Toccata 05/2022

ten der Mandoline. Musikalisch passen Scarlatti und die Mandoline perfekt zusammen. In den Jahrzehten um 1800 erfreute sich die Mandoline grosser Beliebtheit, insbesondere in Wien und Paris. Davon zeugen die beiden CDs, auf denen die vier von Beethoven für die Kombination von Mandoline und ein Tasteninstrument überlieferten Stücke im Mittelpunkt stehen. Es handelt sich dabei um Werke, die er für die Comtesse Josefine Clary-Aldringen in Prag komponierte. Sie war nicht nur eine hervorragende Sängerin - Beethoven komponierte für sie die Konzertarie Ah! perfido op. 65 - sondern spielte auch sehr gut die Mandoline. Sie war was man im 18. Jahrhundert einen 'Liebhaber' nannte; ein Aristokrat konnte damals sowieso kein professioneller Musiker sein. Es gab aber auch Mandolinenvirtuosen, und einer davon war Bartolomeo Bortolazzi. Für ihn komponierte Johann Nepomuk Hummel seine Sonate in C-Dur, op. 37(a), die ebenfalls auf beiden CDs zu finden ist. Raffaele La Ragione und Marco Crosetto lassen ihn dann auch als Komponist zu Wort kommen, mit dessen Sonate in D-Dur op. 9, die um 1804 in Leipzig entstanden ist. Anna Torge und Gerald Hambitzer haben ihr Programm auf andere Weise erweitert. Zuerst spielen sie noch ein Stück von Beethoven: das Rondo in DDur, das als Skizze überliefert ist. Nur eine Melodiestimme ist erhalten geblieben, die entweder für Violine oder für Mandoline bestimmt ist. Das waren, wie wir schon gesehen haben, geläufige Alternativen; auch Hummels Sonate nennt die Geige als solche. Der Dirigent und Komponist Frank Löhr meint aber, dass die Partie für die Mandoline gedacht ist, da typische Züge einer Geigenpartie fehlen. Er hat ein Rekonstruktionsversuch unternommen, und dabei eine Klavierbegleitung erstellt, die - wie er selber auch zugibt - in hohem Masse spekulativ ist. Es ist aber schön, dass auf diese Weise auf jeden Fall die von Beethoven selbst geschriebene Solostimme jetzt hörbar ist. Zwei weitere Werke bringen uns nach anderen Stätten in Europa. Gabriele Leone stammte aus Neapel - so etwas wie die Geburtsstätte der Mandoline - und wurde vom Herzog von Chartres nach Frankreich geholt. Seine Sonate in ADur op. 2 ist ein Werk im galanten Stil, das aber im Mittelsatz klar dramatische Züge enthält. Aus der Nationalbibliothek zu Lissabon stammt die Sonate mit Variationen in C-Dur des portugiesischen Komponisten Porto Feliziano. Das Werk steht im italienischen Stil und der dritte und letzte Satz ist ein Thema mit Variationen. Da die Programme zum Teil unterschiedlich sind, können diese CDs eher als Ergänzung denn als Konkurrenten betrachtet werden. Es gibt aber einige Unterschiede, die nicht unerwähnt bleiben sollten. Über die Wahl der Mandoline sind sich Anna Torge und Raffaele La Ragione einig: beide spielen eine vierchörige Mandoline in Quintstimmung. Der Klang ist aber bei Anna Torge etwas schärfer und prägnanter. Das liegt vielleicht daran, dass La Ragiones Mandoline nur mit Darmsaiten bespannt ist, Anna Torges Instrument dagegen auch Kupfer- und Silber-umsponnene Saiten hat. Die Wahl des Klaviers ist eine oft problematische. Beethoven nennt das Cembalo als Tasteninstrument, aber es ist fraglich, ob das seine erste Wahl war. La Ragione weist auf die Dynamikanweisungen in der tschechischen Handschrift des Adagio ma non troppo in Es-Dur von Beethoven hin, was darauf deutet, dass ihm in Prag ein Fortepiano zur Verfügung stand. Auch Hummels Sonate nennt Fortepiano und Cembalo als Alternativen. Das Cembalo war damals noch weit verbreitet, und es ist wohl vor allem aus kommerziellen Gründen, dass es auf Titelseiten erwähnt wurde. In beiden Einspielungen wird ein Fortepiano gespielt. Gerald Hambitzer spielt in allen Stücken ein Instrument von Louis Dulcken von 1793, das sich im Besitz des WDR befindet. Das ist für die meisten Stücke ein passendes Instrument, aber für das Werk von Porto Feliziano (1793-1863) dann doch zu alt. Marco Crosetto spielt eine Kopie eines Walter-Flügels in Beethoven, die übrigen Werke werden auf einer Kopie eines Graf-Flügels von 1819 gespielt. Meiner Meinung nach wäre der Walter auch für Bortolazzi und Hummel geeignet gewesen. Während die Interpretationen der Sonate von Hummel sich nicht grundsätzlich unterscheiden, gibt es einige Differenzen in Beethoven. In der Sonatine in c-moll, mit der Tempobezeichnung Adagio, hat Anna Torge das bessere Tempo; La Ragione ist zu schnell, und neigt zu einem Andante. Bei den Verzierungen hat er aber die Nase vorn; da hält Anna Torge sich zuviel zurück. Der verspielte Charakter der Sonatine in C-Dur kommt dann aber im schnelleren Tempo von La Ragione besser zum Tragen als bei Torge. Ich schätze aber beide Einspielungen sehr, und möchte sie dem Liebhaber der Musik der Klassik, und natürlich insbesondere dem Mandolinenfreund, gerne