Toccata 04/2022

ganze Reihe von Leuten die ich nach und nach getroffen habe und die wichtig für mich und meinen Werdegang waren. Zum Beispiel der katalanische Cellist Lluis Claret, der, als ich in Spanien am Konservatorium studierte, kam, um Meisterklassen zu geben. Und ich hatte das Gefühl, er geht die Musik auf ganz andere Weise an als die Lehrer, die ich vorher gehabt hatte, und das eröffnete mir ganz neue Welten. Ja, und je mehr ich dann mit der Zeit reiste, desto mehr Leute traf ich auch. Da erinnere ich mich besonders an Marcio Carneiro, der damals in Detmold unterrichtete und zu dem ich häufig für ein paar Stunden fuhr. Er war auch eine Persönlichkeit, die in diesen Zeiten des modernen Cellospiels für mich sehr wichtig war. Aber die wesentlichste Inspiration war einfach die Welt der Alten Musik, die ich in Holland kennenlernte. Dort habe ich ja dann in Den Haag bei Lucia Swarts studiert, und durch sie habe ich wiederum ihren früheren Lehrer Anner Bijlsma kennen gelernt. Er war damals schon in Pension und hat nicht mehr regulär unterrichtet, aber er mochte mich, lud mich zu sich nach Hause ein, um bei ihm Stunden zu nehmen, und das hat mich extrem beeindruckt und beeinflusst. Er hat ja eben nicht mehr an der Hochschule unterrichtet, sondern er hatte Zeit, er war in Rente, und unterrichtete eben aber noch so ein paar Studenten. Manchmal dauerte dieser Unterricht in meinem Falle Stunden, dann warf er mich wieder nach ein paar Minuten raus, weil er Hunger hatte, oder etwas trinken wollte –, wie er eben gerade drauf war und wie es lief im Unterricht. Manchmal war’s also ganz seltsam mit ihm, aber immer lustig, und eine ganz spezielle Art des Lernens. Dadurch war er aber auch eine unglaubliche Inspiration, ehrlich gesagt mehr als die regulären Unterrichtsstunden am Konservatorium! Also eher eine menschliche Erfahrung, als eine technische... (lacht) Genau! In dieser Zeit habe ich mich auch immer mehr für das barocke Cello interessiert, widmete ihm immer mehr Zeit, und irgendwann fiel das moderne dann ganz hinten runter. Wann haben Sie dann begonnen, wirklich in der Alten Musik-Szene zu spielen, Ihr Brot zu verdienen? Naja, als ich noch in Spanien war, habe ich so ein bisschen mit dem Barockcello angefangen, aber ganz am Rande, doch in Holland ging das dann recht schnell. Zuerst einmal wurde ich als Solocellist im EUBO, im European Union Baroque Orchestra angenommen – das war so vor 15 Jahren – und mehr oder weniger gleichzeitig begann ich dann, mit Christina Pluhar zu arbeiten, mit L‘Arpeggiata. Das war damals ein großer Schritt für mich, denn das war ja ein sehr bekanntes Ensemble – auch wenn die Sachen, die wir da gemacht haben, manchmal ein bisschen seltsam waren; manchmal die Musik, manchmal auch andere Sachen (lacht). Und es war natürlich mein Glück, dass ich Cellist war, denn damit war ich nur in den barocken Produktionen dabei, wo es Continuo brauchte, nicht bei den anderen Projekten, die sie gemacht hat. Nichtsdestotrotz war es für mich eine gute Erfahrung, denn das war eben mein Einstieg in die professionelle Alte Musik-Szene, und dann mit so einer bekannten Gruppe, bei der ich dann auch gute Solisten kennenlernte, die besten Konzertsäle und spannendsten Festivals. Das war während der Zeit, die ich mit Christina gearbeitet habe, perfekt für mich. Irgendwann hatte ich dann selbst so viele Auftritte und Einladungen als Solist und mit meinem Ensemble, dass ich beschlossen haben, L‘Arpeggiata zu verlassen; aber im Nachhinein muss ich sagen, dass es wirklich eine gute Gelegenheit für mich war, zu lernen, wie die Dinge eben laufen, bei den großen Festivals und Konzertsälen. Ja, und Sie erwähnten es schon: irgendwann haben Sie dann Ihr eigenes Ensemble, La Ritirata, gegründet. Soweit ich weiß, noch während Ihrer Studienzeit in Den Haag, oder? Ja. Erzählen Sie davon: was will der Name bedeuten, was ist Ihr Hauptrepertoire, was macht die Gruppe aus? Das war so ungefähr 2008, als für mich schon klar war, dass die Alte Musik für mein Leben wichtig ist, ich habe schon mit dem EUBO gearbeitet, eben auch mit L‘Arpeggiata, und erste Einblicke in die Szene bekommen. Naja, und außerdem bin ich eben ein Cellist, ich bin Spanier, und wollte einfach auch meine eigenen Projekte machen, meine eigene Stimme haben. Und dann gab es da diesen Komponisten, der mich sofort fasziniert hat: Luigi Boccherini. Er war wie ich Cellist gewesen, war zwar in Lucca in Italien geboren, hatte aber den größten Teil seines Lebens in Spanien verbracht und starb auch in Madrid. Ich