Toccata 05/2022

die Qualitäten dieser Stücke voll zur Geltung kommen. Diese CD ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Kunst von Luys de Narváez. Die Gitarre ist auch schon in der Renaissance entstanden, wahrscheinlich im 15. Jahrhundert. Die frühesten Instrumente zeigten eine grosse Ähnlichkeit mit Laute und Vihuela und hatten vier Saiten. Später entwickelte sich die 'chitarra spagnola', die sich über Neapel in Italien verbreitete, und dann auch nördlich der Alpen gespielt wurde. Santiago de Murcia (1673-1739) ist ein Vertreter der spanischen Gitarrenschule des Barock, und er verfügte über gute Kontakte in den höchsten Kreisen. In seiner Zeit liess sich der Einfluss des italienischen Stils gelten, und das ist auch in Murcias Oeuvre nachweisbar. Er bearbeitete mehrere Sonaten von Corelli, und einige dieser hat Stefano Maiorana aufgenommen. In einem Fall hat Murcia nur zwei Sätze bearbeitet; Maiorana hat dann selbst eine Bearbeitung der fehlenden Sätze im Stile Murcias beigesteuert. Auch in anderen Fällen hat er selbst etwas hinzugefügt, beispielsweise in der Jácaras, einem der freien Werke Murcias. Dazu zählen auch Stücke wie Fandango und Tarantelas, und es gibt zwei Werke über das bekannte FoliaThema. Das lebendige und differenzierte Spiel von Maiorana bringt die ausgewählten Werke von Murcia so richtig zum Leben. Er spielt eine Kopie einer Gitarre, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Venedig erbaut wurde. Johan van Veen Crisalide - Spätmittelalterliche Intavolierungen. Federica Bianchi (Clavisimbalum), Peppe Frana (Laute, Chitarrino) NovAntiqua - NA71 (2020; 40') Lieder des 15. Jahrhunderts und die gestrichene Vihuela. Cantar alla Viola Da Vinci Classics - C00503 (2020; 66') Dufay: L'alta bellezza - Bläsermusik an italienischen Höfen des 15. Jahrhunderts. Alta Bellezza Arcana - A122 (2018; 46') Die florentinische Renaissance. The Orlando Consort Hyperion - CDA68349 (2022; 78') Im Mittelalter spielten Instrumentalisten entweder Tänze oder Vokalmusik. Solche Darbietungen von Vokalmusik wurden oft improvisiert, aber es gibt auch einige Sammlungen mit sogenannten Intavolierungen. Diese sind für Zupf- oder Tasteninstrumente gedacht, denn ihre Musik wurde in Tabulatur notiert - das ist ein System, das die Griffe anzeigt, statt der Musik, so wie sie klingen sollte. Federica Bianchi und Peppe Frana haben ein Programm aufgenommen, deren Stücke meistens aus drei wichtigen Quellen stammen: dem Lochamer Liederbuch, dem Faenza Codex und dem Chantilly Codex. Unter den Komponisten findet man Johannes Ciconia, Conrad Paumann und Francesco Landini. Das bekannteste Stück ist wohl die Istampitta Tre Fontane, die hier in einem sehr zügigen Tempo dargestellt wird. Es ist schade, dass diese CD nur 40 Minuten dauert; das ist eigentlich unakzeptabel. Trotzdem möchte ich sie Liebhabern mittelalterlicher Musik empfehlen, denn während man die Laute häufig hört, auch in mittelalterlicher Musik, ist das Clavisymbalum viel weniger geläufig, und in Kombination hört man sie wohl kaum. Und diese beiden Artisten haben hier eine sehr spannende und oft sogar aufregende Aufführung vorgelegt. Die ausgewählten Stücke werden brillant vorgetragen. Auch deswegen hätte ich gerne mehr gehört. Auch die Produktion lässt einiges zu wünschen übrig. Es gibt einen sehr kurzen Einführungstext auf italienisch und englisch; letzterer ist kaum verständlich. In der Tracklist gibt es mal eine 'Suite' von Stücken aus dem Lochamer Liederbuch, die aber nicht einzeln erwähnt werden. Das Ensemble Cantar alla Viola - das sind Nadine Balbeisi (Sopran) und Fernando Marín (gestrichene Vihuela) - beschäftigt sich mit der Aufführungspraxis von Liedern des Mittelalers und der Renaissance. Es war lange Zeit üblich, dass ein Sänger - Troubadour oder Trouvère - sich selbst begleitete. Dafür konnte ein Zupfinstrument - Laute oder Harfe - aber auch ein Streichinstrument verwendet werden. Die gestrichene Vihuela, das Instrument auf das Marín sich spezialisiert hat, ist in der Lage mehrstimmig zu spielen. Das erlaubt die Interpretation mehrstimmiger Lieder mit einer Singstimme. In Musikenzyklopädien wird dieses Instrument meistens mit dem Fiedel identifiziert, aber Marín glaubt, es handele sich um ein eigenständiges Instrument. Der Name lässt schon vermuten, dass es seine Wurzel in Spanien hat. Marín weist aber darauf hin, dass es auch in Italien gespielt wurde. Im Programm finden wir mehrere Stücke des spanischen Komponisten Francisco de