Toccata 05/2022

Violinkonzerte - Die Anfänge des Violinkonzerts in Frankreich. Johannes Pramsohler (Violine), Ensemble Diderot Audax - ADX 13782 (2020; 71') Leclair: Violinkonzerte [Vol. I]. Leila Schayegh (Violine), La Cetra Barockorchester Basel Glossa - GCD 924202 (2018; 69') Leclair: Violinkonzerte, Vol. II. Leila Schayegh (Violine), La Cetra Barockorchester Basel Glossa - GCD 924204 (2019; 59') Leclair: Violinkonzerte, Vol. III. Leila Schayegh (Violine), La Cetra Barockorchester Basel Glossa - GCD 924206 (2020; 63') Seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts nahm die Geige eine wichtige Stelle im italienischen Musikleben ein, und mit dem italienischen Stil verbreitete sich auch das Geigenspiel über Europa. Die grosse Ausnahme war Frankreich. Dort waren die Laute und die Viola da gamba die wichtigsten Instrumente, und später kamen das Cembalo und einige Blasinstrumente dazu. Die Geige spielte eine Nebenrolle: sie wurde im Opernorchester verwendet, in Tanzmusik und in Kammermusik, aber nie solistisch. Erst nach 1700 begann sich das Blatt zu wenden. Es gab eine grössere Offenheit für den italienischen Stil und immer mehr Komponisten begannen, italienische Stilelemente in ihre Werke einzubeziehen. Das ging Hand in Hand mit der Emanzipation der Geige. Anfänglich wurden vor allem Sonaten mit Basso continuo komponiert, später dann auch Solokonzerte. In der letztgenannten Kategorie sind es vor allem die Konzerte von Jean-Marie Leclair, die bekannt geworden sind. Darüber später - zunächst sollten die frühesten Konzerte beleuchtet werden, anhand einer Aufnahme von Johannes Pramsohler und dem Ensemble Diderot. Der erste Komponist, der Solokonzerte für die Violine veröffentlichte, war Jacques Aubert, Mitglied der 24 Violons du Roi. Sie erschienen 1734; Leclairs erste Konzerte drei Jahre später. 1739 erschienen vier weitere Konzerte von Aubert als sein Op. 26. Daraus spielt Pramsohler zwei Konzerte; es ist etwas enttäuschend, dass er nicht auch zumindest ein Konzert aus der Sammlung von 1734 aufgenommen hat. Diese Konzerte zeigen eine Mischung aus italienischen und französischen Stilelementen. Ein technisch anspruchsvolles Werk ist das einzige Solokonzert aus der Feder von André-Joseph Exaudet, das in Handschrift überliefert ist. Es enthält eine ausgeschriebene Kadenz mit Nonen- und Dezimen-Griffe. Jean-Baptiste Quentin war ein virtuoses Geiger, der nicht weniger als 17 Sammlungen mit Violinsonaten veröffentlichte. Eine dieser enthält das Konzert in A-Dur, das Ähnlichkeiten mit den Ripienokonzerten von Vivaldi zeigt, aber dessen erste Geigenstimme solistisch behandelt wird. Und schliesslich kommt dann doch auch Leclair noch zu Wort: Pramsohler spielt sein Konzert in Es-Dur, das in Handschrift erhalten geblieben ist. Es ist technisch anspruchsvoll und zeigt thematisch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem vierten Konzert des Op. 10. Bemerkenswert ist, dass der langsame Satz für Violine und Basso continuo ist, was auch in Konzerten von Vivaldi oft der Fall ist. Wo wir aus der Zeit vor Leclair fast nur Sonaten französischer Komponisten hören, ist diese Aufnahme mit frühen Violinkonzerten von grösster Bedeutung. Im Textheft beschreibt Pramsohler die faszinierende Geschichte der Geige in Frankreich. Diese wird dann in seiner Darbietung anschaulich gemacht. Wie zu erwarten, hören wir hier technisch brillante und musikalisch engagierte und fesselnde Interpretationen. Pramsohlers Kollegen tragen dazu bei, dass diese Konzerte als vollwertige Werke herüber kommen, weit mehr als 'Vorläufer' der Konzerte von Leclair. Und er ist dann die Hauptperson in den drei nachfolgenden Aufnahmen. Leila Schayegh hat alle zwölf Konzerte des Op. 7 und Op. 10 eingespielt. Die Verteilung der Konzerte über die drei CDs ist schon originell: jede CD enthält vier Konzerte, zwei aus jeder Sammlung, und immer die gleichen Nummern - 2 und 6, 1 und 3 bzw. 4 und 5. Leclairs Konzerte sind Beispiele des wachsenden Einflusses des italienischen Stils, den er kennengelernt hatte, als er bei Giovanni Battista Somis in Turin studierte. Trotzdem stand er diesem nicht ohne Reserve gegenüber. In verschiedenen Vorworten zu seinen Druckausgaben benachdruckt er, dass der Interpret zu schnelle Tempi und ein Übermass an Verzierungen vermeiden sollte. Diesen Warnungen hat Leila Schayegh Rechnung getragen. Bemerkenswert ist, dass der erste Geigenpart nicht als Solo bezeichnet wird. In Wirklichkeit tritt aber die zweite Geige als 'Konzertmeister' auf, während die dritte als eine Art Füllstimme behandelt wird. Übrigens gibt es einige Konzerte, in denen die erste und zweite Violine beide solistisch auftreten, und in zwei Sätzen sogar auch noch die dritte. In allen