Toccata 04/2022

konnten durchaus als geistliche Hausmusik verwendet werden. Die zweite CD ist dann vor allem zwei grosse Namen des 17. Jahrhunderts gewidmet: Matthias Weckmann und Johann Jakob Froberger; beide waren gut befreundet. Froberger war Schüler von Frescobaldi, aber besuchte auch Paris, wo er Louis Couperin und den französischen Stil kennenlernte. Die Verbreitung der Form der Suite in Deutschland - bis zu Johann Sebastian Bach - ist ihm zu verdanken. Auch Weckmann komponierte eine Suite, allerdings unter dem Titel 'Partita'. Dazu gibt es von ihm noch Canzonen und Toccaten. Dazu kommen noch ein Praeludium von Tunder sowie zwei Stücke des wenig bekannten Christian Ritter: eine Suite, die mit einem Lamento eröffnet - offensichtlich nach dem Vorbild von Froberger - und eine Sonatina, die sich in ihrer Form nicht wesentlich von der Toccata unterscheidet. Auf beiden CDs spielt Moulin das gleiche Instrument: eine Kopie eines Ruckers-Cembalos (ein Manual mit zwei Registern: 8' und 4'). Es produziert einen kräftigen Klang, was dieses Repertoire auch benötigt. Vor allem die Cembalowerke von Scheidemann und Scheidt sind wenig bekannt, und Ritter hört man auch selten. Moulin ist ein exzellenter Interpret, der die ausgewählten Stücke auf fesselnde Weise darstellt. Im Falle der ersten CD sollen ein paar Produktionsfehler nicht unerwähnt bleiben. Die Tonarten von zwei Praeambula von Scheidemann werden in Dur notiert, obwohl sie in Moll stehen. Schlimmer ist, dass Scheidts 'O Gott, wir danken deiner Güt' halbwegs des vorangehenden Tracks anfängt und im nächsten Track fortgesetzt wird. Die Identität dieses Werkes ist übrigens ein Rätsel; es steht nicht im Werkkatalog von Scheidt. Es ist sowieso ärgerlich, dass keine Katalognummern erwähnt werden; das macht die Identifikation einer Courante von Scheidt unmöglich. Es ist schade, dass eine musikalisch so gute Produktion von solchen Fehlern verunstaltet wird. Wo die Reise von Moulin enden wird, weiss ich nicht. Gut möglich, dass es beim jungen Bach ist. Und das ist auch das Thema der zweiten Folge des Bachprojektes des ebenfalls französischen Organisten und Cembalisten Benjamin Alard. Die erste Folge enthielt Werke, die Bach in Ohrdruf, Arnstadt und Lüneburg komponierte. Darin beleuchtete Alard auch die italienischen und französischen Einflüsse. In dieser zweiten Folge steht die norddeutsche Orgelschule im Mittelpunkt. Einer der interessanten Aspekte dieses Projektes ist, dass Alard Bach in seinen historischen Zusammenhang stellt, u.a. indem er Musik der Komponisten einbezieht, die ihn beeinflusst haben. Hier sind das vor allem Dieterich Buxtehude und Johann Adam Reincken. Johann Pachelbel ist auch dabei, was einigermassen befremdet, da er nicht zur norddeutschen Orgelschule gerechnet wird, im Gegensatz zu Georg Böhm, der Lehrer von Bach war, aber hier nicht vertreten ist (der war aber in der ersten Folge dabei). Ein zweites Merkmal dieses Projektes, das sich hier manifestiert, ist, dass in einigen Fällen eine Frühfassung gespielt wird. Von den sieben Toccaten BWV 910-916 hören wir hier drei, und eine davon (BWV 912) in einer Frühfassung. Ob wir später dann die üblichen Fassungen auch noch zu hören bekommen? Das wäre schön, denn Interpreten entscheiden sich meistens für die eine oder die andere. Drittes Merkmal: Alard spielt neben einer Kirchenorgel auch ein Claviorganum, also ein Instrument, das Cembalo und Orgel kombiniert. Einige Werke spielt er auf einem anderen Instrument als man erwarten würde. Die soeben erwähnten Toccaten, beispielsweise, gelten als Cembalowerke und werden fast immer als solche behandelt. Allerdings gibt es Experten, die meinen, sie seien ursprünglich für die Orgel konzipiert. Die Toccata BWV 912 erklingt auf der Orgel, und das hat Folgen für die Interpretation, beispielsweise im Tempo. Die Toccaten BWV 913 und 914 werden auf dem Claviorganum gespielt, aber dann auf dem Cembaloteil (entweder ganz oder zum grössten Teil). Man fragt sich dann, weshalb nicht ein Cembalo benutzt wurde. Übrigens ist die Verwendung eines Claviorganums aus historischer Sicht diskutabel. Bach hat das Instrument zweifellos gekannt, aber ob er so ein Instrument besessen hat oder es in seinem Leben eine Rolle gespielt hat, ist fraglich. Die dritte CD ist ganz Choralbearbeitungen gewidmet. In der ersten Folge war Gerlinde Sämann schon dabei, um die Choräle zu singen, und das war eine grossartige Idee. Hier singt sie entweder den Choral in einer einfachen Harmonisierung nach der Bearbeitung oder sie singt den Cantus firmus im Stück selbst. Letzteres ist nicht immer möglich: in einigen Stücken ist die Choralmelodie so stark ornamentiert, dass eine vokale Darstellung kaum möglich wäre oder