Toccata 04/2022

nachweislich in Innsbruck in Gebrauch waren. Offensichtlich wollte Peter Waldner, der Leiter des Ensembles, sich ganz auf geistliche Werke konzentrieren. Er hätte vielleicht auch einige der Kontrafakten auswählen können, die von Aquilino Coppini erstellt wurden, indem er Madrigale von Monteverdi zu geistlichen Werken ummünzte. Auch diese Werke werden im Inventar genannt. Interessant ist ein Stück des Innsbrucker Komponisten Georg Piscator, der u.a. in Venedig studierte und klar vom Stil der Zeit, und wahrscheinlich auch von Monteverdi selber, beeinflusst wurde. Die Solisten beherrschen den Stil Monteverdis und tragen die ausgewählten Werke auf deklamatorische Weise vor, in der der Text im Mittelpunkt steht. Zusammen mit dem Ensemble vita & anima haben sie eine sehr schöne CD vorgelegt, die eine Bereicherung der Monteverdi-Diskographie darstellt. Das Ensemble Il Festino scheut sich die Verbindung der geistlichen und der weltlichen Musik von Monteverdi nicht. Dafür gibt es auch keinen Grund: es gab damals keine Wasserscheide zwischen dem Geistlichen und dem Weltlichen. In einem Text zu Ehren von Maria konnten Bilder benutzt werden, die auch in weltlichen Liebesgedichten verwendet wurden. Die CD trägt den Titel 'Donna', und damit will man ausdrücken, dass Monteverdi von der Frau oder, vielleicht genauer gesagt, der Frauenstimme fasziniert war. Leider sind die Musiker einigen Missverständnissen zum Opfer gefallen. Es wird behauptet, dass diese Faszination Monteverdi nicht verliess, als er sich der geistlichen Musik zuwandte. Nur: diese Musik war nie für Frauenstimmen gedacht. In der Kirche sangen keine Frauen, und alle Sopranpartien in seinen geistlichen Werken wurden von Knaben oder, wahrscheinlicher, von Kastraten oder Falsettisten gesungen. 'Ego flos campi' ist nicht, wie Francesco Saggio im Textheft behauptet, für eine tiefe Frauenstimme (Alt) gemeint, sondern eine (mittlere) Männerstimme. Und es ist mehr als fraglich, ob Monteverdi bewusst eine Verbindung zwischen dem Text und dem Geschlecht der Interpreten legte. In der Vesper von 1610, beispielsweise, ist 'Nigra sum' für Tenor gesetzt, obwohl darin die Braut aus dem Hohelied Salomons zu Wort kommt. In 'Pulchra es' spricht der Bräutigam, und dieses Stück - das auch hier erklingt - wird von zwei Sopranen gesungen. Das sollte doch zu denken geben. In 'O come sei gentile' spricht ein Mann, aber das Madrigal ist für zwei Frauenstimmen gesetzt. Saggio sieht hier einen Widerspruch. Er hätte auch zum Schluss kommen können, dass die Idee einer Verbindung zwischen dem Text und dem Geschlecht der Interpret*innen, keinen Grund hat. Es ist auch merkwürdig, dass man ein Madrigal wie Zefiro torna aufgenommen hat, obwohl das nachdrücklich für zwei Männerstimmen gemeint ist. Offensichtlich war man sich der Inkonsequenz nicht bewusst. Diese Missverständnisse sollen bitte nicht von der Qualität des hier Gebotenen ableiten. Denn was die beiden Sängerinnen, Barbara Kusa (Sopran) und Dagmar Saskova (Mezzosopran), zu bieten haben, ist allerhöchsten Ranges. Man wird die ausgewählten Stücke - weltlich und geistlich - selten so schön singen hören wie hier. Dazu kommt eine farbenreiche und dynamische Basso-continuo-Gruppe - mit u.a. Lyrone und Harfe - die einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg dieser Aufnahme leistet. Rein musikalisch ist diese CD eine der besten MonteverdiAufnahmen, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Johan van Veen Charakterklänge - Orgelmusik der Renaissance. Peter Waldner (Orgel) Musikmuseum - CD13052 (2020; 75') Francisci magnus amor. Peter Waldner (Virginal, Cembalo) fra bernardo - fb 2003534 (2019; 72') Historische Instrumente sind ein wesentlicher Bestandteil der historischen Aufführungspraxis. Es gibt aber viele Musiker, die nicht in der Lage sind, auf Originalinstrumenten zu spielen. Vor allem Blasinstrumente sind oft nicht mehr spielbar. Spieler von Tasteninstrumenten haben das Glück, dass es noch viele Instrumente gibt, die für Konzerte oder Aufnahmen verwendet werden können. Das gilt in erster Linie für historische Orgeln, die meistens noch immer sowohl in der Liturgie wie in Konzerte und Aufnahmen gespielt werden. Unter dem Titel 'Charakterklänge' ist in der Reihe musikmuseum eine CD erschienen, auf der Peter Waldner eine Orgel und ein Regal in der Pfarrkirche zum H. Apostel Petrus zu Auer in Österreich spielt. Die Orgel wurde 1599 von Hans Schwarzenbach in einer anderen Kirche als Schwalbennest-Orgel erbaut. Im