Toccata 05/2022

Herr Marcon, wie geht es Ihnen und Ihren Orchestern, dem Venice Baroque Orchestra und La Cetra Barockorchester Basel, nach zweieinhalb Jahren Pandemie: bekamen Sie auch in Italien Unterstützung vom Staat, haben Sie alles gut überstanden? Die Zeit war in Italien ziemlich kompliziert, wir waren mehr oder weniger blockiert. Denn wir spielen ja ohnehin nicht so oft in Italien, sondern vor allem im Ausland – übrigens spielt das Orchester dabei auch häufiger ohne mich –, und oft konnten wir nicht reisen; also kurz gesagt: es war für uns alle eine schwierige und komplizierte Zeit. Und dann bin ich ja auch künstlerischer Leiter des La Cetra Barockorchesters in Basel, und so hatte ich den direkten Vergleich, wie das bei einem ja ebenfalls recht prominenten Orchester in der Schweiz funktioniert: Dort hat man viel mehr Hilfe bekommen, für alle Konzerte, die abgesagt wurden, bekamen wir eine Ausgleichszahlung. Das waren nun nicht 100 Prozent, aber 70 oder 80 – ich weiß nicht genau – und insofern waren die Musiker immer bezahlt, wenn das Geld auch vielleicht ein bisschen später kam. Dafür reichte es übrigens, wenn man Verträge oder auch EMails mit Absprachen über diese Konzerte einreichte; also es war nicht zu viel Bürokratie und das Büro von La Cetra konnte das sehr schnell organisieren. Dafür waren wir alle sehr dankbar, denn viele der Orchestermusiker von La Cetra leben nur von Konzertauftritten. Wie ist das beim Venice Baroque Orchestra? Das sind einige auch Lehrer am Konservatorium und für die waren die letzten zweieinhalb Jahren nicht so dramatisch. Aber ich habe doch bemerkt, wie groß der Unterschied zwischen den verschiedenen Ländern ist. Und wie war es für Sie persönlich, konnten sie überhaupt in die Schweiz einreisen, wo sie ja auch in Basel an der Schola Cantorum unterrichten, oder eben für Konzerte von La Cetra? Also für die Schola haben wir sehr viel online gemacht, obwohl das System natürlich unglaublich kompliziert war! Jeder Lehrer hat irgendwie versucht, seinen eigenen Weg zu finden, aber im End-effekt waren natürlich alle Wege viel komplizierter als eine direkte Unterrichtsstunde vor Ort. Wie sah das bei Ihnen aus, mit dem Distanzunterricht? Meine Studenten haben mir jeweils vor der Stunde ein Audio geschickt, das habe ich angehört, und dann haben wir ein Videotelefonat geführt, in dem ich mit der Partitur noch einmal alle Details ge-zeigt habe und in dem wir da drüber gesprochen haben. Aber eine Unterrichtsstunde an der Schola dauert normalerweise 90 Minuten, und mit diesem Videosystem dauerte sie immer etwas über zwei Stunden... Es war also doch recht schwierig, alles auf diese Weise zu vermitteln. Wobei dieser Kontakt mit den Studenten trotzdem unglaublich wertvoll war, denn auch wenn wir uns nicht persönlich sahen, haben wir doch versucht, weiterzukommen – und eben in Kontakt zu bleiben. Allerdings muss ich sagen, dass gerade der Anfang der Pandemie für mich noch komplizierter war als ohnehin schon, weil ich mir knapp zwei Monate vor dem ersten Lockdown die Achillessehne gerissen hatte. Ich lag also schon ab Mitte Januar im Bett und mein Lockdown begann schon etwas früher als der der anderen; ich hatte sozusagen alles antizipiert (lacht). Es war nur noch Glück im Unglück, dass ich wegen der Achillessehne sehr viele Konzerte hätte absagen müssen, die dann wegen Corona ohnehin abgesagt wurden. Dafür büße ich