Toccata 05/2022

auf diese Weise in ein geistliches Werk umgewandelt. Das war auch im Frankreich des 17. Jahrhunderts der Fall. Einige Beispiele hat Sébastien Daucé mit seinem Ensemble Correspondances eingespielt, wie 'Cesse mortel d'importuner', das auf eines der bekanntesten Lieder von Pierre Guédron basiert: 'Cessez mortels de soupirer'. Guédron und Boesset gehörten zu den wichtigsten Komponisten von 'airs', neben Étienne de Moulinié, der ebenfalls mit einigen 'airs' vertreten ist. Es ist schön, dass auch einige Instrumentalwerke ins Programm eingefügt wurden; schliesslich war Instrumentalmusik ein unverzichtbarer Teil der Ballette. Wie man von diesem Ensemble erwarten darf, sind die Interpretationen allerersten Ranges. Sowohl die Solobeiträge als das Ensemble sind über jede Kritik erhaben. Mit einer Ausnahme: es ist mir ein Rätsel, warum Daucé sich in diesem Repertoire für eine moderne Aussprache entschieden hat. Les Arts Florissants, beispielsweise, pflegt in den 'airs' eine historische Aussprache, und das ist viel überzeugender. Trotzdem möchte ich diese Produktion nachdrücklich empfehlen, denn rein musikalisch ist das Ensemble Correspondances wohl kaum zu übertreffen. Die meisten 'airs' sind Vertonungen französischer Texte. Es gab aber auch Lieder auf spanischen und italienischen Texten. Spanische Lieder sind das Thema einer Aufnahme des Ensemble El Sol, geleitet von Chloé Sévère. Es wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts von Mitgliedern der höheren Schichten erwartet, dass sie Italienisch und Spanisch verstanden und sprechen konnten. Im Jahre 1615 heiratete Ludwig XIII. Anna von Österreich, die Tochter König Philips III. von Spanien, und das war einer der Gründe des spanischen Einflusses in Frankreich. Als sie in Paris antraf, nahm sie eine grosse Zahl von Höflingen mit. Alles was spanisch war, kam in Mode. Es gab aber eine Kehrseite. Für Komponisten war Spanisch eine neue, unbekannte Sprache, und sie fanden es schwer, Lieder auf spanischen Texten zu komponieren. Das führte zu Fehlern in den Akzenten und Rechtschreibung. Dazu kam, dass Frankreich und Spanien ein Lieb-Hass-Verhältnis hegten, wie das so oft bei Nachbarvölkern der Fall ist. Luis de Briceño, dem Le Poème Harmonique mal eine CD widmete, zeugte von der negativen Behandlung, die ihm in Frankreich zuteil wurde. Zwei Komponisten schrieben 'airs' auf spanischen Texten: Gabriel de Bataille und Étienne Moulinié. Ihre Lieder stehen hier im Mittelpunkt. Der dritte Komponist ist Henri de Bailly, der hier mit einer 'air' vertreten ist. 'Airs' wurden normalerweise für eine Singstimme und Laute - später Basso continuo - gesetzt, aber hier kommen auch Viola da gamba, verschiedene Zupfinstrumente, Harfe, Cembalo und Schlagzeug zum Einsatz. Das erklärt, warum Chloé Sévère mehrere Lieder harmonisiert hat. Vor allem der Einsatz von Schlagzeug ruft Fragen hervor. Es mag bei öffentlichen Aufführungen verwendet worden sein, aber 'airs' wurden doch in erster Linie im privaten Kreis aufgeführt, und dann ist die Mitwirkung von Schlagzeug eher unwahrscheinlich. Diskutabel ist auch, dass einige Stücke spanischer Komponisten des frühen 18. Jahrhunderts ins Programm aufgenommen wurden. Damit wird die Verbindung zwischen Spanien und Frankreich dokumentiert, die entstand als der spanische König Philipp V. den Thron bestieg und Maria Luisa Gabriella von Savoyen, die französischer Abstammung war, heiratete. Es wurde Musik im französischen Stil komponiert. Das ist zweifellos interessant, aber hätte hier besser nicht erörtert werden sollen, da diese Musik mit dem Thema dieser Produktion nichts zu tun hat. Über die Darbietungen des Ensembles übrigens nichts als Gutes: Dagmar Šašková ist die ausgezeichnete Solistin, die stilistisch voll überzeugt, und ein gutes Gefühl für die theatralischen Aspekte dieser Lieder zeigt. Auch das Instrumentalensemble ist erste Sahne. Diese CD wirft Licht auf einen weitaus unbekannten Aspekt des Musiklebens in Frankreich im 17. Jahrhundert und ist deswegen aller Aufmerksamkheit wert. Die von Komponisten in ihren 'airs' vertonten Texte sind oft anonym. Zu den Autoren, die mit Namen bekannt sind, zählt die Comtesse de la Suze. Sie wurde als Henriette De Coligny in eine protestantische Familie hineingeboren; ihr Urgrossvater war Gaspard De Coligny (1519-1572), Admiral und der Leiter der Hugenotten in den Religionskonflikten. Sie heiratete zweimal; ihr erster Gatte verstarb zwei Jahre nach der Hochzeit. Der zweite war Gaspard de Champagne, comte de la Suze. Diese Ehe war