Toccata 04/2022

NACHRICHTEN 8 TOCCATA - 120/2022 ten, Pathos und Magie: Auf dem Höhepunkt seiner Karriere schrieb Antonio Vivaldi die Oper „Orlando furioso“, die gerade wegen ihrer musikalischen Vielfalt und Ausdrucksstärke unter Kritikern als sein gelungenstes Werk dieser Gattung gilt. Mit den Countertenören Max Emanuel Cencic und Nicholas Tamagna, der Sopranistin Julia Lezhneva sowie den Mezzosopranistinnen Vivica Genaux und Sonja Runje gastierten ausdrucksstarke Barockstimmen in Dortmund, um diesem Meisterwerk Klang zu verleihen. Mit George Petrou, der das Orchester Armonia Atenea seit 2012 leitet, stand darüber hinaus ein ausgewiesener Barock-Experte am Pult. Ein besonderes Merkmal des seit 2009 stattfindenden Dortmunder Festivals ist es, internationalen und regionalen Chören gleichermaßen eine große Bühne zu bereiten. So konnte sich das Publikum auf Konzerte mit dem belgischen Chor Vox Luminis und dem Freiburger Barockorchester, dem norwegischen Det Norske Solistkor, dem Londoner Tenebrae Consort und dem Monteverdi Choir unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner ebenso freuen wie auf den Kammerchor der TU Dortmund, den Bachchor an St. Reinoldi und den Philharmonischen Chor des Dortmunder Musikvereins. Der 2001 vom ehemaligen „King´s Singer“ Nigel Short gegründete Londoner Tenebrae Choir gilt als Inbegriff vokaler Perfektion und Ausdruckstiefe. Davon konnte sich das KlangvokalPublikum bereits 2017 beim bejubelten Debüt dieses Ensembles überzeugen. Der englischen Musik des 16. Jahrhunderts widmeten sich Nigel Short und das Tenebrae Consort: Hier traf die kontrapunktische Textur von Thomas Tallis‘ „Lamentations of Jeremiah“ auf die schlichte Schönheit der Gregorianischen Gesänge des Mittelalters. Eine klangvolle Kooperation zweier internationaler Spitzenensembles war in der St. Reinoldikirche in Dortmund zu erleben, als das belgische Vokalensemble Vox Luminis und das Freiburger Barockorchester unter dem Titel „Bach beflügelt“ gemeinsam Werke von Johann Sebastian Bach, Heinrich Biber und Georg Philipp Telemann präsentierten. Passend zum Himmelfahrts-Wochenende (22. Mai 2022) erklang neben weiteren barocken Werken die für dieses Fest komponierte Kantate „Auf Christi Himmelfahrt" BWV 128. Der Kammerchor der TU Dortmund unter der Leitung von Ulrich Arns widmete sich gemeinsam mit vier Gesangssolist*innen und dem Ensemble l’arte del mondo den Meistern der Dresdner Kirchenmusik (27. Mai 2022), so unter anderem dem an der sächsischen Hofkapelle in Dresden wirkenden Komponisten Jan Dismas Zelenka: Sein Œuvre zwischen Barock und Frühklassik erlebt aktuell eine Renaissance. Prächtige Chöre, verspielte Soloarien und ausladende Orchesterzwischenspiele zeichnen seine letzte Messe, die „Missa omnium sanctorum“, aus. Ein tiefgründiges wie kraftvolles Vermächtnis einer unkonventionellen Komponistenpersönlichkeit des 18. Jahrhunderts. 1964 gründete J.E. Gardiner den Monteverdi Choir und erweiterte ihn einige Jahre später um die English Baroque Soloists. Bereits 2010 begeisterte der gefeierte Dirigent mit seiner Interpretation von Bachs „h-MollMesse“ bei Klangvokal und war nun am 12. Juni 2022 mit seinen Ensembles wieder in Dortmund zu Gast. Schon 2016 begeisterte der führende norwegische Chor Det Norske Solistkor bei Klangvokal mit Stilsicherheit, Homogenität und einem Reichtum an Klangfarben. Bei einem seiner seltenen Konzerte in Deutschland stellte das 26-köpfige gemischte Ensemble nun Motetten von Johann Sebastian Bach der Chormusik des Franzosen Francis Poulenc sowie der zeitgenössischen finnischen Komponistin Kaija Saariaho gegenüber. Seit über zwei Jahrzehnten sind Nataša Mirković, Michel Godard und Jarrod Cagwin international bekannt für ihre faszinierenden Kollaborationen zwischen Alter Musik der okzidentalen und orientalischen Art, südosteuropäischer Tradition, Jazz und zeitgenössischer Musik. Diese drei musikalischen Grenzgänger gaben in ihrem Programm „En El Amor“ (20. Mai 2022) die märchenhaften Lieder der Sepharden wieder, die sich nach ihrer Flucht aus Spanien auf dem Balkan ansiedelten. Datenbank: Acht öffentliche und private Förderer, fünf beteiligte Institutionen und mehr als 15.000 Nutzerinnen und Nutzer monatlich weltweit: Die Datenbank www.bach-digital.de ist einer der größten virtuellen Wissensspeicher der Musikwissenschaft und ermöglicht einer breiten Öffentlichkeit Zugang zu über 60.000 originalen Abbildungen von rund 3.200 Werken Johann Sebastian Bachs, seiner Vorfahren sowie seiner komponierenden Söhne. Die dritte Projektphase – Bach digital II – wurde nun erfolgreich abgeschlossen. Um einen der weltweit bedeutendsten Musikschätze – das Gesamtwerk der Komponistenfamilie Bach – weltweit in bestmöglicher Qualität und mit weitreichenden Informationen frei zugänglich zu machen, arbeitet das Bach-Archiv Leipzig seit 14 Jahren mit dem Universitätsrechenzentrum Leipzig sowie mit zahlreichen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, Fotografen, Scan-Operatoren sowie auch Restauratorinnen und Restauratoren in Berlin, Dresden