Toccata 05/2022

35 INTERVIEW in einem Interview im Radio –, ob ich nicht mal genug von Bach hätte. Aber ich sagte nein, überhaupt nicht! Wir machen durchaus auch mal französische Musik, aber nicht viel, denn das französische Repertoire fordert zum Beispiel oft mehr Sänger, und dann wird es natürlich auch in Frankreich schon von sehr vielen Gruppen gespielt. Es ist nicht mal so, dass ich es nicht mögen würde, aber es ist doch oft auch eine Frage der Gelegenheit. Aber Bach wird ja von noch mehr Leuten gespielt, auch in Frankreich, oder? Ja (lacht), zugegeben... Aber trotzdem machen wir ihn sehr gerne. Und ich glaube wir kennen ihn inzwischen auch ganz gut, und ich war auch ziemlich glücklich mit der Aufnahme der Orchestersuiten. Auch, weil ich es spannend fand, dass wir mit nur zehn Musikern so ein Ergebnis bekommen haben. Genauso wie die Sachen von Telemann und die Musik aus dem 17. Jahrhundert, die wir aufgenommen haben. Deshalb denke ich, dass wir vielleicht etwas Besonderes haben, etwas, was vielleicht sogar einmalig ist. Nicht, weil es das beste überhaupt ist, aber es ist eben anders, was wir machen. Inwiefern besonders oder einmalig, was meinen Sie da konkret, was macht Ihre Gruppe speziell? Um damit zu beginnen: Sophie ist Australierin, ich bin Kanadier, wir haben noch zwei Kanadier, die uns ergänzen, wir haben einen Belgier und einen Finnen im Ensemble. Und ich glaube, so eine Gruppe aus ganz verschiedenen Nationalitäten zu haben, das könnte einen Teil dessen ausmachen, was ich meine. Es ist natürlich schön, wenn alle aus der gleichen Schule kommen, aber vielleicht ist man dann doch irgendwie in eine Art goldenen Käfigs eingeschlossen oder so etwas. Das ist bei uns eben so gar nicht der Fall. Dazu kommt aber dennoch, dass wir gewissermaßen zusammen aufgewachsen sind, als Ensemblemusiker: wir haben alle so in unseren Zwanzigern angefangen, zusammen zu spielen, und nun werde ich in einem Jahr 50. Also, wir haben uns alle entwickelt, aber sind doch noch die gleichen Leute. Wie eine Maschine, die gut läuft, gut geschmiert, perfekt aufeinander abgestimmt ist. Und ich selbst versuche auch immer, unsere Projekte so zu gestalten, dass wir sie ein bisschen anders als andere Gruppen präsentieren. Das ist der Grund, warum wir die Telemannsuiten mit sechs Musikern gespielt haben, die Bachsuiten mit zehn. Vor allem machen wir natürlich Kammermusik, aber ab und an eben auch Werke, die möglicherweise für größere Besetzungen geschrieben worden sind, die wir jetzt aber eben in unserer kleinen Besetzung aufführen. Und das Resultat ist niemals schwach, dünn, sondern es klingt immer voll. Aber weil wir so eine kleine Gruppe sind, können wir vielleicht schneller reagieren, spontaner, lebendiger gestalten. Es ist halt kein Orchester, sondern in gewisser Weise nervöser – im guten Sinne. Spielen Sie selbst auch noch mit anderen Gruppen? Und was machen Sie dieser Tage als Solist? Solistisch spiele ich nicht so viel, denn ich habe einfach nicht die Zeit, soviel an solistischem Repertoire zu arbeiten. Aber ich spiele auch viel mit anderen Gruppen, mit anderen Musikern, zum Beispiel mit Bertrand Cuillers Gruppe, mit der wir die Konzerte für drei und vier Cembali von Bach gemacht haben, gelegentlich spiele ich mit Skip Sempé, mit dem mich auch schon eine lange Zusammenarbeit verbindet, dann bin ich immer wieder beim Tafelmusik Orchestra in Kanada, in Toronto, mit denen ich ebenfalls seit mehr als 20 Jahren zusammenarbeite. Da ist immer der Vorteil, dass ich selbst eben gar nichts organisieren muss; ich komme nur, und spiele mit den anderen, ich mag die anderen Musiker – das ist immer sehr schön. Was steht zunächst auf Ihrer To-Do-Liste? Naja, wir haben kürzlich italienische Musik aus dem 17. Jahrhundert ausprobiert, was eine sehr neue Erfahrung für uns darstellt. Was war das? Ein Komponist, der in Venedig zuhause war, Giovanni Legrenzi. Und der hielt sich eben zur selben Zeit wie Rosenmüller in Venedig auf. Wir haben also ein Oratorium von ihm gemacht, auch bei Alpha aufgenommen, das kommendes Jahr erscheinen wird, und das ist ein wunderbares Werk. Und für mich war es eine sehr interessante Erfahrung, denn ich habe dabei das erste Mal mit einer größeren Gruppe von Sängern gearbeitet, mit sechs genau genommen: drei Solisten und drei zusätzliche Stimmen für die Madrigale und diese Dinge. Als Leiter des Ensembles war das für mich eine wirklich faszinierende Arbeit, denn ich wollte dieses Repertoire mal erkunden, und das ganze Team war einfach ganz auf meiner Linie, verstand, was ich im Sinn hatte. Ja, das ist also nun die nächste CD, die von uns erscheinen wird, und ich denke, es wird uns auch Türen zu neuem Repertoire öffnen. Werden Sie also in den nächsten Jahren noch mehr Oratorien machen, mehr italienische Musik? Möglich… Es