Toccata 05/2022

Im Rahmen der Festspiele wurden Händels Concerti grossi op. 3 (HWV 312-317) komplett aufgeführt. Vier von ihnen waren im Eröffnungskonzert Aminta e Fillide zu hören, zwei gehörten zum Programm des Galakonzertes mit der russischen Sopranistin Julia Lezhneva. Das Eröffnungskonzert in der Aula der Universität stand unter der musikalischen Leitung von George Petrou. Die reizvollen Concerti, die abwechslungsreiche Solopartien verschiedener Instrumente enthalten, und die frühe italienische Kantate Aminta e Fillide: Arresta il passo (HWV 83, entstanden möglicherweise 1706), die für Händel eine selbstgeschaffene Fundgrube musikalischer Ideen für zahlreiche seiner späteren Werke darstellte, waren für einen festlichen und zugleich unterhaltsamen Konzertabend bestens ausgewählt. Zudem gab es an diesem Abend die besondere Gelegenheit, mit der griechischen Sängerin Myrsini Margariti eine weibliche und dem Brasilianer Bruno de Sá eine männliche Sopranstimme zu hören. Die Kantate ist ein äußerst abwechslungsreiches Schäferstück um den Hirten Aminta, der die schöne Nymphe Fillide liebt, die ihm aber trotz aller sehr beharrlichen Anstrengungen lange die kalte Schulter zeigt, bis sie doch von Amors Pfeil getroffen wird. De Sá konnte gleich in seiner ersten Arie Fermati, non fuggir! ein Glanzlicht setzen und beeindruckte tief in der ruhigen, melancholischen Arie Se vago rio. Zu den Arien mit Ohrwurmcharakter gehört zweifelsohne Fillides Fu scherzo, fu gioco, hier bezauberte Margariti mit lupenreinen Sprüngen und Spitzentönen, bezaubernd auch Fiamma bella ch’al ciel s’invia mit dem charakteristischen hüpfenden Motiv in der Orchesterbegleitung, das in seiner behaglichen Delikatesse wie ein kleines Walzermotiv daherkommt. Auch wenn Margariti manchmal etwas übertreibt - sie und de Sá verliehen dem Konzert auch als gutgelaunte und lebendige Darsteller:innen einen besonderen Charme. Die erste Hälfte des Programms gehörte Händels Concerti. Nr. 1 B-Dur (HWV 312) eröffnete den Abend mit selbstbewussten Unisono-Klängen standesgemäß, gefolgt von Nr. 4 F-Dur (HWV 315), Nr. 2 BDur (HWV 313) und Nr. 5 d-Moll (HWV 316). Das Concerto Nr. 2 enthält als zweiten Satz ein eindrucksvolles Largo mit Solo-Oboe und duettierenden Solo-Celli, es mag stellvertretend dafür stehen, wie ideenund abwechslungsreich Händel mit den Möglichkeiten des Orchesters umging. Und wenn diese Musik dann auch noch mit so viel Esprit und Perfektion zu Gehör gebracht wird, bleiben keine Wünsche mehr offen. Julia Lezhneva und das FOG unter der Leitung von George Petrou schenkten den Besucher:innen des Galakonzerts in der St. Johanniskirche einen wunderbaren Abend. Nachdem Händels Concerto Nr. 3 op. 3 (HWV 314) das Programm mit sprühender Lebendigkeit und solistischer Beteiligung von Traversflöte und Violine eröffnet hatte, kam sogleich der erste Paukenschlag mit Händels Gloria in excelsis Deo (HWV deest). Julia Lezhneva hat eine wunderbar klare, dabei ganz warme Stimme, mit ihrem stupenden Können meistert sie die schwindelerregendsten Schwierigkeiten scheinbar mühelos. Ihre Ausstrahlung ist sehr liebenswürdig und bescheiden, jeden frenetischen Applaus nahm sie entgegen wie ein ganz besonderes Geschenk. Nach Joh. A. Hasses schön gespieltem Concerto op. 4 Nr. 1 F-Dur für Violinen, zwei Hörner und zwei Oboen, das hier ein bisschen galant, dort ein bisschen ländlich wirkt, folgte mit Credete al mio dolore aus Alcina (HWV 34) eine Arie von tiefem Ausdruck voller Schmerz und Trauer mit der ergreifend melancholischen Melodie des obligaten Violoncellos. Lezhneva singt bis in die höchsten Lagen geradezu überirdisch zarte Töne. Ihr ist jegliche Manieriertheit fremd, ihre Stimme strömt natürlich und leicht. Im