Toccata 05/2022

Italienische Trauergesänge des 17. Jahrhunderts In der Mai-JuniAusgabe 2019 von TOCCATA hatte ich das Vergnügen, die Debüt-CD des norwegischen Barockensembles Oslo Circle “Charming Night” vom Label SIMAX zu würdigen, die in Zusammenarbeit mit dem australischen Countertenor David Hansen entstand. Die Auswahl an Arien und Theatermusiken von Henry Purcell haben mich damals sehr begeistert und so blickte ich erwartungsvoll der aktuellen Neuaufnahme “Lamento” entgegen, die soeben beim Label LAWO veröffentlicht wurde. Diesmal hat sich Oslo Circle die viel gefragte norwegische Mezzosopranistin Marianne Beate Kielland ins Boot geholt und richtet in seiner Kompilation das musikalische Augenmerk auf introvertierte italienische Barockmusik aus dem 17. Jahrhundert: Es erklingen zum einen marianische Klagelieder von Giovanni Felice Sances, Benedetto Ferrari und Tarquino Merula sowie Claudio Monteverdis berühmtes SoloMadrigal „Si dolce è’l tormento“. Zu Beginn und zwischen den Vokalstücken hören wir erlesene Instrumentalmusik von Salomone Rossi, Isabella Leonarda, Girolamo Frescobaldi, Marco Uccellini, Giovanni Girolamo Kapsperger und Giovanni Antonio Pandolfi Mealli. Das ist eine kluge und berührende Zusammstellung, deren eindeutiger Höhepunkt für mich Tarquino Merulas Trauergesang “Hor ch'è tempo di dormire” (“Jetzt ist es Zeit zu schlafen”) darstellt, der in der Textform eines Schlafliedes konzipiert ist, welches Maria ihrem Sohn Jesus singt; sozusagen eine in Musik gegossene Pieta. Sich ständig wiederholende Halbtonintervalle in der Basslinie drücken auf besondere Weise die nicht enden wollene Trauer Marias aus, ein perfektes Beispiel also der Kunstform der “Ostinati Lamenti”. Vollendet kann auch das Zusammenwirken von Oslo Circle und Marianne Beate Kielland genannt werden: Die Instrumentalisten Maria Ines Zanovello (Barockvioline), Mime Brinkmann (Barockcello), Karl Nyhlin (Theorbe, Erzlaute) und Mariangiola Martello (Positivorgel, Cembalo) bilden mit der warmen und kraftvollen Vokalstimme Kiellands eine stimmige Symbiose. Die Interpretation ist so unglaublich dynamisch abgestuft und fein aufeinander abgestimmt, dass mir fast der Atem stockte. Eine Aufnahme voller Hingabe und Reinheit! Wolfgang Reihing Lamento. Oslo Circle, Marianne Beate Kielland. LAWO Classics, LWC 1226. Aufnahme: Juni 2020. !& © 2022 (1 CD). Barocke Oboenmusik am Zerbster Fürstenhof Johann Friedrich Fasch (1688-1758) ist es so ergangen, wie manch anderem Komponisten, der zur selben Zeit wie Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Georg Friedrich Telemann wirkte. Er geriet zwar nicht in völlige Vergessenheit, aber seine Bedeutung als wichtiger und produktiver mitteldeutscher Komponist am Zerbster Hof wurde erst in den letzten dreißig Jahren erkannt. Hätte er zu seiner Zeit nicht in engem Austausch mit den Hofmusikern von Darmstadt und Dresden gestanden - die seine Musik aufführten und Kopien anfertigten - wären Faschs Werke wohl kaum auf uns gekommen, da zu dessen Lebzeiten keine Notendrucke entstanden (damals wie heute ein wichtiger Marketing-Faktor). Der junge Fasch war zunächst Mitglied im berühmten Thomanerchor zu Leipzig unter dem gerade neu ernannten Kantor Johann Kuhnau, bevor er in Darmstadt u.a. bei Christoph Graupner studierte. Nach Stationen in Gera, Greiz und Prag bekleidete er von 1722 bis zu seinem Todesjahr 1758 das Amt des Kapellmeisters am Hofe von Anhalt-Zerbst. Anlässlich des 300. Jahrestages der Ernennung Faschs zum Zerbster Hofkapellmeister, veröffentlicht PAN Classics die Debüt-CD des in Brüggen ansässigen Barockensembles “Musica Gloria”, welches einige der vielversprechendsten