Toccata 05/2022

Brilliant Classics - 96482 (2020; 68'). Cimarosa: 21 Sonaten. Andrea Chezzi (Orgel) Brilliant Classics - 95781 (2019; 61') Im 18. Jahrhundert wurde auch in Italien viel Musik für Tasteninstrumente komponiert, aber nur wenig davon gehört zum Standardrepertoire. Man wird vielleicht erinnern an die Sonaten von Domenico Scarlatti. Man kann sie als italienisch bezeichnen, aber die meisten entstanden, als Scarlatti in Spanien tätig war. Komponisten wie Galuppi und Cimarosa sind zwar bekannt, und einige ihrer Sonaten werden dann und wann mal gespielt, aber die meisten sind völlig unbekannt geblieben. Und dann gibt es noch mehrere Komponisten, deren Namen nicht einmal geläufig sind. Wir verdanken es Brilliant Classics, dass sie einem breiteren Publikum vorgestellt werden. Ihre Werke sind mit Sicherheit meistens keine Meisterwerke, aber das ist noch kein Grund, sie zu ignorieren. Drei CDs mit italienischer Klaviermusik des 18. Jahrhunderts liegen mir vor. Die erste CD ist Fortunato Chelleri (1690-1757) gewidmet, der aus Parma stammte. 1715 kam er nach Deutschland, wo er in den Dienst der Kurfürsten des Pfalz trat. Danach war er einige Jahre im Dienst von Johann Philipp Franz von Schönborn, Prinz-Erzbischof von Würzburg, und wurde dann Kapellmeister am Hofe des Landgrafs von Hessen-Kassel. Chelleri hat ein breitgefächertes Oeuvre von Vokal- und Instrumentalmusik hinterlassen, das aber zum Teil verlorengegangen ist. Seine Musik für Tasteninstrumente besteht aus sechs Fugen und sechs Sonaten, die 1729 in Druck erschienen und sechs 'Sonate di Galanteria'. Es ist nicht genau bekannt, wann die letzteren entstanden sind. Sie sind sehr unterschiedlich in Charakter und Aufbau. Zwei Sonaten bestehen aus zwei Sätzen, die übrigen enthalten drei Sätze. Sie sind eine Mischung des deutschen, italienischen und französischen Stils. Bemerkenswert ist, dass Chelleri genaue Anweisungen gibt, wie die von ihm ausgeschriebenen 'notes inégales', die ein Merkmal des französischen Stils sind, gespielt werden sollen. Es sind typische Beispiele des galanten Stils: das thematische Material liegt fast ausschliesslich in der rechten Hand, und die linke Hand spielt eine Begleitung, einschliesslich sogenannten 'Alberti-Bässen'. Es ist durchaus angenehme Musik, aber es ist nicht zu empfehlen, alle Sonaten in einem Guss anzuhören. Dazu sind sie natürlich auch nicht gemeint. Luigi Chiarizia spielt eine Kopie eines zweimanualigen Ruckers-Cembalos von 1637. Das war im Barock ein geläufiger Typ, aber in diesem Repertoire hätte ich doch ein späteres Instrument bevorzugt. Chiarizia spielt schön, aber etwas wenig differenziert; vor allem im Bereich der Ornamentik hätte ich mehr Variation gewünscht. Die zweite CD bringt zwei Komponisten zusammen, die zwar Zeitgenossen waren, aber deren Werke sehr unterschiedlich sind. Francesco Domenico Araja (1709-1770) stammte aus Neapel und komponierte einige geistliche Werke, als er erst 14 Jahre alt war. Später komponierte er vor allem Opern, und das führte ihn dann nach St. Petersburg, wo er Vokalwerke verschiedener Art komponierte, darunter die erste Oper auf einem russischen Libretto. Enrico Bissolo hat sechs Capricci eingespielt, die vielleicht seine einzigen Instrumentalwerke sind. Es sind virtuose Stücke ohne klare Form: die meisten bestehen aus einem Satz, nur ein Stück hat zwei Sätze. Es gibt starke Ähnlichkeiten mit den Sonaten von Domenico Scarlatti, beispielsweise in dann und wann grossen Sprüngen, und Passagen, wo sich die Hände kreuzen. Darin sind sie eher 'barock' als 'galant'. Auch Ferdinando Pellegrini (c1715-c1766) wurde in Neapel geboren. Er wurde als Organist und Cembalist ausgebildet, und war u.a. in Rom, Lyon und Paris tätig. In Paris trat er in den Dienst des Steuerpächters Le Riche de La Pouplinière, der auch der Schirmherr von Jean-Philippe Rameau war. Pellegrinis Oeuvre besteht hauptsächlich aus Musik für ein Tasteninstrument, darunter auch Stücke mit Begleitung einer Violine. Bissolo hat sechs Sonaten eingespielt, die zunächst 1754 in Paris erschienen, und 1756 in London wiederveröffentlicht wurden mit der Opusnummer 2. Diese Sonaten stehen im galanten Stil; fünf enden mit einem Menuett. Bissolo meint, dass sie melodische Eleganz an eine gewisse Repetition in der Begleitung paaren, und damit hat er wohl recht. Auch diese Werke sind durchaus angenehm anzuhören, aber auch hier gilt, dass man sie nicht alle nacheinander abspielen sollte. Bissolo spielt die Kopie eines Cembalos von Petrus Bull (Antwerpen, 1769) und das scheint mir hier das richtige Instrument. Seine Interpretation lässt keine Wünsche offen und lässt diese Werke im besten Lichte erscheinen. Und dann Domenico Cimarosa (1749-1801): ein bekannter Name, vor allem wegen seiner komischen Oper Il matrimonio segreto. Seine übrigen Werke werden aber kaum beachtet. Dazu zählen insgesamt 88 Sonaten für ein Tasteninstrument, und das soll in diesem Fall wohl heissen: ein Fortepiano. Allerdings ist ein Cembalo eine legitime Möglichkeit, und Andrea Chezzi behauptet, sie seien auch auf der Orgel spielbar, und das sei in Übereinstimmung mit der Praxis in Cimarosas Zeit. