Toccata 05/2022

nicht für irgendeines Zupfinstrument. Daniel Zapico liebt die französische Musik, aber hat mit Bedauern feststellen müssen, dass es keine Stücke für die Theorbe gibt. Macht nichts, dann mache ich selbst eben solche, dachte er, und setzte sich daran, Stücke für Laute oder auch für andere Instrumente, wie Gambe oder Cembalo, für die Theorbe zu bearbeiten. Dabei konnte er sich auf einer Handschrift des Jahres 1699 stützen, in der Jean Etienne Vaudry, Seigneur de Saizenay et de Poupet, Stücke für Laute und Theorbe versammelte, darunter auch Transkriptionen. Letztere sind Zeugen einer im Barock weit verbreiteten Praxis. Zapico nahm diese Handschrift als Ausgangspunkt, und hat dann das Programm mit eigenen Transkriptionen erweitert. Am Anfang steht ein Gambenwerk: La Couperin von Antoine Forqueray, gefolgt von einem Cembalostück von Couperin selber: Les Barricades mystérieuses. Einer der grössten Komponisten für die Laute in Frankreich, Robert de Visée, ist selbstverständlich gut vertreten. Am Überraschendsten sind vielleicht die Transkriptionen von Vokalwerken, wie zwei 'airs de cour' von Michel Lambert, sowie die Plainte über dessen Tod von Monsieur Du Buisson. Auf der Theorbe wirken sie überraschend gut, und das ist auch das Verdienst von Zapico, der den Charakter dieser Stücke gut auf sein Instrument übertragen hat. Nicht jedes Stück ist gleich gut gelungen: Forquerays Le Carillon de Passy fand ich nicht besonders überzeugend, vielleicht weil es so stark auf die Möglichkeiten der Gambe zugeschnitten ist. Insgesamt ist diese CD aber sehr zu begrüssen. Hier wird eine geläufige Praxis des Barock auf kreative und zugleich historisch vertretbare Weise zum Leben erweckt. Dazu kommt das schöne und eloquente Spiel von Zapico. Wer historische Zupfinstrumente liebt, wird an dieser CD viel Vergnügen finden. Viele Komponisten haben sich mit den vier Jahreszeiten auseinander gesetzt. Und auch Interpreten unserer Zeit werden davon beseelt. Es ist durchaus möglich, in der Musikliteratur Stücke zu finden, die sich mit einer Jahreszeit verbinden lassen. Die Bedeutung der Jahreszeiten geht auch mal über die damit verbundenen Naturereignissen hinaus. In Gedichten, die von Madrigalkomponisten des 16. und frühen 17. Jahrhunderts vertont wurden, werden sie mit den Turbulenzen der Liebe verbunden. Simone Vallerotonda betrachtet sie aus dem Blickwinkel der Temperamentenlehre, in der die verschiedenen Temperamente mit den Jahreszeiten verbunden werden. Und so gibt es hier Stücke, die diese Temperamente zum Ausdruck bringen sollten. Der Winter steht für Melancholie, und es erklingen Stücke in c-Moll. Der Sommer entspricht dem cholerischen Temperament; die ausgewählten Stücke stehen in g-Moll. Das phlegmatische Temperament ist mit dem Herbst verbunden und hier erklingen Stücke in d-Moll. Das sanguinische Temperament steht für das Frühjahr und dieser Abschnitt enthält Stücke in A-Dur und -Moll. Die Rangordnung mag verwundern, aber sie entspricht der im Programm. Das wird im Textheft leider nicht erklärt. Auch hätte man gerne etwas über die Auswahl der Stücke erfahren, genauso wie über die Bedeutung der Titel der Charakterstücke. Und wie kommt ein französischer Komponist wie Charles Mouton dazu, ein Stück mit dem englischen Titel 'My Mistress is pretty' zu komponieren? Das Programm endet mit einer Art 'Versöhnung' der Temperamente oder Affekte, mit Couperins 'Les Barricades mystérieuses', das auch von Daniel Zapico eingespielt wurde. Simone Vallerotonda spielt eine 13chörige, mit Darmsaiten bespannte Laute. Er bringt das Programm, das viele Stücke enthält, die viele nicht kennen werden, auf ganz bildhafte und sprechende Weise zum Klingen. Schön ist die rhythmische Prägnanz in den verschiedenen Stücken, die auf 'bassi ostinati' basieren (Passacaille, Chaconne) und auch die Charakterstücke werden sehr eloquent dargeboten (beispielsweise Jacques Gallots 'Les Castagnettes'). Das Programm ist unterhaltsam und abwechslungsreich. Einige der grössten Lautenspieler und -komponisten des 17. Jahrhunderts wurden schon erwähnt. Jonas Nordberg verbindet einen dieser, François Dufaut (vor 1604-vor 1672), mit Robert de Visée, der am Hofe tätig war, als die Laute ihre Vormachtstellung schon verloren hatte, und dem deutschen Silvius Leopold Weiss, der stark von der französischen Lautenschule beeinflusst wurde. Dufaut war ein Schüler der Gaultiers. Sein Ruf reichte über die Grenzen Frankreichs hinaus: der deutsche Lautenist Ernst Gottlieb Baron, beispielsweise, sah in ihm ein Vorbild. Als in England den Bürgerkrieg ausbrach (164249) kehrten französische Musiker nach Frankreich zurück, aber da es noch immer einen grossen Bedarf an französischer Musik gab, liess Dufaut