kannte seine Werke damals schon ganz gut, wusste viel über sein Leben, besuchte auch den Palast, in dem er hier in der Nähe von Avila gearbeitet hat, und fühlte mich ihm überhaupt irgendwie sehr verbunden. So beschloss ich, mein Ensemble La Ritirata zu nennen, was soviel wie der Rückzug heißt. So hat Boccherini nämlich den letzten Satz seines berühmten Quintetts La Musica Notturna delle strade di Madrid überschrieben: La Ritirata di Madrid, und so ist unser Name eine Hommage an ihn. Wie würden Sie Ihr Ensemble beschreiben, was macht es besonders? Für mich war immer der Fakt besonders interessant, dass ich als Leiter der Gruppe eben ein Cellist bin. Das findet man nicht so oft; meistens sind die künstlerischen Leiter doch eher Cembalisten, oder vielleicht noch Geiger. Als Cellist sieht man die Dinge aber natürlich in einer anderen Art und Weise als ein Geiger oder Tastenspieler, und ich hatte ja auch schon einige Erfahrung mit Ensembles, auch mit Orchestern mit dem modernen Cello gemacht, hatte da beim Concertgebouw Orchestra in Amsterdam mitgespielt, auch bei großen Orchestern in Spanien. Aber alles eben mit dem modernen Cello. Nun war ich aber Barockcellist, und noch dazu ein Spanier – was damals noch ein bisschen ungewöhnlich war, obwohl es heute viele spanische Alte Musik-Gruppen und -musiker gibt – aber damals, vor 14 Jahren, als ich mein Ensemble gegründet habe, gab es eigentlich nur Jordi Savall. Das hatte aber auch den Vorteil, dass ich in ganz mein eigenes Ding machen konnte, und so beschloss ich, ein bisschen einen Fokus auf Luigi Boccherini zulegen, einen Komponisten, der so auf dem halben Weg zwischen Barock und Klassik zugange war. Das war natürlich gleichzeitig eine wichtige Entscheidung im Hinblick auf unseren Klang, denn darin sind wir eben nicht rein Barock-orientiert, sondern wir machen eigentlich alles; also alles, wobei das historische Cello Sinn macht. Das beginnt mit dem italienischen Seicento, in dem das Cello erstmals auftauchte, bis in die Romantik, denn auch da ist ein historisches Cello mit Darmsaiten durchaus noch am rechten Platz. Insofern haben wir ein recht breit gefächertes Repertoire. Und ja, ein Cellist als künstlerischer Leiter macht die Dinge natürlich sowieso ein bisschen besonders. Ist die Besetzung der Gruppe immer mehr oder weniger dieselbe? Ja, das ist zumindest meine Idee. Ich hatte diese Erfahrung aus den modernen Streichquartetten, wie gut das funktioniert, wenn immer dieselben Mitglieder mitspielen, wie leicht es die Dinge macht, wenn man alle Mitspieler kennt. Und dann erlebte ich bei einigen Alte Musik-Gruppen, wie es ist, wenn ständig neue und andere Leute mitspielen... Ja, die berühmte Capella telefonica... (lacht) Ja, genau (lacht)! Diese Erfahrungen brachten mich dann dazu, zu sagen, ich möchte nach Möglichkeit immer die selben Leute dabei haben. Das klappt natürlich nicht immer, manchmal ist jemand nicht frei, und wir haben natürlich auch unterschiedlich große Besetzungen – vom Boccherini-Trio bis zum Oratorium von Alessandro Scarlatti –, aber soweit irgend möglich, arbeite ich doch immer mit dieser fixen Besetzung. Wir spielen natürlich unterschiedliche Instrumente, je nachdem, ob wir barockes oder klassisches oder romantisches Repertoire machen, das schon! Aber unser Geiger ist zum Beispiel normalerweise Hiro Kurosaki, unsere Blockflötisten ist Tamar Lalo und so weiter. Wie funktioniert das, wenn Sie so verschiedene Epochen machen, manchmal ja sogar auf derselben CD, wie auf The Evolution of the Cello? Naja, eben mit den unterschiedlichen Instrumenten: ich habe ein barockes Cello, ein klassisches, eines für die Romantik, ein Violoncello piccolo mit fünf Saiten, und so weiter. Und natürlich die entsprechenden Bögen. Das ist in einem Konzert schwierig, aber für eine CD geht das schon. Und haben Sie ein Lieblingsrepertoire, jetzt mal abgesehen von Boccherini? Ich interessiere mich besonders für das, was in dieser Zeit zwischen Barock und Klassik los war, im Spätbarock, oder zu Beginn der klassischen Zeit. Die meisten unserer Konzertprogramme oder auch CDs sind irgendwie monographisch hinsichtlich des Stils oder der Epoche, und die CD, die Sie genannt haben, war die erste Ausnahme. Ich fand, es wäre sehr interessant, zu sehen, wie das Cello und das Cellospiel sich verändert haben, auch die Art der Musik, die man für dieses Instrument schrieb. Das hat sich vom Beginn der Barockzeit bis Johann Sebastian Bach so INTERVIEW 34 TOCCATA - 120/2022

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