unglücklich und wurde annuliert. Sie verwendete aber den Namen ihres ehemaligen Gatten für die Veröffentlichung ihrer Gedichte, die von verschiedenen Komponisten vertont wurden. Vor allem Sébastien Le Camus scheint eine Vorliebe für ihre Gedichte gehabt zu haben. Marc Mauillon hat eine Auswahl der 'airs' getroffen, denen ihre Texte zugrunde liegen. Bemerkenswert sind die späten Vertonungen: Jean-Benjamin de La Borde nahm eine Vertonung in eine Sammlung auf, die 1773 gedruckt wurde und Jean-Baptiste Weckerlin veröffentlichte eine Vertonung 1868, in der Zeit, als Gabriel Fauré seine 'mélodies' komponierte. Dass mehrere angesehene Komponisten von 'airs' sich ihrer Gedichte annahmen, zeugt von der grossen Wertschätzung ihrer Poesie. Deswegen ist es richtig, dass Mauillon und seine Kollegen ihr mit dieser Aufnahme Tribut zollen. Mauillon hat eine sehr schöne und wendige Stimme mit einem grossen Umfang; er kann sowohl in der Tenorlage als im tieferen Bereich singen. Dabei ist seine Diktion vorzüglich und seine Ornamentik angemessen. Schön auch, dass er eine historische Aussprache pflegt. Die Instrumentalisten bewegen sich auf dem gleichen hohen Niveau und steuern einige schöne Instrumentalwerke bei. Fazit: eine höchst interessante und musikalisch fesselnde Produktion. Die letzte CD beleuchtet eine ganz andere Seite des Musiklebens im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Am Hofe gab es die Grande Écurie, die aus verschiedenen Ensembles zusammengesetzt war, in denen Blasinstrumente die Hauptrolle spielten: Trompettes; Joüeurs de Violon, Hautbois, Saqueboutes, Cornets (auch als Grands Hautbois bekannt); Hautbois, Musettes de Poitou und Joüeurs de Fifres et Tambours. 1751 kam ein fünftes dazu: Cromornes & Trompettes marines. Diese Ensembles kamen vor allem bei zeremoniellen Gelegenheiten zum Einsatz. Das Repertoire bestand aus kurzen Stücken, die kaum auf eigene Füsse stehen können. Deswegen hört man sie meistens als Teil von Sammelprogrammen, zur Abwechslung von längeren Werken. Dass diesem Repertoire eine ganze CD gewidmet ist, ist recht ungewöhnlich. Die Lösung ist, dass mehrere Stücke fast ohne Unterbrechung, wie eine Art von Suite, dargestellt werden. Das haben die Ensembles Syntagma Amici und Giourdina gemacht. Das Repertoire reicht vom frühen 17. Jahrhundert (Eustache du Caurroy) bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts (Charles Desmazures). Viele Stücke, beispielsweise von Lully, erklingen in Bearbeitungen von André Danican Philidor, dem Bibliothekar Ludwig XIV. und verantwortlich für die Musikaliensammlung am Hofe. Die beiden Ensembles haben uns hier einen grossen Dienst erwiesen. Zum einen gibt diese Produktion einen Einblick in einen Aspekt des Musiklebens am Hofe und um den Hof herum, der kaum bekannt ist. Zweitens ist hier Musik zu hören, die grösstenteils nie aufgeführt wird. Drittens sind hier Instrumente zu hören, die damals in Frankreich - und zum Teil auch anderswo - geläufig waren, aber heute fast nie gespielt werden. Und das wird alles ganz schön und mit viel Schwung dargestellt. Die technische Beherrschung der Instrumente ist eindrucksvoll. Eine faszinierende CD. Johan van Veen Purcell: Royal Welcome Songs for King Charles II, Vol. III. The Sixteen, Harry Christophers Coro - COR16182 (2018; 74') Purcell: Royal Odes. Carolyn Sampson, Emily Owen, Gwendolen Martin, Lisa Beckley (Sopran), Iestyn Davies, Hugh Cutting (Altus), Charles Daniels, David de Winter (Tenor), Matthew Brook, Edward Grint (Bass), The King's Consort, Robert King Vivat - 121 (2020; 82') Für viele Komponisten des Barock gehörte die Komposition von Gelegenheitswerken zu ihren Aufgaben. Wir kennen solche Werke von Bach und Telemann, beispielsweise, und italienische Komponisten schrieben oft Serenate, in denen ein Brautpaar oder ein Würdeträger aus Politik oder Gesellschaft geehrt wurde. Auch Henry Purcell hat mehrere solcher Werke komponiert, und zwar für Mitglieder der Monarchie. 1660 wurde die Monarchie in England wiederhergestellt; dieses Ereignis ist als die 'Restoration' bekannt. Dabei kam Karl II. auf den Thron. Da er keine ehelichen Kinder hatte, wurde, als er 1685 verstarb, sein Bruder Jakob zum KöTOCCATA - 121/2022 27 CD-UMSCHAU YouTube-Empfehlungen der Redaktion Drücken Sie auf den jeweiligen Link: https://www.youtube.com/watch?v=vFH__jwWwzo https://www.youtube.com/watch?v=c9FLYKFV51U https://www.youtube.com/watch?v=526Z4JltWxA ab 16:50 https://www.youtube.com/watch?v=HuOZJZWDHIE

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