Toccata 05/2022

Doppelrohrblattinstrumenten - Schalmei und Pommer - sowie einer Zugtrompete. Unter den aufgeführten Stücken finden wir einige der bekanntesten: Vergene bella und Se la face ay pale. Weiter werden einige Stücke von Gilles Binchois gespielt, der mit Dufay eng befreundet war seit ihrer Zeit am burgundischen Hofe. Das Programm wird mit einigen Tänzen erweitert, die immer einstimmig überliefert worden sind und hier von den Mitgliedern des Ensembles von Gegenstimmen versehen werden. Eine Kombination lauter Blasinstrumente hört man meistens in Sammelprogrammen, aber nur selten ist eine ganze CD so einem Ensemble gewidmet. Es hat durchaus Reiz, und es ist schön, dass es hier vorgestellt wird in einem abwechslungsreichen Programm. Schade nur, dass die Spieldauer so kurz ist. Es gibt vielleicht den einen oder anderen, der mehr als 45 Minuten dieser Klänge nicht ertragen kann, aber man kann eine CD wie diese auch Häppchenweise geniessen, und das würde ich jedem raten. Florenz war mehrere Jahrhunderte einer der wichtigsten und mächtigsten Stadtstaaten Italiens. Das kam auch in der Kultur zum Ausdruck. The Orlando Consort hat eine CD aufgenommen, die ein Bild der Musikszene übermittelt, vom Anfang des 14. Jahrhunders, als Guillaume Dufay dort wirkte, bis zum Tode des Girolamo Savonarola 1498. Das Programm ist in zwei Abschnitte aufgeteilt. Die ersten sechs Stücke sind aus der Feder von Dufay und seinem Kollegen Binchois. Dufay verblieb in den 1430er Jahren einige Zeit in Florenz, im Gefolge von Papst Eugen IV. Das Programm fängt mit seiner Motette Nuper rosarum flores an, die er zur Einweihung der Kathedrale komponierte. Im Textheft wird die Verbindung zwischen der Struktur dieses Werkes und architektonischen Elementen der Kathedrale erörtert. Binchois war nie in Florenz, aber der Herrscher, Piero de' Medici (1416-1469), war ein grosser Bewunderer seiner Chansons, und daher erklingt hier eine dieser, aber dann mit einem geistlichen Text, als Lauda. Dieser Praxis des Kontrafakts begegnen wir dann wieder im zweiten Abschnitt; darin stehen die verschiedenen Feste, die im Verlaufe des Jahres gefeiert wurden, im Mittelpunkt. Es erklingen mehrere Stücke zum Karneval, und einige dieser sind dann auch wieder als Kontrafakten zu hören. Und darin spielt der schon erwähnte Savonarola eine wichtige Rolle, denn er drängte auf geistliche, gesellschaftliche und politische Reformen. Als 1492 Lorenzo de' Medici verstarb, verstärkte er seinen Einfluss und verbot das Karneval. Weitere Feste waren das Maifest und der Johannistag, an dem Johannes des Täufers, Schutzheiliger der Stadt, gedacht wurde. Die Werke in diesem Abschnitt sind entweder anonym oder von Heinrich Isaac, der viele Jahre in Florenz wirkte und dort auch verstarb. Und dann erklingen noch einige Stücke, die sich auf den Tod Lorenzo de' Medicis beziehen. Er galt als Friedensstifter zwischen den italienischen Staaten, und nach seinem Tode brachen mehrere Kriege aus. Deswegen endet die CD mit Isaacs Motette Quis dabit pacem populo timenti, einem Gebet um Frieden. The Orlando Consort hat hier eine besonders interessante und schöne Produktion vorgelegt. Einige Stücke erklingen hier zum ersten Mal, beispielsweise da sie unvollständig überliefert sind und für diese Einspielung rekonstruiert wurden. Die vier Herren singen sehr schön, und das macht es umso schmerzlicher, dass dieses Ensemble 2023 aufgelöst werden wird. Johan van Veen Cavazzoni: Sämtliche Orgelwerke. Federico Del Sordo (Orgel), Nova Schola Gregoriana, Alberto Turco Brilliant Classics - 96192 (3 CDs) (2020; 2.52') Picchi: Sämtliche Cembalowerke. Simone Stella (Cembalo) Brilliant Classics - 95998 (2020; 74') M Rossi: Toccate e Correnti. Lorenzo Feder (Cembalo) fra bernardo - fb 1907498 (2017; 59') Storace: Sämtliche Cembalo- und Orgelwerke. Enrico Viccardi (Cembalo, Spinett, Orgel) Brilliant Classics - 95455 (2 CDs) (2016; 2.19') Musik für Tasteninstrumente war eine wichtige Gattung im Italien der Renaissance und des Frühbarock. Vor allem Organisten genossen grosses Ansehen, und Stellen als Organist an einer wichtigen Kirche oder Kathedrale waren heiss begehrt. Nur die besten kamen dafür in Betracht. Sie waren oft auch als Komponist aktiv, und schrieben Stücke wie Toccata, Canzona und Ricercar. Solche Werke können meistens sowohl auf der Orgel als auf einem besaiteten Tasteninstrument (Cembalo, Virginal, Spinett) gespielt werden. Oft wurden sie auch in der Liturgie verwendet. Darüber hinaus wurden Versetten komponiert, die für die Alternatimspraxis geeignet waren, wie Messen und Magnificats. Diese dominieren im Schaffen von Girolamo Cavazzoni (c1525-nach 1577). Wann und wo er geboren wurde, ist nicht genau bekannt, und auch sonst wissen wir nicht besonders viel über ihn. Im Textheft der Brilliant Classics-Produktion wird behauptet, er sei 1521 als Organist der Kathedrale zu Mantua ernannt worden, aber das