gewissermaßen jetzt, denn natürlich hatte ich damals auch schon einige Konzerte für 2022 im Kalender stehen, zu denen nun aber noch die dazukommen, die von 2020 und 2021 verschoben wurden. So ist es dieses Jahr manchmal ein bisschen viel. Aber es ist auch immer noch schwierig, beispielsweise nach Südamerika oder Asien zu reisen, man braucht viele Dokumente, viele Musiker haben auch ein bisschen Angst, außerhalb Europas zu musizieren, auch wegen der momentanen Probleme mit den Flügen zum Beispiel. Also, ganz überstanden ist die Sache definitiv noch nicht. Es ist ja auch kein besonders schönes Gefühl, meinetwegen in Japan dann plötzlich positiv getestet und zwei Wochen in einem Hotel eingesperrt zu werden… Ja, genau. Und viele Musiker haben genau das auch schon erlebt, das trägt zur Unsicherheit bei. Also, mit Konzerten außerhalb Europas muss man sich vermutlich noch ein bisschen gedulden. Ja, wenn man auf dem Kontinent bleibt, kann man sich zumindest im Notfall noch einen Mietwagen nehmen und nachhause fahren. Ganz genau. Alleine in einem Hotel eingeschlossen zu werden, das ist keine besonders erfreuliche Aussicht. Wir waren beispielsweise im April 2018 mit La Cetra und Magdalena Kozena in China, mit einem Monteverdi Projekt – und jetzt weiß man: würde man so etwas wagen, und man würde infiziert, würde man dort mehr oder weniger eingemauert. Das möchte niemand erleben. Und nach Russland sollte man jetzt auch nicht mehr reisen… Nein, das stimmt. Und ich meine, das war für alle ein Schock, mit dem Krieg, aber ich hatte 2018 und 2019 noch am Bolschoi-Theater gearbeitet, habe die Alcina von Händel dirigiert, mit dem Bolschoi-Orchester. Währenddessen habe ich auch ziemlich lang am Stück in Moskau gelebt und gearbeitet, und war sehr angetan von dieser Liebe der Russen für die Musik und Kultur im allgemeinen. Ich bin also wirklich ein Freund der Menschen dort, und bin das noch immer: ich habe so viele nette Leute dort kennengelernt, die die Musik wirklich lieben! Aber was nun passiert ist – das ist unglaublich. Und sicherlich werde ich so eine Produktion wie damals auch nicht mehr erleben. Wer würde jetzt nach Russland gehen? Aber das hat uns doch auch wieder gezeigt, wie zerbrechlich alles ist: das Leben sowieso, aber auch all die Umstände, in denen wir leben. Man hat zwei Jahre lang an einem wunderbaren Ort, an einem guten Theater gearbeitet und dachte, das wird sicher in Zukunft noch häufiger so sein – und dann, in einer Mikrosekunde, ist alles weg. Auch in der Ukraine, in Kiew, gab es übrigens in letzter Zeit sehr viel Interesse gerade für Barockoper, und ich kenne auch einige Ukrainer, die in Basel an der Schola Cantorum studiert haben, jetzt aber in der ukrainischen Armee kämpfen. Also, die Welt wird immer komplizierter. Wo stehen wir mit der Alten Musik heute, wo sehen Sie gerade die Barockoper? Haben Sie das Gefühl, eine Vivaldi-Oper wird inzwischen genauso angenommen, wie eine von Mozart, und hat die historische Aufführungspraxis da inzwischen einen gewissen Stand erreicht? Auf jeden Fall sind wir stetig weitergekommen. Es passieren Dinge, auch in Italien, das hätte ich noch vor ein paar Jahren nie geglaubt! Vor 20 oder auch noch zehn Jahren wäre es nur ein Traum gewesen, in der Scala in Mailand einmal La Calisto von Cavalli zu hören – und dieses Jahr hat Christophe Rousset das dort gemacht. Das ist unglaublich! In La Scala! Mit seinem