Toccata 04/2022

INTERVIEW 36 TOCCATA - 120/2022 von 16:05 Uhr bis 17:00 Uhr; was für uns kein schlechter Sendeplatz ist, da wir während des ARD Radio-Festivals auf diese Art und Weise nicht ausfallen, wie das bei den Abendsendungen früher der Fall war. Es gibt natürlich immer mal einen Tag, wo doch etwas ausfällt – wenn Weihnachten auf einen Sonntag fällt oder so –, aber im Großen und Ganzen sind wir nahezu jeden Sonntag um 16:05 Uhr in SWR2 zu hören. Und Sonntagnachmittag ist ja auch für die Hörer meistens nicht schlecht, oder? Da haben doch viele Leute Zeit zum Radiohören... Ja, ich habe schon das Gefühl, dass das von den Hörern ganz gut angenommen wird. Außerdem läuft davor die SendungZur Person, in der jeweils ein Musiker vorgestellt wird, und danach das Magazin SWR2 Lesenswert, so dass die Sendung auch ganz apart eingebettet ist. Das einzige, was wir ein wenig bedenken müssen ist, dass wir hinsichtlich der Musikauswahl nun ein bisschen berücksichtigen müssen, dass eben Sonntagnachmittag ist. Am Donnerstagabend habe ich bisweilen sehr alte Musik gemacht, das ging bis zur Musik der Griechen oder zu steinzeitlichen Instrumenten – etwa diese Knochenflöten, die da gefunden wurden und dergleichen –, aber das schien uns dann für den Sonntagnachmittag fast zu exotisch. Also, als ein Stück in irgendeinem Kontext, das ist schon möglich, aber monothematisch in so eine ganz, ganz entfernte Welt einzutauchen: das sollte man vielleicht nicht jeden Sonntag machen. Und was wird in dieser Sendung nun überhaupt geboten? Sind das Einzelbeiträge, oder ein großes Feature, Plattenvorstellungen...? Wir sind drei Redakteurinnen: ich, Doris Blaich aus Stuttgart, die dort sozusagen mein Gegenüber in der Alten Musik ist und auch die meisten Aufnahmen in diesem Bereich macht, und bis vor kurzem noch Dagmar Munck-Sandner, die allerdings gerade in den Ruhestand gegangen ist. Für sie kommt demnächst eine Nachfolgerin, die wir aber noch nicht kennen. Wir drei betreuen also diesen Sendeplatz, und da wir dafür nicht sehr viel Etat haben, müssen wir die Sendung auch immer selbst machen. So ist sie nicht in dem Sinne ein Alte Musik-Magazin mit einzelnen Beiträgen, wie wir sie etwa in TreffpunktKlassik haben – da allerdings nicht fokussiert auf Alte Musik –, sondern wir haben uns darauf geeinigt, jede zweite Woche ein bestimmtes Thema zu bearbeiten. Dieses Konzept entstand natürlich auch im Hinblick darauf, dass die Sendung für uns zeitlich zu bewältigen sein muss, und das Thema kann also ein Komponist sein, ein Phänomen, ein bestimmter Ort, oder was auch immer. An den Sonntagen dazwischen stellen wir dann neue CDs vor – auch, weil wir inzwischen keine richtige CD-Neuheiten-Sendung mehr haben, wie es sie vor der Programmreform auch am Sonntag gab. Aber gerade im Bereich Alte Musik gibt es natürlich unglaublich viele Neuerscheinungen, und es sind ständig jede Menge interessanter Sachen dabei. So haben wir uns eben entschieden, die jeden zweiten Sonntag vorzustellen. Lassen Sie mich da einhaken: Sie sagen, es gibt unglaublich viele CDs in der Alten Musik, und wenn man nun auch noch bedenkt, dass von der Klassik abwärts inzwischen fast alles in historischer Aufführungspraxis gespielt wird – kommt der Alten Musik dann nicht, wenn man die Gesamtspielzeit des SWR betrachtet, herzlich wenig Sendezeit zu? In der Relation, meine ich. Naja, es ist natürlich nicht so, dass an anderen Sendeplätzen nicht auch Alte Musik laufen würde – sei es imMittagskonzert oder imAbendkonzert in Mitschnitten aus entsprechenden Aufführungen, oder einzelne Stücke im Programm von TreffpunktKlassik, oder im Nachtkonzert; also, sie ist schon über das gesamte Programm verteilt. Aber dann eben nicht dezidiert in ausgewiesenen Alte MusikSendungen. Ein Beispiel ist die Kantate am Sonntagmorgen, wo man sich sicher sein kann, dass man eben eine Kantate hört – sei es von Bach oder Telemann oder Graupner oder was auch immer. Und oft auch in historischer Aufführungspraxis. Also kurz gesagt: wir haben zwar nur diesen einen ausgewiesenen Alte Musik-Platz, aber das heißt nicht, dass sonst keine Alte Musik läuft. Und wenn ich Sie nun als Anwältin der Alten Musik innerhalb des SWR missbrauchen darf: wie sehen Sie die historische Aufführungspraxis generell in Ihrem Sender repräsentiert? Ich glaube, wir stehen da gar nicht mal so schlecht da. Natürlich kann man immer sagen, wir könnten noch mehr gebrauchen, noch weitere Sendeplätze. Aber es wird doch erstaunlich viel auch an CDs