Toccata 05/2022

Jakub Józef Orliński zwei Werke von Zelenka in sein Programm aufgenommen hat, ist es sinvoll, diese Produktion hier zu besprechen. Wie schon gesagt, war Zelenka einer jener Komponisten, die die katholische Kapelle am Hofe mit Musik versahen. Seine späten Messe werden regelmässig aufgeführt und liegen in mehreren Aufnahmen vor, und vor einigen Jahren erschienen einige CDs mit Vesperpsalmen (Nibiru, 2015-2018). Auch Orliński nahm einen Vesperpsalm auf (Laetatus sum) sowie die Ostermotette Barbara, dira, effera, die mit einer opernhaften Wutarie anfängt; darin gibt es eine Obligatpartie für das Fagott. Zelenka verblieb einige Jahre in Wien, wo er bei Johann Joseph Fux studierte. Vom letztgenannten erklingt eine Arie aus dem Oratorium Il Fonte delle Salute, das 1716 am Karfreitag in Wien zum ersten Mal aufgeführt wurde. Es gibt auch drei relativ unbekannte Namen im Programm. Der Portugiese Francisco António de Almeida schrieb das Oratorium La Giuditta (komplett aufgenommen von René Jacobs); daraus erklingt hier die Arie 'Giusto Dio', ein Gebet zu Gott, was ihren intimen Charakter erklärt. Über den italienischen Komponisten Bartolomeo Nucci scheint nichts bekannt zu sein; Kantaten und Oratorien von ihm wurden in Kalifornien aufgefunden. Orliński singt eine Arie aus dem Oratorium Il David trionfante. Und dann gibt es den Neapolitaner Gennaro Manna; von ihm ist in letzter Zeit vor allem Musik für die Karwoche aufgenommen worden. Hier erklingt die Vesperpsalm Laudate pueri. Zum Schluss Händel: er komponierte acht Stücke mit dem schlichten Text "Amen! Alleluia!" Es ist völlig unbekannt, für welche Gelegenheit er diese Stücke geschieben hat. Es wird unterstellt, sie seien als Solfeggi gemeint, aber für Anfänger sind diese Stücke technisch zu kompliziert. Orliński singt die erste dieser Vertonungen. Er tritt oft in Opern und anderen bekannten Werken auf, aber er scheint doch ein ganz besonderes Interesse an wenig geläufigen Werken zu haben. Davon zeugt auch diese CD. Das kann nicht genug geschätzt werden. Er singt extravertiert und dramatisch, wenn der Charakter des Stückes dazu Anlass gibt, aber es gibt auch wunderschöne und subtile Darstellungen der intimeren Werke. Seine Atembeherrschung ist eindrucksvoll und auch stilistisch weiss er voll zu überzeugen. In Zelenkas Laetatus sum ist Fatma Said die perfekte Partnerin, und auch das Orchester macht alles richtig. Fazit: eine schöne CD, die man gerne mal wieder auflegt. Johan van Veen Steffani: A son très-humble service - Duette für Sophie Charlotte von Hannover. Adréanne Brisson Paquin, Sherezade Panthaki (Sopran), Reginald Mobley (Altus), Scott Brunscheen (Tenor), Mischa Bouvier (Bass), Alexa Haynes-Pilon (Violoncello), Deborah Fox (Theorbe, Gitarre), Jory Vinikour (Cembalo) Musica Omnia - mo0802 (2 CDs) (2018; 90') Steffani: Ein Leben für die Oper. Silvia Frigato (Sopran), Ensemble Castor Pan Classics - PC 10423 (2020; 61') Agostino Steffani war ein bemerkenswerter Komponist, insbesondere wegen der Vielfalt seiner Aktivitäten. Er war nicht nur professioneller Komponist, sondern engagierte sich auch stark in der Politik, insbesondere als Diplomat, und machte Karriere in der katholischen Kirche. Er war ein frühreifes Talent: Schon als Knabe, vor dem Stimmbruch, wirkte er bei Opernaufführungen mit. 21 Jahre lang war er im Dienst von Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern in München. Anschließend zog es ihn nach Hannover, wo er Hofmusikdirektor des Kurfürsten Ernst August wurde. In den 1690er Jahren engagierte er sich zunehmend in der Diplomatie; einige seiner Missionen standen im Zusammenhang mit dem Spanischen Erbfolgekrieg. 1703 trat er in Düsseldorf in den Dienst eines anderen Kurfürsten, Johann Wilhelm von der Pfalz. 1709 kehrte er nach Hannover zurück und konzentrierte sich auf seine kirchliche Tätigkeit. Seine Aufgabe war es, die Gegenreformation in einer lutherisch geprägten Region voranzutreiben. Zu dieser Zeit komponierte er kaum Musik. Als Komponist hat Steffani sich vor allem einen Namen gemacht mit seinen Duetten. 