Toccata 05/2022

weiligen Werkes. Alle Musik ist ersten Ranges, und besonders interessant und unterhaltsam. Stella hat hier eine besonders spannende und oft aufregende CD vorgelegt. Im Vergleich wird Michelangelo Rossis Musik für ein Tasteninstrument viel häufiger gespielt. Es gibt mehrere Aufnahmen seines im Umfang ebenfalls bescheidenen Oeuvres für Cembalo oder Orgel. Obwohl er in erster Linie als Geiger bekannt war, ist kein einziges Werk für Violine zu uns gekommen. Er komponierte auch Vokalmusik, aber dieser Teil seines Schaffens wird kaum beachtet. Er ist vor allem wegen seiner Toccaten und Correnten bekannt geworden: diese insgesamt zwanzig Stücke wurden 1657 in Rom veröffentlicht. Inbesondere die Toccata VII ist berühmt geworden, denn gegen Ende häufen sich die Dissonanzen: dort zieht Rossi die äussersten Konsequenzen der mitteltönigen Stimmung. Die Toccata ist eine freie Form, die aus der Improvisationspraxis hervorgeht, und das fordert einen freien Umgang mit dem Tempo. Kein Wunder, dass es in der Interpretation von Lorenzo Feder, die bei fra bernardo erschien, grosse Temposchwankungen gibt. Die Correnten spielt er viel strikter, was vom Tanzrhythmus gerechtfertigt wird. Neben den Toccaten und Correnten spielt er noch drei in Handschrift überlieferten Werke: zwei Ciacconas und die Partita sopra La Romanesca. Feder hat sich für eine Darbietung auf dem Cembalo entschieden; die meisten anderen Interpreten wechseln zwischen Cembalo und Orgel. Das hat auch Folgen für die Tempowahl: eine Darstellung auf einer Orgel verlangt meistens ein etwas ruhigeres Tempo, insbesondere wegen der Akustik in einer Kirche. Trotzdem: im Vergleich zu einigen anderen Aufnahmen - beispielsweise von Sergio Vartolo (Naxos, 2005) und Riccardo Castagnetti (Brilliant Classics, 2015) - sind Feders Tempi schon sehr zügig. Vielleicht würden die Dissonanzen in der Toccata VII etwas stärker zur Geltung kommen in einem etwas ruhigeren Tempo. Trotzdem, ich schätze diese Aufnahme sehr, und habe ihr gefesselt zugehört. Feder spielt ein Cembalo von Willem Kroesbergen nach Bartolomeo Stefanini (1694), das sich als das ideale Medium für diese Musik erweist. Bernardo Storace hat es zu einer gewissen Berühmheit in unserer Zeit gebracht. Das liegt vor allem an seiner Ciaccona, die häufig gespielt und aufgenommen wird. Es ist ein brillantes Werk, das zweifellos von den Fähigkeiten des Komponisten als Cembalo- und Orgelvirtuose zeugt. Allerdings hat sein Oeuvre mehr zu bieten, und es ist schön, dass alle Werke dieses Mannes, von dem wir fast nichts wissen, jetzt auf CD vorliegen. Ob es schon eine Gesamtaufnahme gibt, weiss ich nicht; ich jedenfalls kenne keine. Enrico Viccardi spielt vier verschiedene Instrumente: zwei Orgeln des 18. Jahrhunderts, eine Kopie eines Cembalos von Grimaldi und ein Spinett, das nach Vorbildern aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaut ist. Im Oeuvre von Storace findet man die damals üblichen Gattungen: Capriccios, Passemezzi, Ricercaren, Correnten, Passacagli, Toccaten (hier interessanterweise gefolgt von einem fugatischen Canzon), einige Tänze (Ballo, Balletto) sowie verschiedene Stücke über damals beliebte Bassthemen, wie Follia, Monica, Spagnoletta und Ruggiero. Die zweite CD schliesst mit einer Pastorale. Diese Werke können, dem Titelblatt zufolge, sowohl auf Cembalo als Orgel gespielt werden. Es wird dem Interpreten überlassen, hier eine Wahl zu treffen. Insgesamt kann ich mich mit den Entscheidungen Viccardis abfinden, mit einer Ausnahme: die schon erwähnte Ciaccona wird hier auf der Orgel gespielt. Ich kenne nur Aufnahmen auf dem Cembalo, und ich halte das für das am meisten geeignete Instrument. Die hier gebotene Darbietung auf Orgel hat mich nicht überzeugt. Das Stück enthält einige abrupte Übergänge, und diese kommen auf der Orgel in einer räumlichen Akustik ungenügend zum Tragen. Übrigens sind die Darstellungen an der Orgel am Besten gelungen. Die Stücke auf Cembalo und Spinett spielt Viccardi zwar gut, aber es fehlt das Quentchen Inspiration, das eine Interpretation wirklich spannend macht. Vor allem in einigen längeren Stücken fiel es mir nicht immer leicht, die Konzentration zu bewahren. Trotzdem, wer sich für die italienische Tastenmusik des 17. Jahrhunderts interessiert, sollte diese Produktion ergattern. Johan van Veen Italienische Mandolinensonaten des Barock. Artemandoline deutsche harmonia mundi - 19439819362 (2019; 56') D Scarlatti: Mandolinensonaten. Pizzicar Galante Arcana - A115 (2017; 61') Mandoline und Fortepiano - Sonaten & Variationen. Anna Torge (Mandoline), Gerald Hambitzer (Fortepiano) CPO - 555 112-2 (2014; 74') Beethoven und seine Zeitgenossen - Musik für Mandoline und Fortepiano. Raffaele La