Toccata 05/2022

oder eine neue Sprache zu lernen, sondern man trifft wache Augen und Leute, die wirklich neugierig sind, auf der Suche sind. Ein Beispiel ist das wunderbare Museumsorchester in Frankfurt, das Orchester der Oper in Frankfurt: ich war dort 2004 zum ersten Mal und habe Händels Ariodante dirigiert, in einer Inszenierung von Achim Freyer, und das war eine der ersten Erfahrungen des Orchesters mit Händels Musik. Damals erzählte der Cellist mit Stolz, dass Harnoncourt schon da gewesen sei, aber nicht wieder kommen würde, denn sie hätten sich gestritten. Also, damals stand man wirklich manchmal vor einer Mauer, als Alte Musik-Dirigent. Und jetzt spielt das Frankfurter Orchester die Barockopern fantastisch, das ist wirklich eine Sprache, die sie inzwischen beherrschen, sogar mit Darmsaiten und mit barocken Oboen – also, es ist ganz anders geworden, in relativ kurzer Zeit, eben weil es diesen Dialog mit der Alten Musik gab. Aber das ist nicht immer so, oder? Natürlich reagiert jedes Orchester anders, aber wo das Interesse ist, besteht doch die Chance, dass auch die Intendanten erkennen, dass die Oper eben zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden ist. Und von Monteverdi bis Mozart: das ist schon eine sehr lange Strecke – aber die Opernhäuser gerade in Italien beginnen normalerweise erst bei Mozart mit dem Repertoire. Was vorher kam, das vergessen sie schlicht. Und es gibt tausende von Opern vorher, natürlich nicht alles großartige Werke, aber wir sollten doch auch diese älteren Opern entdecken. Wer war Cimarosa, wer war Galuppi, wer war Cesti, Legrenzi, Steffani, Vivaldi, Graun, Graupner und so weiter? Auf diese Leute können wir nicht verzichten und weiterhin davon ausgehen, dass die Oper erst bei Mozart anfängt. Nein, davor gab es schon 200 Jahre Opernschaffen und das erste öffentliche Opernhaus, Teatro San Cassiano, wurde in Venedig 1637 eröffnet. Naja, dafür bräuchte es halt auch Subventionen für eben diese Orchester, die sich auf hohem Niveau mit diesem Repertoire beschäftigen. Natürlich, aber wenn ich mir dann eben zum Beispiel Frankfurt anschaue, was dieses Orchester alles geschafft hat, das ist schon gut. Die haben auch alle Monteverdi-Opern gespielt, zwar immer mit ein paar Musikern aus Barockorchestern dabei, aber die Frankfurter lernen dabei natürlich auch dazu. Und das ist ein Prozess, der dazu geführt hat, dass auch ihr Mozart heute anders klingt als früher. Ja, natürlich! Es wäre natürlich ein Traum, ein Barocktheater zu haben, in dem ein fest angestelltes Barockorchester sich nur mit diesem Repertoire beschäftigt, aber das ist bislang eben noch immer ein Traum. Immerhin: es gibt da einen Engländer, der möchte das Teatro San Cassiano wieder aufbauen und so etwas dort einrichten, aber bislang existiert in ganz Europa noch kein solches Haus. Obwohl wir in Deutschland ungefähr 120 Opernhäuser haben, die alle öffentlich subventioniert werden, und angesichts derer ich mich seit Jahren frage, warum sich nicht eines davon mal auf Barockoper spezialisiert, mit alten Instrumenten spielt. Das wäre doch dann ein echtes Alleinstellungsmerkmal, und die Häuser wären nicht mehr so austauschbar! Und vielleicht kommen die Touristen dann extra, um dort eben Barockoper zu hören. Ja, sicher, das wäre fantastisch! Aber keiner traut sich das offenbar. Ja, eigentlich erscheint es unglaublich, dass da noch keines dieser Orchester drauf gekommen ist, zu sagen, wir machen jetzt nur dieses Repertoire, und das auf einem Spitzenniveau. Das sind immerhin mehr als 200 Jahre Musik, die niemand kennt, bestimmt tausend Barockopern! Die könnten also ewig spielen, ohne sich jemals zu wiederholen. Und man könnte da auch Forschung anschließen und dann eben veröffentlichen: ja, hier gibt es etwas Neues von dem oder jenem Komponisten, und das könnte man dann international vermarkten. Schließlich ist das ja auch so, wenn ein neues Bild von Caravaggio entdeckt wird, warum also nicht bei einer Barockoper, an so einem spezialisierten Haus? Aber ich glaube, wenn man die italienischen Politiker fragen würde, wer der erste Opernkomponist war, dann würden die meisten sagen: Mozart. Oder Verdi… (lacht) Ja, auch möglich... Und dann muss man ja auch sagen, von Mozart gibt es wie viele? Fünf Opern? Und diese fünf werden landauf, landab rauf und runter gespielt, ständig wiederholt, und von Vivaldi gibt es wie viele, 40? Ja, er hat gesagt, er habe mehr als 40 geschrieben. Und kein Mensch kennt sie. Genau. Und Caldara hat zum Beispiel über 70 Opern geschrieben, oder der deutsche Komponist Graupner: das war wirklich ein Spitzenkomponist, der aber immer noch relativ unbekannt ist. Auch, weil sein gesamter Nachlass in privaten Besitz war, aber inzwischen kann man online alles