Toccata 04/2022

Frau Gent, Sie sind weit weg von den Futtertöpfen der Alten Musik-Szene Europas geboren: in Australien. War in Ihrer Jugend dort die Barockvioline, die historische Aufführungspraxis schon ein Thema, oder wie sind Sie darauf gekommen? Nun, ich habe mit der Geige in einem Alter angefangen, in dem wahrscheinlich die meisten Geiger so ungefähr beginnen, mit acht Jahren. In meiner Familie gab es eigentlich gar keine Musiker, aber damals kam ein Geigenlehrer in meine Grundschule, und ich glaube der Großteil meiner Mitschüler fing dann an, bei ihm Unterricht zu nehmen. Und er war ein sehr guter Lehrer, sehr zugänglich. So begann also auch ich damit, und in dieser Zeit machte ich auch noch viel Ballett, und liebte einfach die Musik und das Ballett – und das war wunderbar, denn es gab überhaupt keinen Druck, es machte nur Spaß. Im Laufe der Zeit kam ich dann doch auf den Gedanken, dass ich nach der Highschool Musik studieren wollte und ging dann also an die University of Western Australia, wo ich einen Lehrer hatte, der sehr interessiert an Alter Musik war. Und der selbst ein wirklich interessanter Lehrer war! Insofern ergab es sich ganz natürlich für mich, einfach mal das alte Instrument selber auszuprobieren, was damals sehr viele Leute machten. Und ja: das war ein gutes Gefühl! Nach ungefähr zwei Jahren meines Studiums dort kam mein späterer Lehrer, Ryo Terakado, für so eine Art Sommerkurs mit Masterclasses und ein paar Einzelstunden nach Australien, weil es damals eben so ein riesiges Interesse an historischer Aufführungspraxis bei uns gab. Und diese Erfahrung hat mich dann infiziert, da dachte ich, ja, das ist wirklich interessant. Danach zog ich danach Holland, um in Den Haag am Königlichen Konservatorium zu studieren; unter anderem übrigens auch, weil mich meine Eltern durchaus ermutigten, doch ein bisschen was von der Welt zu sehen. Außerdem war es so, dass ich einen anderen Studenten aus Australien schon kannte, der kurz zuvor nach Den Haag gegangen war, so dass sich also jemanden hatte, den ich fragen konnte, wenn irgendetwas nicht klar war in dem neuen Land. Das war dann ja noch vor der Zeit des Internets, bevor man schnell mal online nach Studentenzimmern und Vorlesungsverzeichnissen schauen konnte... Hmm, ich kann mich gar nicht erinnern… (lacht), aber ja: es gab so eine Zeit vor dem Internet und dem Smartphone, das war schon so (lacht)! Das hat die Dinge nicht einfacher gemacht. Also war das ein wirklich großer Schritt, auf den anderen Kontinent. Ja, schon, aber meine Mutter war in Holland geboren, deshalb lag eine gewisse Logik darin, dass ich dorthin zum Studieren ging. Ich hatte zwar auch einige andere Hochschulen in Erwägung gezogen, aber Den Haag war doch die erste Wahl, auch weil ich Ryo, der dort unterrichtete, schon ein bisschen kannte. Was waren dann die ersten Schritte in Ihrer Karriere? Das ging so Schrittchen für Schrittchen, während meiner Zeit in Den Haag. Ich habe dort sechs Jahre lang studiert, und wenn man an so einer Hochschule ist, dann merkt man es zwar eigentlich gar nicht so richtig, aber man schließt ständig Bekanntschaft mit neuen Musikern, Ensembles... Es begann damit, dass sich sehr viel mit Ryo spielte, vor allem in Belgien, in Holland; dann kam das Ricercar Consort dazu, weil Philippe Pierlot auch in Den Haag unterrichtete. Und ich liebe die Viola da Gamba, habe auch selber mal versucht, ein bisschen zu spielen, und ich liebe Consortmusik, deswegen hat mir das unglaublich viel Freude gemacht. Und ich musiziere ja immer noch mit ihnen. Außerdem habe ich noch ein bisschen mit La Petite Bande gespielt, aber inzwischen lebe ich in Frankreich, und arbeite vor allem mit französischen Gruppen. So ist das mit der Zeit ein bisschen eingeschlafen, in Belgien. Was hat Sie damals zu dem gemacht, was Sie heute als Musikerin sind: das Studium, die musikalischen Erfahrungen, bestimmte Leute...? Ich glaube, das Studium in Den Haag war schon wirklich wichtig für mich, und ich habe das auch unglaublich genossen. Ich hatte nicht nur bei Ryo Unterricht, sondern auch bei Sigiswald Kuijken, Wieland Kuijken, und das war alles unglaublich inspirierend. Dazu habe ich viele Aufnahmen angehört, und insgesamt einfach sehr, sehr viel gelernt. Wie würden Sie Ihr Spiel beschreiben? Gibt es etwas, das Sie anders machen als