consort aber etwas moderater. Die dritte Sonate endet mit einem Satz, der grösstenteils auf einem Motiv von wiederholten Tönen basiert; zuerst wird dieses Motiv im Bass gespielt, und erst dann kommen die Geigen dazu. Das steht nicht in der Partitur und auch hier sehe ich keinen Sinn. Merkwürdig ist, dass im Textheft erwähnt wird, dass die fünfte Sonate mit zwei Gamben statt Violinen gespielt wird. Davon ist aber gar keine Rede, und das Textheft nennt auch nur einen Gambisten. Ich verstehe auch nicht, weshalb der dritte Satz dieser Sonate auf der kleinen Continuo-Orgel gespielt wird. Ein Orgelstück soll eine Transkription eines Satzes einer Sonate Op. 3 sein, aber die Liste der Werke Dandrieus enthält keine solche Sonate. Wo kommt dieses Werk her? Es wird im Textheft nicht erklärt. Das Textheft ist sowieso schlampig, denn die Texte sind die gleichen wie in der ersten Dandrieu gewidmeten CD dieses Labels. Über die Triosonaten erfährt man nichts. Glücklicherweise ist die Interpretation generell gut gelungen. Und Jean-Baptiste Robin spielt die Orgelwerke ausgezeichnet. Ich sehe diese beiden Produktionen nicht in erster Linie als Konkurrenz, sondern eher als Ergänzung. Orgelfreunde werden die zweite CD sowieso in ihre Sammlung aufnehmen wollen. Wie wir festgestellt haben, ist der Einfluss des italienischen Stils in Dandrieus Triosonaten unverkennbar. Die Franzosen taten sich lange Zeit schwer mit der italienischen Musik, und das kam u.a. darin zum Ausdruck, dass die Geige, die als typisch italienisch galt, im 17. Jahrhundert nur im Opernorchester gespielt wurde und sonst für Tanzmusik verwendet wurde. Virtuosen auf der Violine, wie es sie in Italien zuhauf gab, suchte man in Frankreich vergebens. Erst um 1700 öffnete Frankreich sich dem Einfluss Italiens, und das zeigte sich in einem wachsenden Interesse für die Geige als Soloinstrument. Zu den ersten Komponisten, die technisch anspruchsvolle Musik für Violine komponierten, gehörten Elisabeth Jacquet de La Guerre und Jean-Féry Rebel. Ihre Werke werden regelmässig gespielt und sind auch auf CD erhältlich. Ein dritter war Jean-Baptiste Senaillé, der aber weitgehend unbekannt geblieben ist und deren Werke auf CD schlecht vertreten sind. Im Jahre 1713 wurde er ins Hofensemble 24 Violons du Roy aufgenommen, als Nachfolger seines Vaters. Offensichtlich hat er einige Zeit in Italien verbracht, aber mit welchen Komponisten er dort in Verbindung gestanden hat, ist nicht klar. Insgesamt veröffentlichte er fünf Bücher mit Sonaten für Violine und Basso continuo; die erste erschien 1710, die letzte 1727. Jede Sammlung enthält zehn Sonaten, und Théotime Langlois de Swarte und William Christie wählten vier Sonaten aus den Opera 1, 3 und 4 aus. In den frühen Sonaten zeigt sich der Einfluss von Corelli, während Senaillé in den späteren Sonaten eher Vivaldi zum Vorbild nimmt. Die Titel der Sonaten sind auf italienisch; in jeder Sonate gibt es einige Tänze. Die Werke zeugen von Senaillés Virtuosität, aber es gibt auch Sätze, die sehr expressiv sind. Es ist schon merkwürdig, dass Senaillés Sonaten bis dato so wenig Aufmerksamkeit zuteil geworden ist. Diese Aufnahme enthält auch zwei Sonaten von Leclair, und der Vergleich zeigt, dass Senaillé sich vor seinem jüngeren Kollegen keineswegs zu verstecken braucht. Diese CD ist ein schönes und eindrucksvolles Monument für einen vergessenen Meister. Die beiden Künstler lassen Senaillés Musik in vollem Glanze erscheinen. Wer barocke Violinmusik liebt, sollte diese CD keineswegs verpassen. Es ist zu hoffen, dass diese Produktion dazu beiträgt, dass Senaillés Musik der Platz eingeräumt wird, den sie verdient hat. London war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein internationales Zentrum von Musik, das viele Musiker und Komponisten vom Kontinent anzog. Dazu gehörte auch der 1676 in Paris geborene Charles Dieupart. 1700 liess er sich in London nieder, wo er als ausführender Musiker vor allem in Theaterproduktionen tätig war. Er hat ein bescheidenes Oeuvre von Cembalowerken, Kammermusik und Liedern hinterlassen, aber er ist fast nur wegen der sechs Suiten, die er 1701 bzw. 1702 in Amsterdam in zwei Fassungen drucken liess, bekannt geworden. Die erste ist für ein Melodieinstrument - die Wahl wird den Interpreten überlassen - und Basso continuo, die zweite für Cembalo solo. Gesamtaufnahmen der Cembalofassung sind rar; 2015 erschien bei Brilliant Classics eine sehr gute Interpretation des portugiesischen Cembalisten Fernando Miguel Jalôto. Im Vergleich werden die Fassungen für ein Instrumentalensemble häufiger gespielt. 2014 nahm Corina Marti mit einigen Kollegen vier Suiten für Carpe Diem auf. Leider bietet das Ensemble unter der Leitung von Marie van Rhijn drei der Suiten, die auch dort zu finden sind: die Nummern 1, 2 und 6. Hier kommt noch die Nr. 4 hinzu. Allerdings ist die Interpretation sehr verschieden. Van Rhijn und ihre Kollegen haben sich ziemlich viele Freiheiten erlaubt, wie das Hinzufügen einer zweiten Melodiestimme; dafür verweist man auf Anweisungen von François Couperin. Der Einsatz der Instrumente ist variabel: in einigen Sätzen spielt ein Melodieinstrument mit Cembalo, aber es gibt auch Sätze, in denen verschiedene Instrumente sich abwechseln oder zusammenspielen. Dann und wann wechselt die Instrumentierung innerhalb eines Satzes. Es gibt zweifellos Musikliebhaber, die das zu schätzen wissen; mir ist es zu bunt. Das Spiel der Musikerinnen ist generell sehr gut, aber vom Klang der Oboe bin ich wenig angetan. Dieser ist oft zu dominant und zu wenig differenziert. Pierre Danican Philidor (1681-1731) gehörte zu einer musikalischen Dynastie, die vom frühen 17. bis zum späten 18. Jahrhundert einen wichtigen Platz im französischen Musikleben einnahm. Die meisten Philidors spielten Blasinstrumente, und Pierre Danicans Vater spielte in den Grands Hautbois du Roy; auch er selbst trat in dieses Ensemble ein, als Nachfolger seines Vaters. Er fing schon früh an, zu komponieren. CD-UMSCHAU TOCCATA - 120/2022 25

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