Toccata 05/2022

FESTIVALBERICHTE 36 TOCCATA - 121/2022 Göttinger Händelfestspiele 2022 Unter dem Motto „Neue Horizonte“ fanden die Göttinger Händelfestspiele vom 12. bis 22. Mai 2022 erstmals wieder zur gewohnten Frühlingszeit statt. Die im Jahr 2020 geplanten Jubiläumsfestspiele zum hundertjährigen Bestehen mussten komplett entfallen und auch im vorigen Jahr kam es pandemiebedingt zu einer Verlegung in den September. Das beziehungsreiche Motto fand seinen Widerhall nicht nur inhaltlich, sondern auch im gedämpften Blau der Programmhefte, Plakate und Banner, die das gewohnte Rot ersetzten und mit fast unmerklichem Übergang vom Meer zum Horizont den Aufbruch zu neuen Ufern dezent ins Bild rückten. In diesem Jahr standen die Festspiele das erste Mal vollständig unter der Leitung des neuen Führungsduos mit dem künstlerischen Leiter George Petrou als Nachfolger von Laurence Cummings und Jochen Schäfsmeier als Geschäftsführendem Intendanten in der Nachfolge von Tobias Wolff. Zuvor hatte es mit John Eliot Gardiner, Nicholas McGegan und Laurence Cummings seit 1981 eine jahrzehntelange Ägide englischer Festspielleiter und eine dementsprechend nachhaltige Prägung der 1920 begründeten und somit weltweit ältesten Händelfestspiele gegeben. Ein Novum gab es auch bei der diesjährigen FestspielOper. Mit George Petrou lagen erstmalig Regie und musikalische Leitung in einer Hand. Zur Aufführung kam Giulio Cesare in Egitto HWV 17 (UA 20. Febr. 1724), die am häufigsten inszenierte Oper Händels. Petrou hatte diese gemeinsam mit der Nederlandse Reisopera, die Kooperationspartnerin bei der Göttinger Produktion war, im Januar und Februar 2022 bereits in mehreren niederländischen Städten aufgeführt. Paris Mexis war für das Bühnenbild und die Kostüme, Stella Kaltsou für die Lichtgestaltung verantwortlich (also ein griechischer Dreiklang!), es spielte das FestspielOrchester Göttingen (FOG). Das exquisite Solist:innenensemble setzte sich aus drei Sängerinnen und fünf Sängern zusammen; neben der belgischen Sopranistin Sophie Junker in der Partie der Cleopatra und der italienischen Altistin Francesca Ascioti als Cornelia war die schottische Mezzosopranistin Katie Coventry als Cornelias Sohn Sesto Pompeo zu sehen und zu hören. Die drei Countertenöre des Ensembles waren Yuriy Mynenko aus der Ukraine als Giulio Cesare, der in New York geborene Nicholas Tamagna als sein Gegenspieler Tolomeo und der polnische Sänger Rafał Tomkiewicz als Cleopatras Vetrauter Nireno. Als Achilla, Heerführer und Ratgeber Tolomeos, stand der italienische Bariton Riccardo Novaro auf der Bühne; der polnische Bass-Bariton Artur Janda gab den römischen Tribun Curio. Zehn Statist:innen komplettierten das Personentableau. Der zeitliche Rahmen der Opernhandlung, ursprünglich in und um Alexandria im Jahre 48/47 v. Chr. angesiedelt, wurde von Petrou in die 1920er Jahre verlegt, angeregt durch die archäologischen Funde in Ägypten im frühen 20. Jahrhundert und die Entdeckung des Grabes von König Tutanchamun im Jahr 1922 durch Howard Carter. Nach der Schlacht von Pharsalos hat der siegreiche Cesare seinen unterlegenen Widersacher Pompeo nach Ägypten verfolgt, der zu seinem Verbündeten Tolomeo, dem König von Ägypten, geflohen ist. Pompeos Gattin Cornelia und sein Sohn Sesto bitten den von den Ägyptern umjubelten Cesare mit Erfolg um Gnade für den Ehemann und Vater, nicht ahnend, dass dieser mittlerweile auf Befehl von Cornelias Bruder Tolomeo ermordet wurde, der damit seinen Seitenwechsel zu Cesare glaubwürdig zu machen sucht. Dieser Plan funktioniert nicht wie erhofft: Als Tolomeos Vertrauter und Heerführer Achilla das abgeschlagene Haupt von Pompeo auf einer Schale präsentiert, plant Cesare, Tolomeo zur Rechenschaft zu ziehen. Der übergroße Kummer treibt Cornelia dazu, Hand an sich zu legen. Dies