zumindest nicht sehr natürlich klingen würde. Gerlinde Sämann hat die ideale Stimme für diese Choräle und singt sie wunderschön. Insgesamt bin ich sehr glücklich mit dieser Ausgabe, die viele Aspekte hat, die man in anderen Aufnahmen der Orgel- oder Cembalowerke von Bach nicht findet. Ich habe auch schon einige Kritikpunkte formuliert. Dazu kommt, dass es mich befremdet, dass Alard auf dem Claviorganum so selten die beiden Instrumente zusammen einsetzt. Damit verliert den Einsatz dieses Instrumentes etwas von seinem Sinn. Und warum hören wir aus der Sonate BWV 966 nur einen Satz? Letztlich: wie schön es auch ist, dass Gerlinde Sämann die Choräle singt, das ist eine Praxis, die man beim häuslichen Musizieren erwartet - nicht in einer Kirche. Deswegen wäre es schön gewesen, wenn Alard diese Werke - die er auf dem Claviorganum darstellt, was auch ein Hausinstrument ist - in einem intimeren Raum aufgenommen hätte als in einer Kirche. Im Lichte der Qualitäten dieser Produktion sind das aber Kleinigkeiten. Johan van Veen Si vous vouliez un jour ... Airs sérieux et à boire, Vol. 2. Les Arts Florissants, William Christie Harmonia mundi - HAF 8509306 (2016; 74') N'espérez plus, mes yeux ... Airs sérieux et à boire, Vol. 3. Les Arts Florissants, William Christie Harmonia mundi - HAF 8905318 (2019; 82') Vous avez dit brunettes? Les Kapsber'girls Alpha - 761 (2020; 63') Vor einigen Jahren erschien eine CD mit sogenannten 'airs sérieux et à boires' französischer Komponisten des 17. Jahrhunderts, dargestellt vom Ensemble Les Arts Florissants unter der Leitung von William Christie. Es gab keinen Hinweis, dass es die erste Folge einer Reihe von Aufnahmen wäre. Das wurde erst klar, als eine zweite Folge erschien, und dann eine dritte. Beide stehen hier zur Rezension. Die 'airs sérieux et à boire' haben ihren Ursprung in der 'air de cour', die unter der Regierung Heinrichs IV. (1589-1610) und Ludwigs XIII. (1610-1643) sehr beliebt war. Zu jener Zeit wurden diese Lieder vor allem am Hofe und in den dem Hofe eng nahestehenden aristokratischen Kreisen gesungen. Später verbreitete sich diese Gattung und daraus entstanden verschiedene Untergattungen, wie 'air sérieux', 'air à boire' (Trinklied), 'air spirituel' und 'air de ballet'. Die 'air de cour' war für eine Solostimme und Laute - später Basso continuo - bestimmt, aber mit der Zeit wurden auch mehrstimmige 'airs' komponiert, und damit kehrte die Gattung eigentlich zu ihren Ursprungen zurück, denn die ersten 'airs de cour' stammen aus dem später 16. Jahrhundert und waren polyphon. Einer der wichtigsten Komponisten von 'airs' war Michel Lambert. 1689 erschien eine Sammlung seiner 'airs', und darin finden sich Lieder für eine bis vier Stimmen und Basso continuo. Daneben gibt es 'airs' von Étienne Moulinié, Marc-Antoine Charpentier und Sébastien Le Camus. Letztgenannter ist der unbekannteste im Programm. Er ist auch der Komponist eines traditionellen Liedes, das er lediglich harmonisiert hat. Damit gibt es eine Verbindung zur Volkskultur. 'Airs' sind typisch französisch; es gibt kaum damit vergleichbare Werke in anderen Sprachgebieten. Trotzdem gibt es eine inhaltliche Verbindung mit Italien. Die Texte handeln meistens von der Liebe, aber darin treten häufig Charaktere auf, die aus der Welt von Arkadien stammen. Und dieses imaginäre Land war auch das Ideal der italienischen Oberschichten, wie das u.a. in den Kammerkantaten zum Ausdruck kommt. Es gibt auch eine Verbindung zur Oper, wie Thomas Leconte im Textheft argumentiert. Daraus erklärt sich, dass ins Programm auch zwei kurze dramatische Stücke von Charpentier einbezogen wurden. Die dritte Folge ist chronologisch die erste, denn diese führt uns zurück zur Zeit der ursprünglichen 'air de cour' und sogar noch weiter, bis ins späte 16. Jahrhundert, mittels Chansons von Claude Le Jeune (c1530-1600). Er war einer jener Komponisten, die darum bemüht waren, den Text besser verständlich zu machen. Hier erklingen einige Chansons, die einen deklamatorischen Vortrag verlangen, und damit als Vorläufer der 'air de cour' betrachtet werden können. Weiter kommen die ersten grossen Vertreter der 'air de cour' zu Wort: Pierre Guédron, Antoine Boesset und - wiederum - Étienne Moulinié. Die Beliebtheit der 'air de cour' lässt sich daran ablesen, dass unter der Herrschaft der Könige Heinrich IV. und Ludwig XIII. um die 2300 'airs' gedruckt 29 TOCCATA - 120/2022 CD-UMSCHAU YouTube-Empfehlungen der Redaktion Drücken Sie auf den jeweiligen Link: https://www.youtube.com/watch?v=_3Sc9nec58M https://www.youtube.com/watch?v=x04g3gzH7HA https://www.youtube.com/watch?v=ws60GfWfd_w https://www.youtube.com/watch?v=i9X4k1RSOQc

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