Toccata 05/2022

Stradella: Amare e fingere. Silvia Frigato, Paola Valentina Molinari (Sopran), José Maria Lo Monaco (Mezzosopran), Chiara Brunello (Alt), Luca Cervoni (Tenor), Mauro Borgioni (Bariton), Ensemble Mare Nostrum, Andrea De Carlo Arcana - A 493 (2 CDs) (2019; 2.00') Stradella: La Doriclea. Emöke Baráth (Sopran), Giuseppina Bridelli (Mezzosopran), Gabriella Martellacci (Alt), Xavier Sabata (Altus), Luca Cervoni (Tenor), Riccardo Novaro (Bariton), Il Pomo d'Oro, Andrea De Carlo Arcana - A 454 (3 CDs) (2017; 3.09') Stradella: Il Trespolo tutore. Silvia Frigato, Roberta Mameli, Paola Valentina Molinari (Sopran), Rafall Tomkiewicz (Altus), Luca Cervoni (Tenor), Riccardo Novaro (Bariton), Ensemble Mare Nostrum, Andrea De Carlo Arcana - A 475 (3 CDs) (2019; 2.38') Nachdem Andrea De Carlo die Oratorien von Alessandro Stradella aufgenommen hatte, hat er sich den Opern zugewandt. Zwar gehören diese nicht zu seinen ganz vergessenen Werken, aber nur wenige sind bis dato auf CD erhältlich. Die Person Stradella hüllt sich zum Teil noch immer in Rätseln. Zwar wissen wir, dass er 1682 im Zusammenhang mit einer Liebesaffäre ermordet wurde, aber über die verschiedenen Phasen seines Lebens und seiner Karriere sind wir fragmentarisch informiert. Als sein Geburtsjahr wurde immer 1639 erwähnt, aber inzwischen hat man entdeckt, dass er 1643 geboren wurde. Beim Studium seiner Aktivitäten im Bereich der Oper hat man sich lange Zeit auf die spätere Phase seiner Karriere konzentriert, als er in Genua war (1678-1682). Er hat aber schon viel früher mit der Komposition von Opern angefangen, und zwar als er noch in Rom war. Einem Brief eines milanesischen Aristokraten ist zu entnehmen, dass Stradella schon 1672 bekannt war als einer der wenigen Komponisten, die in der Lage waren, innerhalb zwei Wochen ein Libretto zu vertonen. Das brachte ihm gehörige Summen Geld ein. Im Jahre 1677 musste Stradella fluchtartig Rom verlassen. Es steht fest, dass er zu dieser Zeit schon drei Opern komponiert hatte. 'Amare e fingere' ist wahrscheinlich eine dieser Opern. Es steht zwar nicht zweifelsfrei fest, dass er der Komponist ist, denn sie ist überliefert in einer Abschrift, die den Namen des Komponisten nicht erwähnt, aber es gibt sehr starke Hinweise auf die Autorschaft Stradellas. Das Werk besteht aus drei Akten. Es gibt sechs Rollen; allerdings präsentieren sich vier von ihnen mit einem anderen Namen. Das ist in Opern des Barock häufig der Fall, und es ist einer der Gründe, weshalb der Plot oft so schwer zu verfolgen ist. Das ist auch hier der Fall. Hier hat es aber auch eine Bedeutung, die über die Geschichte der Oper an sich hinausgeht, wie aus dem Titel hervorgeht - auf deutsch: "Lieben und vortäuschen". Schein und Wesen laufen durcheinander und wer am Anfang ein Diener scheint, ist in Wirklichkeit ein Herrscher. Am Ende bringt es die Dienerin Erinda auf den Punkt, als sie auf einen Schachbrett schaut und sagt: "Einige werden König, andere Königin, aber die arme Erinda wird immer nur ein Bauer sein." Sie ist die komische Gestalt in diesem Werk; im 17. Jahrhundert waren solche Charaktere noch Teil der Oper. Im 18. Jahrhundert, als die 'opera seria' entstand, wurden sie in die Intermezzi verbannt. Die Instrumentalbesetzung ist klein: nur zwei Violinen und Basso continuo. Das Werk knüpft noch eng an die frühbarocke Oper an: es gibt lange Rezitative - die übrigens mit den Rezitativen der späteren opera seria wenig gemeinsam haben - und dann und wann kurze Arien und Duette, die noch kein Dacapo haben; nur wird manchmal am Ende einer Arie die Eröffnungszeile wieder aufgegriffen. In den meisten Arien werden die Sänger von den Violinen begleitet ('aria con strumenti'); in einigen spielen diese aber nur Ritornellos ('aria con ritornello'). In einer Arie im dritten Akt gibt es eine 'aria con strumenti e la chitarra'. Eine Gitarre hört man aber nicht und die Liste der Spieler erwähnt ein solches Instrument auch nicht. Eine Arie im ersten Akt basiert auf einem Basso ostinato. Eine Sinfonia zur Einleitung scheint es nicht zu geben, denn die Aufführung beginnt mit einem Rezitativ von Fileno/Artebano, einem der Hauptprotagonisten des Werkes. Musikalisch ist dieses Werk sehr unterhaltsam, und man versteht, warum Stradella als Komponist einen guten Ruf hatte. Die Qualität seiner Oratorien findet man hier wieder. Deswegen ist die Aufnahme restlos zu begrüssen, zumal auch die Interpretation im Grossen und Ganzen gelungen ist. Es handelt sich um den Mitschnitt der Live-Aufführung bei den Tagen Alter Musik in Herne sowie der vorangehenden Proben. Das hatte leider zum Nachteil, dass einige Kürzungen notwendig waren. Nebengeräusche habe ich nicht wahrgenommen; entweder haben sich die Zuhörer vorbildlich benommen oder die Technik hat eine Meisterleistung geschafft. Es war