sich in den 1650er Jahren in London nieder, wo er bis zu seinem Tode blieb. Das war nach dem Tode seines Kollegen Blancrocher, dem er mit einem Tombeau die letzte Ehre erwies. Dieses Stück beschliesst dessen Suite in g-Moll. De Visée ist mit zwei Suiten vertreten, und die Suite in e-Moll endet mit einem Tombeau, die Visée seinen Töchtern gewidmet hat: Tombeau des Mesdemoiselles. Wo Dufaut und Weiss auf einer elfchörigen Laute gespielt werden, erklingen die zwei Suiten von Visée auf der Theorbe. Der Komponist war ein enger Vertrauter Ludwigs XIV., vor dem er oft am Abend in seinem Schlafzimmer spielte, und dem er Gitarrenunterricht erteilte. Nordberg hat eine fesselnde Interpretation vorgelegt, die sich durch eine rhythmische Prägnanz und einen ziemlich freien Umgang mit dem Tempo auszeichnet. Damit weiss er eine starke Spannung hervorzurufen. Auch grosse dynamischen Kontraste scheut er nicht. Dem Textheft zufolge hegt er ein grosses Interesse für Drama, und das hört man. Die nächste CD ist ganz De Visée gewidmet. Johannes Ötzbrugger spielt eine 14-chörige Laute in drei von ihm selbst zusammengestellten Suiten. Darunter gibt es auch einige Transkriptionen von Stücken aus Opern von Lully, der Visées grosses Vorbild war. Auch hier erklingt die Tombeau für die Töchter De Visées; das Tempo ist etwas zügiger, und der Vortrag weniger kontrastreich. Das ist generell das Bild dieser Einspielung. Das soll nicht negativ verstanden werden; es gibt halt mehrere Möglichkeiten, Visées Lautenmusik zu spielen. Ötzbrugger benachdruckt den intimen Charakter der Musik; man könnte sich vorstellen, eine Aufführung im Schlafzimmer Ludwigs XIV. zu lauschen. Sehr schön ist, beispielsweise, wie der Bordunklang der Musette, die im Rondeau La Muzette imitiert wird, dargestellt wird. Auch die in Frankreich so beliebten Passacaille und Chaconne kommen hier sehr schön zum Tragen. Keine Frage, Lautenfreunde sollten diese beiden CDs nicht missen. Die letzte CD ist dann ganz dem Tombeau gewidmet, und ich bespreche sie ganz am Ende, da wir hier auch Stücke von Komponisten aus dem deutschen Sprachgebiet finden. Durch die ganze Geschichte hindurch haben Komponisten Lehrern, Kollegen, Freunden, Verwandten oder anderen, die ihr nahestanden, mit Musik Denkmäler gesetzt. Ein berühmtes Beispiel aus der Renaissance ist die Déploration sur la mort d'Ockeghem von Josquin Desprez. Im Frankreich des 17. Jahrhunderts entwickelte es sich zur grossen Mode, Tombeaus zu komponieren. Vor allem Lautenisten beschäftigten sich damit. "Dies ist möglicherweise kein Zufall, da dem Klang der Laute in den Händen ihrer Meister immer wieder eine transzendente Dimension zugesprochen wurde", schreibt Frank Legl im Textheft zur Aufnahme von Michael Dücker und Johanna Seitz. Unter den Widmungsträgern finden wir den berühmten Lautenisten Blancrocher, dem gleich vier Komponisten ein Tombeau widmeten, und dem böhmischen Grafen Johann Anton Graf Losy von Losinthal, generell bekannt als Comte Logy, auf dessen Tod Weiss ein Tombeau komponierte. Ennemond Gautier errichtete einen musikalischen Grabstein für seinen Lehrer René Mezangeau. Es gibt aber auch Tombeaus für 'den König von England', wahrscheinlich Karl I.; der Komponist wird in der Handschrift nicht erwähnt, aber ist wahrscheinlich Germain Pinel. Anonym überliefert ist auch ein Tombeau für die Königin von Preussen, und damit muss Sophie Charlotte, Gemahlin Friedrichs I., gemeint sein. Der österreichische Komponist Johann Georg Weichenberger komponierte ein Tombeau für den 1711 verstorbenen Kaiser Joseph I. Bemerkenswert ist ein Tombeau von Georg Gebel für Christiana Maria Jacobi, Ehefrau des Commissionsrates Johann Christoph Jacobi zu Leipzig. Ob es originell für die Laute konzipiert war, ist nicht mehr festzustellen; es könnte sich auch um eine Transkription eines Lautenisten handeln. Das Programm fängt mit einer Fantasie von Wilhelm Friedemann Bach an, die heute als Cembalowerk betrachtet wird, aber nach Befinden von Stephan Olbertz als Lautenstück konzipiert wurde. Zum Abschluss erklingt Frobergers Tombeau auf den schon erwähnten Lautenisten Blancrocher, komponiert für Cembalo, aber hier von Johanna Seitz auf der Harfe gespielt. Sie nimmt auch noch an einem anderen Stück Teil. Diese CD ist ungemein interessant und enthält viele Stücke, die kaum bekannt sind. Die nicht-französischen Tombeaus zeugen von der Faszination, die diese Gattung auf Komponisten durch Europa hindurch ausübte. Michael Dücker bringt hier exzellente und fantasievolle Darbietungen, die diese Faszination nachfühlbar machen. Diese CD ist eine echte Bereicherung der Diskographie. Johan van Veen 20 TOCCATA - 121/2022 CD-UMSCHAU

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