Toccata 04/2022

Das ist heute nicht anders (lacht)! Ja! Und was waren Ihre Quellen? Die drei, aus denen ich geschöpft habe bei der Tastenmusik, das ist der erste Druck von 1727, das ist der letzte Druck von 1744/45, und die wichtigste Quelle ist eine Handschrift. Und in dieser Handschrift findet sich eine Follia mit 23 Variationen, ein technisch sehr anspruchsvolles Stück, das auf der CD zu hören ist. Das hat er denn auch gar nicht gedruckt, weil er sowieso wusste: 24 Seiten, und so schwer – das wird alle abschrecken, das zu kaufen! Und dieses Stück habe ich eben auch aufgenommen. Daran sieht man, wie selektiv er bei den Drucken vorgegangen ist, und das war natürlich dann auch ein Stück weit der Todesstoß für diese leicht geschriebene Musik. Heutzutage sieht man das und mancher denkt sich vielleicht auf den ersten Blick: Ach, das ist so leicht, warum sollte ich das spielen? Aber als Musiker, der sich mit Alter Musik, mit Kompositionen aus dieser Zeit auseinandersetzt, weiß man: man kann sehr viel daraus machen, man kann in den Wiederholungen unglaublich viel improvisieren und verändern, man kann mit dieser Vorlage unglaublich viel Spaß haben! Wie sind Sie eigentlich auf diese Musik gekommen? Ich kann mich gar nicht genau erinnern, das ist schon ein paar Jahre her. Aber sicherlich hatte es damals mit diesem Bezug zu Hände. zu tun, über den ich gelesen hatte. Das hat mich fasziniert. Und dann noch, dass er Cuzzonis Ehemann war. Sie war damals eine sehr gefeierte Sängerin, und ich dachte, er habe vielleicht für sie geschrieben. Vor allem aber hatte ich ziemlich schnell den Eindruck, dass er ein fantastischer Cembalist war, und so habe ich begonnen, Sachen von ihm zu bestellen um ein bisschen einen Überblick zu bekommen, und tatsächlich sind einige seiner Kantaten sehr schön, auch gut geschrieben: Kammerkantaten, wahrscheinlich für reiche Adlige auf Bestellung komponiert, was ja auch ein Standbein für die Musiker in London war. Aber er war sicher nicht einer, der sich extrem bemüht hätte, seine Werke für die Nachwelt zu erhalten oder zu vermarkten. Im Gegenteil gibt es einen Brief des Kastraten Giacomo Berenstadt, der sehr viel mit Francesca Cuzzoni aufgetreten ist, in dem Sandonis Charakter nicht sehr schmeichelhaft geschildert wird: er und seine Frau seien extrem verschwenderisch und ständig pleite gewesen, hätten die Gagen Francescas verprasst, Sandoni sei großmannsüchtig und verleite seine Frau zu Dummheiten. Nun haben Sie bei den Recherchen für das Repertoire dieser CD auch zwei Stücke wiederentdeckt, die lange als verloren galten: Zwei Allemanden... Erzählen Sie! Nun, wir kennen ja alle das Clavier-Büchlein für Wilhelm Friedemann Bach. Das Autograf davon befindet sich in New Haven, und darin fehlt eine Seite. Als ich nun diese Handschrift aus Cardiff einsah, aus einer privaten Sammlung aus dem 18. Jahrhundert, spielte ich die Stücke durch – und in der auch auf der CD eingespielten g-Moll Suite Sandonis entdeckte ich eben die beiden Stücke aus dem Clavier-Büchlein BWV 836 und 837 – die Bach also von Sandoni hat! Die Erkenntnis, die wir daraus gewinnen, ist: erstens ist im Clavier-Büchlein eines der Stücke unvollständig, und jetzt können wir das rekonstruieren, und zweitens ist das eben eine Verbindung zwischen Bach und Sandoni, von der niemand gewusst hat – und wirklich auch renommierte Bachforscher fragten ganz erstaunt, wer das denn sei, dieser Sandoni? Momentan bin ich nun dabei herauszufinden, wie Bach zu dieser Quelle kam, denn die Musikwissenschaftler sind sich einig darüber, dass diese Stücke nicht von Bach selbst sind, und Wilhelm Friedemann war damals noch nicht mal zehn Jahre alt, er kann das nicht komponiert haben. Da werde ich im November auch einen Artikel dazu veröffentlichen. Wir hat man sich nun diese Musik von Sandoni vorzustellen, und was hat Sie daran gereizt? Mich hat vor allem dieser Stil gereizt: durchaus barock, aber auch galant. Und was mich auch noch sehr fasziniert hat, ist, dass doch relativ viel von seinen Kantaten und auch Tastenmusik erhalten ist, Sandoni trotzdem als Komponist ganz unbekannt ist, heute. Deshalb wollte ich seine Musik einfach entdecken. Insofern habe ich wirklich alles bestellt, was ich von ihm bekommen konnte, habe alles durchgespielt und dann auch sehr lange gebraucht, bis ich entschieden habe, was ich nehmen könnte. Das dritte, was mich gereizt hat, war die Nähe zu Cuzzoni und zu Händel, vor allem, weil mir klar war: wenn jemand so wie Sandoni viermal der Leiter der Accademia filarmonica wurde – was seinerzeit wirklich eine große, große Ehre war! –, dann muss er wirklich gut gewesen sein. Was mich am meisten gereizt hat, war aber letztendlich dieses spielerische Element in seiner Musik, dass man so viel aus ihr herausholen kann. Ich