eine konzertante Aufführung, aber das hat dem dramatischen Charakter und der Interaktion zwischen den Sängern keineswegs Abbruch getan. Sowohl theatralisch als stilistisch ist diese Produktion überzeugend. Auch La Doriclea gehört zu den Opern, die Stradella in Rom komponierte. In diesem Fall steht seine Autorschaft fest, denn sie wird in einem Inventar des Jahres 1705 erwähnt, neben um die 50 weiteren Bänden mit Musik aus seiner Feder. Der Autor des Librettos war möglicherweise Flavio Orsini, Mitglied einer aristokratischen Familie, mit der Stradella befreundet war. Das macht es umso bemerkenswerter, dass in diesem Libretto die Trennungslinien zwischen den Gesellschaftsschichten durchbrochen werden. Es gibt zwei Liebespaare: Lucinda (Sopran) und Celindo (Tenor), die der Oberschicht angehören, sowie Doriclea (Sopran) und Fidalbo (Alt), die beide zur Mittelschicht gehören. Dazu gibt es noch zwei komische Charaktere, Delfina (Alt) und Giraldo (Bass), die zu den niedrigen Ständen gehören. Die beiden Paare werden von Eifersucht geplagt, was für viele Verwirrungen sorgt, vor allem, wenn im zweiten Aufzug Doriclea sich als Mann verkleidet. Letztendlich ist es Delfina, die das Schlimmste verhindert - als Fidalbo beschliesst, seine Geliebte Doriclea zu töten - und auch noch Giraldo, der sie immer als zu alt und zu hässlich betrachtete, für sich gewinnen kann. Dass sie sich, trotz ihrer niedrigen Stelle, mit Fidalbo unterhält, war für damalige Verhältnisse unerhört. Andrea De Carlo weist im Textheft darauf hin, dass Stradella, obwohl er seine Opern für ein aristokratisches Publikum komponierte, sich mal gerne lustig machte über die Angewohnheiten der Aristokratie seiner Zeit. Die stilistischen Merkmale sind im Grossen und Ganzen die gleichen wie die der soeben besprochenen Oper Amare e fingere. Die Arien sind meistens kurz und haben kein Dacapo, und die Begleitung beschränkt sich auf zwei Violinen und Basso continuo. Der gesellschaftliche Unterschied zwischen den beiden Liebespaaren und den beiden 'niedrigen' Charakteren kommt darin zum Ausdruck, dass Delfina und Giraldo in ihren Arien nur vom Basso continuo begleitet werden. Die Arien sind übrigens besonders schön, wie auch die auffällig vielen Duette. Oft basieren sie auf einem tänzerischen Rhythmus. Das wird in der Interpretation des Ensembles Il Pomo d'Oro schön herausgehoben. Sowieso ist bei diesen Interpreten Stradellas Oper in den besten Händen. Ich habe diese Aufführung mit viel Vergnügen angehört, wegen der schönen und abwechslungsreichen Musik von Stradella, und wegen der hervorragenden Darstellung der Sänger und Instrumentalisten. Ich möchte insbesondere Riccardo Novaro erwähnen, der den Charakter des Giraldo sehr amüsant gestaltet. Die dritte Produktion bringt uns nach Genua, wo Stradella die letzten Jahre seines Lebens wirkte, und wo er 1682 ermordet wurde. Il Trespolo tutore ist eine 'commedia per musica', die an die Tradition der 'commedia dell'arte' anknüpt. Hier spielen nicht Charaktere aus der gesellschaftlichen Obersicht, sondern Personen aus der Mittel- und Unterschicht, und natürlich handelt auch dieses Werk von der Liebe, und auch hier haben wir es mit Wechselspielen und Verwirrungen zu tun. Stradella charakterisierte das Libretto als "lächerlich, aber wunderschön"; seiner Einschätzung nach hatten die Musikliebhaber Genuas "einen Geschmack für lächerliche Sachen". Ob sich das heute noch nachvollziehen lässt, ist fraglich. Humor ist eben auch eine ganz persönliche Sache. Ich jedenfalls habe nicht einmal geschmunzelt. Auch hier gibt es schöne, aber kurze Arien und Duette. Das Werk besteht aber grösstenteils aus Rezitativen, und das ist für ein heutiges Publikum vielleicht schwer zu verdauen, zumal eine Komödie nicht dramatisch und spannend ist. Sie ist durchaus theatral, aber das kommt in einer rein musikalischen Darstellung nicht optimal zum Tragen. Ich bezweifle, ob ein Werk wie dieses in dieser Form von Bestand ist. Ich glaube, dass man hier eine Inszenierung braucht; eine DVD-Produktion wäre mehr angebracht gewesen. An der Interpretation liegt es nicht, wenn man sich vielleicht auf die Dauer etwas langweilt. Alle Sänger bringen ganz vorzügliche Interpretationen, und die Hauptcharaktere sind mit Roberta Mameli und Riccardo Novari perfekt besetzt. Das Ensemble Mare Nostrum ist erste Sahne. Diese Produktion beweist auf jeden Fall, welch ein vorzüglicher Komponist Stradella war. Andrea De Carlo hat sich zum Stradella-Spezialisten schlechthin entwickelt, und ich sehe weitere Produktionen neugierig entgegen. Johan van Veen Chelleri: 6 Sonate di Galanteria. Luigi Chiarizia (Cembalo) Brilliant Classics - 96308 (2017; 71') Araja: Capricci & Pellegrini: Sonaten. Enrico Bissolo (Cembalo) TOCCATA - 121/2022 CD-UMSCHAU 18

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