Toccata 05/2022

Daneben mache ich gelegentlich auch Neue Musik, unter anderem vergeben wir Kompositionsaufträge, für instrumentale Musik, aber auch für Gamben mit Sängern. Auch da geht es darum, eine Sprache zu finden, mit den Komponisten auch darüber zu diskutieren, was es für einen Sinn hat, neue Kompositionen für historische Instrumente zu schreiben – oder was die Anziehungskraft dieser Instrumente für einen heutigen Komponisten ist, und auch selbst eine neue Sprache zu entwickeln. Und ein weiteres sehr wichtiges Element meiner Arbeit ist sicher auch die Zusammenarbeit mit Cineasten, also mit Videomachern. Und da gibt es auch noch viel Spielraum. War es eigentlich schon bei der Gründung von Hathor 2012 Ihr Ziel, das Consort auch für dieses WeltmusikRepertoire einzusetzen, oder hatten Sie damals noch ganz puristisch die Consortmusik vor Augen? Naja, mein erstes Projekt mit Hathor war eigentlich eines mit einer zeitgenössischen Tänzerin, die zu Dowlands Lachrimae eine Choreographie gemacht hatte –– oder eigentlich haben wir das zusammen gemacht. Dazu kam dann auch eine neue Komposition von einer Weltkomponistin. Also, es war schon von Anfang an die Suche nach der Verbindung von Genres, Stilen, Disziplinen. Und diese Weltmusik war natürlich etwas, was in mir schon sehr lange präsent war, weil ich sie eben neben der Gambe schon so viele Jahre studiert hatte, dass es für mich sozusagen dasselbe ist -– nur halt anders. Insofern ist für mich das Verständnis von anderen Musikkulturen, zumindest von einigen, nachvollziehbar, weil es doch auch große Ähnlichkeiten gibt. Rührt daher auch der Name Ihrer Gruppe, der ja ägyptisch ist? Ja, Hathor war im alten Ägypten so eine Muttergöttin. Einerseits ging es dabei um die Idee, dass so ein Ensemble ein Ort des Treffens ist, und da kommt die Urmutter ins Spiel, dass alles Leben von da kommt. Aber andererseits war Hathor auch die Göttin der Musik, der Kunst und des Tanzes; also, es gab auch diese Ebene. Und schließlich gibt es in der Alten Musik so viele Texte und Lieder, die sich eigentlich auf die alten Griechen beziehen; aber die Griechen gründeten sich ja wieder auf die Ägypter. Das ist so etwas wie die Wiege der Kultur, des Geistesgutes. Und ich wollte einfach so weit wie möglich an den Anfang zurück. Ja, und schließlich steckt darin auch noch der Gedanke an die Lust, von anderen Musikkulturen, Kulturen zu lernen. Und ich denke, wenn man eine Verbindung sucht, dann muss man erst verstehen, um zu integrieren. Das ist so ein Wunsch von mir. Was steht nun als nächstes an, in welche Musikwelten werden Sie in nächster Zeit noch eintauchen? Jetzt im September sind wir erstmal im Concertgebouw in Brügge, mit einem Neue Musik-Projekt, mit der Uraufführung einer Auftragskomposition, das heißt Dead time, für fünf Gamben und Countertenor von George Benjamin, aber wir spielen auch andere Stücke von ihm. Also, das ist eine Mischung aus Neuer Musik, aber auch Fantasias und vokalen Stücken von Purcell. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit mit George Benjamin? Ich habe viele Jahre lang in seiner Oper Written on Skin gespielt, und dadurch unter anderem entstand auch mein Interesse, das alte Repertoire mit neuer Musik für Gambenconsort zu kombinieren, aber auch selbst einen neuen Weg zu suchen, gemeinsam mit den Komponisten. Und solistisch, was steht da an? Da bin ich im November in Lettland, mit französischer Musik, hauptsächlich Forqueray, aber auch Marais. Ach ja, und im September sind wir noch in Kroatien – – das ist nicht rein solistisch, sondern da sind auch Lieder im Programm, das ist auch eine sehr schöne Kombination. Anfang nächsten Jahres, im März, gibt es dann ein Projekt mit indischer Musik und englischer Renaissancemusik, da spielen wir in Österreich und in Grenoble. Und dann haben wir zum Beispiel auch ein Programm mit Barbara Strozzi neu entworfen, ein Porträt, eigentlich wie eine selbstgemachte Oper in fünf Akten, in der ihre Duette gemischt mit Soloarien erklingen, mit zwei Sängerinnen. Außerdem machen wir die Kunst der Fuge von Bach mit vier Gamben, diese Saison, und in 2023 werden wir auch noch Teil eines sehr großen Projekts sein, wie ein Renaissanceorchester. Da spielen wir mit 32 Musikern, eine Zusammenarbeit zwischen Hathor, Pluto Ensemble und Oltremontano: sechs Gamben, zwei Geigen, zehn Sänger, das Bläserensemble und dazu noch sechs Naturtrompeten – also, es ist schon sehr gemischt, was da auf mich zukommt. Und so soll es auch bleiben? Oder was wird die Zukunft bringen? Also, im Moment gefällt mir das ganz gut, diese Vielseitigkeit, und ich denke, es wird sich zeigen, was die Zukunft bringt. Es gibt glaube ich noch viel zu entwickeln, und vielleicht wird dann die eine oder andere Richtung irgendwann stärker. Aber das lässt sich schwer vorhersagen: Ich vermute, man muss immer spüren, was im Moment da ist und alles ausschöpfen, soweit es geht. Mit den Jahren sieht man dann, wo das hinführt, wie man dazu steht und wie es weitergeht. Das ist ein bisschen das Leben! Fragen und Übertragung: Andrea Braun Olivier Fortin Herr Fortin, wie kam es, dass Sie Ihre Gruppe, Ensemble Masques, gegründet haben? Nach meinem Studium in Quebec kam ich nach Europa und habe in Amsterdam und Paris studiert, bei Pierre Hantaï und Bob van Asperen, und ich machte während dieser Zeit auch sehr viel Kammermusik. Als ich dann nach Kanada zurückging, steckte mir diese Idee der Kammermusik schon im Blut, oder in den Knochen, oder wo auch immer – jedenfalls war es etwas, was ich machen wollte. Und so gründete ich 1998 mein Ensemble Masques. Anfangs war das nur ein Trio, damals auch mit einem wirklich außergewöhnlichen Geiger, der heute aber nicht mehr Geige spielt, und wir haben das eigentlich gegründet, weil es einen Wettbewerb in Kanada gab, bei dem wir auftreten wollten. Also haben wir gesagt, wir machen ein Ensemble und nehmen an diesem Wettbewerb teil. Und dann haben wir tatsächlich den ersten Preis gewonnen... Dann war das mit der Gründung wohl eine gute Idee gewesen! Und hatten Sie damals auch schon diesen Namen? Ja, den gab es tatsächlich schon 1998. Wir haben ihn ausgesucht, weil wir damals beschlossen hatten, englisches Repertoire zu spielen, Matthew Locke zum Beispiel. Wir spielten alle seine Consorts, und so fanden wir diesen Namen ganz praktisch, der ja auf die englischen Masques zurückgeht: kleine Aufführungen, Spektakel, oder lebende Bilder, eine Art der Poesie. So etwas haben wir damit verbunden. Diese Idee, dass der Name sich nicht nur auf Musik bezieht, sondern eben auch auf andere, verwandte Künste, das gefiel uns. Heute spielen Sie aber nicht mehr in derselben Besetzung wie damals, oder? Nein, die Besetzung hat sich so um 2003 herum verändert, damals kamen die Musiker dazu, mit denen ich noch heute spiele. Aber den Namen haben wir behalten, denn noch immer reizt uns dieser Gedanke, in der Musik auch etwas Theatralisches, Dramatisches zu finden – nicht immer natürlich. Wenn man Bach spielt, ist das nicht so theatralisch wie wenn man Lully