Toccata 05/2022

Kunst: Ganz der englischen Chortradition verpflichtet, huldigt das Ensemble einem hellen, äußerst transparenten Klangideal, das die zahlreichen Melodielinen aufs Schönste hervor treten lässt und die dynamisch feinen Abstufungen perfekt zu Gehör bringt. Dabei legen die erfahrenen Sängerinnen und Sänger des Ensembles auch Wert darauf, dem emotionalen Gehalt der liturgischen Texte Ausdruck zu verleihen. Die großartige Wiederentdeckung einer frankoflämischen Renaissance-Messe! Wolfgang Reihing Jean Mouton: Missa Faulte d'argent & Motets. The Brabant Ensemble, Stephen Rice. Hyperion, CDA 68385. Aufnahme: April 2021. !& © 2022 (1 CD). Debüt mit Flötensonaten vom Preußischen Hof Das renommierte Label Hänssler Classic (aus dem Hänssler-Verlag hervorgegangen) hat sich immer schon gerne um klassische Nachwuchskünstler gekümmert: Mit Unterstützung der “Deutschen Stiftung Musikleben” erscheint nun bei Hänssler die Debüt-CD der jungen aufstrebenden Flötistin Sophia Aretz, die in Köln, London und Salzburg Traversflöte studierte und vor kurzem ihren Bachelor bei Prof. André Sebald an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf abschloss. Im Juni d.J. erhielt Sophia Aretz den begehrten 1. Preis beim Internationalen Johann Heinrich Schmelzer Wettbewerb im österreichischen Stift Melk. Die Flötistin ist bereits sehr gut in der Alten-Musik-Szene vernetzt und wird regelmäßig von Ensembles und Orchestern eingeladen, wie z.B. vom Ensemble 1700 oder der Kölner Akademie. Für ihren CD-Einstand hat sich Sophia Aretz eine repräsentative Auswahl von barocken Flötensonaten des Berliner Hofes zu Zeiten “Friedrichs des Großen” (1712-1786) zusammen gestellt. Zwei Flötensonaten von Friedrich II. (darunter die h-Moll Sonate SpiF 83 als Weltersteinspielung) umrahmen eine Triosonate von Friedrichs Lehrmeister Johann Joachim Quantz (1697-1773), eine Sonate der königlichen Schwester Anna Amalia von Preußen (17231787) sowie eine “empfindsame” Triosonate des damaligen Hof-Cembalisten Carl Philipp Emanuel Bach. Für diese ebenso aparten wie anspruchsvollen Meisterwerke hat sich Sophia Aretz den jungen Cembalisten Alexander von Heißen an ihre Seite geholt, der in diesem Jahr ebenfalls einen bedeutenden Musikpreis gewonnen hat, und zwar den 1. Preis beim XXIII. internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig. Aretz' weicher, geschmeidiger Traversflötenklang wird buchstäblich von Heißen's wendigen, anschiegsamen Cembaloläufen auf Händen getragen. Hier präsentiert sich ein bestens aufeinander eingespieltes Duo, dem jeiweiligen Partner immer genügend Spielraum lassend. So virtuos die ausgewählten Flötenwerke auch daher kommen, Aretz und von Heißen zollen hörbar den melancholischen Seiten dieser Musik Tribut, stehen doch bis auf Anna Amalias Sonate aller Stücke dieser Einspielung in der Tonart Moll. Ein überzeugendes Debüt! Wolfgang Reihing Prussian Blue - Flute Music at the Court of Frederick the Great. Sophia Aretz, Alexander von Heißen. Hänssler Classic, CDHC 22024. Aufnahme: 2021. !