eigenen Orchester, oder mit dem der Scala? Ich glaube, das war eine Mischung zwischen Les Talens Lyriques und einigen Musikern der Scala. Und so etwas wäre früher absolut undenkbar gewesen. Und wie kam das nun? Naja, das ist natürlich vor allem ein Verdienst von Dominique Meyer, dem Intendanten. Er hat mich übrigens auch für die nächste Spielzeit eingeladen, für eine neapolitanische Oper von Leonardo Vinci. Alles auf Neapolitanisch! Es gibt kein einziges Wort auf Italienisch (lacht)! Und wie gut ist Ihr Neapolitanisch... (lacht)? Null (lacht). Ich habe gerade angefangen die Partitur zu übersetzen als wäre es russisch; ich muss alle Rezitative transkribieren, verstehe vielleicht zehn Prozent davon. Das ist wirklich eine gänzlich fremde Sprache, die ich aber gerne lernen möchte. Aber ja, auch das wäre noch vor zehn Jahren unmöglich gewesen, dass man da mal einen Leonardo Vinci hört, genauso wie Cavalli oder Monteverdi. Und spielen Sie da nur mit den dortigen Orchestermusikern? Nein, auch bei dieser Produktion werden Musiker von La Cetra aus Basel dabei sein, aber auch Musiker des Scala-Orchesters. Das ist eben immer der Kompromiss, wenn man in den großen Opernhäusern arbeitet. Die haben feste Orchester, und zumindest bislang wäre in Italien nicht denkbar, was kürzlich beispielsweise an der Staatsoper Wien passiert ist: wenn die Wiener Philharmoniker auf Tour sind, dass dann ein Barockorchester spielt. Man muss in Italien immer noch mit den modernen Orchestermusikern vor Ort arbeiten. Das ist natürlich einerseits ein Privileg, andererseits aber auch eine Herausforderung, diese Musiker – im positiven Sinne – dazu zu bringen, regelmäßig ein bisschen Erfahrung im Barockbereich zu sammeln. Ich höre aber auch von Dirigenten aus der Alten Musik, die mit modernen Orchestern arbeiten, dass darin – zumindest in Deutschland – mehr und mehr gerade die jungen Musiker, die nachwachsen, dann doch auch auf der Hochschule schon Erfahrungen mit dem Barockinstrument gesammelt haben, dass Musiker ohne dieses Können gar nicht mehr eingestellt werden. Ja, ganz genau. Die Konsequenz ist auch, dass inzwischen in allen Hochschulen in Deutschland und sogar in Italien Kurse für Barockvioline, Barockcello und so weiter angeboten werden, und die Erwartung an die junge Generation ist, dass sie während des Studiums diese Gelegenheit ergreifen haben, sich damit bekannt zu machen, mit Barockoboen zu spielen, mit Darmsaiten zu spielen – mindestens. Natürlich, eine wirklich profunde Kenntnis der verschiedenen Sprachen der Alten Musik – das ist noch etwas anderes. Aber zumindest sind Grundlagen da. So ist es am Anfang immer ziemlich schwierig, mit einem solchen Orchester zu arbeiten, man braucht viel Geduld, viel Liebe, aber am Ende kommt man doch zu einem guten Resultat. Natürlich wäre es mit einem Barockorchester viel einfacher und wahrscheinlich wäre das Niveau noch höher, aber ich finde es auch wichtig, dass die Orchester dieser Opernhäuser dieses Repertoire spielen. Und natürlich gibt es in diesen Orchestern inzwischen auch viel mehr jüngere Leute, die wirklich Interesse an der historischen Aufführungspraxis zeigen. Das heißt, man hat in den Proben nicht mehr das Problem, nur Leute vorzufinden, die überhaupt keine Lust haben zu spielen INTERVIEW 30 TOCCATA - 121/2022 AANDREA MMARCON,, ORGANIST, CEMBALIST, DIRIGENTT

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