ist natürlich so, dass mein Ensemble, das A1-Team, immer da sein wird, und wir auch weiterhin viel in dieser Besetzung spielen möchten. Und dann ist auch die Organisation eines so großen Projektes schwieriger, schon wegen der Reisen. Also, ich denke, in den nächsten Jahren werden wir durchaus noch einige neue Pfade erkunden, denn es gibt einfach so viel Repertoire, das wir machen könnten! Aber die Programme für das A1-Team werden doch immer im Vordergrund stehen — sei es nun englische Musik, oder deutsche, oder was immer. Nächsten Sommer möchten wir beispielsweise zwei Bach’sche Violinkonzerte aufnehmen, mit Sophie als Solistin, und das wird wieder mal ein ganz besonderes, klein besetztes Projekt werden. Und vielleicht mache ich zur gleichen Zeit noch ein Projekt mit größerer Besetzung, in dem ich mehr dirigiere als spiele, um mich in dieser Richtung ein wenig weiterzuentwickeln. Ich meine, ich erkunde ja alles mögliche Repertoire für Ensemble Masques schon seit der Zeit, als ich die Gruppe gegründet habe, und das möchte ich natürlich weiterführen. Aber gleichzeitig möchte ich mich natürlich auch persönlich weiterentwickeln, neue Dinge ausprobieren. Ja, und dann ist da das französische Repertoire, und ich denke, das müssen wir gerade in Frankreich auch spielen, denn ich glaube, dass es anders klingen könnte als französisch, wenn wir es spielen. Wie sieht es in der heutigen Musikwelt Ihrer Meinung nach aus, mit einem persönlichen Stil: ist der überhaupt gefragt? Naja, wir sind natürlich alle durch unsere Ausbildung geformt und sind alle gewissermaßen dadurch fomatiert, dass wir die gleichen Aufnahmen und Konzerte hören. Insofern ist es gar nicht so leicht, einen persönlichen Stil auszubilden und beizubehalten, ohne sich lächerlich zu machen. Für mich ist also das große Problem: Wir wollen alle manchmal gerne wie eine Aufnahme klingen, und dabei vergessen wir gelegentlich, wie man die Dinge eben damals handhabte, als diese Musik entstand. Ich glaube, die Musikwelt wird da immer enger, und das finde ich ein wenig traurig. Wenn man in diesem oder jenem Festival auftreten will, dann muss man ein großes Werk von Händel anbieten, oder von Rameau, aber wenn man einen unbekannten Komponisten vorschlägt, dann ist es schwierig. Vor zehn Jahren war das noch möglich, aber inzwischen finde ich es immer schwieriger. Wobei das eine Frage des Vertrauens der Festivalveranstalter ist. Da hören wir dann immer wieder: oh, mein Publikum könnte das ablehnen, wenn es die Namen nicht kennt… — und so weiter. Aber im Endeffekt ist es doch immer nur eine Frage der Präsentation. Wenn ich in ein Restaurant an einem wunderschönen Ort gehe, wo es ganz viele Dinge gibt, die ich nicht kenne, dann werde ich die doch probieren! Vor allem, wenn sie schön präsentiert werden, und erklärt wird, was es ist. Aber wir leben offenbar in einer Zeit des Konsumismus — wobei ich das Gefühl habe, dass wir langsam das Ende dieser Zeit erreichen. Denn es gibt immer mehr Leute, die auch neugierig auf Neues sind, und ich hoffe jedenfalls, dass wir irgendwann da ankommen, dass Hörer, Musiker und Veranstalter einfach das Bedürfnis nach mehr Spaß, Entdeckungsfreude haben. Ich glaube, dass die Konzertbesucher das wollen. Ja, und mehr Abwechslung, nicht immer nur den Mainstream. Genau. Wobei unsere Bachsuiten natürlich an sich auch ein Mainstream-Programm sind, aber wir haben sie eben in der Oboenversion und in dieser kleinen Besetzung gemacht, und das hat unserer Aufnahme doch in meinen Augen etwas sehr Spezielles gegeben. Ohne diese aufgesetzte Haltung: hallo, ich bin originell — ohne jeden Grund. Nein, diese Besetzung ist einfach unsere Identität. Es gibt diese Leute, die ein Ensemble gründen, sich die Haare gelb färben und, ich weiß nicht, welche Gimmicks bringen, um Erfolg zu haben. Aber die Sache ist: da ist die echte Kraft, die Stärke der Musik, doch gleichzeitig vereinnahmt man einen Komponisten auch ein Stück weit, wenn man seine Musik spielt; man eignet sie sich an. Natürlich wird deshalb niemand Bach so spielen, wie Bach seine Werke selbst gespielt hat, aber deshalb muss man auch gar keine Angst haben, diesen Werken etwas von sich selbst zu geben. Für mich ist dieser Teil der eigenen Persönlichkeit sogar das, was ich sehen, was ich hören will, in einer Interpretation — mit allem Respekt vor den Traktaten, den Quellen und den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis insgesamt. Also, erst muss man sich ein Stück aneignen, bevor man es an das Publikum zurückgibt. Und darin wird die Stärke einer Interpretation liegen, denn dann wird die Aussage real sein, authentisch. Fragen, Übersetzung aus dem Englischen und Übertragung: Andrea Braun TOCCATA - 121/2022 Olivier Fortin,, Foto: Robin Hull

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