Toccata 04/2022

wurden. Bei Moulinié finden wir auch 'airs' auf italienischen und spanischen Texten; ein Beispiel der ersten Kategorie steht auf dieser CD. Guédron war selber Sänger und Gesangslehrer. Bei ihm finden wir relativ einfache, aber auch sehr expressive 'airs'. Daneben gibt es populäre Lieder und einige 'airs de ballet'. Boesset ist hier mit nur einer 'air' vertreten, aber diese ist sehr interessant, da sie von einem 'double' versehen ist. Damit gibt sie einen Eindruck der Verzierungspraxis in diesem Repertoire. Ein Beispiel einer 'air spirituel' ist Mouliniés 'Dans le lit de la mort'. Die Darbietungen auf diesen beiden CDs sind generell sehr gut. Es ist schön, dass die Sänger konsequent eine historische Aussprache benutzen. Das ist leider noch immer relativ seltsam. Unter den Sängern findet man den belgischen Haute-contre Reinoud Van Mechelen, der heutzutage zurecht viel Furore macht. In der dritten Folge ist der Haute-contre Cyril Auvity, der auch gute Leistungen bringt. Angesichts des Umfangs des Repertoires ist es sehr zu hoffen, dass diese Reihe fortgesetzt wird. In gewissem Sinne könnte man die dritte CD als Fortsetzung betrachten, denn Les Kapsber'girls beschäftigen sich mit einer Gattung, die aus den 'airs' hervorging, und als 'brunette' bekannt wurde. Es ist gut möglich, dass Sie mal so ein Stück gehört haben, dann aber sehr wahrscheinlich als Instrumentalwerk in einem Sammelprogramm. Denn in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts haben mehrere Komponisten, darunter François Couperin, solche Lieder für Instrumente bearbeitet. Die Originale hört man dagegen selten. Deswegen ist diese Aufnahme sehr willkommen. Das Wort 'brunette' stammt aus dem Refrain eines 1703 von Christophe Ballard veröffentlichten Liedes. Auch die 'brunettes' widerspiegeln das arkadische Ideal. Aber diese idealisierte Welt findet ihr Gegenstück in der alltäglichen Wirklichkeit: es gibt auch Charaktere aus dem Volk. Die Leiterin des Ensembles, Albane Imbs, weist auf die gesellschaftlichen Zwänge hin, "in denen die menschlichen Gefühle ständig geknebelt und verborgen wurden". Die Wohlhabenden verspürten daher das Bedürfnis, "sich als Volkshirten und einfache Bauern vorzustellen bzw. sich in solche zu verwandeln, denen sie die - insgeheim beneidete - Freiheit zugestanden, sich ihren Gefühlen zügellos hinzugeben". Beide Welten sind im Programm vertreten. In den Liedern, die die Welt von Bauern und Hirten widerspiegeln, schlagen die Sängerinnen einen etwas volkstümlichen Ton an. Das scheint mir ein Fehler, denn es ist unwahrscheinlich, dass solche Lieder von den niederen Gesellschaftsschichten gesungen wurden. Ich hätte es bevorzugt, wenn sie sich für eine historische Aussprache entschieden hätten, wie Les Arts Florissants. Eine moderne Aussprache in diesen Liedern klingt mir unnatürlich in den Ohren. Trotzdem, diese CD ist von wesentlicher Bedeutung, da sie wohl zum ersten Mal eine wichtige Gattung im Frankreich des frühen 18. Jahrhundert zum Leben erweckt. Die vier Damen singen und spielen sehr gut. Johan van Veen 30 TOCCATA - 120/2022 CD-UMSCHAU von der Musikwissenschaftlerin Silke Leopold enthalten, die sich ebenfalls auf das DBI bezieht. Lora stützt sich außerdem noch auf ein Dokument in der Accademia filarmonica, auf eine Art Protokoll, das von einem Zeitgenossen Sandonis geführt wurde. Gut, da kann man dann wohl davon ausgehen, dass das Geburtsjahr darin korrekt ist. Absolut, ja. Und was gibt es an Musik von ihm, die erhalten ist? Was man heute von ihm in den Bibliotheken findet, ist ein Reprint seiner Erstausgabe in London: sechs Kantaten und drei Sonaten. Dann gibt es noch einen Nachdruck der Sonaten von 1706 – und das ist fast schon alles, bis auf ein paar Triosonaten, in einem Band mit Werken auch anderer Komponisten. Und dann eben die Kantaten. Wie kann es denn aber sein, dass von seinen Oratorien und Opern gar keine Musik erhalten ist? Wir reden ja nicht vom Mittelalter, sondern vom 18. Jahrhundert! Diese Frage habe ich mir auch gestellt, und ja, es gibt einzelne Arien, von denen die Musik erhalten ist, aber mehr nicht. Allerdings war es damals eben so, dass das Libretto gedruckt wurde, die Musik aber nicht. Sie war nur in Stimmen geschrieben, und da ging sie oft verloren. Seltsam. Die Opern und Oratorien wurden ja auch in ganz verschiedenen Häusern in ganz verschiedenen Ländern aufgeführt, so dass man doch glauben sollte, dass noch irgendwo einen Satz Stimmen erhalten geblieben wäre. Naja, vielleicht ist das so, und er wurde einfach noch nicht gefunden. Aber das ist natürlich das Schicksal von sehr vielen Werken: man findet fast immer die Libretti, aber die