einsehen, und er war wirklich ein genialer Musiker. Ich beschäftige mich gerade ein bisschen mit seinen Werken, und finde wirklich unglaubliche Sachen! Und die Opernhäuser spielen nach wie vor nur eine Auswahl von fünf Mozart- und zehn Wagneropern oder so. Ja, das ist schon ein bisschen traurig. Und ich habe zum Beispiel im Februar mit La Cetra die moderne Uraufführung von La Merope von Geminiano Giacomelli gemacht: extrem schwer für die Solisten, wirklich schrecklich schwierig! Das hat damals natürlich Farinelli gesungen, zusammen mit einem anderen sehr berühmten Kastraten, also die Superstars des Jahres 1734 in Venedig – und seitdem wurde die Oper nie wieder aufgeführt. So ein Meisterwerk! Und auch wir haben das nur einmal in Basel für die Reihe von La Cetra gemacht, und einmal im Concertgebouw Amsterdam. Nicht einmal in Italien, oder sonst wo – das ist schon unglaublich, oder? Absolut. Vor allem wenn man bedenkt, wie viele Zauberflöten in der gleichen Zeit in Europa gespielt wurden... Was ist für Sie denn aber heute der wichtigste Komponist bei Ihrer Arbeit, was spielen Sie am meisten, was am liebsten? Also zurzeit mache ich vor allem in Italien relativ oft Bach, was dort ja doch noch immer ein bisschen außergewöhnlich ist. Gerade die Passionen, oder jetzt im Dezember kommt viermal die h-Moll-Messe. Denn ich habe hier gerade nach der Corona-Pandemie ein neues Projekt initiiert, das heißt Frau Musica – Sie finden das im Internet unter www.fraumusika.eu – das ist ein junges, frisches Barockorchester, das ich gegründet habe, und damit spielen wir vor allem in Italien, mit dem Ziel, auch das Repertoire von Bach dort bekannter zu machen. Denn er ist ein Komponist, den man in Italien schon noch intensiver entdecken sollte; es wäre so schön, wenn in jeder größeren Stadt etwa in der Passionszeit auch eine Bachpassion erklingen würde, oder ab und an mal die hMoll-Messe oder Bachkantaten! Das ist in Deutschland oder Holland und so natürlich ganz normal, aber in Italien es ist noch eher die Ausnahme. Insofern habe ich in Italien sehr viel mit Bach zu tun, im Ausland dagegen mehr mit italienischer Musik. Und dann habe ich immer mehr Gelegenheit, auch mit modernen Orchestern zu arbeiten, im Oktober zum Beispiel wieder mit den Münchner Philharmonikern; ich war auch schon beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, bei den Berliner oder Bamberger Philharmonikern, beim Deutschen Radio Sinfonie Orchester, in Frankreich und so weiter. In diesem Rahmen habe ich unter anderem auch Mendelssohn und Schubert und solche Sachen dirigiert, aber normalerweise fragt man mich da für Repertoire vom Spätbarock bis Mozart an, die Sturm und DrangZeit, Carl Philipp Emanuel Bachs Sinfonien. Auf der anderen Seite mache ich jetzt mit La Cetra in Basel Beethovens Neunte Sinfonie. Oho! Wie kommt das? Nun, wir haben letztes Jahr schon die Achte, dann die Zweite gemacht, jetzt kommt wieder die Neunte. Rutschen Sie dann auch immer später im Repertoire? Denn es gibt ja viele Orchester, die als Ba-rockorchester angefangen haben und inzwischen fast nur noch Romantik spielen. Also, dass wir nur noch Romantik spielen, das wird in Basel bestimmt nicht geschehen, denn es gibt drei andere Orchester in der Stadt, die genau dieses spätere Repertoire machen. Aber es war für uns eine wunderbare Herausforderung, als wir im Beethovenjahr ein Projekt mit dem Sinfonieorchester Basel gemacht haben: man konnte an einem Abend vier Beethoven-Sinfonien hören, zwei mit einem barockklassischen Orchester, zwei mit modernem Orchester. Das war sehr spannend zu erleben! Und vor allem waren die Musiker von La Cetra so begeistert von dem Resultat, dass sie mich baten, doch ab und zu auch späteres Repertoire zu machen, weil das für uns wirklich befriedigend ist. Und ja, es war auch eine schöne Erfahrung, auf dem gleichen Podium wie das Sinfonieorchester Basel zu spielen, das ein wichtiges Orchester für die Stadt ist – das war psychologisch auch irgendwie wichtig für uns (lacht)… Das Publikum war auch sehr begeistert, und insofern versuche ich nun, alle paar Jahre mal ein späteres Stück vorzunehmen. In Basel arbeiten wir außerdem auch viel mit Chören, zum Beispiel haben wir ein Projekt mit dem Messiah von Händel, das wir alle zwei Jahre machen, bei dem wir mit Jugendchören musizieren und für das sich auch Einzelpersonen anmelden können. Wir machen das also mit unserem eigenen La Cetra Vokalensemble, aber es gibt mehrere Nummern im Stück, bei denen dann dieser super-Tutti-Chor zum Einsatz kommt. Man weiß ja auch, dass das Stück schon etwa 1770 in London in dieser Art aufgeführt wurde. 31 TOCCATA - 121/2022 INTERVIEW Andrea Marcon, Foto: Daniele Caminati

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