Toccata 05/2022

Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit mit Chören, mit Chorsängern aus der Stadt, warum machen Sie das? Nun, wir haben gemerkt, wie wichtig es ist, dass wir uns nicht nur als Barockspezialisten sehen und uns modernen Orchestern, neuerem Repertoire und größeren Besetzungen gegenüber abschließen. Wir wollen nicht nur in unserer Nische bleiben. Und gerade bei dem Messiah hatten wir wirklich viel Kontakt mit der Basler Bevölkerung, auch für dieses Jahr gibt es schon um die 200 Anmeldungen. Nun leiten sie zwei – beziehungsweise mit Frau Musica inzwischen drei – Barockorchester als fester Hauptdirigent. Was ist denn dann der Unterschied zwischen Venice Baroque und La Cetra und Frau Musica – besteht da nicht die Gefahr, dass alle irgendwann gleich klingen, dass Sie ihnen quasi Ihren Stempel aufdrücken? Oder macht die Schweizer Luft zur venezianischen Luft doch noch einen größeren Unterschied? Nein, die Luft scheint da etwas auszumachen (lacht)! Es ist schon interessant, dass dieses Risiko eigentlich viel mehr bei modernen Orchestern besteht. Obwohl es auch da Unterschiede gibt. Aber bei den Barockorchestern sind die Unterschiede viel größer, finde ich. Naja, bei den modernen Orchestern ist es ja auch so, dass, wenn Aushilfen gebraucht werden, ein A-Orchester dem anderen aufhilft, und dass die außerdem mehr oder weniger alle das gleiche Repertoire spielen – da ist der Klang dann naturgemäß ebenfalls austauschbarer. Ja, das ist das eine, mit dem Repertoire. Und dann habe ich ja auch mit vielen Barockorchestern gearbeitet – mit den Freiburgern, Concerto Köln, dem Collegium 1704 und anderen – und sicherlich haben nicht viele Musiker die Gelegenheit, das Privileg gehabt, mit mehreren dieser guten Orchester zu musizieren. Aber ich habe dabei wirklich gemerkt, dass die Unterschiede zwischen den Barockorchestern extrem sind: im Klang, darin, wie sie zum Beispiel mit den Geigen umgehen, in ihrer Sprache. Und ja, so ist das auch bei meinen Orchestern. Das Venice Baroque Orchestra besteht ja aus lauter Musikern, die in einem Radius von vielleicht 50 km um Venedig herum wohnen. Am Anfang musste das auch so sein, sonst wäre es mit dem Proben und Arbeiten viel zu teuer gewesen, aber es ist bis heute so. Alle haben auch mehr oder weniger das Konservatorium von Castelfranco Veneto, in Verona, Vicenza, Venedig besucht – also, das ist wirklich ein Orchester, in dem wir auch die Proben auf Veneziano abhalten. Es ist 100 % venezianisch. In Basel haben wiederum alle die Schola Cantorum glänzend abgeschlossen. Bei den Geigern haben wir ganz klar diese Tradition der früheren Geigenlehrerin dort, Chiara Banchini, jetzt Leyla Schayegh und Amandine Bayer, die ihre Professur inzwischen übernommen haben. Ich glaube, wirklich alle unsere Streicher kommen aus dieser Schule, und das prägt einfach den Klang, die Herangehensweise an die Musik. So etwas gibt einem Orchester eine unheimliche Einheitlichkeit. Und so hat jedes Orchester auch seine speziellen Stärken. Zum Beispiel gibt es für mich kein anderes Orchester, das so gut begleiten kann, wie Venice Baroque. Ich weiß nicht, warum das so ist, wahrscheinlich hat es etwas mit der Oper zu tun: dass wir von klein auf, und spätestens seit unserem Studium gewohnt sind, Gesang zu begleiten – das könnte der Grund sein. Aber wenn wir eine Oper begleiten, das ist irgendwie immer magisch, wenn VBO spielt. Oder die instrumentale Virtuosität, das ist auch noch so eine spezielle Geschichte: wenn das