kann jedoch verhindert werden und in Sesto reift der Plan, den Vater zu rächen. Cleopatra kommt ins Spiel, die ebenso wie ihr Bruder Tolomeo die Herrschaft über Ägypten erringen will. Während sie die Annäherung an Cäsar durch eine List anbahnt - verkleidet als schöne Ägypterin namens Lidia, eine angebliche Hofdame Cleopatras -, plant Tolomeo die Ermordung Cesares. Cleopatra hat zunächst den berechnenden Plan, Cesare zu verführen, um ihre Ziele zu erreichen, doch unversehens stellen sich gegenseitige aufrichtige Gefühle ein. Die bedauernswerte Cornelia wird nach dem grausamen Tod ihres Gatten zum Spielball von Achilla und Tolomeo, die sie übel bedrängen, und von letzterem sogar in seinen Harem verbracht. Cesare kann seiner durch Tolomeo angeordneten Ermordung nur knapp entgehen und Cleopatra verzweifelt an seinem vermeintlichen Tod. Achilla wechselt die Fronten aus Zorn darüber, dass Tolomeo ihm nicht wie versprochen Cornelia als Belohnung für seine treuen Dienste übergibt. In der Folge kommt es am Hafen, wo angeblich Cesare auf seiner Flucht ertrunken ist, zum Kampf zwischen Cleopatras und Tolomeos Truppen, in dem Cleopatra besiegt und nun von ihrem eigenen Bruder, den sie hasst, eingekerkert wird. Cesare konnte sich jedoch retten und belauscht, wie der tödlich verwundete Achilla zwei Kriegern all seine Untaten gesteht, ihnen ein Siegel überreicht, das Zugang zu Tolomeo verschafft, und dann stirbt. Cesare erkennt in den beiden Kriegern Sesto und Nireno, befreit Cleopatra aus ihrem Kerker und Tolomeo wird von Sesto niedergestreckt, als er Cornelia Gewalt antun will. So bezahlen beide Bösewichte ihr ruchloses Handeln mit dem Leben. Dass zwei Hauptprotagonisten das Geschehen nicht überleben, ist innerhalb von Händels Opernschaffen ungewöhnlich. Außerdem ist die prächtige Oper so reich instrumentiert wie keine andere seiner Opern, besonders vielfältig ist der Einsatz obligater Instrumente in den Arien. Ungewöhnlich ist ebenso, dass nach der Ouvertüre keine Arie, sondern ein Chor der Cesare zujubelnden Ägypter unter Beteiligung von vier Hörnern die Opernhandlung musikalisch eröffnet. Cesare und Tolomeo, die einander spinnefeind sind, singen sich im ersten Akt in einer sehr wirkungsvollen Szene unter dem Mantel der Höflichkeit Drohungen zu (I, 9), an deren Ende Cesares Arie Va tacito e nascosto mit obligaten Hörnern und schreitendem Rhythmus steht, in der dieses Geplänkel (und die dahinterstehenden Absichten) mit dem schweigend und verborgen dahinschreitenden Jäger auf Beutezug verglichen wird. Mynenko konnte mit seiner perfekt geführten, schön timbrierten, substanzreichen Stimme und seinem schauspielerischen Talent die Facetten von Cesares Persönlichkeit eindringlich ausloten, der sich groß und stark als Herrscher und Feldherr präsentiert oder als Hüter von Werten und Gerechtigkeit in der rasanten Arie Empio, dirò, tu sei (I, 3) mit dem über zwei Oktaven abstürzenden Motiv der Violinen zu Beginn, das mehr als deutlich unterstreicht, um was es hier geht. Er ist aber auch empfindsamer Liebender. Und als er nach der Flucht vor seinen Mördern dem Hafenbecken entsteigt, wirkt er zunächst fast wie verloren. Diese Szene ist zweifellos einer der Höhepunkte in dieser Oper. Nach einem Accompagnato folgt die ergreifende Arie Aure, deh, per pietà (III, 4), vor deren Da capo ein Rezitativ eingeschoben ist, das den Moment markiert, in dem Cesare merkt, dass er in eine gruselige Szenerie hineingeraten ist. Nach dem Gemetzel zwischen Cleopatras und Tolomeos Truppen, das während seiner Abwesenheit stattgefunden hat, liegen überall Leichen und Waffen (die Leichen stellen sich derweil als Untote heraus und erheben sich nach und nach …). In eine völlig andere Welt führen die beiden ersten Szenen des zweiten Aktes. Die erste Szene hat Petrou in einen