Toccata 04/2022

37 INTERVIEW TOCCATA - 120/2022 Wie sehen Sie denn die Zukunft der Alten Musik im deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk generell und im SWR insbesondere? Ich denke, sofern wir als Kulturradio überhaupt eine Zukunft haben – wie auch immer die in den nächsten Jahren aussehen wird – wird sich noch einiges ändern, was die Kulturprogramme angeht, was deren Möglichkeiten betrifft. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es da noch irgendwelche Fusionen untereinander geben wird, aber hoffe doch, dass die Alte Musik nichtsdestotrotz immer eine große Rolle spielen wird; gerade, weil die Alte Musik-Szene doch eigentlich eine sehr lebendige und agile ist. Sie findet immer wieder auch Nischen und dadurch erhoffe ich mir, dass sie auch weiterhin gerne gehört wird; wenn man jetzt vielleicht nicht so ins ganz, ganz tiefe Mittelalter hinabsteigt, was natürlich mein ganz besonderes Faible ist...! Aber gerade da gibt es ja noch besonders viel zu entdecken! Ja, da gibt es wirklich unglaublich viel! Ich bin jetzt seit 25 Jahren beim Funk, und ich habe nirgendwo so viel für mich neues Repertoire entdeckt, wie in der Alten Musik, je älter, desto mehr! Natürlich! Was kann denn ein Symphonieorchester heute noch an neuem Repertoire zutage fördern , wenn wir mal von zeitgenössischen Auftragskompositionen ab und an absehen? Aber die Bibliotheken sind voll mit Unbekanntem aus Mittelalter, Renaissance, Barock... Ja, das ist im Vergleich wenig, was ein Symphonieorchester machen kann. Aber was ich spannend finde, und was nun auch durch die ganze Diversity-Debatte ins Rollen gekommen ist, das sind die schwarzen amerikanischen Komponisten und Komponistinnen: jemand wie Florence Price oder William Grant Still. Von ihnen gab es lange überhaupt keine Aufnahmen, schon gar keine ordentlichen, aber momentan wird da ganz viel Repertoire eingespielt – und wirklich von namhaften und tollen Musikern, Ensembles, auch aus der schwarzen Szene! In diesem Bereich ist also wirklich noch ein großes Repertoire zu entdecken, denn das lag ziemlich lange brach – zumindest was den europäischen Markt angeht. In den USA hatte man schon ab und an etwas gespielt und auch aufgenommen, aber ebenfalls nicht viel. Da habe ich also tatsächlich für mich noch ein paar neue Sachen entdeckt. Was ist das dann für eine Zeit, für eine Epoche? Mir sagen die Namen nämlich nun ehrlich gesagt überhaupt nichts... Das reicht vom Ende des 19. bis Anfang, Mitte des 20. Jahrhunderts, und es ist jede Menge tolle Musik, interessante Sachen, die natürlich auch das eigene, schwarze Erbe dieser Komponierenden mit verarbeiten und einbringen. Aber sie haben natürlich in den meisten Fällen genauso eine ganz klassische Ausbildung an einem Konservatorium genossen, als Interpreten, als Komponisten, wie andere Musiker dieser Zeit, die heute in jeder Munde sind, und da gibt es immer noch einiges zu entdecken, habe ich das Gefühl. Das ist also wiederum eine sehr positive Entwicklung. Aber klar, bei Alter Musik schlummert noch unglaublich viel, vor allem wenn wir noch wirklich weiterbuddeln würden, auch in den osteuropäischen Ländern: das nimmt kaum ein Ende! Allein, wenn ich anschaue, was sich bei mir an Bemusterungs-CDs angesammelt hat: wenn ich da manchmal reingucke, denke ich, oh, diesen Komponisten, diesen Namen hast du zwar schon gelesen – aber hast du den wirklich schon gehört, kannst du das tatsächlich einordnen? Und wenn dann beispielsweise solche Epochen-CDs kommen, oder thematische, die nicht auf einen Komponisten, eine Komponistin beschränkt sind, dann hört man darauf ein Werk eines ganz unbekannten Autoren und dabei tut sich wieder ein ganzer neuer Kosmos auf! Man entdeckt extrem spannende Verbindungen, wer mit wem und wohin und warum, das ganze kulturelle Umfeld noch dazu – also: es gibt noch wahnsinnig viel zu entdecken. Oft denke ich, um das alles wirklich zu verstehen, einzuordnen, hätte ich vielleicht mal noch Geschichte studieren sollen, vielleicht noch ein bisschen Theologie... Und dann die Querverweise in die Philosophie (lacht)! Auch das natürlich noch (lacht). Also, kurz gesagt: der Fächer geht bei allem, was ich im Bereich Alte Musik antippe, richtig weit auf. Und trotzdem ist es erstaunlicherweise immer wieder so, dass besonders populistische Aufführungen, besonders plakativ und mainstreammäßig agierende Musiker oder Ensembles besonders gerne zu Festivals und Konzertreihen eingeladen werden. Wenn dagegen der ernsthaftere und vielleicht akademischere Musiker mit seinem wohldurchdachten Programm mit unfassbar seltenen, besonderen Ausgrabungen kommt, winkt man ab. Ja, das ist schon eine Sache, wenn Leute mit Programmen, Projekten kommen, wo niemand den Komponisten oder das Repertoire kennt, da zucken immer gerne alle zurück. Obwohl das, wenn dann doch noch eine besondere Idee, ein anderes Konzept, eine entsprechende Interpretation dahintersteht, vielleicht doch wieder ein Publikumsmagnet werden kann. Aber das muss ja auch nicht unbedingt schlecht sein. Ja, sicher, aber ich habe als Konzertbesucherin und Rezensentin oft die Erfahrung gemacht, dass für ein Publikum der Name des gespielten Komponisten – möge er auch gänzlich unbekannt sein – letztlich doch relativ irrelevant ist, wenn ein Konzert mitreißend und brillant gespielt, gut interpretiert wird. Denn wenn wir mal ganz ehrlich sind: wer, in einem klassischen Abokonzert oder auch auf einem nicht unglaublich spezialisierten Festival, kennt denn über die großen Vertreter jeder Epoche hinaus überhaupt sehr viele Komponistennamen, oder kann damit zumindest etwas Konkretes verbinden? Da ist Monteverdi ja manchmal schon exotisch! Ja, tatsächlich sind es dann oft die Interpreten, die das Publikum begeistern. Wenn da ein fantastischer Sänger auftritt und die Leute mitreißen kann, dann werden sie sich an ihn erinnern, und nicht daran, welche Arien aus welchen Opern welcher italienischer Komponisten er gesungen hat... Und natürlich steht da auch eine riesige Merchandising-Maschine dahinter; da wird entsprechend Werbung gemacht, er wird entsprechend platziert, und dann ist ganz schnell so ein neuer Held der Alten Musik geboren – und nach diesem kommt dann der nächste Held, und wieder der nächste... . Und ich frage mich immer, ob das Publikum, ob wir diese Helden brauchen? Gute Frage (lacht)! Und, zu welchem Schluss sind Sie gekommen? Noch zu keinem, leider (lacht). Aber ich werde weiter darüber nachdenken! Fragen und Übertragung: Andrea Braun Bettina Winkler, Foto: SWR Oliver Reuther

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