Toccata 04/2022

Domstadt statt, Anfang Oktober und auf 13 Konzerte an fünf historischen Stätten abgespeckt. Hatte die lange Tradition der Tage Alter Musik Regensburg in einer Zeit des pandemiebedingten kulturellen Niedergangs überhaupt eine Überlebenschance? Hatten sie überlebt oder waren sie gar tot? War das Wochenende im Oktober 2021 der Schwanengesang? Die Veranstalter Ludwig Hartmann, Stephan Schmid und der Geschäftsführer Paul Holzgartner setzten eindeutige Zeichen. Sie luden zur internationalen Tagung „Cipriano de Rore and the Invention of the Venetian Madrigal“ am 2. und 3.6.2022 ins Haus der Begegnung, zur Verkaufsausstellung von Nachbauten historischer Musikinstrumente, Noten, Büchern und CDs ins Infozentrum im Salzstadel an der Steinernen Brücke, zum Kurstag „Alte Musik“ mit Jana Semerádova (Traversflöte) in die Hochschule für kath. Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg im Kloster St. Mang, zu Konzerteinführungen mit Prof. Dr. Katelijne Schiltz (Praetorius: Motetten), Dr. Michael Braun (Cozzolani: Marienvesper) und Mag. Franziska Weigert (Händel: Acis & Galathea), zu Nachtgesprächen ins Festival-Lokal, dem Regensburger Weissbräuhaus aus dem Jahr 1620, und zu insgesamt 16 Konzerten an historischen Stätten, wie der Dreieinigkeitskirche, der Schottenkirche St. Jakob, der Basilika St. Emmeram, dem Reichssaal im Alten Rathaus, der Minoritenkirche St. Salvator, der Basilika Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle, dem Dom St. Peter und ins klassizistische Theater am Bismarckplatz. Und sie informierten über die Veranstaltungen mittels eines über hundertseitigen Programmhefts. Sie setzten ein Zeichen. Renaissance! Vom Freitag, 3. Juni 2022 bis Pfingstmontag, 6. Juni 2022 fanden also zum 37. Mal die Tage Alter Musik Regensburg statt. Musik vom Mittelalter bis zur Klassik in acht historischen Stätten, aufgeführt von 19 Ensembles oder Solokünstlern. Eine Mammutaufgabe vor dem Hintergrund eines unabwägbaren Pandemiegeschehens. Das klang auch bei der Eröffnung des Festivals im Salzstadel in der Rede Ludwig Hartmanns an. Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen. Der Spruch des Philosophen Blaise Pascal skizziert kurz und vortrefflich die Situation der letzten Jahre für die Beteiligten, die Künstler, die Organisatoren, die Hoteliers, die Aussteller und die Besucher. Die Arbeit eines Jahres in die Tonne treten – würde es 2022 ebenfalls passieren? Der Kartenvorverkauf lief schleppend an. Das Festival startete wie gewohnt mit den Regensburger Domspatzen und der Hofkapelle München, die Maschinerie des Festivals war angelaufen. Probenzeiten, Bestuhlung, Beleuchtung, Fahrdienst, Auf- und Abbau, Rundfunkaufnahmen, Sanitätsbetreuung, Programm- und CD-Verkauf vorm Konzertort, Unterbringung oder die Verköstigung der Künstler nach deren Konzerten (teilweise noch spätnachts), musste organisiert werden. Und – das Publikum war da! Der Enthusiasmus ebenfalls. Die Tage Alter Musik Regensburg starteten mit Mozarts Großer Credo-Messe KV 257 in der Basilika St. Emmeram und endeten mit Händels Acis & Galathea HWV 49A in der Ausführung durch das Collegium Marianum und dem Marionettentheater Buchty a Loutky im Theater am Bismarckplatz. Dazwischen, also zwischen Mozarts Wiener Klassik und Händels Barock, hörte man acht Konzerte mit Renaissance-Programm, vier mit Barockmusik (Händel eingeschlossen), zwei Mittelalterkonzerte und insgesamt zwei Konzerte mit Wiener Klassik. Es konzertierten neben den beiden bereits Genannten Les Meslanges (Frankreich) mit einer Missa und einem Te Deum für Ludwig XIII. im Nachtkonzert und der Schottenkirche, der Matinee am Samstag mit Les Muffatti (Belgien) und Rekonstruktionen nach Kantaten und Konzerten Bachs durch und mit Bart Jacobs in der Dreieinigkeitskirche, den folgenden Konzerten mit Blue Heron (USA) und Musik von Cipriano de Rore, dem orchester le phénix (Schweiz) und Kompositionen von Corrette und J.B. Bach, Alamire und His Majestys Sagbutts & Cornetts (Großbritannien) und 8- bis 20stimmigen Motetten von Hieronymus Praetorius, den Cupertinos (Portugal) mit Cardosos Missa Dominicarum Adventus et Qudragesimae im Nachtkonzert in der Schottenkirche, der Matinee mit Jupiter (Frankreich) und Musik von Vivaldi im Reichssaal, daran anschließend mit RUMORUM (Schweiz) und Mittelaltermusik in der Minoritenkirche, Clematis (Belgien) in der Alten Kapelle und einem Konzert aus Stylus fantasticus, Stravaganze und Instrumentalmusik aus Dresden, Claudia Margarita Cozzolanis Marienvesper von 1650 und I Gemelli (Frankreich), den Tallis Scholars mit Vokalmusik von Tallis, Byrd, Taverner, White und Philips im Dom, der Matinee am Pfingstmontag im Reichssaal mit der Barockviolinistin Leila Schayegh (Schweiz) und Wegen zu Bach (Westhoff, von Biber, Pisendel, J.S. Bach) auf der Solovioline, dem Ensemble Canticum Novum (Frankreich) und Mittelaltermusik aus der Zeit des Hl. Franz von Assisi und als vorletztes Konzert La Guilde des Mercenaires (Frankreich) mit Trionfi Sacri und Werken von Gabrieli, Guami, Willaert und Merulo in der Dreieinigkeitskirche. An dieser Stelle möchte ich drei Konzerte hervorheben. Das erste war die Matinee am Samstag. Ausführende waren Les Muffatti unter ihrem Leiter Bart Jacobs, der als Solist die neue „Bachorgel“ der Dreieinigkeitskirche schlug. Zur Zeit Mozarts wirkte in der Silbernen-Fisch-Gasse, nur zwei Quergassen hinter der Kirche, der Tangentenflügel- und Orgelbauer Franz Jakob Späth. Dieser konstruierte 1758 eine neue Orgel für Regensburgs größte evangelische Kirche. Allerdings war man in der Dreieinigkeitskirche nicht glücklich über deren Klang, es kam zu diversen Ausund Umbauten in den Folgejahrzenten. Vor ein paar Jahren nun entschloss man sich, die Orgel durch eine „Bachorgel“ zu ersetzen: ein Instrument nach thüringisch-mitteldeutschem Vorbild. Bach hatte für genau diesen Typus komponiert. Für das neue Werk gewann man die Orgelbaufirma Ahrend im ostfriesischen Leer. Sie hat in Fachkreisen einen exzellenten Ruf, ihr Gründer Jürgen Ahrend übergab im Jahr 2005 an seinen Sohn Hendrik, der sich ebenfalls einen großen Namen machte. Hendrik Ahrend fand noch die eine oder andere alte Original-Pfeife und verwendete das Orgelgehäuse. 2020 war die Bachorgel fertig eingebaut, heuer erklang die Orgel erstmals während der Tage Alter Musik Regensburg im Konzert. Für das Programm „Das Dresdner Konzert 1725“ hatte Bart Jacobs Concerti für Orgel und Streicher nach Kantaten und Konzerten Bachs rekonstruiert. Man hörte demnach durchaus Bekanntes, beispielsweise aus Bachs Violin- oder rekonstruierten Oboenkonzerten, ausgeführt auf der Orgelempore und via Kamera auf einen Flatscreen im Altarraum übertragen. Die Tempi und Registrierung waren gut gewählt, der Vortrag berückend ob der verschiedenen Klangfarben. Im Gegensatz zur Solovioline bestachen die puristische Exaktheit der Linien, der lockere Fluss und das Konzertieren der Ausführenden. Star der Aufführung, ohne die Leistung der Musiker zu schmälern, war auf jeden Fall die Orgel – ein fantastisches Instrument höchster Qualität. Weitere Orgelkonzerte im Rahmen des Festivals sind absolut wünschenswert! Im Nachtkonzert des Samstags stellte das portugiesische A-capella-Ensemble Cupertinos unter dem Titel „Sitivit Anima Mea“ Kompositionen von Manuel Cardoso vor: Die Missa Dominicarum Adventus et Quadragesimae, sowie sechs Motetten. Von Beginn an packte der Vortrag das Auditorium. Das Ensemble musizierte auf höchstem Niveau, transportierte die Seele der Kompositionen und holte die Zuhörer ab. Dabei konnte Cardoso auch mit seinen Ideen faszinieren; manchmal klang es beinahe, wenngleich nicht so extrovertiert, wie bei Carlo Gesualdos Harmonik. Zur Matinee luden Jupiter in den Reichssaal am Pfingstsonntag. Arien und Concerti von Vivaldi standen auf dem Programm. Die Mezzosopranistin Lea Desandre beeindruckte mit ihrer Stimmbeherrschung, Brüche oder Registerwechsel waren nie zu hören, die Spitzentöne kamen leicht und überzeugend. Launig führte Thomas Dunford, Lautenist und Leiter des Ensembles, durch das Programm und zeigte bereits zu Beginn den Pflasterverband am erhobenen Zeigefinger – er hatte sich verletzt, die angekündigte Triosonate RV 82 musste entfallen. Stattdessen gab Bruno Philippe ein eindrucksvolles Solo-Cello-Konzert. Auch nach der Pause blieb das Publikum im Bann des Vortrags gefangen. Standing Ovations, Bravi und als Zugabe „We are the Ocean“, eine Komposition für das Ensemble Jupiter, das seine Konzerte grundsätzlich mit einer Jam-Session beendet. Groovy! Robert Strobl 39 TOCCATA - 120/2022 KONZERT- UND FESTIVALBERICHTE Cupertinos, Foto: Hanno Meier

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