ist natürlich unmöglich. Es gibt keine Beweise, dass er im Dienste der Gonzagas war; es steht nur fest, dass er 1565/66 den Bau der Orgel in dieser Kathedrale überwachte. Auf dieser Orgel, erbaut von Graziadio Antegnati, hat Federico Del Sordo Cavazzonis sämtliche Orgelwerke eingespielt. Sie sind in zwei Sammlungen aufgenommen; die erste wurde 1543 gedruckt, die zweite, deren Titelseite verlorengegangen ist, erschien wahrscheinlich vor 1549. Neben vier Ricercaren gibt es zwei Canzonen über französische Chansons (Josquins 'Fault d'argent' und Passereaus 'Il est bel et bon'), zwölf Hymnen, vier Magnificats und drei Messen. Bei den drei letzteren Kategorien handelt es sich um Alternatimskompositionen; die einstimmigen Gesänge werden hier von der Nova Schola Gregoriana gesungen, und die Gesänge sind zwei Quellen von um 1600 entnommen. Del Sordo erklärt, wie die Alternatimspraxis bestimmten Regeln unterworfen war, die aber nicht immer befolgt wurden. Zu diesen Regeln gehörte, dass der Abschnitt im Credo über die Menschwerdung Christi (et incarnatus est) nicht gespielt werden durfte, aber immer gesungen werden sollte. Auch der erste Vers des Magnificats sollte immer vokal ausgeführt werden. Das hat folgen für die Beziehung zwischen dem Text und den Orgelversen. Neben den erwähnten Sammlungen gibt es zwei Ricercares, die in Anthologien aufgenommen wurden. Das eine wird auf dem Cembalo gespielt, das andere ist für ein Instrumentalensemble gemeint, kann aber - wie hier - auch auf der Orgel dargestellt werden. Federico Del Sordo ist ein Spezialist im Alternatimsrepertoire, und generell in alter italienischer Musik für Tasteninstrumente. Seine Interpretationen sind exzellent. Die Tempi sind hier etwas langsamer als in der Einspielung von Ivana Valotti (Tactus, 2016) an der gleichen Orgel. Beide schätze ich sehr, und wer die Tactus-Aufnahme nicht hat, kommt mit dieser Ausgabe auf einem Budget-Label voll auf seine Kosten. Das Textheft enthält Einzelheiten über die verwendeten Instrumente, darunter die Disposition der Orgel. Leider fehlen die Gesangstexte, aber diese sind im Intenet zu finden. Es wundert nicht, dass viele Komponisten von Musik für ein Tasteninstrument heute kaum bekannt sind: sie werden von einigen grossen Meistern, deren Musik heute häufig gespielt wird, überschattet. Strikt genommen gilt das nicht für Giovanni Picchi (1572-1643), dessen Name durchaus bekannt ist, schon deswegen, weil eine der berühmtesten Sammlungen von Cembalowerken, das Fitzwilliam Virginal Book, eine Toccata aus seiner Feder enthält. Trotzdem, seine Musik wird nicht sehr häufig gespielt. Wenn ich mich nicht irre, war es Ton Koopman, der als erster eine Aufnahme seines Gesamtwerkes produzierte, ganz am Anfang seiner Karriere, noch im Zeitalter der Schallplatte. Soviel ich weiss, ist sie nie auf CD wiederveröffentlicht - leider. Aber jetzt gibt es eine neue Gesamtaufnahme: der italienische Cembalist und Organist Simone Stella, von dem Brilliant Classics schon mehrere Aufnahmen herausgebracht hat, zeichnet verantwortlich für eine Produktion, in der - neben dem Oeuvre von Picchi - auch Musik venezianischer Komponisten früherer Generationen erklingt. Das sind Annibale Padovano (1527-1575), Andrea und Giovanni Gabrieli (c1533-1585 bzw. 1557-1612), Vincenzo Bellavere (c1540-1587) und Claudio Merulo (15331604). Das waren alle geschätzte Meister ihres Fachs, und das gilt auch für die am wenigsten Bekannten: Padovano war von 1552 bis 1566 erster Organist des Markusdoms, und auch Bellavere wirkte als Organist in dieser Kirche, aber nur neun Monate, da er bald nach seiner Ernennung verstarb. Durch Einbeziehung dieser Organisten wird Picchi in seinen historischen Zusammenhang gestellt. Und der Vergleich zeigt, dass er in seiner Musik keineswegs den anderen unterlegen ist. Trotzdem fiel es ihm nicht leicht, passende Stellen zu finden. Nur eine Sammlung seiner Tastenmusik wurde gedruckt: die Intavolatura di Balli d'Arpicordo erschien 1621 und enthält neun Stücke. Dazu gibt es noch fünf handschriftlich überlieferte Werke und die im Fitzwilliam Virginal Book aufgenommene Toccata. Wo andere Komponisten mal Stücke schrieben, die sowohl auf der Orgel als auf einem besaiteten Tasteninstrument aufgeführt werden können, haben wir es bei Picchi fast ausschliesslich mit Werken zu tun, die nur auf dem Cembalo spielbar sind, da sie ganz von Tanzrhythmen beherrscht werden, wie ihre Titel - Ballo, Padoana, Saltarello - schon zeigen. Vielleicht wären nur einige Passemezzi auf der Orgel spielbar. Simone Stella hat sich für das Cembalo entschieden; er spielt auf einer Kopie eines Instruments von Carlo Grimaldi. Stilistisch ist seine Interpretation mit der von Koopman vergleichbar: rhythmisch prägnant, scharf artikuliert und in einem relativ schnellen Tempo, nach dem Charakter des jeTOCCATA - 121/2022 CD-UMSCHAU 23

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