& © 2022 (1 CD). Folge 3 der Pentatone-Reihe mit den Konzerten für 2 Cembali Die vierteilige Reihe aller Cembalokonzerte Johann Sebastian Bachs beim Label PENTATONE mit Francesco Corti und “il pomo d’oro” schreitet zügig voran und erreicht nun die vorletzte Folge dieser Aufsehen erregenden Aufnahmen. Nach den fulminanten Einspielungen der Solo-Cembalo-Konzerte, widmen sich die engagierten Protagonisten nun den Werken für zwei Cembali: BWV 10601062 sowie Cortis “Rekonstruktion” eines unvollendet gebliebenen Konzertes (nur 9 Takte sind erhalten) für Cembalo, Oboe und Streicher in d-moll, BWV 1059. Gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Cembalisten-Kollegen Andrea Buccarella legt Corti gleich zu Beginn beim Konzert BWV 1062 wieder ein forsches Tempo vor, so wie wir es von den früheren Folgen kennen und schätzen gelernt haben. Buccarella kann hier mehr als nur mithalten und so entfachen beide Musiker ein musikalisches Feuerwerk, das sich sehen bzw. hören lassen kann. Beide Künstler glänzen durch freizügige Agogik, überrumpelnde Eloquence und größtmögliche Transparenz. Das fünfköpfig besetzte Ensemble i”l pomo d’oro” hält da zügig mit und es ist nur zu bewundern, wie die Instrumentalisten und deren Aufnahmeleitung eine solch ausgezeichnete Balance erreichen. Die Vervollständigung von BWV 1059 erzielt Corti durch die Verwendung von Teilen der Kantate BWV 35. Durch Einbeziehung einer SoloOboe, die Emmanuel Laporte neben Francesco Corti kunstvoll zum Einsatz bringt, kommt etwas Festliches und Kontemplatives in das ansonsten turbulente musikalische Treiben. Eine Aufnahme mit Drive und Esprit! Wolfgang Reihing J.S. Bach: Harpsichord Concertos III. il pomo d'oro, Francesco Corti, Andrea Buccarella. Pentatone, PTC 5186 966. Aufnahme: April 2021. ! & © 2022 (1 CD). Kenneth Weiss' “Kunst der Fuge” Im Frühjahr 2020 erging es dem amerikanischen Pianisten, Cembalisten, Dirigenten und Musikpädagogen Kenneth Weiss wie praktisch allen reproduzierenden Künstlern: Alle Konzerttermine wurden pandemiebedingt abgesagt, Universitäten wurden geschlossen, Proben mit Kollegen waren unmöglich zu realisieren. So war auch Kenneth Weiss in seiner New Yorker Wohnung ganz auf sich zurück geworfen. Er ergriff aber die Gelegenheit, die frei gewordene Zeit zu nutzen, um den alt gehegten Traum zu verwirklichen, sich mit der Komplexität von Johann Sebastian Bachs “Kunst der Fuge” mit ungeteilter Konzentration zu beschäftigen und zu vertiefen. Das Ergebnis seiner Studien können wir nun auf seiner aktuellen CD-Einspielung beim Label PARATY bestaunen. Als Instrument hat sich Kenneth Weiss für dieses Projekt ein erst vor wenigen Jahren restauriertes Taskin-Cembalo (Paris, 1782) ausgesucht, welches im Museu da Música in Lissabon ausgestellt ist; dort wurde die CD auch aufgenommen. Die gelungene Aufnahmetechnik und das fabelhafte Instrument sind das große Plus dieser Einspielung: Der Klang des Taskin-Cembalos ist voluminös, dabei transparent, silbrig elegant und gleichzeitig wohltönend grundiert. Es ist bewunderswert, mit welch großer Souveränität sich Gustav-Leonhardt-Schüler Weiss Bachs kontrapunktischem Lehrwerk nähert. Mit Respekt, spielerischer Eleganz und Ernsthaftigkeit, öffnet er uns Hörern die Tür zu einer Welt voller musikalischer Ideen und überraschenden Wendungen. Da schimmert auch der Einfluss durch Girolamo Frescobaldi und Johann Jakob Froberger auf Bach durch. Unter Weiss' Händen wird nicht nur jede der vierzehn Fugen (Contrapunktus) und vier Kanons zu einem in sich geschlossenen Kleinod, denn Weiss hat von Anfang an den großen Bogen im Blick und steuert entschlossen auf die letzte Fuge zu, die abrupt endet, so plötzlich, wie ein Leben enden kann. Ob dieser Satz unvollendet geblieben ist oder von J.S. Bach so vorgesehen war, wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben. Kenneth Weiss auf der Höhe seiner Kunst! Wolfgang Reihing J.S. Bach: The Art of Fugue. KennethWeiss. Paraty, 1221.1115. Aufnahme: Mai 2021. !& © 2022 (1 CD). 17 TOCCATA - 121/2022 CD-TIPPS

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