Orchester auch die Solistenpartien in einem Stück spielt. Da ist das VBO ebenfalls extrem gut. Der Dirigent macht also gar nicht so viel aus und der Einfluss der Luft ist sozusagen immer noch wichtiger? Naja, sagen wir es so: der Dirigent macht zum Beispiel immer den gleichen Auftakt für ein bestimmtes Stück, oder eine bestimmte musikalische Floskel, aber das Resultat ist bei jedem Orchester anders (lacht). Da muss man sich schon manchmal dran gewöhnen, wenn man mit einem anderen Orchester arbeitet. Ich glaube also, der Dirigent bleibt natürlich der Koordinator, der Chef de cuisine, der die Musik kocht, und ist insofern durchaus nicht unwichtig, aber er muss sich auch anpassen. Denn wenn er in Venedig mit einer bestimmten Geste einen Klang bekommt, so bekommt er in Prag mit derselben Geste einen ganz anderen, und in Köln und in Freiburg wieder einen anderen. Also besteht auch nicht die Gefahr, dass La Cetra eines Tages so wie Venice Baroque klingen wird, oder umgekehrt. Nein, ich glaube nicht. So ein Klang hat einfach auch immer viel mit Kultur, mit Sprache, all diesen Dingen zu tun. Das gleiche, was man ja auch in der Malerei findet, wo etwa die Maler im 17. Jahrhundert in verschiedenen europäischen Ländern ganz unterschiedlich gemalt haben. Und so werden auch die Orchester ganz unterschiedlich geklungen haben, im 17. oder 18. Jahrhundert sicher noch unterschiedlicher als heute. Und diese Unterschiede betrachte ich als echten Reichtum, eben auch bei heutigen Barockorchestern. Das steht auch diesem Gedanken entgegen: egal, wo ich als Pianist hinkomme, da steht immer der gleiche Steinway, oder ich kann als Reisender, egal wo ich bin, immer das gleiche Menü bei McDonald's bekommen. So ist das bei Barockorchestern eben nicht. Übrigens ist es in den Hochschulen inzwischen so, dass man doch oft beispielsweise die Geiger auf die immer gleiche Methode unterrichtet; man versuchte also schon so ein wenig eine Globalisierung zu bekommen. Deshalb klingen die modernen Orchester ja auch meist sehr ähnlich. Aber in der Alten Musik ist das zum Glück überhaupt nicht so; sicherlich eben auch, weil wir ein so großes Repertoire haben, ständig neue Stücke spielen, Wiederausgrabungen, Neuentdeckungen. Ich meine, wir haben mit Venice Baroque natürlich auch im Laufe der Jahre hunderte Konzerte mit Vivaldis Vier Jahreszeiten gespielt, nachdem wir damals eine Aufnahme davon gemacht hatten – wenn auch vielleicht auf einem Niveau, wie damals noch niemand anderer. Aber vor allem spielen wir doch ganz unbekanntes Repertoire. Wir haben sozusagen auf unserem Weg hinter jeder Kurve ein neues Panorama (lacht)! Was ist denn Ihr neuestes Panorama, was sind die aktuellen Ausgrabungen? Also, was mich sehr gefreut hat, ist, dass wir mit La Cetra gerade die Vespro di Natale von Claudio Monteverdi aufgenommen haben. Das war gerade noch im Lockdown, das Museum, in dem wir spielten, war noch geschlossen, und das war eine wunderbare Erfahrung. Die Aufnahme wird nun in Kürze bei der Deutschen Grammophon herauskommen. Eine Weihnachtsvesper von Monteverdi? Was ist das für ein Stück? Das ist ein Projekt, mit dem ich schon 20 Jahre beschäftigt war: ich habe Psalmen aus den Selva morale zusammengestellt mit diesen speziellen Stücken, die in Venedig seinerzeit nach den Psal-men erklangen: man durfte da nämlich nicht die Antiphon wiederholen, die schon vor dem Psalm zu hören gewesen war, sondern in Venedig hat man nach dem Psalm ein Concerto in loco antiphone gesungen beziehungsweise