Nachtclub verlegt, dessen etwas verruchte Atmosphäre bestens zum Geschehen passt, denn Cleopatra vergewissert sich bei Nireno, ob alles dafür vorbereitet sei, Cesare in ihre Gemächer zu locken, wo sie ihn verführen will. Schlusspunkt dieser kurzen Verständigung zwischen den beiden ist eine köstliche, schwungvolle und mitreißende, mit Klavier begleitete jazzy-Fassung der einzigen Arie Nirenos in dieser Oper, Chi perde un momento (II, 1). Er begeisterte mit seiner wohltimbrierten Stimme und seinem komödiantischen Talent und durfte sich zum Schluss auch noch geschmeidig seiner römischen Gewandung entledigen, unter der selbstverständlich viel Reizvolleres zum Vorschein kam (bei der Premiere fiel Tomkiewicz wegen eines positiven Coronatests aus; die Arie wurde von Tamagna gesungen und von einem Mitglied des Regieteams auf der Bühne gespielt; dieser Bericht bezieht sich auf die vierte von insgesamt sechs Aufführungen). Die folgende Szene übte eine fast magische Wirkung aus und unterstrich, dass Händel hier außergewöhnliches vorgesehen hat, nämlich eine Instrumentalgruppe auf der Bühne. Hinter einer filigranen rötlichen Gitterwand, die ein wenig an ein maurisches Gitterwerk erinnerte, wirkten die Musiker:innen der Bühnenmusik (zwei Violinen, Viola, Violoncello, Kontrabass, Oboe und Harfe) wie Schattenrisse. Die Szenerie im Vordergrund erinnerte an eine orientalische Teestube: An flachen Tischen werden Wasserpfeifen geraucht, es ist ein wenig schummerig und Cleopatras wunderbare Arie V’adoro, pupille (II, 2) erklingt. Ein wahres Kabinettstück ist Cesares abschließende Arie Se in fiorito ameno prato (II,2). In dieser kommt der Violinist der Bühnenmusik (Milos Valent) zu Cesare nach vorne und gibt „l’augellin“, das Vöglein, auch ein paar Töne der kleinen Nachtmusik meint man wahrzunehmen, manche melodischen Linien werden orientalisch eingefärbt. Das Da capo der Arie mündet im fortwährenden Interagieren von Gesangsstimme und Violine in einen Wettbewerb um die tiefsten Töne, der von Cesare gewonnen wird - und natürlich fliegt zum Schluss das wohlverdiente Münzsäckchen. Francesca Ascioti schuf mit ihrer edel timbrierten Altstimme Momente großer Eindringlichkeit, etwa in der Arie Priva son d’ogni conforto (I, 4) im Angesicht des abgeschlagenen Kopfes ihres Gatten oder in Cessa omai di sospirare (II, 6, mit obligater Blockflöte), ebenso im schmerzerfüllten Duett mit Sesto, Son nata a lagrimar (I, 11). Nicholas Tamagna war eine Idealbesetzung für den hinterhältigen und machthungrigen Tolomeo, der geradezu eine Verkörperung des Bösen ist. Er setzte seine sehr schön timbrierte, in allen Lagen wohlklingende Stimme mit bezwingend intensiver Gestaltung seiner Partie ein und glänzte sogleich in seiner ersten Arie L’empio, sleale, indegno (I, 4), ebenso in Dormerò la tua fierezza (III, 2), seinem zornerfüllten Ausbruch gegen Cleopatra, deren Truppen er besiegt und die er gefangengenommen hat. Sestos Arie Cara speme (I, 8) ist ein schönes Beispiel für Innigkeit und Eindringlichkeit, die hier durch die sparsame Instrumentierung unterstrichen werden. In eine ganz andere Welt führt L’angue offeso mai riposa (II, 6) mit dem leidenschaftlich bewegten Orchestersatz, der den Rachegedanken Sestos Ausdruck verleiht. Riccardo Novaro war in der Rolle des intriganten Achilla ein eindrucksvoller Unhold, er hat eine sehr volltönende, zugleich klare Stimme, mit der er unter anderem in der Arie Dal fulgor di questa spada (III, 1) stark beeindrucken konnte. Komplettiert wurde das Solistenensemble durch Artur Janda, der als Curio mit klangvollem Bassbariton gefiel. In dieser Oper passiert viel, jedoch ist die Handlung nicht besonders verwickelt. So konnte auch die überbordende Ideenfülle, zu der maßgeblich die vielfältige

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