und Hamburg zusammen. Sukzessive entstand ein Portal, in dem die Notenhandschriften Johann Sebastian Bachs, seiner Vorfahren sowie seiner vier komponierenden Söhne online präsentiert werden: ein in der Musikwissenschaft einzigartiges Kooperationsprojekt, an das Forschung auf vielfältige Weise andocken kann und das die historische Aufführungspraxis enorm befruchtet. Die Quellen aus öffentlichen Sammlungen, die hier präsentiert werden, sind normalerweise nur der Spitzenforschung zugänglich oder kurzzeitig in Ausstellungen zu sehen. Durch Bach digital wird es möglich, dass diese einzigartigen Originale mittels hochaufgelöster Scans überall auf der Welt betrachtet werden können. Umfangreiche Informationen aus der Bach-Forschung geben Auskunft über ihre Entstehungszeit, über Querbeziehungen zu anderen Werken sowie über sämtliche Personen, die jemals im Besitz dieser Handschriften waren. Ohne solche zuverlässigen und immer wieder aktualisierten Grundlangendaten sind weitergehende Forschungen zu den Werken der Bach-Familie mittlerweile nicht mehr denkbar. Musikerinnen und Musiker können die Scans unmittelbar für ihre Aufführungen nutzen. Hier kann man Johann Sebastian Bach beim Erschaffen von Kunstwerken wie der h-Moll-Messe oder den Brandenburgischen Konzerten gleichsam über die Schulter blicken. Eine Planung befindliche Web-App soll künftig verstärkt auch Laien dazu einladen, das Portal zu nutzen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Ab 2008 förderte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), The Packard Humanities Institute, die Sächsische Akademie der Wissenschaften, die Stadt Leipzig, die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien und der Freistaat Sachsen das Webportal Bach digital. Vorausgegangen sind seit 1999 temporäre Förderungen des Daimler-Fonds und der Commerzbank-Stiftung. Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig: »Bach digital ist eines der größten und ambitioniertesten Unternehmungen der Musikwissenschaft. Wir freuen uns gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern – der Staatsbibliothek zu Berlin, dem Universitätsrechenzentrum Leipzig, der Sächsische Landesund Universitätsbibliothek Dresden und der Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky Hamburg – über den überwältigenden Erfolg des Projekts, dem auch die Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bescheinigen, dass es die eingesetzten Mittel voll und ganz rechtfertige.« www.bach-leipzig.de Weiterführende Informationen zum Projekt und zu dessen Förderern: https://www.bach-digital.de/content/infos.xml https://www.bachleipzig.de/de/bach-archiv/10-jahrebach-digital Bestenliste: Den Preis der Deutschen Schallplattenkritik Bestenliste 2/ 2022 erhielten in der Kategorie Orchestermusik und Konzerte: Beethoven: Sinfonien Nr. 6 bis 9 mit Sara Gouzy, Laila Salome Fischer, Mingjie Lei, Manuel Walser, La Capella Nacional de Catalunya und Le Concert des Nations, Ltg.: Jordi Savall (Alia Vox AVSA 9946, 3 SACD), in der Kategorie Tasteninstrumente: Aquila altera (Early Keyboards). Werke von Jacopo da Bologna, Andrea Antico, Francesco Lambardi, Girolamo Cavazzoni, Antonio Valente, Paolo Quagliati, Andrea Gabrieli, Francesco Landini, Ercole Pasquini mit Federica Bianchi (Passacaille PAS 1111), in der Kategorie Oper: Jean Philippe Rameau: Les Paladins mit Sandrine Piau, Anne-Catherine Gillet, Mathias Vidal, Florian Sempey, Nahuel Di Pierro, Philippe Talbot und La Chapelle Harmonique, Ltg.: Valentin Tournet (Château de Versailles Spectacles CVS 054, 2 CD), in der Kategorie Alte Musik: Jean-Marie Leclair: Concerti per Violino opp. 7 & 10, Nr. 4 & 5 mit Leila Schayegh und dem La Cetra Barockorchester Basel (Glossa GCD 924206). Gluck: "Wir sind begeistert, wie viele Besucher sich auf eine Wiederentdeckung von Christoph Willibald Gluck einlassen wollen", zieht Intendant Michael Hofstetter eine positive Bilanz der Gluck Festspiele 2022 (29.4. bis 21.5.) und freut sich gerade in schwierigen Kultur-Zeiten über viele ausverkaufte Veranstaltungen. Das Festival in der Metropolregion Nürnberg mit den Festspiel-Zentren Bayreuth, Nürnberg, Fürth und der Gluck-Geburtsstadt Berching überzeugte nicht nur durch hohe Qualität, sondern auch durch größte Bandbreite: von der Pina Bausch-Tanzoper "Orpheus" über eine neue "Alceste" bis zum Liederabend mit Bo Skovhus und dem Gluck-Kabarett "Mein Nachbar Willy" mit Lizzy Aumeier. Erstmals gab es bei den Gluck Festspielen 2022 vom 29. April bis zum 21. Mai 2022 gleich drei szenische Produktionen: Die nicht alltägliche Wiederbelebung von Pina Bauschs legendärer Tanzoper «Orpheus und Eurydike» von 1975 mit dem Tanztheater Wuppertal im Theater Fürth, Glucks Reformoper "Alceste" in der italienischen Urfassung von 1767 im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth und die Azione teatrale "Le Cinesi" (1754), mit der die diesjährigen Gluck Festspiele ein umjubeltes Ende fanden. Mit dieser festspielwürdigen Produktion unter Michael Form (musika-

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