Peñalosa, aber auch Werke von Komponisten des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts aus Italien, Frankreich und Deutschland. Die ausgewählten Werke sind meistens weltlich, aber es erklingen auch geistliche Stücke. Auch diese konnten damals auf diese Weise dargestellt werden. Das ist alles sehr interessant, und Nadine Balbeisi hat eine informative Programmerläuterung im Textheft beigesteuert. Sie hat eine sehr schöne Stimme und Marín ist ein engagierter Interpret auf der gestrichenen Vihuela. Leider ist die Darbietung auf Dauer etwas einförmig. Ob das dem Inhalt und Charakter der Werke entspricht, lässt sich nicht überprüfen, da das Textheft leider keine Gesangstexte enthält. Trotzdem, diejenigen die sich für die Musik dieser Zeit interessieren, sollten diese CD nicht missen. Auf der Schwelle von Mittelalter und Renaissance war Guillaume Dufay einer der berühmtesten Komponisten Europas. Er hatte verschiedene wichtige Stellen inne, darunter die eines Sängers in der päpstlichen Kapelle. Er pflegte auch Kontakte zu einigen der mächtigsten Dynastien der Zeit, darunter die Estes in Ferrara. Das Ensemble Alta Bellezza hat einige Stücke aufgenommen, die seine Karriere markieren. Das sind alle Vokalwerke, die aber hier instrumental ausgeführt werden. Das Ensemble hat die damals geläufige 'Alta Capella' zum Vorbild genommen: eine Gruppe von zwei Vor zwanzig Jahren: Alte Musik aktuell (AMA) 121 September 2002 Alan Curtis Cembalist und Leiter des Ensembles Il Complesso Barocco erhielt den ersten International Handel Award für seine Aufnahme der Oper Arminio bei Virgin. Im April 2003 wird er Händels Radamisto in der Originalversion für Virgin einspielen. Auf dem Programm der Festlichen Tage Alter Musik in Knechtsteden 2002 steht u.a. Johann Friedrich Reichardts Oper “Die Geisterinsel” mit der Rheinischen Kantorei und dem Kleinen Konzert unter Hermann Max. Auf dem Programm des “Bayreuther Barock” steht u.a. die Aufführung der musikalischen Tragödie “Argenore” der Wilhelmine von Bayreuth. Die Akademie für Alte Musik Berlin feiert ihr 20 jähriges Bestehen mit einem Festkonzert im Berliner KOnzerthaus. Die Frühfassunge der Orchestersuiten von Bach, rekonstruiert von Siegbert Rampe, mit Nova Stravaganza unter Siegbert Rampe sind beim Label Musikproduktion Dabringhaus & Grimm als Weltersteinspielung erschienen. Der dänische Cembalist Lars Ulrik Mortensen übernimmt von Roy Goodman die Position des Musikdirektors des European Union Baroque Orchestra. Im Kloster Michaelstein findet das 23. Musikinstrumentenbau-Symposium mit dem Thema “Ist das Tafelklavier noch salonfähig?” statt. Interviewt wurde Gloria Banditell (Teil II). Zu Platten des September 2002 gekürt wurden die CDs: Corelli: Sonate per Viola da gamba & basso continuo, op. V, Vol. II. Guido Balestracci, Paolo Pandolfo, Gaetano Nasillo, Luciano Contini, Massimiliano Raschietti, Symphonia SY 01189 (2002), Bach, C.P.E.: The complete Keyboard Concertos, Vol. 11. Miklós Spányi, Concerto Armonico, Péter Szüts. BIS CD-1097 (2002) und Carissimi: Ten Motets. Consortium Carissimi, Vittorio Zanon, Naxos 8.555076 (2001). Rezensent: Robert Strobl Oktober 2002 Als Weltersteinspielung erschien der Gesamtzyklus der Lamentationen von Emilio de Cavalieri mit dem Gesualdo Consort unter Harry van der Kamp bei Sony. Ton Koopman und sein Amsterdam Baroque Orchestra haben die Matthäuspassion von C.Ph.E. Bach , die sich in der in Kiew jüngst wieder aufgefundenen Sammlung des Berliner Singvereins befindet, in verschiedenen europäischen Städten aufgeführt und auf CD aufgenommen. Bei der “International Young Artist’s Presentation, Early Music” im Rahmen des Flandern Festival-Antwerpen erhielt den ersten Preis: Ensemble Liber unUsualis (USA). Jacopo Peris Euridice wurde an der Wiener Kammeroper unter der Leitung von Bernhard Klebel aufgeführt. Das Barockorchester Concilium Musicum Wien unter Paul Angerer feiert sein 20jähriges Bestehen. Zu Platten des Monats Oktober 2002 gekürt wurden die CDs: Bach W.F.: Symphoniwa, Concerto pour clavecin. Akademie für Alte Musik Berlin, Raphael Alpermann. Harmonia mundi France HMC (2002), Tracce ... della tradizione orale in manoscritti italiani del XIV, XV sec. Patrizia Bovi, Gilberte Casabianca. Opus 111 OP 30333 (002), La bele marie: Songs to the Virgin from 13th-century France. Anonymous 4. Harmonia mundi USA HMU 907312 (2002). Rezensent: Robert Strobl 22 TOCCATA - 121/2022 CD-UMSCHAU

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