Toccata 04/2022

sehr verändert, und so habe ich beschlossen, diese Zeitspanne auf der CD abzubilden, und ich bin auch wirklich glücklich mit dem Ergebnis. Aber ja, die meisten CDs von La Ritirata sind schon irgendwie auf eine Idee, einen Komponisten fokussiert. Was machen Sie am meisten: solistisch spielen, mit La Ritirata, oder auch mit anderen Gruppen? Ich denke, das teilt sich zwischen meiner Tätigkeit als künstlerischer Leiter oder auch Dirigent meines Ensembles und meiner solistischen Arbeit. Und beides liebe ich sehr. Ich habe natürlich auch viele Aufnahmen, viele Konzerte mit anderen Gruppen, mit Orchestern gemacht, als Continuospieler oder auch als Solist, aber die künstlerische Leitung meines eigenen Ensembles, das interessiert mich am meisten. Manchmal vom Cello aus, manchmal, wenn wir größer besetzt sind, auch wirklich als Dirigent von vorne – bei Oratorien zum Beispiel. Aber ja: es ist auch wunderbar, solistische Cellomusik zu spielen, die Bach-Suiten und all dieses großartige Repertoire, das wir haben! Also versuche ich immer, eine gewisse Balance zwischen diesen verschiedenen Tätigkeiten zu haben. Dieses Jahr habe ich auch meine erste Solo-CD als Cellist gemacht, und jetzt schaue ich mal, wie stark das Interesse dafür ist, und vielleicht nehme ich in den nächsten Jahren dann noch mehr auf, spiele auch mehr Solorecitals. Das ist auch eine sehr schöne Erfahrung für mich. Wo sehen Sie sich in der Zukunft, sagen wir: in zehn Jahren? Ach, ich hatte es eigentlich nie besonders wichtig, bestimmte Dinge in einer bestimmten Zeit oder sehr schnell zu machen. Ich versuche einfach, immer weiterzuarbeiten. Natürlich haben wir mit La Ritirata seit der Gründung vor 14 Jahren ziemlich viel gemacht, ganz unterschiedliche Sachen, und ab und an eben auch größere Besetzungen. Aber ich muss sagen, ich bin eigentlich nicht der Meinung, größer sei besser; und obwohl ich das sehr gerne tue, habe ich jetzt nicht die Vision, dass ich nun immer größere Besetzungen und irgendwann eine Oper dirigieren möchte. Ich genieße es einfach auch sehr, ein Konzert mit Boccherini-Trios mit drei Leuten zu spielen – überhaupt Kammermusik. Insofern möchte ich in der Zukunft vor allem als Musiker weiterwachsen, als Persönlichkeit, und daran auch immer arbeiten, aber ich habe keine Pläne, verstärkt größere Besetzungen und Programme zu machen. Ich möchte einfach weiterhin Musik entdecken, die mich und meine Kollegen motiviert und inspiriert. Wie ist das denn heute für Sie, wenn Sie frühere Aufnahmen von sich und ihrer Gruppe anhören: sind Sie schon alt genug, um zu sagen: oh du meine Güte, das würde ich heute ganz anders, viel besser machen? Also, viel besser – das weiß ich nicht. Aber sicherlich anders. Früher habe ich manche Dinger doch anders gesehen und habe mich durchaus verändert. Ich erinnere mich an eine Aufnahme, die wir ganz zu Beginn unseres Zusammenspiels gemacht haben, und die Hiro dann an William Christie weitergab. Und der sagte, ich würde schon alles sehr schnell spielen... Ich war damals aber ja auch noch ziemlich jung, und wenn ich heute diese alten CDs anhöre, dann denke ich oft: ja, also gut, vielleicht hatte er recht (lacht)! Man sieht die Dinge einfach anders, wenn man älter wird – aber ich bin mir nicht sicher, ob das dann immer besser ist. Trotzdem: es war und ist immer interessant für mich, Musik zu machen. Am Anfang wusste ich ja nicht, was aus dem Ensemble werden, in welche Richtung das gehen würde. Ich wollte einfach mein eigenes Ensemble haben, begann, meine Programme und Projekte vorzuschlagen, aber da war noch kein fester Plan dahinter. Ich hätte auch nie gedacht, dass wir nun, 14 Jahre später, so viele CDs und Konzerte gespielt hätten! Das war also eher unerwartet; aber ich bin sehr glücklich darüber. Also Sie hatten keinen Fünfjahresplan oder sowas (lacht)... Nein, nein (lacht)! Anfangs wollte ich einfach meine eigene Vision der Musik umsetzen können, weil ich im Laufe der Zeit, während ich mit anderen Gruppen spielte, festgestellt habe, dass ich doch auch selbst etwas zu sagen hatte. Und was steht in der nächsten Zeit an? Nun, wir arbeiten natürlich immer an so einigen Projekten für die fernere Zukunft, und eines ist zum Beispiel eine große Tour, vor allem durch Spanien, mit Werken von Francesco Mancini, einem neapolitanischen Komponisten. Von ihm haben wir schon ein Blockflötenkonzert gespielt, mit unserer Blockflötisten Tamar Lalo, die übrigens ein Gründungsmitglied der Gruppe ist, und das war war ganz wunderbare Musik. Mit sehr schöner Kammermusik von ihm wollen wir nun Mancinis 350. Geburtstag feiern. Dann machen wir mit einem Programm mit Bachs Cembalokonzerten weiter, dass wir schon in Madrid gespielt haben, mit Pierre Hantaï, dem bekannten französischen Cembalisten, zusammen mit drei der interessantesten Cembalisten unserer Tage in Spanien, Diego Ares, Ignacio Prego und Daniel Oyarzabal. Da hatten wir eben das Glück, in Madrid für die Concerti Bachs mit zwei, drei und vier Cembali eingeladen zu werden, und dieses Programm wollen wir noch ein paarmal zur Aufführung bringen. Daneben haben wir ein paar hübsche Kammermusikprogramme mit Boccherini und ein paar anderen Komponisten in Planung, und außerdem möchte ich auch weiterhin Cello-Recitals spielen, um auch dieses Solorepertoire weiterhin zu erforschen. Also, der Kalender ist nun, nach der Coronazeit, wieder ganz gut gefüllt – und darüber bin ich sehr glücklich! Fragen, Übersetzung aus dem Englischen und Übertragung: Andrea Braun Bettina Winkler Frau Winkler, wir haben vor einiger Zeit eine kleine Serie über Podcasts und Radiosendungen zur Alten Musik begonnen, in denen wir mit der Zeit so die wichtigsten Sender, Programme und Protagonistinnen im Gespräch vorstellen möchten. Sie sind nun Redakteurin beim Südwestrundfunk in Baden-Baden, und als solche unter anderem auch für die Alte Musik zuständig. Was hat der SWR denn in diesem Bereich zu bieten? Vor allem gibt es da eine regelmäßige Sendung, die früher am Donnerstagabend lief. Nach unserer Programmreform im letzten September sind wir nun auf den Sonntagnachmittag gerutscht, 35 TOCCATA - 120/2022 INTERVIEW Josetxu Obregón, Foto: Pablo F Juárez

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