Konzerten gibt es Doppelgriffe; die Ausnahme ist das dritte Konzert des Op. 7, dessen Solopart auch auf der Traversflöte oder der Oboe gespielt werden kann. Wer diese Konzerte hört, wird von der Variation überrascht sein. Die Besetzung ist die gleiche, aber trotzdem hat jedes Konzert etwas Eigenständiges zu bieten. Leila Schayegh hat selber die Programmerläuterung verfasst, und gibt einige interessante persönliche Eindrücke. In einigen Konzerten hört sie, beispielsweise, den Einfluss des Theaters und der Tanz, was angesichts Leclairs Hintergrund als Tänzer kaum verwundern kann. In einem Konzert wird der schnelle Eröffnungssatz von einem langsamen Abschnitt eingeleitet. In einem Satz gibt es ausgeschriebene Rubati, und im fünften Konzert des Op. 10 gibt es folkloristische Züge; der Schlusssatz erinnert an Telemann. Das Orchester besteht aus sechs Violinen, zwei Violen, zwei Violoncellos, Violone und Cembalo. Über die Zahl der Instrumente lässt sich streiten; es ist durchaus möglich, dass beim Concert Spirituel ein grösseres Orchester zum Einsatz kam. Hier ist die Balance zwischen der Violine und dem Ensemble ideal. Auf den Einsatz eines Zupfinstruments wurde verzichtet, und das scheint mir richtig. Man hat sich Gedanken gemacht über die Stimmung: diese schwankte von 392 Hz in der Opéra zu 440 Hz bei einigen Aufführungen im Concert Spirituel. Man hat sich für 408 Hz entschieden, eine Stimmung die in Frankreich im ganzen 18. Jahrhundert auch verwendet wurde. Die Violinkonzerte von Leclair gehören zu den bekanntesten Werke dieser Art; trotzdem sind nur einige wirklich geläufig, und deswegen wird man hier doch viel hören, das man noch nicht kannte. Wer eine Gesamtaufnahme in seine Sammlung aufnehmen möchte, braucht nicht weiter zu suchen. Diese drei CDs bieten die ideale Interpretation, in der alles stimmt. Leila Schayegh ist eine der versiertesten Geiger unserer Zeit, und ihre Darbietungen dieser Konzerte sind technisch und musikalisch erste Sahne, mit Hilfe eines exzellenten Orchesters. Schade, dass Schayegh nicht auch das Konzert in Es-Dur aufgenommen hat. Aber das hat Pramsohler für sie gemacht. Johan van Veen Narváez: Los libros del Delphin. Xavier Díaz-Latorre (Vihuela) Passacaille - 1049 (2017; 70') Murcia: Entre dos almas. Stefano Maiorana (Gitarre) Arcana - A484 (2019; 61') Zupfinstrumente haben immer eine wichtige Rolle im Musikleben gespielt. Im Mittelalter begleiteten Sänger sich selbst auf solchen Instrumenten, und es wurde auch Instrumentalmusik gespielt, entweder frei improvisiert, oder Intavolierungen von Vokalmusik. In der Renaissance sind dann Sammlungen mit Musik für ein Zupfinstrument entstanden, und das war oft die Laute. Im Barock kamen Instrumente wie die Erzlaute und die Theorbe dazu. In der Renaissance entstand auch die Gitarre, die vor allem im 17. Jahrhundert zu grosser Popularität gelang, insbesondere die sogenannte 'chitarra spagnola'. In Spanien wurde im 16. Jahrhundert aber auch ein anderes Instrument gespielt: die Vihuela. Es wird manchmal als Vorläufer der Gitarre betrachtet, aber das ist historisch nicht korrekt, denn für einige Zeit wurden sie nebeneinander gespielt. Dabei galt die Gitarre als das 'populäre' Instrument, das vor allem zur Begleitung von Liedern verwendet wurde, während die Vihuela von Virtuosen gespielt wurde. Das Oeuvre von Luys de Narváez (c1500-c1550) ist ein Indiz für den Charakter des Repertoires. Seine 14 Fantasien, in den acht Kirchentonarten, zeugen von den Fähigkeiten des Komponisten im Bereich des Kontrapunkts. Sie sind die Früchte seiner Improvisationen, denn dafür war er bekannt. Er stand dem Hofe Kaiser Karls V. nahe, und dort wurde vor allem die Polyphonie der franko-flämischen Schule geschätzt. Es wundert daher nicht, dass wir im Oeuvre von Narváez mehrere Intavolierungen von geistlichen Werken, darunter Messsätze, von Komponisten wie Josquin und Gombert finden. Und dann gibt es noch Variationswerke, 'differencias' genannt. Die Werke von Narváez werden zu den besten für das Instrument gerechnet. Der Interpret soll über grosse Fähigkeiten verfügen, um diese Stücke auf überzeugende Weise zum Klingen zu bringen. Xavier Díaz-Latorre verfügt über solche Fähigkeiten; er ist ein angesehener Spezialist auf der Vihuela, und legt hier alle Solostücke aus den 'Libros del Delphin' vor. Er spielt zwei verschiedene Instrumente, eine Tenorvihuela und eine Bassvihuela, die sich in Klang deutlich unterscheiden. Wegen des Einflusses der geistlichen Polyphonie im Oeuvre von Narváez, hat Díaz-Latorre die Stücke im Programm nach den acht Horen geordnet. Sein klar profiliertes und durchsichtiges Spiel lassen TOCCATA - 121/2022 CD-UMSCHAU 21

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