Toccata 05/2022

Einbindung von Elementen des (Abenteuer-)Films beitrug, nicht auf Abwege führen und unbotmäßige Verwirrung stiften. Es wurde sehr oft und sehr flott umgebaut, teilweise wurden dabei riesige Ausstattungsstücke bewegt, ägyptisches Kolorit wurde durch (Grab-)Kammern, Verliese, Anubis-Standbilder und Sarkophage vermittelt. Mitunter wurde vor einem geschlossenen schwarzen Vorhang gespielt. Es wurden großformatige Videos eingeblendet (z. B. Cleopatra, die als junge Frau kommt und als alte Frau geht; Tolomeo mit diabolischem Ausdruck, sich bedrohlich vervielfachend) und zu Beginn ein Zitat von Carl Jung in Gestalt eines Stummfilmzwischentitels. Und wenn Akteure, deren Körper von einer sich mehr oder weniger auflösenden Bandagierung eingehüllt waren, wie lebende Tote daherkommen - für mich das Highlight der Kostümierungen - dann grüßte der legendäre Streifen „The Mummy“ und die Welt der Toten und der Lebenden begegneten sich. Dass Händels Musik sich von derlei Buntheit nicht unterkriegen lässt, hängt unmittelbar mit der hohen musikalischen Qualität der Aufführung zusammen, denn nicht nur das Solist:innenensemble, sondern auch das FOG bewegte sich auf höchstem musikalischen Niveau. Das Orchester agiert präzise und sehr spielfreudig und Petrou führte es zu einer sehr farbigen, zugleich durchsichtigen und klangsinnlichen Interpretation. Am Ende entschwinden Cleopatra und Cesare mit einem Doppeldecker, doch die Freude über das glückliche Ende endet jäh - ein Crash ist zu hören, der wohl den Flug ins Glück in einem Alptraum enden lässt. Dessen nicht genug - das Erscheinen des wiederauferstandenen Tolomeo mag ein Zeichen dafür sein, dass das Böse siegt und die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht so besonders festgefügt sind. Da die Stadthalle Göttingen noch immer im Umbau begriffen ist, fanden sowohl die Aufführung von Händels Oratorium Belshazzar (Version 1745, Text von Charles Jennens, HWV 61) als auch das Galakonzert mit der russischen Sopranistin Julia Lezhneva in der zentral gelegenen St. Johanniskirche statt. Die Aufführung von Belshazzar war ein mitreißendes und eindrückliches Erlebnis. Es war, als würden alle Beteiligten förmlich eingesogen von Händels Vertonung um die dramatischen Ereignisse am babylonischen Hof, die ihren Höhepunkt finden, als eine unheimliche Hand während des Sesach-Festes zu Ehren des Gottes des Weins die Worte „Mene mene tekel upharsin“ an die Wand schreibt. Zuvor hatte Belshazzar Wein in den aus dem Jerusalemer Tempel geraubten heiligen Gefäßen reichen lassen und beim Gelage gotteslästerliche Reden gegen den Gott der Juden geführt. Die Handlung, die in diesem Oratorium entfaltet wird, ist von großer innerer Spannung. Das Solist:innenensemble besteht aus Vertreter:innen der drei Konfliktparteien. Die Babylonier werden durch Juan Sancho (Tenor) als Belshazzar und Jeanine De Bique (Sopran) als seine Mutter Nitocris, Königin der Babylonier, vertreten. Raffaele Pe (Countertenor) als Traumdeuter Daniel gehört zu den von den Babyloniern unterdrückten Israeliten, von denen ein Teil ins babylonische Exil deportiert wurde. Cyrus, König der Perser, ist Vertreter der dritten Gruppe und wurde von der Mezzosopranistin Ellen Nesi gesungen. Zur Seite steht Cyrus der Babylonier Gobrias, gesungen von Stephan MacLeod (Bass-Bariton), der zu den Persern übergelaufen ist, nachdem Belshazzar seinen Sohn getötet hatte. Die zahlreichen Chöre, beim NDR Vokalensemble in den besten Händen, haben eine tragende Funktion für das Geschehen. Der Chor verkörpert im Wechsel die drei genannten Völker, in der letzten Szene erklingt noch ein allgemeiner Jubelchor für Cyrus und der Amen-Chor, der das Oratorium beschließt. Den Instrumentalpart hatte Concerto Köln inne, die musikalische Leitung lag in