Toccata 05/2022

TOCCATA - 121/2022 39 FESTIVALBERICHTE gang und ist eng mit dem Konservatorium Neapel verknüpft. Partimento-Sammlungen stammen z. B. von Francesco Durante und Giovanni Paisiello und ebenso von Bernardo Pasquini, der auch ein sehr begehrter Lehrer war (28 Sonaten für Basso continuo). Fedele Fenaroli (1730 – 1818) war der letzte einer großen Reihe von Komponisten in Italien, die Partimenti komponiert haben, und mit ihm wurde das Gesprächskonzert auch eröffnet. Wie Rieger ausführte, sind Donizetti, Verdi, Cimarosa, Bellini und Rossini allesamt mit der Partimentopraxis großgeworden. Die Praxis breitete sich von Italien weiter aus, so unterrichtete Fr. W. Zachow seine Schüler Händel und Gottfried Kirchhoff im Partimentospiel (die Stücke in Kirchhoffs op. 1, dem L’A.B.C. Musical, sind Partimenti in vielen verschiedenen Tonarten). In der Mylauer Orgeltabulatur aus dem Vogtland sind zwei Partimenti von Pachelbel enthalten. Auf französische Partimenti ist Rieger noch nicht gestoßen, es scheint dort keine gegeben zu haben. Rieger ließ die Zuhörer:innen mit Partimenti von Fenarolo, Durante, A. Scarlatti, Pasquini, Pachelbel, Händel, Kirchhoff und J. S. Bach auf sehr kurzweilige Weise daran teilhaben, wie man mit einem Partimento umgeht, dabei wurde hier und da mit einem Augenzwinkern natürlich auch demonstriert, wie man es schlechter und besser machen kann, und was für Ergebnisse daraus letztendlich entstehen können. Das war alles sehr spannend, unterhaltsam und lehrreich und es verwundert nicht, dass die Partimento-Praxis in jüngerer Zeit eine Renaissance erlebt und wieder Bestandteil der Lehre an Musikhochschulen geworden ist. Um 5.00 Uhr in der Frühe startete das Sunrise-Konzert mit Anna Torge (Mandoline) und Michael Freimuth (Theorbe und Barockgitarre), die auch einige Erläuterungen zu ihrem Programm mit drei Sonaten von Domenico Scarlatti (K 91, K 88 und K 89), einer Sonate von Abbate Ranieri Capponi (Sonata da camera Nr. 8) und zwei Händelsonaten (HWV 364 und 358) gaben. Anna Torge spielte auf einem Nachbau einer Mandoline von 1700 und Freimuth wies darauf hin, dass die Theorbe aus der Laute entwickelt wurde, als man klangvollere Instrumente brauchte; sie war bis weit ins 18. Jahrhundert hinein im Orchester verbreitet. Den größeren Teil seines Lebens verbrachte Scarlatti außerhalb Italiens, zunächst wirkte er in Portugal, dann 28 Jahre lang bis zu seinem Tode in Spanien. Die Einflüsse der dortigen Musik sind in seinen Werken deutlich spürbar. Daher kam auch Freimuths Barockgitarre zum Einsatz, denn diese sei ein „Instrument der Volksmusik“. Das Konzert hatte ein wenig Wohnzimmeratmosphäre, die Distanz zu den Ausführenden war gering, die Atmosphäre im Vergleich zu manch anderen Konzerten locker. Da wurde zum ermunternden Kaffee auch schon mal das Handy gezückt, und weil Torge und Freimuth vor der riesigen Fensterfront des Raums platziert waren, schweiften die Blicke der Zuhörenden unweigerlich in den zunächst noch dunstigen Morgen und zu allem, was diesen Hörgenuss noch so begleitete, wenn allerlei Getier sich allerliebst bemerkbar machte. Es war ein Genuss, den beiden Musizierenden zu lauschen, die zu dieser frühen Stunde (wie lang muss dafür der Vorlauf sein?) so konzentriert und präzise spielten, und es war sehr spannend, die teils sehr virtuosen Solostimmen der Vorlagen auf einem gezupften Instrument zu hören, so etwa den dritten Satz aus Händels G-Dur-Sonate mit der hin- und herspringenden (ursprünglichen Violin-)Solostimme. Ebenso reizvoll und sehr stimmungsvoll war es, den ruhigen, verhaltenen Sätzen zu lauschen und die schönen Klangfarben der Instrumente zu genießen. Die dritte der drei Scarlatti-Sonaten beschloss das Programm, deren schneller, rhythmisch pointierter und folkloristisch eingefärbter letzter Satz einen mitreißenden Schlusspunkt setzte, bevor nach zwei Zugaben das Konzert endgültig beendet war. Der Nachwuchswettbewerb göttingen händel competition hatte in diesem Jahr erstmals zwei Hauptpreise ausgelobt, den 1. Preis