produziert, Koproduktionen mit Labels, was vor allem Doris Blaich macht, früher auch Dagmar Munck. Sie haben jede Menge Kontakte zu Ensembles, oder solche Produktionen laufen häufig auch über Festivals, wie etwa das Festival Europäische Kirchenmusik in Schwäbisch Gmünd, das Bachfest Stuttgart, in Bruchsal ist auch immer mal ein Alte MusikKonzert dabei, und so weiter. Doris Blaich betreute auch noch die Ettlinger Schloss-Konzerte mit, bei denen ebenfalls viel dabei ist, ich darf noch in Fautenbach die Konzerte in der Alten Kirche ein bisschen mitbetreuen und mitkuratieren, und auch da bemühen wir uns, dass von den sechs Abokonzerten mindestens ein bis zwei mit historischer Aufführungspraxis dabei sind, die wir dann auch im SWR-Programm abbilden können. Und dann natürlich meine Kollegin Christiane Lux in Freiburg, wo wir viele Konzerte des Freiburger Barockorchesters mitschneiden; da geschieht auch einiges. Insofern würde ich mal sagen: klar, man könnte immer noch mehr haben (lacht)! Aber so schlecht sind wir nicht, in der Relation auch zur Neuen Musik. Nach der Programmreform haben wir beispielsweise nun ab 22:00 Uhr immer Wiederholungen von Sendungen, und da ist sogar einiges für die neuere Musik, für den Jazz verloren gegangen. Diese Sendungen sind auf andere Abendschienen gerutscht und das eine oder andere auch reduziert worden. Jeder hat ein bisschen Federn lassen müssen. Und wie wird die Alte Musik-Sendung, wie wird die Alte Musik insgesamt von Ihren Hörern angenommen? Gut, soweit ich das sagen kann. Es ist doch eine sehr wache, aktive Szene. Haben Sie denn auch Podcasts zu Alten Musik beim SWR, wie etwa der BR oder mdr? Nein, haben wir nicht – oder noch nicht. Das hat natürlich auch ein bisschen mit unseren Kapazitäten zu tun, denn einen guten Podcast zu machen ist ja gar nicht so ohne... Oh ja! Und wenn Sie nun CD Produktionen machen: wie gehen sie da vor, im Sender? Nun, wenn da Vorschläge von Musikern kommen, dann spreche ich das immer mit Doris Blaich ab, die unsere Produktionsleiterin für diese Projekte ist, und dann überlegen wir eben: wie ist das mit dem Repertoire, ist das etwas, was schon zwanzigmal aufgenommen wurde, ist es vielleicht auch interessant für unser Programm, haben wir da vielleicht eine junge Musikerin, die wir gerne unterstützen würden? Und um solche Produktionen, die dann vielleicht auch Teil einer Alte Musik-Sendung werden, kümmere ich mich auch gern. Allerdings mache ich selbst vielleicht eine oder maximal zwei solcher CDs im Jahr, mehr nicht. Die Produktionsetats für diese Koproduktionen sind aber natürlich inzwischen auch wirklich stark geschrumpft, so dass wir schon sehr sorgfältig überlegen, ob wir eine CD auch für unser Programm verwenden können – eventuell sogar mehrfach. Und sie sollte vielleicht auch dem Rundfunkstaatsvertrag entsprechen, der sagt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender nach Möglichkeit eher etwas Neues in die Welt schicken und unterstützen sollen. Genau, also eher nicht die hundertste Fassung von Bachs Cellosuiten. Es sei denn, es wäre irgendwie im Rahmen von New Talent, bei einer Produktionen, bei der eine solche Suite dabei ist; das wäre noch akzeptabel. Wie ist denn Ihr Onlineangebot in der Alten Musik? Unsere Sendungen zur Alten Musik mit den neuen CDs lassen wir normalerweise vier Wochen im Netz stehen. Die kann man da nicht downloaden, aber nachhören. Und die thematischen Sendungen lassen wir mittlerweile, wie die Musikstundenauch, ein Jahr zum Nachhören online. Man kann sie dann natürlich auch mit der SWR2-App hören. Früher durften wir sie immer nur eine Woche stehenlassen, aber seitdem wir die Musikstunden ein Jahr bekommen haben, weil sie gewissermaßen einen erzieherischen Wert haben und zur Musikvermittlung beitragen, dürfen unsere thematischen Sendungen auch länger im Netz bleiben, weil sie ja die gleiche Absicht verfolgen. Eben trotz der Musiken – denn das ist ja immer das Problem, dass die Musikrechte beschränkt sind. Wir fühlen uns auch ein Stück weit verpflichtet, sie länger verfügbar zu halten; gerade heute, in der Zeit von Mediatheken, in denen Free listening auch ein Thema wäre: ob man überlegt, die Sendungen schon vor einer Aussendung verfügbar zu machen und so weiter. Und man kann das Programm des SWR ja heutzutage in ganz Deutschland und darüber hinaus online hören, es betrifft also nicht nur die Bewohner des Südwestens. Ja, das ist ohnehin kein Problem.

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