weiteren Verlauf des Abends erklangen noch vier weitere Arien, Come nave in mezzo all’onde aus Siface von N. Porpora, Senza di te, mio bene aus Coriolanus von C. H. Graun (GraunWV B:I:24) und Zeffiretti, che sussurrate von Vivaldi (RV 749.31), gefolgt von Händels Un pensiero nemico di pace aus Il Trionfo del Tempo e del Disinganno (HWV 46a) mit beeindruckenden parallelen Koloraturen zwischen Violine und Sopran. Das Concerto Nr. 6 (HWV 317) komplettierte den Reigen von Händels op. 3, die Cembalistin des FOG, Hanneke van Proosdij, spielte hier den obligaten Cembalopart und war zudem noch glänzende Solistin in einem Concerto g-Moll für Cembalo und Streicher, das vielleicht von Wilhelmine von Bayreuth stammt. Sage und schreibe drei Arien waren der Lohn für nicht enden wollenden begeisterten Applaus, der nicht nur einer wunderbaren Sängerin, sondern ebenso auch einem hochklassigen FestspielOrchester und seinem Dirigenten galt. Georg Friedrich & Georg Ludwig - Händel am Hof in Hannover war das Konzert überschrieben, mit dem das in Hannover ansässige Barockensemble la festa musicale in der Kirche St. Blasius in Hann. Münden zu Gast war. Das Ensemble hat sich 2014 gegründet und wird von seiner Konzertmeisterin Anne Marie Harer geleitet. Um einen Eindruck von der Musik zu vermitteln, die Händel in Hannover erlebt haben könnte, präsentierte das Ensemble in einem spannenden Programm selten oder lange nicht gespielte Werke aus den Archiven der Hofkapelle. So gab es drei Sonaten von Francesco Venturini, eine Suite in g-Moll von Jean-Baptiste Farinel und ein Concerto von Giuseppe Torelli (op. 6 Nr. 8 F-Dur) zu entdecken, die durch die Sinfonia g-Moll aus Agrippina (HWV 6), Händels zweiter italienischen Oper nach Rodrigo (HWV 5), sowie das in Hannover entstandene Concerto grosso op. 3 Nr. 1 und die Ouvertüre zu seiner ersten in England komponierten Oper, Rinaldo (HWV 7a), ergänzt wurden, um so eine Brücke zwischen seinen Lebensstationen zu schlagen. Die Kompositionen von Venturini, Farinel und Torelli vermittelten einen farbigen Eindruck von den vielfältigen musikalischen Eindrücken, die wohl in Hannover auf den jungen Händel eingewirkt haben, und es wäre schade, wenn derartige Schätze nicht aus den Tiefen der Archive hervorgezogen würden. la festa musicale spielte mit energischem Zugriff, frisch und temperamentvoll, im Stehen und ohne Dirigat von vorne, mit genüsslich ausholendem Schwung wurden Akzente gesetzt und rhythmische Passagen lebhaft ausgekostet, perkussive Akzentuierungen sorgten für folkloristisches Kolorit, und natürlich gab es auch die feinen, leisen Töne. Mit einer Zugabe von Agostino Steffani verabschiedete sich das bemerkenswerte Ensemble, von dem hoffentlich noch viele musikalische Schätze gehoben werden. Der brauchbare Virtuose lautet der Titel einer Sammlung von zwölf Sonaten für Violine oder Traversflöte und Basso continuo von Johann Mattheson, und mit diesen Worten war auch das Stiftungskonzert mit dem spanischen Ensemble L’Apotheose überschrieben, das den Blick auf das Sonatenschaffen verschiedener Komponisten richtete, von Mattheson und Reinhard Keiser hin zu Telemann, A. Corelli und Händel. Außerdem war Händels Lehrer Friedrich Wilhelm Zachow in diesem Programm mit dem flott dahineilenden Capriccio d-Moll für Cembalo vertreten. Zu dem schon vielfach preisgekrönten Ensemble, das 2015 gegründet wurde und bereits 2017 1. Preisträger des Nachwuchswettbewerbs göttingen händel competition war, gehören Laura Quesada (Traversflöte), Victor Martinez Soto (Violine), Carla Sanfélix (Violoncello) und Asis Márquez (Cembalo). Das Ensemble ist grandios gut, es fesselt durch Tiefe des Ausdrucks, meisterliches Spiel und perfekte Abstimmung im Zusammenspiel, sei