75 solcher Stücke sind erhalten geblieben, und sie sind für unterschiedliche Kombinationen von Stimmen gesetzt. Die erste Stimme ist meistens für Sopran (69), die zweite ist dann für Sopran, Alt, Tenor oder Bass. Sie sind unterschiedlich in ihrer Struktur. Es gibt Duette, die von Anfang bis Ende von beiden Stimmen gesungen werden, aber auch solche, in denen es abwechselnd Soloabschnitte für beide gibt. Einige Duette sind aufgeteilt in Rezitative und Arien. Die Begleitung ist immer beschränkt auf Basso continuo. Mit diesen Duetten hat Steffani grossen Einfluss auf Komponisten nächster Generationen ausgeübt, darunter Händel. Johann Mattheson meinte, dass Steffanis Duette nie übertroffen wurden und nie veralten würden. Er stellte sie allen Komponisten zum Vorbild. Der amerikanische Cembalist Jory Vinikour hat einige CDs mit Duetten von Steffani aufgenommen; mir liegt die zweite vor, und darin erklingen elf Duette für zwei Soprane, Sopran und Alt, Tenor oder Bass sowie Alt und Bass. Obwohl Steffanis Duette gut auf CD vertreten sind, gibt es hier fünf Ersteinspielungen. Diese Duette zeugen nicht nur von Steffanis Beherrschung des Kontrapunkts, sondern sind auch expressiv. Das kommt in der Aufnahme gut zum Tragen. Im Grossen und Ganzen mischen sich die Stimmen gut; nur ist in den Duetten mit Sopran die Oberstimme oft etwas zu dominant. Angesichts des Niveaus der Interpretationen fällt das aber kaum ins Gewicht. Im Vergleich zu den Duetten sind Steffanis Opern kaum bekannt. Vor allem Enrico Leone, die Oper, die er zur Eröffnung des neuen Opernhauses 1689 in Hannover komponierte, ist einigermassen bekannt geworden. Vor ein paar Jahren erschienen zwei Aufnahmen von Niobe und auch Orlando generoso ist auf CD erhältlich. Die CD 'Ein Leben für die Oper', die bei Pan Classics erschien, bietet eine interessante und schöne Einführung in sein Opernschaffen, obwohl daraus mehr gemacht hätte werden können. Das Programm fängt mit einer Kantate an; auch das ist eine Gattung, die selten beleuchtet wird. Dafür gibt es nun wahrlich keinen Grund, denn diese Kantate ist sehr schön. Sie ist relativ knapp: drei Arien, ein Arioso und ein Rezitativ in etwas mehr als acht Minuten. Auch die Opernarien haben noch nicht den Umfang, den sie in den Opern des 18. Jahrhunderts haben würden. Die meisten dauern noch keine vier Minuten. Es erklingen Arien aus Niobe, Servio Tullio, La lotta d'Hercole con Acheloo, Le rivali concordi und Briseide. Diese Arien erwecken den Eindruck, dass es durchaus lohnend ist, die jeweiligen Opern aufzuführen. Silvia Frigato singt sie ausgezeichnet, mit viel Ausdruck und stilistisch überzeugend. Man hört hier ihre grosse Erfahrung in der Barockoper. Zwei Instrumentalwerke dokumentieren den historischen Kontext: eine Triosonate von Giuppe Antonio Brescianello entstand in München und die Fantazia Nr. 1 aus dem Opus 7 von Johannes Schenck in Düsseldorf. Das sind schöne Stücke, die auch vom Ensemble Castor vorzüglich gespielt werden. Zusammen nehmen sie aber fast eine halbe Stunde in Anspruch, und das ist doch etwas zuviel auf einer CD, die dem Opernschaffen von Steffani gewidmet ist. Da hätte ich doch gerne mehr Arien gehört. Sei's drum, diese CD ist ohne Reserven zu empfehlen, da sie uns einen aufschlussreichen Einblick in das weitaus unbekannte Opernschaffen von Steffani erlaubt. Johan van Veen Les Plaisirs du Louvre - Airs pour la Chambre de Louis XIII. Ensemble Correspondances, Sébastien Daucé Harmonia mundi - HMM 905320 (2019; 82') Reinas - Spanische Arien am Hofe Ludwigs XIII. Ensemble El Sol, Chloé Sévère Mirare - MIR496 (2019; 63') Je m'abandonne à vous. Marc Mauillon (Bariton), Myriam Rignol (Viola da gamba), Angélique Mauillon (Harfe) Harmonia mundi - HMM 902674.75 (2 CDs) (2020; 1.50') Fastes de la Grand Écurie. Syntagma Amici, Giourdina Ricercar - RIC 439 (2021; 70') In Toccata 120 habe ich einige CDs mit französischen 'airs' des 17. Jahrhunderts rezensiert. Dieses Repertoire erfreut sich besonderer Beliebtheit heutzutage, denn es gibt noch mehr Aufnahmen solcher Lieder. Drei weitere Produktionen stehen jetzt zur Rezension. Die erste CD ist der Musik gewidmet, die unter der Herrschaft Ludwigs XIII. komponiert und aufgeführt wurde. Der Titel verweist auf das Louvre: heute ein Museum, damals aber der Wohnsitz des Königs. Dort wurden regelmässig Ballette aufgeführt, und darin erklangen auch Lieder, die als 'airs de ballet' bekannt sind. Diese haben manchmal den Charakter eines Dialogs zweier Charaktere. Ludwig nahm dann und wann als Tänzer an solchen Aufführungen teil, und er komponierte sogar selber ein Ballett. Die meisten 'airs' handeln von der Liebe, aber es gibt auch solche, die zu Ehren des Königs geschrieben wurden, wie Antoine Boessets 'Monarque triomphant'. Es war in Renaissance und Barock ganz üblich, Texte eines Liedes von einem anderen zu ersetzen. Meistens wurde ein weltliches Stück CD-UMSCHAU 26 TOCCATA - 121/2022

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