sehe die Musik, ich sehe, wie er denkt, und durch meinen Hintergrund als Partimento-Spielerin weiß ich, dass die Tastenmusik oft auch als Vorlage benutzt wurde, um Komposition zu unterrichten oder irgendwelche technischen Aufgaben zu erfüllen. Aber ich weiß auch zugleich: die Menschen, die Musiker damals, haben sehr viel daraus gemacht, haben das verändert und verziert. Man weiß auch von den Sängern, die damals Komposition studiert haben, dass sie im Stande waren, aus einer Arier aus dem Stegreif sieben verschiedene zu machen. Wie klingt die Musik, mehr nach Händel oder mehr nach Bach, ist sie eher durchkonstruiert oder melodienreich? Das ist ganz interessant: in der frühen Triosonate, die 1706 gedruckt wurde, hört man sehr viel Torelli und Albinoni, diesen frühen Stil, mit ganz klaren harmonischen Gängen. Das ist sehr konventionell. Hingegen in den Kantaten höre ich schon auch Händel, vor allem in der Art wie Sandoni instrumentiert, da merkt man ganz genau, dass die melodische Linie eine sehr wichtige Rolle spielt, aber die Musik hat auch eine hohe dramatische Qualität. Auch in den Cembalostücken ist das so: eine schöne melodische Linie, und mehrere kontrapunktische Stimmen. Und so etwas überzeugt mich immer am meisten, wenn ich Cembalomusik ansehe, denn wenn sie nur zweistimmig dünn ist, ist das oft ein bisschen zu wenig. Wie kamen Musiker und Sängerin mit diesem Repertoire zurecht, das ja noch keiner kannte? Naja, wenn wir am Ende zusammenkommen und die Sachen spielen und aufnehmen, und hören, wie die Musik klingt, dann ist das sozusagen wie die Kirsche auf dem Kuchen. Die wirkliche Sisyphusarbeit ist, die Handschriften in moderne Notation zu übersetzen. Und festzustellen, dass manche Kopisten Fehler gemacht haben und sich zu überlegen, wie man diese korrigiert. Denn in den Kantaten hatte ich zu 99 % nur eine Quelle. In den Proben war es dann sozusagen das reine Vergnügen. Sicher konnte man da auch noch das eine oder andere korrigieren, aber ich habe sehr gute Musiker, denen man nicht viel sagen muss, die sehr versiert sind. Wie groß ist die Besetzung? Sopran, Streicher und Continuo. Wir haben eine Kantate mit zwei Violinen, Viola und Continuo, in der zweiten Kantate und der Triosonate sind zwei Violinen und Continuo, in der dritten Kantate nur eine Violine besetzt. Und dann eben diese Suite gMoll für Cembalo. Gab es irgendwelche Überraschungen bei der Repertoire-Auswahl? Naja, ich war zum Beispiel ein wenig irritiert, als ich die Kantaten das erste Mal gesehen habe, weil da eine Arie ist, in der die Viola oft den Basspart übernimmt. Ich habe zuerst überlegt, ob das ein Fehler des Kopisten sein könnte – aber es klingt so gut, mit dieser Farbe, und das passt so hervorragend zum Text! Da geht es darum, dass die Sopranistin sagt, dass sie belogen wurde, und die Stimmen erzeugen eine so wunderbare Spannung, dass die Musiker im Ende begeistert waren! Wie liefen die Aufnahmen, hat alles gut geklappt? Die Aufnahmen waren in Seewen gemacht, in der Schweiz, und wir hatten gehofft, dass das Wetter nicht allzu gut ist, damit nicht so viele Leute ihren Rasen mähen … (lacht). Denn am Samstagmorgen schneiden die Schweizer gewöhnlich ihr Gras – und tatsächlich ging es einmal los, während wir aufnahmen. Diese Kirche, eine Barockkirche mit toller Akustik, steht nun auf einem Hügel, und man hört natürlich schon oft nochmal eine Kuh muhen oder eine Glocke, aber das mit dem Rasenmäher war schon deutlich heftiger. Einmal mussten wir tatsächlich den Hügel hinunter laufen und bitten, doch ein bisschen später weiter zu mähen (lacht). Ja, mit den Kühen kann man nicht diskutieren… Genau! Aber sie muhen immerhin nur kurz. Und ja, der Rest der Aufnahme hat dann auch wirklich gut geklappt. Warum sollen die Leute diese CD nun kaufen, was ist das Besondere daran, was wird die Hörer erfreuen – jetzt mal abgesehen davon, dass es ganz neues Repertoire ist? Es ist eine erfrischende Musik. Sie hat etwas ganz persönliches, und es war mir auch ein Anliegen, auf dem Cover nicht Cuzzoni‘s husband oder Handel‘s assistant zu schreiben, sondern ich wollte, dass Pier Giuseppe Sandoni für sich stehen kann. Und ich bin wirklich sehr erstaunt und glücklich, wie viel Aufmerksamkeit die CD seit ihrem Erscheinen vor ein paar Wochen schon bekam! Ich sehe es auch als meine Aufgabe an, für vergessene Komponisten Partei zu ergreifen und ich ermuntere die Leute als forschende Musikerin auch immer, offen zu sein, das gängige Repertoire zu erweitern – um heute unbekannte Komponisten, die aber eben vor 300 Jahren auch ihren Platz hatten. Und den sollten sie heute mit erhobenem Haupt wieder einnehmen dürfen! Fragen und Übertragung: Andrea Braun TOCCATA - 120/2022 31 CD-UMSCHAU

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