jungen Musikertalente vereinigt. Darunter die beiden Ensembleleiter, die Oboistin Nele Vertommen und der Cemablist und Flötist Beniamino Paganini sowie der Geiger Evgeny Sviridov, um nur einige zu nennen. Das Ensemble hat für seine erste CD Werke aus Faschs langjähriger Zerbster Schaffensphase zusammengestellt, in welchen die Oboe eine zentrale Stellung einnimmt. Das sind neben zwei Oboenkonzerten Ouvertüren, Sonaten und Quartette. Auch Telemanns herrliches Oboenkonzert TWV 51:G2 findet hier Eingang sowie zwei einleitende Kantaten-Sinfonias von J.S. Bach, um Faschs zeitgenössischen und musikalischen Bezug zu diesen Granden herzustellen. Dabei wird deutlich, wie modern und anspruchsvoll Fasch zu komponieren verstand und wie sehr er Telemann verehrte. “Musica Gloria” wirft sich mit großem Elan und puristischer Raffinesse auf diese wundervollen Werke. Mit erfrischender Leichtigkeit lassen die Ensemblemitglieder ihre nachgebauten historischen Instrumente erstrahlen, ohne die kammermusikalische Balance aus dem Auge zu verlieren. Ganz auf Sanglichkeit bedacht, klingen die Solopassagen von Nele Vertommen nie nur kunstvoll virtuos, sondern auf erfreuliche Weise liebevoll beseelt. Chapeau! Ein prächtiger Einstand einer vielversprechenden jungen Truppe! Wolfgang Reihing Fasch's Oboe - Music at the Zerbst Court. Musica Gloria, Nele Vertommen. Pan Classics, PC 10435. Aufnahme: Mai 2021. ! & © 2022 (1 CD). Zum 500. Todestag von Jean Mouton Auch Jean Mouton (eigentlich: Jean de Holligue; vor 14591522) - Sänger, Priester und Komponist - gehört zu der Vielzahl von Tonkünstlern, deren Gesamtwerk kaum bekannt ist und sehr selten zur Aufführung kommen, weil sie Zeitgenossen berühmter Kollegen waren. In Moutons Fall war dies Josquin de Prez, der die Rezeption der franko-flämischen Musikkunst beherrschte und einen großen Schatten auf sein kompositorisches Umfeld warf. Im Oktober d.J. Jährt sich der 500. Todestag von Jean Mouton, und offensichtlich war dies der Anlass des in Oxford ansässigen Brabant Ensembles unter der Leitung von Stephen Rice, innerhalb ihrer reichen Diskographie beim Label Hyperion, Moutons "Missa Faulte d'argent" und einige ausgewählte Motetten heraus zu bringen. Bereits im Jahre 2012 erschien bei Hyperion Moutons "Missa Tu Es Petrus" (z.Zt. nur als Download erhältllich) in der faszinierenden Interpretation des Brabant Ensembles. Daneben existiert noch eine sehr schöne Einspielung von Moutons "Missa Dictis moy toutes voz pensées" mit den Tallis Scholars beim Label Gimell. Neben einigen Motetten in CD-Sammlungen, kommen wir leider nur auf eine Handvoll verfügbarer Aufnahmen. Und dies in Anbetracht der Tatsache, dass Jean Mouton 15 vollständige Messvertonungen, gut einhundert Motetten, neun Magnificat-Vertonungen und 25 Chansons zugeschrieben werden, deren Autopgraphen sich in relativ gutem Erhaltungszustand befinden. Ich will aber nicht undankbar sein, handelt sich doch bei Moutons vier-stimmiger "Missa Faulte d'argent" um ein besonders schönes Beispiel franko-flämischer Vokalkunst. Es ist eine Parodiemesse, die ergreifende Klagelieder mit einbezieht, die auch Jean Richafort später wirkungsvoll in sein sechsstimmiges Requiem mit einflechten sollte. Die reichen Melodien und die konsequente Anwendung des Cantus-Firmus-Stils machen diese Messe zum Ereignis. Die ergänzenden kleinteiligeren Motteten bilden die erste Hälfte der CD und dokumentieren ebenso wie die Messe die hohe Qualität und Vielschichtigkeit von Moutons Schaffen. Das Brabant Ensemble befindet sich in seiner Neueinspielung erkennbar auf der Höhe seiner TOCCATA - 121/2022 CD-TIPPS 16

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