gespielt. So habe ich verschiedene Stücke von Monteverdi, aber auch von Alessandro Grandi, von Valentini, und Intonationen von Giovanni Gabrieli kombiniert, und heraus kam eine wunderbare, zweistündige venezianische Musik. Wir haben das außerdem in Treviso aufgenommen, mit einer Renaissance-Orgel. Und das hat man bisher glaube ich noch nie gemacht. Monteverdi schreibt das aber ja ganz deutlich über seine Stücke, auch über die Marienvesper zum Beispiel: im Magnificat stehen ganz deutlich die Orgelregister. Und wir wissen auch, dass die Aufführungen in San Marco natürlich immer auf der großen Orgel gespielt wurden und der Chor aus bis zu 24 Sängern bestand! Sicher, man hat schon auch mal einzeln besetzt, wenn gerade alle krank waren oder kein Geld da war, aber der Normalfall war das nicht. Und ich wollte wirklich versuchen, sozusagen die Dogen-Version zu machen, mit der normalen, großen Besetzung. Doch schon die Suche nach den Psalmen aus den Selva Morale war langwierig: die meisten sind nun ganz unbekannt, manche auch bekannt. Aber das war ein sehr langer Prozess für mich. Inwiefern? Naja, das erste Konzert mit dieser Weihnachtsvesper habe ich vor fast 20 Jahren dirigiert, aber dann immer wieder verbessert, immer weiter perfektioniert, neue Stücke hereingenommen, bis ich das nun mit La Cetra als Aufnahme realisieren konnte. Und ich freue mich nun sehr, dass diese Doppel-CD endlich erscheint. Und sonst? Dann sind wir mit Venice Baroque im September bei einem neuen Festival in Basel, Erasmus klingt, mit Magdalena Kozena, anschließend kommen, wie gesagt die Münchner Philharmoniker, mit denen ich im Oktober arbeite, dann im Dezember die Neunte von Beethoven – auch schon erwähnt – dann ein Konzert mit der wunderbaren Geigerin Chouchane Siranossian und Venice Baroque. Wir hatten schon eine Tartini-CD mit ihr aufgenommen und nun habe ich mir so ein Bogenduell zwischen Tartini, Locatini, Veracini und Vivaldi vorgestellt, das wir diesmal mit ihr ausfechten. Denn alle diese Komponisten haben hier in Venedig gearbeitet, und ich habe mir eben so eine Art Wettbewerb zwischen diesen vier Komponisten ausgemalt. Ja, so langsam läuft es wieder relativ normal mit den Konzerten und Aufnahmen... Seien Sie vorsichtig mit der Freude, denn es kann immer noch eine neue Virusvariante kommen! Ja, und das wäre wirklich eine Katastrophe! Ich glaube niemand möchte nun wieder in einen Lock-downTunnel... Aber ich glaube auch, dass wir in dieser schwierigen Zeit alle viel gelernt haben. Ich habe viel nachgedacht, und das war durchaus auch hilfreich, denn noch nie in der jüngeren Geschichte gab es so etwas wie diese Lockdowns. Naja, früher während der Pest-Epidemien vielleicht; denken Sie an das Decamerone, oder auch Die Verlobten, von Alessandro Manzoni: da wird das ja ganz gut beschrieben, wie zumindest die meisten Leute freiwillig in den Lockdown gingen. Ja, natürlich, aber in moderner Zeit gab es so etwas eben noch nicht. Und früher lebten wir ja auch noch nicht so global, auch die Epidemien waren nicht so global. Aber, wie gesagt, es hatte auch seine Vorteile: ich habe wirklich über viele Dinge nachgedacht. Und ganz viele Musiker haben ihre Notenbibliotheken mal aufgeräumt und erstaunliche Dinge ent-deckt! Ja, genau! Was war für Sie das schwerste, während der Pandemie? Naja, die Musik ist eben etwas, was man teilt. Das ist für mich einfach sehr wichtig. Da ging es nicht um 32 TOCCATA - 121/2022 INTERVIEW

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