empfehlen. Raffaele La Ragione begegnen wir dann wieder auf der letzten CD, die Mandolinenkonzerten gewidmet ist. Und auch Hummel ist wieder dabei. Wie die soeben genannte Sonate komponierte er sein Konzert in G-Dur für Bartolomeo Bortolazzi; es gibt auch eine Fassung für Klavier, die Hummel selber auf Konzerten spielte. Dann gibt es ein Konzert von Giovanni Paisiello, der die Mandoline auch in Bühnenwerke verwendete. Es ist eines von zwei Konzerten, die ihm zugeschrieben werden. Im Textheft schreibt Guido Olivieri aber, dass sie wahrscheinlich von einem Komponisten stammen, der selber Mandoline spielte, denn die Solopartien verraten gründliche Kenntnisse des Instruments. Wäre es möglich, dass der Komponist Francesco Lecce war? Denn sein Konzert in G-Dur ist Teil der Sammlung, in der sich auch die beiden Paisiello zugeschriebenen Konzerte befinden. Er wirkte in Neapel und sein Konzert steht im galanten Idiom. Schliesslich gibt es noch das Konzert in C-Dur (RV 425) von Vivaldi. Im Textheft erörtert La Ragione die Entwicklung des Instruments. Daraus geht hervor, dass man nicht eine einzige Mandoline für alle Stücke verwenden kann. Deswegen spielt er hier drei verschiedene Instrumente, zwei mit vier und eines mit sechs Saiten. Sie stammen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, was zeigt, dass verschiedene Typen damals nebeneinander gespielt wurden. Die Konzerte von Vivaldi, Paisiello und Lecce werden in einer solistischen Besetzung gespielt; in Hummel ist das Orchester grösser, auch da hier die Streicher von zwei Traversflöten und zwei Hörnern verstärkt werden. La Ragione erweist sich auch hier wieder als ein versierter Mandolinenspieler, und ein Interpret, der sich um eine möglichst 'authentische' Darbietung bemüht. Das Orchester ist sein perfekter Partner. Mit Ausnahme von Vivaldi erklingen die Konzerte hier zum ersten Mal auf historischen Instrumenten. Johan van Veen Heinichen: Dresden Vespers. Ensemble Polyharmonique, Wroclaw Baroque Orchestra, Jaroslaw Thiel Accent - ACC 24381 (2021; 68') Anima Eterna. Jakub Józef Orliński (Altus), Fatma Said (Sopran), Il Pomo d'Oro, Francesco Corti Erato - 0190296743900 (2020; 81') 1697 konvertierte der sächsische Kurfürst Friedrich August I. zum katholischen Glauben, um als König Polens gekrönt werden zu können. Das hatte Folgen für die religiöse Situation am Hofe. Es wurde eine katholische Kapelle eingerichtet, um die Messe feiern zu können. Auch der Sohn und Thronfolger konvertierte zum katholischen Bekenntnis, was es ihm ermöglichte, die Tochter Kaiser Josephs I., Erzherzogin Maria Josepha, zu heiraten. Als sie in Dresden kam, übernahm sie die Rolle der Patronin der katholischen Minderheit. Sie förderte die katholische Kirchenmusik, und dafür war Johann David Heinichen, obwohl selber Lutheraner, zuständig, neben Giovanni Alberto Ristori und Jan Dismas Zelenka. Einige Messen von Heinichen sind auf CD erhältlich, aber die Vespermusik, die vom Ensemble Polyharmonique und dem Wroclaw Baroque Orchestra aufgenommen wurde, ist kaum bekannt. Alle Werke sind für das Fest des heiligen Franz Xaver bestimmt. Francisco de Gassu y Javier (1506-1552) zählte zu den Gründungsmitgliedern des Jesuitenordens und war als Missionar tätig gewesen. In Dresden wurde er verehrt, und Maria Josepha wählte ihn zum besonderen Patron des katholischen Hauses Wettin. Franz Xavers Gedenktag (3. Dezember) wurde zu einem Hochfest aufgewertet, das eine Woche dauerte. Heinichen hat für dieses Fest 30 Psalmen, acht Magnificats, acht verschiedene Vesperhymnen und fünf Marienantiphonen komponiert. Die Interpreten haben sich auf Stücke beschränkt, die zwischen 1721 und 1724 entstanden sind. Da es weiter keine Information über andere Elemente der Vesper gibt, konnten die ausgewählten Werke nicht in ihren liturgischen Zusammenhang gestellt werden. Es erklingen Dixit Dominus, Confitebor, Beatus vir, Laudate pueri, Laudate Dominum, Iste confessor, Magnificat, Alma redemptoris mater und die Litaniae de Sancto Xaverio. Letztgenanntes Werk basiert auf die Litaniae Lauretanae. Wer die Vokalmusik von Heinichen kennt, wird von der Qualität dieser Vespermusik nicht überrascht sein. Es wäre schön, wenn weitere Werke dieser Art auf CD erscheinen würde. Eine bessere Interpretation als hier geboten wird, lässt sich kaum denken. Sowohl die Tuttiabschnitte als die Solostellen werden exzellent gestaltet. Die Besetzung ist solistisch; ob das der Praxis in der katholischen Kapelle in Dresden entspricht, wird im Textheft leider nicht erörtert. Ansonsten ist der begleitende Text sehr informativ, und skizziert den historischen und religiösen Hintergrund der hier aufgeführten Werke. Die nächste CD ist nicht Dresden gewidmet, aber da TOCCATA - 121/2022 CD-UMSCHAU 25

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