späten 17. Jahrhundert wurde das Instrument nach Auer transportiert. Es hat die Zeit nicht ohne Schaden überstanden, aber in den 1980er Jahren wurden die Veränderungen nach dem Geschmack der Romantik rückgängig gemacht und wurde die ursprüngliche Disposition wiederhergestellt. Das Regal ist als 'Apfelregal' bekannt, wegen der Form der Schallbecher, die die Zungenpfeifen einfassen. Es handelt sich hier um die Rekonstruktion eines Instrumentes, das 1518 auf einem Holzschnitt von Hans Weidnitz abgebildet wird. Diese beiden Instrumente werden hier vorgeführt anhand von Musik des 16. und frühen 17. Jahrhundert. Der erste Abschnitt ist Nordeuropa gewidmet, dem dritten dem Süden Europas; beide erklingen auf der Orgel. Im zweiten Abschnitt hören wir Musik von Paul Hofhaimer und seiner Zeit, die auf dem Regal gespielt wird. Diese CD ist besonders interessant, vor allem wegen der Instrumente. Das Regal hört man sowieso wenig solistisch, und Musik von Hofhaimer lässt sich auf späteren Instrumenten auch schwer darstellen. Waldner ist ein exzellenter Spieler, der weiss, wie man Musik und Instrumente so verbindet, dass beide optimal zum Tragen kommen. Besaitete Tasteninstrumente sind viel anfälliger; es gibt viel weniger Instrumente die noch spielbar sind, und die meisten befinden sich in Museen oder Privatsammlungen. Ein Besitzer so einer Sammlung war der Schweizer François Badoud (der 2020 verstarb). Aus dieser Sammlung stammt das Virginal aus dem 16. Jahrhundert, das Peter Waldner auf der zweiten CD spielt. Das Instrument wurde in Florenz erbaut, und deswegen hat Waldner italienische Musik ausgewählt. Das ist mal etwas Anderes, denn wenn man das Virginal hört, dann meistens in englischer Musik oder Sweelinck. Hier erklingen anonyme Werke sowie Stücke von u.a. Biancardi, Cavazzoni, den Gabrielis und Giovanni Picchi. Das zweite Instrument in dieser Aufnahme ist ein Cembalo, ebenfalls aus Badouds Sammlung; es wurde im 16. Jahrhundert in Neapel erbaut. Die meisten damals gängigen Gattungen, wie Fantasien, Canzonen und Toccaten, sind vertreten und dazu kommen noch Tänze und Bearbeitungen von Vokalwerken. Auch hier zeigt Waldner sich wieder ein geschickter Spieler und ein stilbewusster Interpret. Liebhaber historischer Tasteninstrumente werden sich über diese beiden Ausgaben freuen. Johan van Veen Scheidemann, Scheidt: Cantilena Anglica Fortunae - Ausgewählte Cembalowerke. Yoann Moulin (Cembalo) Ricercar - RIC 394 (2018; 56') Stylus luxurians: Weckmann, Tunder, Froberger, Ritter. Yoann Moulin (Cembalo) Ricercar - RIC 433 (2020; 57') JS Bach: Die sämtlichen Werke für ein Tasteninstrument, Vol. 2: Nach Norden. Benjamin Alard (Orgel, Claviorganum), Gerlinde Sämann (Sopran) Harmonia mundi - HMM 902453.56 (4 CDs) (2018; 4.24') Vor einigen Jahren wurde der französische Cembalist Yoann Moulin von Jérôme Lejeune, dem künstlerischen Leiter des belgischen Labels Ricercar, eingeladen einige Aufnahmen mit deutscher Cembalomusik vom frühen 17. bis zum frühen 18. Jahrhundert zu machen. Die erste CD ist zwei Komponisten gewidmet, die vor allem wegen ihrer Orgelwerke bekannt sind: Samuel Scheidt und Heinrich Scheidemann. Beide waren Schüler von Jan Pieterszoon Sweelinck, und das hat in ihrem Oeuvre deutliche Spuren hinterlassen. Die wichtigsten Formen sind darin vertreten. Darin kommen Einflüsse aus Italien und England zusammen, die sie mit einer vom Kontrapunkt geprägten deutschen Tradition vereinen. Der englische Einfluss kommt vor allem in den Variationswerken zum Ausdruck. Ihre Bearbeitungen von Chorälen sind viel besser bekannt als ihre Liedvariationen, die nicht für die Orgel, sondern für ein besaitetes Tasteninstrument (Cembalo, Virginal, Clavichord) bestimmt sind. Solche Stücke finden wir vor allem bei Scheidt. Scheidemann hat sich, neben Choralgebundenen Werke, vor allem auf freie Formen, wie Praeambula, konzentriert. Dabei handelt es sich um Werke, die sich - falls kein Pedal benötigt ist - sowohl auf der Orgel wie auf dem Cembalo darstellen lassen. Auf der zweiten CD gibt es dann noch eine Transkription einer Motette von Hieronymus Praetorius aus der Feder von Scheidemann. Solche Werke sind in erster Linie für den liturgischen Gebrauch und damit für die Orgel gedacht, aber hier zeigt Moulin, dass ein solches Werk auch auf dem Cembalo gespielt werden kann. Auf der ersten CD spielt er eine Choralbearbeitung von Scheidt ebenfalls auf dem Cembalo. Solche Werke 28 TOCCATA - 120/2022 CD-UMSCHAU

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