Toccata 05/2022

Tatsächlich ein erstaunliches Konzept für eine Musiksammlung (lacht)! Und das ist dezidiert so benannt in den Noten, im Vorwort? Ja. Da ist ausdrücklich von den praecipia humanae naturae vitia die Rede, das heißt von den wichtigsten Lastern der menschlichen Natur. Die Sammlung besteht dann aus dreistimmigen Stücken, zu jedem Laster zwei oder drei, und der Gedanke dahinter ist: singe dieses Stück und du befreist dich von diesem Laster. Sind das dann schon ältere Texte, oder sind sie von Othmayr selbst? Nein, die kommen von Johannes Damascenus, einem Kirchenvater, der so etwa 650-754 lebte, es sind also sehr alte Texte, die Othmayr da vertont hat. So eine Art musikalischer Ablass … Ja, genau! Die Texte waren damals natürlich dazu gedacht, Mönche an die Tugenden zu erinnern, aber durch die Recherche zu diesem Projekt, auch die philosophischen Ideen dahinter, fiel mir irgendwann auf, dass die Laster in unserer heutigen Vorstellung etwas sehr Böses sind und wir uns immer vor stellen, dass die Kirchenväter den Menschen da mit dem erhobenen Zeigefinger kamen. Aber denen ging es eigentlich nicht prinzipiell um die Vermeidung, sondern immer nur um ein Zuviel einer menschlichen Eigenschaft. Denn jedes Zuviel kann zu einem Ungleichgewicht in der Seele führen und deswegen ungesund werden. Da haben wir gedacht, aus diesem Blickwinkel könne man das ja eigentlich auch heute sehen, wenn es beispielsweise um Probleme von Sucht oder Selbstbestimmung geht. Gleichzeitig stieß ich auf den Philosophen Martin Seel, der 2011 ein Buch mit dem Titel 111 Laster, 111 Tugenden geschrieben hat, in dem er das Thema auch mit viel Witz angeht: in diesem Buch nämlich wird jedes Laster, jede Tugend jeweils eine halbe Seite oder Seiten lang beschrieben, bis es oder sie sich in den jeweiligen Gegensatz umkehrt. Das heißt, in jedem Laster steckt eine Tugend und in jeder Tugend steckt ein Laster. Wenn es übertrieben wird. Auch da geht es also im Prinzip um die Balance. So haben wir uns gedacht, wir beschreiben nun musikalisch die Laster, und dann kommt jeweils die Pille, das Antidot, in Form von Stücken zur entsprechenden Tugend. Was ist das nun für Musik, was haben sich die Leser darunter vorzustellen? Denn ich nehme an, dass Othmayr selbst unter unserer Leserschaft nicht unglaublich bekannt ist... Ja, und das ist ganz erstaunlich, dass er so wenig bekannt ist, so wenig aufgeführt wird, denn er ist eine wahnsinnig vielseitige Persönlichkeit! Das, was von seiner Musik überliefert ist, ist sehr vielfältig, das reicht von groß angelegten Motetten-artigen Sätzen für fünf oder auch sieben Stimmen bis zu diesen Tricinien, aber es gibt auch Bicinien, die dann in deutscher Sprache stehen, dann hat er auch Symbola komponiert, fünfstimmige Stücke, bei denen eine Stimme ein Wappen-Motto rezitiert und die anderen Stimmen darum herum singen. Das sind auch ganz spannende Werke, bei denen meistens die Mottostimme auf Latein rezitiert, die anderen Stimmen dieses Motto darum herum auf Deutsch kommentieren – oder andersherum. Wie haben Sie denn die Tricinien besetzt, wie kamen Sie auf die Countertenor-Lage dafür? Das hat im Grunde genommen andersherum funktioniert: unser Ensemble, das Dryades Consort, wurde für die Stimmwerck-Tage 2016 gegründet, also das Festival des Vokalensembles Stimmwerck, in dem Franz Vitzthum ja gesungen hat. Und er kam damals auf uns zu und sagte, er würde gerne ein deutsches Renaissanceprogramm mit Gambenconsort machen. Daraufhin fing die Recherche an, und da deutsche Renaissancelieder aber vor allem Tenorlieder sind – also die mittlere Stimme getextet ist und der Rest instrumental gespielt werden kann –, war das ein bisschen schwierig, denn ein Altus singt ja eben hoch. Aber die Generation von Othmayr gehörte gleichzeitig zu den Heidelbergern Liedmeistern, und damals veränderte sich das Tenorlied in vierstimmige Sätze, in denen man eigentlich alle Stimmen singen kann, beziehungsweise auch alle textiert sind. Da konnte er also die Oberstimme singen und wir versuchen, die anderen Stimmen zu ersetzen. Und das war eigentlich genau der Aspekt daran, der uns reizte, weil wir als Consort da alles ausloten können, was uns so interessiert: einerseits instrumental spielen, mit der instrumentalen Idiomatik der Gamben, auf der anderen Seite aber eben auch ein Vokalensemble nachahmen. Wir arbeiten ja seit Jahren daran, das gestrichene Wort zu finden, sowohl durch Artikulation als auch durch Klangfarben, um den Text und Franz’ Stimme nachzuahmen. Gleichzeitig bemüht er sich natürlich auch, seine Stimme im Consort aufgehen zu lassen; und er ist ein Sänger dem das sehr gut gelingt, einerseits instrumental, andererseits doch sehr textbetont zu musizieren. Insofern war das eine sehr aufregende Arbeit