den Händen von Václav Luks. Die Handlung des Oratoriums bezieht von Anfang an eine geradezu knisternde Spannung daraus, dass Belshazzar in sein Unglück rennt, ja rennen muss, denn die Fronten sind klar abgesteckt: Wer Hand an das Heilige Jerusalem legt, die Israeliten knechten und demütigen will und Gott lästert, auf den wartet ein böses Schicksal. Die eigene Mutter billigt sein Handeln nicht und hat in einem jüdischen Traumdeuter einen Vertrauten aus dem feindlichen Lager. Der unfassbare Schmerz um den ermordeten Sohn macht Gobrias zu einem wildentschlossenen Feind und verlässlichen Helfer von Cyrus. Kein Mittel wird gescheut, um den Gegner zu bezwingen, sogar der Fluss Euphrat wird umgeleitet, um in dessen vertrocknetem Bett nach Babylon zu gelangen und die Stadt während des Sesach-Festes einzunehmen, wenn alle berauscht und wehrlos sind (Gobrias: „… and `tis religion to be drunk/On this occasion.“ I, 2). Die aus Trinidad stammende Sopranistin Jeanine De Bique hinterließ einen tiefen Eindruck; sie hat eine warme, charakteristische und perfekt geführte Stimme, eine starke Bühnenpräsenz und zeichnete ergreifend das Bild einer zutiefst besorgten, von bösen Vorahnungen erfüllten Mutter wie in der Arie The leafy honours of the field (I, 4). Der spanische Tenor Juan Sancho gab mit heller, zupackender Stimme den an seiner Anmaßung und seinem Größenwahn zu Grunde gehenden Belshazzar und führte sich gleich in seiner ersten Arie Let festal joy triumphant reign (I, 4) bravourös ein, während der in der Schweiz geborene Stephan MacLeod mit seinem klangvollen Bass-Bariton in seiner ersten Arie Oppress’d with never-ceasing grief (I, 2) zugleich seinem übergroßen Schmerz nach dem Tod seines Sohnes und seinem Rachedurst tiefen Ausdruck verleiht. Der aus Italien stammende Raffaele Pe gab mit seinem delikaten Countertenor den gottgetreuen Daniel, der die Weissagungen der Schrift verkündet wie in der eindringlichen Arie Thus saith the Lord to Cyrus, his anointed (I, 3) und die unheilverkündende Botschaft der auf die Wand des Festsaals geschriebenen Worte übersetzen kann. Die griechische Mezzosopranistin Mary-Ellen Nesi hat eine silberklare, strahlende Stimme, die sie zu Anfang noch nicht zur vollen Entfaltung brachte, doch blühte sie zusehends auf und konnte z. B. mit Amaz’d to find the foe so near (II, 1) eine glänzende Vorstellung ihres Könnens präsentieren. Der ehemalige NDR Chor ist seit der Saison 2021/22 das NDR Vokalensemble mit 23 fest angestellten Sänger:innen und singt seit 2018/19 unter der Leitung des Niederländers Klaas Stok. Es ist ein Hochgenuss, diesem Chor zu lauschen, der so schwerelos leicht singt, wunderbare leise Töne und ganz locker mächtiges Forte hervorbringt wie in Sing, O ye Heav’ns (I, 3). Amüsant ist der Chor der Babylonier, die beim Sesach-Fest in beseelter Trunkenheit mit Ye tutelar‘ gods of our empire (II, 2) ihre Götter preisen. Die Szene ist mit Belshazzars direkt folgender Arie Let the deep bowl thy praise confess ein wahres Kabinettstück und stachelt Juan Sancho zu einem launighemdsärmeligen Gesang an, bei dem er sichtlich viel Spaß hat. Doch als Belshazzar im nachfolgenden Rezitativ zu einer weiteren Schmähung Jahwes ansetzt, erscheint plötzlich die schreibende Hand und sorgt für lähmendes Entsetzen. Václav Luks gefiel mir ausgesprochen gut, er spricht in seinem Dirigat eine sehr klare und animierende Sprache, hat eine inspirierende und überaus freundliche Ausstrahlung. Mit Concerto Köln war der Orchesterpart großartig besetzt, mit nie nachlassender Spannung, Präzision und Spielfreude spielten sie ihren Part in einer Aufführung, die zutiefst berührte und zugleich begeisterte. 37 FESTIVALBERICHTE TOCCATA - 121/2022 Sophie Junker als Cleopatra

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