Musik geht eben irgendwie verloren. Das ist ganz eigenartig. Meine Hoffnung ist nun natürlich, dass die Leute durch unsere CD auf Sandoni aufmerksam werden und weiterforschen, das wünsche ich mir sehr! Aber warum kennt man diesen Sandoni heute überhaupt nicht? Ich kann mich wirklich nicht erinnern, jemals ein Stück von ihm gehört zu haben! Ich könnte mir vorstellen, dass das zum einen daran liegt, dass sich, als er nach seiner Zeit in London 1728 zurück nach Bologna zog, der Stil geändert hatte. Er hat sich dann außerdem auch von seiner Frau, der seinerzeit hochberühmten Sängerin Francesca Cuzzoni getrennt, und war vorher doch ein wenig ihr Anhängsel gewesen. So könnte ich mir vorstellen, dass er vielleicht auch nicht besonders clever darin war, seine Musik zu promoten, sie unter die Leute zu bringen, zu verbreiten. Was wir sicher wissen, ist, dass er ein ausgezeichneter Lehrer war, ein guter Cembalist und Improvisator, und das merkt man auch in seinen Werken für Tasteninstrument, von denen ich auch einige auf der CD spiele. Die sind auch in Drucken in England erschienen und diese Drucke gibt es auch noch, die konnte ich leicht bestellen; beziehungsweise der Erstdruck wird heutzutage sogar nachgedruckt. Ein anderer Punkt könnte sein, dass er, wie viele Komponisten seiner Zeit, vor allem für die Reichen, für die Adligen und die gebildete Schicht geschrieben hat. So ist diese Musik meist nicht schwer zu spielen – aber man muss sehr viel daraus machen. Die Komponisten waren damals ja selbst oft sehr gute Cembalisten und Komponisten, haben sicher extrem gut improvisiert, aber in den Drucken findet man oft eher leichtere Kost, die eben ein breiteres Publikum ansprechen sollte. Nicoleta Paraschivescu über ihre neue CD mit ihrem Ensemble La Floridiana und der Sopranistin Francesca Aspromonte mit Werken von Pier Giuseppe Sandoni (Deutsche Harmonia Mundi) Frau Paraschivescu, mit Ihrem Ensemble La Floridiana und der Sopranistin Francesca Aspromonte haben Sie kürzlich eine neue CD herausgebracht, die Sie Werken von Pier Giuseppe Sandoni gewidmet haben – ein Komponist des Barock, den man heute kaum noch kennt. Was war das für ein Mann? Sandoni ist in Bologna geboren und heute tatsächlich relativ unbekannt. Dabei hatte er wirklich schon eine unglaubliche Karriere hingelegt, bevor er 1715 nach London aufbrach. Da kam er dann 1716 an, und Händel engagierte ihn 1719 für sein Orchester. Ich selbst bin gerade dadurch auf ihn aufmerksam geworden, dass ich las, dass er neun, fast zehn Jahre in Händels Orchester in London am Cembalo gesessen hat. Man weiß auch, dass er ein sehr begehrter Gesangscoach war zu seiner Zeit: Charles Burney schreibt, er habe Anastasia Robinson unterrichtet. Und auch, dass seine Kantaten sehr früh in England publiziert worden sind, weist darauf hin, dass er Sponsoren aus den adligen Kreisen hatte, die ihm wohlgesonnen waren. Was sehr erstaunlich ist: er war in Bologna ein Schüler Bononcinis im Kontrapunkt, bei Salardi hatte er Orgelunterricht, und bekam mit 15 eine wichtige Stelle als Organist in seiner Heimatstadt. Doch was mich am meisten beeindruckt hat, war, dass er 1700 – mit 17 Jahren – schon Mitglied in der Accademia filarmonica war! Und das war damals eine sehr begehrte Institution, quasi ein Gütesiegel für Qualität, wenn man da dazugehörte! Da gab es allerdings Abstufungen, also man konnte erstmal als Musiker, als Spieler Mitglied werden – das war schon eine große Ehre und das wurde Sandoni 1700 – und 1702, also mit 19 Jahren, wurde er dann auch als Komponist aufgenommen. Moment: ich habe im New Grove gelesen, er sei 1685 geboren, wie Bach und Händel, war er dann 1702 nicht 17? Nein, er ist tatsächlich 1683 geboren! Es ist so, dass bestimmte Quellen in 1685 datiert haben, ich habe mich allerdings auf das DBI, das Dictionaro Bibliografico Italiano gestützt, da ist der neueste Beitrag zu Sandoni zu finden. Auch im MGG haben sie das noch nicht upgedatet. Und woher rührt dieser Irrtum? Es gab eine Quelle, die ihn jünger machen wollte, auf die sich frühere Forschungen offenbar stützten. Aber der Forscher Francesco Lora in Bologna hat dann weiter geforscht. Und wir haben ja leider keine Musik mehr zu den Opern von Sandoni, aber in einem Librettoheft, das erhalten ist, steht sein Alter und das Jahr. Außerdem hat Lora in Bologna auch noch seine Taufurkunde in Bologna gefunden: also, sein Geburtsjahr ist tatsächlich 1683, und das habe ich auch im Booklet der CD, in meinem Text über die Tastenmusik Sandonis, so erklärt. Darin ist übrigens auch noch ein Text über Sandonis Biografie und seine Tätigkeit in London

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