für uns. Aber Sie haben ja nicht nur Othmayr auf der CD bedacht, sondern da sind auch noch einige andere Komponisten zu hören, Heinrich Isaak, Paul Hofhaimer und so weiter. Genau. Warum? Gab es von Othmayr dann doch nicht zu allem Lastern entsprechendes Material? Ja, eben. Es ist weder für die Tugenden noch für die Laster ganz leicht, immer passende Musikstücke zu finden, aber ein anderer Grund war noch wichtiger: die Heidelberger Liedmeister sind in einer Sammlung überliefert, die von Georg Forster angelegt worden ist, der wohl auch mit Othmayr befreundet war – zumindest war er der Arzt, der ihn am Ende seines Lebens auch versucht hat, zu kurieren. Und der ist nun bekannt, weil er fünf ganz große Sammlungen deutscher Renaissancemusik gedruckt hat, in der sowohl seine Zeitgenossen – also Othmayr, Stephan Zirler und andere Komponisten, die zu diesem Kreis in Heidelberg gehörten – als auch deren Vorgänger berücksichtigt sind; also gewissermaßen ihre Lehrer und Vorbilder. Dazu gehören dann etwa Hofhaimer, Senfl oder Isaac. Und da auch die Instrumentalstücke in dieser früheren Generation sehr interessant sind, wollte ich einfach ein Programm zusammenstellen, dass nicht nur Othmayr zeigt. Wenn man ihm wirklich gerecht werden wollte, bräuchte man eigentlich auch verschiedene Besetzungen, ein ganzes Vokalensemble und so weiter. Aber für unser Programm ging es eben vor allem darum, diese Idee mit den Lastern und den Tugenden zu zeigen, wo die seinerzeit herkam und was man daraus machte. Nun haben Sie die Aufnahmen noch in Coronazeiten gemacht, unter erschwerten Bedingungen sozusagen: hat da alles geklappt, lief alles gut? Ja, die Aufnahmen liefen wirklich reibungslos, vor allem sehr schön und gemütlich. Wir hatten eine wunderbare Kirche in Grenzach, einen wunderbaren Tonmeister, den Christian Sager, der ein sehr angenehmer Mensch und hervorragender Tonmeister ist – das war also tatsächlich ein reines Vergnügen. Ein ganz amüsantes Missverständnis gab es dann erst im Nachhinein: auf der CD findet sich unter anderem das Stück Der Gutzgauch auf dem Zaune saß; das ist ein Kuckuckslied. Und dafür brauchte man eine zweite Stimme, die immer Kuckuck singt. Nun war Franz aber natürlich mit der Hauptstimme beschäftigt, und so hat das eine unserer Gambistinnen gesungen, die auch Sängerin ist, die Giovanna Baviera – während sie gleichzeitig ihre Stimme auf der Gambe gespielt hat. Und in manchen Kritiken wurde dann extra erwähnt, dass der Tonmeister für die Kuckuck-Einwürfe Franz in einer zweiten Spur aufgenommen und darübergelegt hat (lacht) – niemand kam darauf, dass eine Gambistin gleichzeitig auch singen könnte! Darüber haben wir dann sehr gelacht. Ja, offenbar rechnen meine Kritikerkollegen nicht damit, dass jemand so multitaskingfähig sein könnte (lacht)! Es wäre ja auch gar nicht so weit hergeholt, das mit einer zweiten Spur zu machen, aber wir mussten eben gar nicht zu solchen Tricks greifen – wir haben einfach gesungen und gespielt, was da stand, ohne jede technische Schummelei. Und ja, die Coronazeit: wir fünf in einem Raum und der Tonmeister in einem Extrazimmerchen – das war damals gerade so erlaubt, da hatten wir Glück! Warum sollen Musikfreunde diese CD nun kaufen, was antworten Sie, wenn Ihnen jemand sagt: ich habe bisher nichts von Othmayr gehört, warum muss ich jetzt damit anfangen? Man muss einfach! Othmayr ist wirklich ein Komponist, bei dem man nicht verstehen kann, warum er nicht bekannter ist. Er ist extrem vielseitig und seine Musik ist qualitativ erstklassig. Und warum muss man die CD kaufen? Ja, weil es wunderbare Musik ist, nicht nur die von Othmayr, sondern auch die der anderen Komponisten. Und weil unser aller Herz in dieser CD steckt. Gut, ich habe das Programm erfunden, ich habe die Leute dazu eingeladen und so weiter, aber am Ende ist es doch eine Gemeinschaftsherzensangelegenheit aller Kollegen geworden und es hat mich unglaublich gefreut und auch fasziniert, wie sich alle damit identifiziert haben. Und fühlten Sie sich danach dann charakterlich geläutert? Ja, bestimmt (lacht)! Man baut ja immer gedanklich so ein bisschen sein eigenes Leben mit ein, in ein solches Thema. Und auch das ist natürlich ein Grund, diese CD anzuhören, weil eben jeder etwas für sich darin finden kann. Es ist also sozusagen gut für den Charakter, diese CD zu hören? Ich würde eher sagen: gut für die Balance der eigenen Persönlichkeit. Die CD mag dazu anregen, überhaupt mal anzufangen, über diese Balance nachzudenken. Und das Ausbalancieren der verschiedenen Eigenschaften in unserer Persönlichkeit – das ist doch eigentlich unser aller Thema! Fragen und Übertragung: Andrea Braun 29 TOCCATA - 121/2022 CD-UMSCHAU Foto: David Munderloh

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