Toccata 04/2022

Sein erhalten gebliebenes Oeuvre ist allerdings klein: neben einigen Bühnenwerke gibt es drei Sammlungen von Suiten, die 1717 bzw. 1718 gedruckt wurden. Zusammen umfassen sie sechs Suiten für Traversflöte und Basso continuo und sechs für zwei Flöten ohne Begleitung. Sie haben einige besondere Merkmale. Sie enthalten mehrere Anweisungen zur Interpretation, beispielsweise bezüglich der Anwendung des sogenannten 'flattement' (Vibrato). Und Philidor weist auch noch auf die Möglichkeit rhythmischer Freiheit hin (vergleichbar mit Rubato). Jed Wentz, der Flötist und Leiter des Ensembles Musica ad Rhenum, vermutet daher, dass diese Suiten als pädagogisches Material gemeint sein könnten. Darauf weist vielleicht auch die Tatsache hin, dass Kontrapunkt eine wichtige Rolle in diesen Suiten spielt. Es gibt mehrere Fugen und Kanons, die in der Zeit der Veröffentlichung schon altmodisch waren. Das will aber nicht heissen, dass diese Werke musikalisch nicht interessant wären. Im Gegenteil: Wentz schätzt sie sehr, und betrachtet sie als vergleichbaren Werken von Zeitgenossen wie Hotteterre, La Barre und Montéclair überlegen. Die Aufnahme der sämtlichen Suiten muss als besonders wichtig betrachtet werden, und wer französische Musik dieser Zeit liebt, sollte sie unbedingt in seine Sammlung aufnehmen. Es gibt dann und wann folkloristische Züge, beispielsweise im letzten Satz der 4. Suite, mit dem Titel 'paysanne'. Das eröffnende lentement der Suite Nr. 3 ist ein Beispiel eines ausdrucksstarken Satzes. Selbstverständlich durfte auch eine Chaconne nicht fehlen: damit beschliesst die gleiche Suite. Und dann gibt es mehrere Sätze in der Form eines Rondeaus: diese kam im Verlaufe des 18. Jahrhunderts immer mehr in Mode. Philidors Suiten sind höchst unterhaltsam, und das ist auch den Interpreten zu verdanken: Jed Wentz und Marion Moonen (Traversflöte), Cassandra Luckhardt (Viola da gamba) und Michael Borgstede (Cembalo). Von einem gewissen Jean-Daniel Braun (1703?- vor 1740) werden die meisten Musikliebhaber noch nie gehört haben. Die Fragezeichen zu den Lebensdaten zeigen schon, dass wir über ihn nicht sonderlich gut informiert sind. Jed Wentz, der mit seinem Ensemble Musica ad Rhenum seine sämtlichen Flötensonaten eingespielt hat, gibt auch im Textheft zu, dass wir fast nichts über ihn wissen. Johann Joachim Quantz nennt "die zwei Gebrüder Braun" in seiner Autobiographie als Musiker, die er während eines Parisaufenthalts 1726 hat spielen hören, aber ob einer dieser der Komponist der hier zu Gehör gebrachten Suiten ist, lässt sich nicht überprüfen; Braun war ein damals geläufiger Name in Paris. Wir wissen, dass er Musik für verschiedene Instrumente komponiert hat und dass ein jüngerer Bruder in der Pariser Oper spielte. Wentz betrachtet seine Sonaten als musikalisch und technisch den des berühmteren Michel Blavet ebenbürtig. Technisch sind sie besonders anspruchsvoll, und - zusammen mit den Werken von Blavet - dokumentieren sie den Standard des Flötenspiels in Paris in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Wie in Blavets Musik gibt es auch hier eine Mischung aus französischen und italienischen Elementen. Etwas Besonderes sind die vielen grossen Sprünge in Brauns Sonaten, die - wie Wentz schreibt - für Flötisten eine grosse Herausforderung darstellen. Neben den Sonaten für Flöte und Basso continuo gibt es noch vier Suiten und eine Sonate für Flöte solo, die in Handschrift überliefert sind. Diese können zwar nicht zweifelsfrei auf das Konto von Braun geschrieben werden, aber auch sie enthalten viele grosse Sprünge. Damit scheint Braun die Violintechnik imitieren zu wollen. Es sind vielleicht Versuche, auf dem einstimmigen Instrument Mehrstimmigkeit zu suggerieren. Liebhaber der Traversflöte sollten diese Produktion keineswegs verpassen. Sie werden sich für die technischen Aspekte interessieren, aber diese Werke sind auch sehr unterhaltsam und spannend. Man kann es getrost Wentz und seinen Kollegen - hier auch Job ter Haar auf dem Violoncello - überlassen, die Qualitäten der Musik von Braun voll auszukosten. Johan van Veen Divi Augustini Musici. Cappella Musicale di San Giacomo Maggiore, Bologna, Roberto Cascio NovAntiqua - NA52 (2020; 69') Monteverdi & Freunde: Vespro da Camera. Marie Luise Werneburg (Sopran), Alexander Schneider (Altus), Johannes Gaubitz (Tenor), Dominik Wörner (Bass), Musica Fiata, Roland Wilson CPO - 555 317-2 (2019; 77') Monteverdi: Musica Sacra. Melanie Hirsch (Sopran), Ulrich Cordes (Tenor), Markus Flaig (Bass), vita & anima, Peter Waldner musikmuseum - CD 13054 (2017; 68') Monteverdi: Donna - Madrigale und Motetten für zwei