es in der gehaltvollen Sonata prima A-Dur von Telemann (TWV 43:A1), in den eher konventionellen, aber beste Unterhaltung bietenden Sonaten von Keiser (Triosonate D-Dur mit sehr reizvollem Largo) und Mattheson (Sonate Nr. 10 für Flöte und B. c. A-Dur) oder der bemerkenswerten, kurzweiligen Violinsonate op. 5 Nr. 5 in g-Moll von Corelli. Auch jede der drei Händel-Triosonaten geriet zu einem Edelstein. Als Zugabe nach einem mitreißenden Konzert gab es die Ciacona in G-Dur von Corelli. Leider war die Aula der Universität an diesem frühen Sonntagmittag nicht besonders gut besucht. Die Violinistin Mayumi Hirasaki, Konzertmeisterin von Concerto Köln, widmete sich in einem außergewöhnlichen Konzert zusammen mit dem Cembalisten Lorenzo Ghielmi und dem Lautenisten Michael Freimuth der L’Arte della Scordatura. „Scordatura“ bezeichnet (im Gegensatz zur „Accordatura“, der üblichen Stimmung des betreffenden Instruments) die Praxis des Umstimmens (nicht: Verstimmens) der Violine (oder z. B. auch der Gitarre oder Laute), z. B. aus grifftechnischen (Griffe vereinfachen oder erst möglich machen) oder klanglichen Gründen (eine geringere Saitenspannung nimmt Brillanz, macht den Klang weicher und gedeckter, während eine höhere Saitenspannung einen schärferen, durchdringenderen Klang erzeugt). Hirasaki spielte zwei Sonaten von A. Corelli (Nr. 1 DDur) und Händel (A-Dur, HWV 361) in der üblichen Quintstimmung und stellte diesen zwei Sonaten von Carlo Ambrogio Lonati (Nr. 7 g-Moll) und Pietro Castrucci (Nr. 12 a-Moll) sowie die Pastorale op. 1 A-Dur von Giuseppe Tartini in Scordatura gegenüber, daher hatte sie nicht nur ein Instrument mitgebracht. Komplettiert wurde das Programm durch Händels für Theorbe solo bearbeitete Sonate a-Moll (HWV 374) und ein kleines „Geschenk an Göttingen“ von Ghielmi, eine kurze Allemande „del Sig. Hendel“ für Cembalo solo, die unlängst im Archiv einer italienischen Adelsfamilie aufgefunden wurde. So kam es an diesem Abend sogar zu einer kleinen Uraufführung. Hirasaki widmete sich an diesem Abend also einer schwierigen Aufgabe, müssen doch bei einer umgestimmten Violine ganz andere Griffe angewendet werden, aber davon merkte man ihr nichts an. Sie spielte auch die virtuosesten Passagen mit einer betörenden Lockerheit und einem unwiderstehlich schönen Ton, es war zum Dahinschmelzen. In Freimuth und Ghielmi hatte sie zwei kongeniale Partner; Freimuth griff in der Lonati-Sonate auch mal zur Barockgitarre, um in einem folkloristisch angehauchten Satz rhythmische Akkorde zu akzentuieren. Sehr ausgeprägt war das folkloristische Element in der beeindruckenden Pastorale von Tartini, in der die Violine viele virtuose und auch harmonisch abenteuerliche Melodielinien zu spielen hat. In diesem Stück war die Violine in einer Oktav-Quintstimmung zu hören (Gd‘-g‘-d‘‘). Es war sehr schade, dass dieses wunderbare Konzert nicht besonders gut besucht war. In einem instruktiven und kurzweiligen Gesprächskonzert brachte Christian Rieger in der St. Aegidienkirche in Osterode am Harz dem leider nur spärlich erschienenen Publikum nahe, was es mit Stücken für Generalbass solo, den sogenannten Partimenti, auf sich hat. Während der Generalbass eine begleitende Funktion hat, also einen oder mehrere weitere Musizierende voraussetzt, und vom Cembalo allein oder unter Beteiligung weiterer Instrumente wie z. B. Cello oder Theorbe ausgeführt wird, erfinden die Partimentospieler:innen aus der bezifferten Basslinie heraus ein eigenständiges Musikstück. Es liegt auf der Hand, dass diese Praxis ein wertvoller Bestandteil musikalischer Ausbildung gewesen ist. Sie nahm in Italien im ausgehenden 17. Jahrhundert ihren Aus38 TOCCATA - 121/2022 FESTIVALBERICHTE

RkJQdWJsaXNoZXIy OTM2NTI=