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob er da Recht hat. Er schreibt im Textheft, dass einige Sonaten Transkriptionen von Opernouvertüren sind und dass es aus dieser Zeit Transkriptionen von Opernouvertüren für Tasteninstrumente gibt. Aber lässt sich daraus schliessen, dass sie auch auf der Orgel gespielt wurden? Es ist nicht auszuschliessen, aber handfeste Beweise gibt es wohl kaum. Es ist auch bezeichnend, dass er in verschiedenen Sonaten einige Änderungen vornehmen musste, um sie auf der von ihm ausgewählten Orgel darstellen zu können. Es handelt sich um ein Instrument, das 1753 bzw. 1814 erbaut wurde. Dass es ein Pedal hat - was bei alten italienischen Orgeln nicht oft der Fall ist - hilft, um einige Sonaten befriedigend darstellen zu können. Über die Interpretation nichts als Gutes: Chezzi ist ein ausgezeichneter Organist, und die Farbenpalette der Orgel trägt substantiell zum Erfolg dieser Aufnahme bei. Johan van Veen Iki - Barocke Lautenmusik aus Frankreich. Toyohiko Satoh (Laute) Carpe Diem Records - CD-16320 (2018; 59') Au monde. Daniel Zapico (Theorbe) Alborada Editions - ALB001 (2019; 53') Méditation - Die vier Jahreszeiten der Laute. Simone Vallerotonda (Laute) Arcana - A496 (2021; 57') De Visée, Weiss & Dufaut: Lautenmusik. Jonas Nordberg (Laute, Theorbe) Eudora - EUD-SACD-1502 (2015; 65') De Visée: Werke für Theorbe. Johannes Ötzbrugger fra bernardo - fb 2092112 (2019; 54') Tombeaux - Trauermusik des Barock. Michael Dücker (Laute), Johanna Seitz (Harfe) Prospero - PROSP 0019 (2020; 66') Die Laute war eines der beliebtesten Instrumente im Frankreich des 17. Jahrhunderts. In den letzten Jahrzehnten wurde sie immer mehr ins Abseits gedrängt. Ein Merkmal der Lautenmusik, die gebrochenen Akkorde, generell als 'style brisé' bezeichnet, wurde dann von Komponisten von Cembalomusik übernommen. Toyohiko Satoh hat seine letzte Aufnahme für Carpe Diem Records dem goldenen Zeitalter der französischen Laute gewidmet. Er spielt Werke von drei der grössten Lautenisten ihrer Zeit: Ennemond Gautier, François Dufaut und Charles Mouton. Letztgenannter gilt als der letzte grosse Vertreter der französischen Lautenschule. Dem Brauch der Zeit folgend, hat Satoh selber Suiten aus dem Nachlass der genannten Komponisten zusammengestellt. Unter den eingespielten Werken gibt es die üblichen Tänze, aber auch Werke, die den Charakter eines Tombeaus tragen, wie Gautiers Allemande La pompe funèbre, die überraschenderweise mit einer Dissonanz anfängt. Auch Moutons Suite in c-Moll enthält ein Tombeau. Und dann gibt es noch einige Charakterstücke, wie Gautiers La Pleureuse. Eine Chaconne konnte selbstverständlich nicht fehlen, denn dieser Grundbass gehörte zu den beliebtesten Formen in Frankreich. Es gibt im Programm noch einen vierten Komponisten, der wenig bekannt ist: Johannes Fresneau. Er war französischer Geburt, aber verbrachte die längste Zeit seines Lebens in den Niederlanden. Untersuchungen haben ergeben, dass er 1644 in Leiden als Lautenist wirkte. Neben einer Suite in A-Dur erklingt hier Les Larmes de Defresneau, übrigens eines von zwei Stücken mit diesem Titel. Fresneau scheint das Tragische bevorzugt zu haben: elf von den insgesamt 33 seiner erhalten geblieben Werke stehen in der düsteren Tonart fis-Moll. Toyohiko Satoh hat, zu diesem späten Zeitpunkt in seiner Karriere, seine Interpretation dieses Repertoires geändert. Er hat immer die Musik um 1700 als Ausgangspunkt genommen, beispielsweise im Bereich der Verzierungen. Jetzt betrachtet er dieses Repertoire eher aus der Perspektive der Renaissance. Das macht diese CD vor allem für diejenigen, die sich in diesen Sachen auskennen, sowieso interessant. Satoh war immer ein ausgezeichneter Lautenist, dessen Interpretation durchdacht war und Effekte scheute. Das hat sich nicht geändert. Sein Spiel erfordert genaues Zuhören. Es ist fein ziseliert und ausgewogen. Mit dieser CD hat er einen Schlussstrich unter eine eindrucksvolle Karriere gezogen. Die französische Lautenmusik trägt mit Recht diesen Namen, denn sie ist für die Laute gedacht - CD-UMSCHAU 19 TOCCATA - 121/2022

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