andere Geiger, oder was Ihnen einfach besonders wichtig ist? Naja, ich glaube, was wir alle möchten, ist einen Weg zu finden, der Musik Sinn zu verleihen, sie sprechen zu machen, sie bewegend zu machen. Und ich glaube, für mich war es als ich die alte Musik entdeckte so, dass sie eine ganze Reihe von Türen bei mir aufgeschlossen hat: dass ich anfing, nach der Persönlichkeit hinter einem Stück zu suchen, dass ich begann, über die anderen Arten von Musik nachzudenken, die in dieser Zeit geschrieben worden waren, oder was der Unterschied zwischen den Instrumenten war, mit Darmsaiten und anderen Elementen der historischen Aufführungspraxis. Und natürlich, wie das alles zu meinem eigenen Verständnis der Musik beitragen könnte. Es war also wirklich großartig, das alles studieren zu können und die Reise fortsetzen zu können, auf der ich mich befand, und heute denke ich, dass vor allem der Klang für mich sehr wichtig ist. Es ist, wie wenn man einen fantastischen Sänger hört: man muss gar nicht viel hören, einfach wenn er anfängt zu singen, denkt man: Mein Gott – das ist etwas, was ich wirklich hören möchte! Und in dieser Art denke ich oft an den Klang der Geige: ich möchte, dass er mitreißend ist, dass die Leute ihn unbedingt weiter hören wollen. Und wie erreichen Sie das? Hmm – naja, man muss einfach daran arbeiten glaube ich... (lacht) (Lacht) Ja, das hatte ich vermutet – oder genauer: ich möchte es hoffen! Ja, das passiert leider nicht von selbst (lacht)! Dann geht es aber auch darum, bei einer Aufführung immer ganz im Moment zu sein, also nicht darüber nachzudenken, was man tun wollte als man das Stück geübt hat, sondern eben diesen Augenblick zu spüren, in dem man ist, die Verbindung zu welcher Situation immer zu verspüren, in der man sich gerade befindet. Ja, ich glaube das ist wirklich wichtig. Und welche Art von Klang haben Sie da konkret im Auge: möchten Sie eher süß und lieblich klingen, oder rau, oder kräftig…? Alles! Letztendlich geht es immer um Kontrast. Der Weg, die Leute zum Zuhören zu bringen ist unglaubliche Vielfalt, in jedem Aspekt, besonders natürlich in der Dynamik. Aber gerade im Hinblick auf den Klang ist es auch ein Schlüsselelement, dass man nicht die ganze Zeit einen zu schönen Klang haben darf; man darf genau genommen eigentlich gar nichts die ganze Zeit haben. Es hängt natürlich auch davon ab was man spielt, aber im Grunde gilt für jede Musik: Variation, Abwechslung, Vielfalt ist extrem wichtig. Was ist dieser Tage Ihre Hauptbeschäftigung: solistisches Spiel, mit einem bestimmten Ensemble oder mit vielen…? Meistens mache ich eigentlich Kammermusik, und ich bekomme auch die meisten Anfragen von Kammermusikensembles. Sie hatten ja auch mal Ihre eigene Gruppe, oder? Ja, für eine Weile. Aber tatsächlich ist es mir lieber, immer wieder mit anderen Leuten zu spielen: auch hier finde ich die Vielfalt wirklich erfüllend. Mit wem spielen Sie da? Zum Beispiel mit Ricercar Consort, die ich ja schon genannt hatte, und das ist oft Kammermusik, also ein Repertoire, dass ich wirklich liebe. Dann spiele ich regelmäßig mit Maude Gratton, der Cembalistin, und auch ihrer Gruppe Il Convito, in der wir auch Kammermusik machen. Weiter bin ich beim Ensemble Masques dabei, mit Olivier Fortin, das auch in Frankreich zuhause ist; dann spiele ich mit Bertrand Cuiller, auch ein Cembalist aus Frankreich, und schließlich ist da noch das Ensemble Pygmalion, das ist ein etwas größeres Orchester. Dazu kommt noch eine englische Gruppe, Arcangelo, mit Jonathan Cohen, wo wir viel Buxtehude machen, viel Kammermusik. Und dann sind da noch solche Projekte, wie ein ganz wunderschönes Biber-Rezital, mit Jean Rondeau am Cembalo, Thomas Dunford, Laute, und Myriam Rignol, Gambe. Ja, und damit versuche ich also, immer die richtige Balance zu finden zwischen meiner Arbeit, ausreichendem Einkommen, aber auch Zeit zuhause – ich habe zwei kleine Kinder – und nicht zu viel Reiserei. Und natürlich schönen Konzerten! Und wir haben Sie diesbezüglich die Coronazeit überstanden? Naja, ich lebe in Frankreich, und da gibt es einen gutes System für so ein bisschen Unterstützung der Musiker. Und natürlich, ich habe kleine Kinder, und wir leben auf dem Lande, und so war INTERVIEW 32 TOCCATA - 120/2022 SSOPHIE GGENT,,VIOLINEE

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