spielt, aber wir wollten doch immer diesen Gedanken an ein Spektakel, eine Aufführung im Hinterkopf behalten. Machen Sie dann auch Konzerte mit Stillleben oder einer Art von Schauspiel, szenischen Einlagen, eben im Sinne dieser damaligen englischen Praxis? In manchen Programmen, ja. Wir machen nun keine Oper oder so, denn so große Besetzungen haben wir nicht. Ich würde das gerne als Dirigent selber mal ausprobieren, aber mit meinem Ensemble nicht. Aber zum Beispiel haben wir ein Programm, das wir das musikalische Theater von Telemann genannt haben, und darin gibt es einen großen Anteil musikalischen Theaterspiels, da gehen wir so weit wie möglich, in der Kombination von Musizieren und Spielen, Timing, auf der Bühne Spaß haben — das alles gleichzeitig. Gerade unser Kontrabassist, Benoît, spielt manchmal eine Rolle auf der Bühne, er hat dafür eine natürliche Begabung. Aber wir machen das nur in dem Maße, wie es für uns ganz natürlich ist, nichts, was von einem Regisseur ausgedacht ist. Wenn wir zum Beispiel Bachs Kaffeekantate spielen, dann versuchen wir da schon auch darstellerisch etwas zu bieten, aber eben nur im Rahmen der Musik. Auch Sophie Gent, unsere Geigerin, hat übrigens einen wunderbaren Sinn für Gestik, und auch in ihrem Geigenspiel steckt ein ganzes Stück davon. Haben Sie eine ganz feste Besetzung, oder spielen Sie auch manchmal mit anderen Musikern in Ihrer Gruppe? Doch, gelegentlich schon. Wir haben einen Pool von Musikern. Der feste Kern des Ensembles, das sind die sechs Musiker, die man auch auf unserer Website sieht, das ist sozusagen das A1-Team. Nicht nur, weil es einfach alles extrem gute Musiker sind, sondern auch, weil wir schon so lange miteinander spielen, dass wir uns sehr, sehr gut kennen. Wir respektieren uns alle gegenseitig, aber jeder bringt auch Vorschläge oder Ideen ein. Irgendwie sind wir wie ein gutes Auto: wenn einer spontan rechts abbiegt, dann folgen alle anderen, wenn einer spontan links abbiegt, dann sind sie auch dabei. Aber es kommt eben auch vor, dass nicht alle frei sind, oder kommen können, mit all dem, was im Moment in der Welt passiert – mit Corona, dem Krieg in der Ukraine, all den Flugabsagen und Zugausfällen. Zum Beispiel, als wir unsere letzte CD, die Bachsuiten aufgenommen haben: das sind zehn Musiker, und einer von diesem A1-Team ist nicht dabei, aber es ist natürlich trotzdem eine wunderschöne CD geworden. Aber all die Jahre, die ich jetzt schon in Frankreich lebe, habe ich natürlich mit sehr vielen Leuten zusammengespielt und da waren immer wieder welche dabei, bei denen ich sagte, ja, die oder den muss ich mir merken. Und wenn ich dann für ein Projekt jemanden brauche, dann rufe ich sie an. Insofern habe ich inzwischen schon eine gute Auswahl von Musikern beisammen, die auch verstehen, wie wir arbeiten, die wissen, wie ich bestimmte Gesten, Phrasierungen haben möchte. Was ist Ihr bevorzugtes Repertoire? Ich muss sagen, dass wir das deutsche Repertoire wirklich lieben. Wir haben ziemlich viel Musik aus dem 17. Jahrhundert gemacht, Schmelzer, Weichlein, Rosenmüller und diese Sachen. Und jedes Mal, wenn wir das wieder machen, fühlen wir uns zuhause — und wir haben das Gefühl, wir sind darin auch ganz gut. Natürlich ist Bach für jeden Musiker großartig zu spielen, glaube ich, das ist einfach universelle Musik. Und ja, sicher, ich bin ein Kanadier, der in Frankreich lebt, und manchmal fragen mich Leute – wie kürzlich INTERVIEW 34 TOCCATA - 121/2022

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