Frauenstimmen Il Festino, Manuel de Grange Musica Ficta - MF8031 (2018; 58') Für viele Jahrhunderte waren Klöster Zentren von Kunst und Wissenschaft. Auch der Musikwelt hat ihnen viel zu verdanken, denn oft sind dort Gesänge entstanden, die noch lange eine wichtige Rolle in der Liturgie gespielt haben. Es wurde aber auch Kunstmusik geschaffen, in erster Linie für den eigenen Gebrauch, aber dann und wann wurde solche Musik auch veröffentlicht oder gelang auf andere Weise in die Öffentlichkeit, was eine weitere Verbreitung und den Gebrauch in der Liturgie an anderen Stellen ermöglichte. Die erste hier rezensierte CD beschäftigt sich mit Komponisten, die in irgendeiner Weise mit Klöstern des Augustinerordens verbunden werden können. Die Musik stammt aus verschiedenen Zeiten und ist stilistisch und in der Besetzung sehr unterschiedlich. Das älteste Werk ist eine Totenmesse von Matteo Asola (1524-1609), der aus Verona stammte und an verschiedenen Orten gewirkt hat, am Ende seines Lebens in Venedig. Seine Messe stammt wahrscheinlich aus dem Ende des 16. Jahrhunderts und ist selbstverständlich im stile antico geschrieben, aber für seine Zeit altmodisch: sie ist für drei Stimmen gesetzt, was in seiner Zeit schon seltsam geworden war. Die anderen Komponisten gehören zum 17. Jahrhundert. Von Guglielmo Lipparini (nach 1570-nach 1637) erklingen acht Sonaten zu zwei bzw. drei Stimmen. Sie stammen aus einer Sammlung mit geistlichen Konzerten, und daraus kann man schliessen, dass sie für den liturgischen Gebrauch bestimmt sind. Sie stehen im stylus phantasticus und enthalten einen Generalbass. Drei Gesänge zur Passion Christi auf italienischen Texten aus der Feder von Agostino Diruta (Bruder oder Neffe des bekannteren Girolamo) sind im monodischen Stil komponiert und sind - nach dem Ideal der Zeit - affektbetont. Schliesslich gibt es noch Versetti für Orgel, die für die Alternatimspraxis in der Liturgie gemeint sind. Der Komponist ist Giovanni Battista Degli Antonii (1636-nach 1698), der vor allem wegen seiner Beiträge zur Geschichte des Violoncellospiels bekannt ist. Wie man sieht, es gibt viel Variation, oder es mangelt an Konsistenz - wie man es betrachten Vor zwanzig Jahren: Alte Musik aktuell (AMA) 120 Juli/August 2002 Die Konzertreihe “Alte Musik im Weilburger Schloss” findet mit der Saison 2002/ 2003 zum 10. Mal statt. Der Fränkische Sommer findet vom 7. Juni bis 21. September 2002 zum zweiten Mal statt. Ein Schwerpunkt liegt in diesem Jahr bei der Klarinette, deren Erfindung vor etwa 300 Jahren dem Nürnberger Instrumentenbauer Johann Christoph Denner (1655-1707) zugeschrieben wird. Der österreichische Dirigent und Musikforscher Nikolaus Harnopncourt erhält in diesem Jahr den renommierten Orden “Pou le Mérite”. Mit Siegbert Rampe und seinem Ensemble Nova Stravaganza sind Konzerte, Ouvertüren und Sinfonien von Christoph Graupner beim Label Musikproduktion Dabringhaus & Grimm erschienen. Die European Organ Society (EOS) veranstaltet vom 28. bis 30. Oktober 2002 eine Orgel-Exkursion “Nördliches Holland”. Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd findet vom 12. Juli bis 4. August zum Thema “Bekenntnisse” statt. Der “Preis der Europäischen Kirchenmusik“ wird in diesem Jahr an den schwedischen Dirigenten Eric Ericson verliehen. Vom 25. Juni bis 6. Juli 2002 findet in Leipzig der XIII. Internationale Bachwettbewerb statt. Zur Jury gehören u.a. Robert D. Levin, Monica Huggett, Andrew Manze und Barbara Schlick. Die letzte Einspielung des Pianisten Michael Krücker war der Klaviermusik von Friedrich Kalkbrenner (17851849) auf einem Pleyel-Klavier von 1836 gewidmet (New Classical Adventure). Weitere Aufnahmen unbekannter Klaviermusik der Romantik mit Michael Krücker werden folgen. Vom 24. August bis 1. September 2002 findet das Laus PolyphoniaeFestival zum Thema “Musica Britannica” in Antwerpen statt. Artist in residence: Jos van Immerseel. Im Gespräch wurde der Dirigent Bruno Weil vorgestellt, dem künstlerischen Leiter des Festivals Klang & Raum im Kloster Irsee anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Festivals. Zu Platten des Monats Juli/August 2002 gekürt wurden die CDs: Strauß, Johann (Sohn): Walzer, Polkas, Ouvertüren etc. mit Anima Eterna unter Jos van Immerseel (Zig-Zag Territoires 020 602, 2002), Vivaldi: Sinfonie dai drammi per musica mit Modo Antiquo unter Federico Maria Sardelli (Frame CD FRO139-2, 2002) und Music from the Odhecaton: Celebrating the 500th Anniversary of the First Printed Music mit Piffaro (Dorian xCD-90 301, 2002). Rezensent: Robert Strobl 26 TOCCATA - 120/2022 CD-UMSCHAU

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