Toccata 05/2022

nig gekrönt. Dieser war aber katholisch, und das führte zu einem Konflikt mit der protestantischen Aristokratie des Landes. Nach drei Jahren wurde er, während der sogenannten 'Glorious Revolution', entmachtet. Seine Tochter Mary, die protestantisch erzogen war, wurde seine Nachfolgerin; sie war mit dem niederländischen Stadthalter Wilhelm III. verheiratet, der auf diese Weise auch König von England wurde. Für alle drei hat Purcell Gelegenheitswerke komponiert. Sein Oeuvre in diesem Bereich besteht aus zwei Gattungen: sogenannte 'Welcome Songs' und Geburtstagsoden. Bei der ersten Kategorie handelt es sich um Werke, die aufgeführt wurden, als der Monarch nach seinem Urlaub ins Regerungszentrum zurückkehrte. Harry Christophers hat vor einigen Jahren damit angefangen, Purcells Gelegenheitswerke aufzunehmen. Statt sich darauf zu beschränken, wird auf jeder CD auch andere Musik dargestellt. Vielleicht ist das ein Mittel, um der eher mässigen Qualität der Texte der Gelegenheitswerke etwas mehr Substantielles entgegenzustellen. Die Schwäche der Poesie hat die Qualität der Musik von Purcell keineswegs beeinträchtigt. Es ist schon bewundernswert, wie er es geschafft hat, biedere Texte von exzellenter und origineller Musik zu versehen. Das fiel seinen Zeitgenossen schon auf. 'What shall be done in behalf of the man?' datiert aus 1682 und ist nicht für den König, sondern seinen Bruder Jakob bestimmt; darin wird er als den Nachfolger seines Bruders bezeichnet. Wie in vielen Vokalwerken von Purcell ist der französische Einfluss unverkennbar. Die Ouvertüre enthält die punktierten Rhythmen, die für französische Ouvertüren so charakteristisch sind, und es gibt auch eine Partie für einen hohen Tenor, nach dem Vorbild des französischen Haute-contre. Der zweite Welcome Song, den Christophers auswählte, ist 'From those serene and rapturous joys', der 1684 entstand. Der Text, geschrieben vom Poeten und Miniaturmaler Thomas Flatman, wird als besonders schwach betrachtet. In diesem Werk fällt vor allem eine Arie für Bass auf, die eine weite Tessitur verlangt. Sie wurde zweifellos von John Gostling gesungen, den König Karl besonders schätzte. Neben diesen Werken gibt es einige Anthems, darunter das bekannte 'Rejoice in the Lord alway', wegen der absteigenden Figuren in den Streichern 'Bell Anthem' genannt. Und dann gibt es noch einige Lieder, meistens für Bühnenwerke bestimmt. Meine Eindrücke der Interpretation sind gemischt. Einige Sänger bringen recht gute Leistungen, insbesondere der Tenor Jeremy Budd und der Bass Ben Davies. Leider mischen sich in den Ensembles die Stimmen nicht immer optimal. Das Spiel der Streicher ist generell etwas farblos und dynamisch zu flach. Die Qualität der Musik rettet diese CD, aber ich habe dieses Repertoire doch mal besser gehört. In den 1980er und 90er Jahren hat Robert King alle Oden und Welcome Songs für Hyperion aufgenommen. Jetzt hat er eine Neuaufnahme auf den Markt gebracht. Im Textheft legt er dar, dass sich seitdem einiges geändert hat in Sachen Aufführungspraxis. Das betrifft bespielsweise die Besetzung des Basso continuo. Damals kam dabei ein Violoncello zum Einsatz sowie ein Kontrabass. Jetzt wird erkannt, dass das Violoncello in Purcells Zeit kaum eine Rolle spielte und er selbst nie einen Kontrabass verwendete. King hat sich darum jetzt für eine Bassgeige entschieden. Diese Einsichten sind Christophers offensichtlich entgangen, denn er setzt nach wievor ein Cello ein. King hat drei Werke aufgenommen. 'Why, why are all the Muses mute?' entstand 1685 und ist ein Welcome Song für Jakob. Darin wird Bezug genommen auf einen Versuch ihn zu vertreiben, bekannt als die Monmouth Rebellion, nach dem Leiter des Aufstands. Wieder enthält dieses Werk eine brillante Bassarie, auch in diesem Falle dargestellt vom soeben genannten John Gostling. 'Now does the glorious day appear' ist Purcells erste Geburtstagsode für Königin Mary, am 30. April 1689. Der Text enthält Anspielungen auf den religiösen Hintergrund ihrer Thronsbesteigung. Eine Besonderheit ist, dass die Streicherpartien hier fünf- statt vierstimmig sind: Purcell fügte eine dritte Geigenstimme hinzu. Die Geburtstagsode 'Welcome, welcome, glorious morn' entstand zwei Jahre später; die Besetzung ist üppiger, und enthält Partien für zwei Oboen und zwei Trompeten. Die Zahl der Duette ist auffällig. Wie sehr die Verarbeitung neuer Einsichten in Sachen Aufführungspraxis auch zu begrüssen ist, damit sind die Interpretationen im Ganzen noch nicht besser als die früheren. Von den Sängern der Gesamtaufnahme ist nur Charles Daniels wieder dabei, und er ist gut wie eh und je. Es gibt auch exzellente Beiträge von Iestyn