Ragione (Mandoline), Marco Crosetto (Fortepiano) Arcana - A117 (2019; 50') Mandoline auf der Bühne - Die grössten Mandolinenkonzerte. Raffaele La Ragione (Mandoline), Il Pomo d'Oro, Francesco Corti Arcana - A524 (2021; 57') Die Mandoline, die sich aus der Laute entwickelte, hat in der europäischen Musikgeschichte eine wichtige Rolle gespielt. Das hat sich aber in der heutigen Aufführungspraxis kaum niedergeschlagen. Dann und wann wurde mal ein Stück für Mandoline aufgenommen, insbesondere die Konzerte von Vivaldi, aber dabei ist es meistens geblieben. Auch als sich die historische Aufführungspraxis um die Wiederbelebung vergessener Instrumente bemühte, wurde die Mandoline fast ganz übersehen. Nur einige Spezialisten haben sich mit der Geschichte und dem Repertoire des Instrumentes befasst. In letzter Zeit scheint sich aber das Blatt zu wenden. Mehrere CDs mit Musik für Mandoline in verschiedenen Kombinationen wurden veröffentlicht, und Artemandoline ist eines von verschienen Ensembles, die sich ganz dem Repertoire für Mandoline gewidmet haben. Wie gross der Nachholbedarf ist, zeigt die hier zu rezensierende CD mit Sonaten des italienischen Barock. Bei fünf der sechs Sonaten handelt es sich um Erstaufnahmen. Die Namen der Komponisten waren mir ganz unbekannt: (Abbate) Ranieri Capponi, Niccolò Susier, Nicola Romaldi, Giovanni Pietro Sesto da Trento und Francesco Piccone. Es spricht Bände, dass keiner dieser in der englischen Musikenzyklopädie New Grove erwähnt wird. Das Textheft enthält eine ausführliche Geschichte der Mandoline und des Mandolinenspiels, und es gibt auch Information über die Komponisten, aber von mehreren dieser ist sehr wenig bekannt. Und dann haben wir es hier nur mit einer kleinen Auswahl des sehr umfangreichen Repertoires zu tun. Wer glaubt, das sei alles leicht verdaulich, hat in sofern recht, dass die Mandolinensonaten in erster Linie als Unterhaltungsmusik gedacht sind. Das will aber nicht heissen, dass sie nichts Substantielles zu bieten haben. Eine Sonate enthält eine Fuge, verschiedene Sonaten fangen mit einem langsamen Satz mit dem Charakter einer Toccata an, mit stark improvisatorischen Zügen, und es gibt auch einen Satz, der stark an ein Rezitativ erinnert. Auch Unterhaltungsmusik kann guter Qualität sein, und das ist hier der Fall. Es ist die Aufgabe der Interpreten, solche Musik auf überzeugende Weise über die Bühne zu bringen, und dessen Merkmale optimal zum Tragen kommen zu lassen. Dem Ensemble Artemandoline ist das voll und ganz gelungen. Diese CD ist ein wichtiger Beitrag zur Neubewertung eines zu lange vergessenen Instruments. Auch das Ensemble Pizzicar Galante hat sich der Mandoline verschrieben. Die hier zur Rezension stehende CD enthält Sonaten von Domenico Scarlatti, der aber keine einzige Mandolinensonate komponiert hat. Seine Sonaten werden als Tastenmusik betrachtet, und an sich ist das auch richtig. Allerdings sind um die 25 Sonaten wahrscheinlich in erster Linie für ein Melodieinstrument und Basso continuo konzipiert. In diesen Sonaten hebt sich die Oberstimme deutlich von den übrigen Stimmen ab, und enthält auch Vortragszeichen - beispielsweise im Bereich der Dynamik - die eine Aufführung auf einem Melodieinstrument nahelegen. Dafür kommt in erster Linie die Violine in Betracht. Es gibt aber in einer französischen Bibliothek eine Handschrift mit dem ersten Satz aus einer Sonate in der Besetzung mit Mandoline und Basso continuo. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Mandoline in Frankreich besonders beliebt. Die Entscheidung des Ensembles, mehrere Sonaten in dieser Besetzung darzustellen, kann damit gerechtfertigt werden, dass in Frankreich zwischen 1761 und 1783 mindestens dreissig Ausgaben erschienen, in denen die Mandoline als Alternative für andere Instrumente, wie Violine, pardessus de viole oder Traversflöte, erwähnt wird. Insgesamt 11 Sonaten verschiedener Länge und Zusammensetzung haben die Musiker eingespielt. Dabei benutzt Anna Schivazappa, die sich an der Sorbonne Universität zu Paris auch wissenschaftlich mit der Mandoline auseinandersetzt, drei unterschiedliche Instrumente. Die Unterschiede im Klang kommen hier gut zum Tragen. Pizzicar Galante ist nicht das erste Ensemble, das Scarlattis Sonaten auf Mandoline vorstellt: 2013 erschien eine vergleichbare CD bei Brilliant Classics. Allerdings beschränkte das soeben erwähnte Ensemble Artemandoline sich auf sechs der bekanntesten Sonaten für Melodieinstrument und Basso continuo. Diese sind auch hier zu hören, aber es gibt hier noch fünf weitere. Die Interpretationen sind erste Sahne und diese CD ist ein überzeugender Beweis der Qualitä24 TOCCATA - 121/2022 CD-UMSCHAU

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