Davies (Altus) und David de Winter (Tenor). Edward Grint ist problematisch, da er manchmal zu pathetisch ist und zuviel Vibrato verwendet. Carolyn Sampsons Beiträge sind mit dem gleichen Übel behaftet. Für eine Empfehlung ohne wenn und aber ist diese Aufnahme nicht gut Johan van Veen TOCCATA - 121/2022 28 CD-UMSCHAU Silvia Tescardi über ihre neue CD mit dem Countertenor Franz Vitzthum und ihrem Dryades Consort (Christophorus) Frau Tecardi, kürzlich erschien beim Label Christophorus Ihre jüngste CD mit dem Dryades Consort und dem Countertenor Franz Vitzthum, die den schönen Titel Gift und Gegengift trägt. Worum geht es da, worauf bezieht sich der Titel? Bei Gift und Gegengift geht es vor allem um den Komponisten Caspar Othmayr. Wir zeichnen ein Porträt seiner Person, aber gleichzeitig auch seiner Zeit, seines Hintergrunds und des Gedankenguts dieser Epoche. Wie kamen Sie auf das Programm? Ausgangspunkt waren seine Tricinien, Tricinia in pia heißen die. Das waren die Stücke, die uns zuerst in die Hände fielen und an denen wir auch hängen geblieben sind, da die Idee dahinter so erstaunlich war: es geht um Gegengifte zu den acht menschlichen Lastern. gisch nach Aufnahmedatum. Die Aufnahmen entstanden zwischen 1978 und 2005. Ein Schwerpunkt dieser Aufnahmen lag sicherlich bei J.S. Bach. Legendär sind die schnellen Tempi bei der Einspielung der Brandenburgischen Konzerte. Das Repertoire der CDs ist breit, begann mit Monteverdi, endete aber spätestens bei der Klassikepoche. Goebel beschäftigte sich hauptsächlich mit der deutschen Barockmusik (Zitat Goebel: Protestant Germany is the true cradle of music), aber auch vieler anderer Länder: Viel Französisches, viel „Österreichisches“ wie Biber, Schmelzer u.a., weniger Italienisches (eher Frühitalienisches, kaum Vivaldi), sogar eine CD mit baltischen Komponisten. Ein Großteil seiner Aufnahmen bedeuteten Ersteinspielungen. Seine Einspielung mit „Dresden Concerti“ leitete eine wahre Heinichen-Renaissance ein. Komponisten der Bachfamilie wurden sowohl mit ihren instrumentalen als auch geistlichen Werken auf mehreren CDs vorgestellt. Telemann war ein weiterer Schwerpunkt, Händel und Frühklassik weniger. Entstanden ist ein wahrer Schatz an Alter Musik-Literatur, den Reinhard Goebel durch sein intensives Studium der Quellen entdeckt und geborgen hat. Goebel hat wohl wie kaum ein anderer sein praktisches Musizieren mit theoretischer Gelehrsamkeit verbunden. Die Aufnahmen Reinhard Goebels und seiner Musica Antiqua Köln bedeuteten einen Paradigmenwechsel in der Interpretation von Barockmusik. Sein zupackender, energischer Zugriff brachten Seiten der Barockmusik zu Tage, die man bislang nicht kannte. Sein Stil zeichnet sich aus durch Lebendigkeit und Frische. Aha-Erlebnisse gab es zu Hauf und ließen einem vertraute Werke unter einem neuen Licht erscheinen. 2006 wurde die Musica Antiqua Köln aufgelöst. Mit dieser CD-Box kann man das 33 Jahre dauernde Wirken Goebels nachvollziehen, die Entdeckung zahlreicher bislang unbekannter Literatur und das Neuerleben scheinbar bekannter Werke, und das zu einem unschlagbar günstigen Preis. Sehr zu empfehlen. Stephan Schmid Reinhard Goebel. Musica Antiqua Köln. Complete Recordings on Archiv Produktion. Archivproduktion 486 2063 (75 CD, 1978-2005) Anlässlich seines 70. Geburtstags erschien bei Universal eine 75 CD-Box mit Reinhard Goebel. Die CDBox enthält alle Aufnahmen der Archivproduktion mit seiner Musica Antiqua Köln (71 CDs) zusätzlich zwei Haydn-CDs (Concerti, concertini, divertimenti), bei der Goebel in Koopmans Musica Antiqua Amsterdam mitwirkte (damals bei Philips erschienen). Eine weitere CD mit dem Soundtrack zum Historienfilm „Der König tanzt“, der im Jahre 2000 im Kino lief, erschien beim Gelb-Label der Deutschen Grammophon. Den Abschluss der CD-Box bildet eine Interview-CD mit Reinhard Goebel über allgemeine Themen zur Alten Musik, angereichert mit Tonbeispielen verschiedener Ensembles der Archiv Produktion. Das 208seitige Booklet enthält ein weiteres Interview mit Reinhard Goebel, einen Aufsatz von Martin Elste über Reinhard Goebel und seine Musica Antiqua Köln und alle Tracks aller CDs mit Dauer der Tracks und wie bei der Archiv Produktion üblich, das Aufnahmedatum, die Namen der Produzenten und Toningenieure. Angereichert wurde das Textheft mit vielen, teilweise noch nicht veröffentlichten Fotos Goebels und der Musica Antiqua Köln. Die einzelnen CDs tragen die Bilder der Original-Covers. Den Abschluss bildet ein Interpretenregister aller an den Aufnahmen beteiligten Musiker. Die Anordnung der CDs geschieht alphabetisch nach Komponisten, nicht chronolo-

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