der Göttinger Händelgesellschaft e. V., dotiert mit 5000 €und einem Auftritt beim Preisträgerkonzert sowie den Sonderpreis „Musik und Raum“ (für die Entwicklung des besten Raumkonzeptes für ein Konzert in der Kirche zu Landolfshausen mit ihrem annähernd quadratischen Grundriss) mit 2000€Preisgeld und je einem Auftritt beim Preisträgerkonzert „Musik und Raum“ in der genannten Kirche sowie bei FELIX! - Original. Klang. Köln. Sieben Ensembles waren in der Vorrunde angetreten, drei davon qualifizierten sich für das Finale, aus dem zum ersten Mal zwei 1. Preisträger hervorgingen: Das moldawisch-spanische Duo Auxesis, das zudem noch den Publikumspreis eroberte, und das Ensemble Apollo’s Cabinet, das 2018 in London gegründet wurde, teilen sich jeden der beiden Hauptpreise. Das israelisch-taiwanesische Duo Sull’onde erhielt den Bärenreiter Urtext-Preis mit einem Notengutschein über 1000 €. Natürlich taten sich auch in diesem Jahr wieder neue musikalische Horizonte durch musikalische Grenzüberschreitungen auf. Das Programm Händel & Hendrix in der PS.Halle Einbeck mit dem B‘Rock Orchestra aus Gent unter der Leitung von Dorothee Oberlinger (Dmitry Sinkovsky, Countertenor, Violine; Maximilian Ehrhardt, Harfe; Lee Santana, Theorbe, E-Gitarre; Sebastian Wienand, Truhenorgel) wurde angeregt durch den Umstand, dass Jimi Hendrix im Jahr 1968 in London ein Apartment direkt neben dem Haus bezogen hat, in dem Händel bis zu seinem Tod 36 Jahre lang lebte. Nach der eröffnenden Ouvertüre aus Messiah folgten im Wechsel Werke von Händel (Arien sowie Konzerte für Blockflöte, Orgel, Harfe) und Songs von Hendrix (Little Wing, If 6 was 9, Night Bird Flying) in Arrangements von Lee Santana. Eine weitere Grenzüberschreitung gab es bei Händel jazzt! Peel me a grape – Starke Frauen von Cleopatra bis Diana Krall mit Anette von Eichel (Gesang), Sebastian Sternal (Klavier), Henning Sieverts (Bass), Jonas Burgwinkel (Schlagzeug) und dem österreichischen Saxophonisten Marko Lackner als Special Guest. Neben der Verschmelzung der Musiksprache des Jazz mit der Musik von Händel sollten insbesondere Frauenpersönlichkeiten bei Händel in den Blick genommen und in der Tradition des Jazzrepertoires beleuchtet werden. Neue Horizonte sollten auch die kleineren Formate an verschiedenen Orten erschließen, die, kulinarisch angereichert, an mehreren Tagen jeweils zur selben Zeit zu erleben waren: Good morning, George!, Lunchkonzerte und Café George (die beiden letzteren Reihen moderiert von Jochen Schäfsmeier) sollten Händels Musik in der Stadt präsent machen. Zahlreiche weitere Konzerte ergänzten das Programm, darunter Mr. Händel im Pub - Auf dem schmalen Grad zwischen Barock und Folk mit I Zefirelli im Muthaus der Burg Hardeg in Hardegsen, das Nachtkonzert Händel goes Tinder - A new multimedia opera mit der Sopranistin Channa Malkin und Ensemble unter der Regie von Michael Diederich sowie Lesung, Wein und Musik mit Erik Bosgraaf (Blockflöte), Händel im Affekt mit THE PRESENT („8 Stimmen und ein Donnerblech“), dazu ein Konzert mit dem Artel Quartet und dem Göttinger Symphonieorchester unter der Leitung von Daniel Spaw sowie ein interaktives Konzert mit Cembaless. Für die jüngsten Händelfans gab es die Veranstaltungen Händel 4 Kids!, ferner die Familienfassung der Oper mit Juri Tetzlaff als Moderator (Giulio Cesare in 75 Minuten mit George Petrou, dem FOG und Opernsolist:innen) und die Oper auf Leinwand (Giulio Cesare für alle in der Lokhalle). Das wissenschaftliche Beiprogramm bot wie gewohnt einen Festvortrag (Prof. Dr. Christine Lubkoll, Erlangen) und ein wissenschaftliches Symposium (Händel in der Literatur der Moderne). Man darf gespannt sein, wie es unter dem neuen Leitungsteam mit den Festspielen weitergehen wird. Der Einstand war schon einmal ein großer Erfolg. Es gab Musikgenuss auf allerhöchstem Niveau und erfreulicherweise ein vielfältiges Angebot an attraktiven und spannenden Konzerten, die niedrigschwelligen Musikgenuss an „alltäglichen“ Orten ermöglichten. Ein Wermutstropfen bleibt, dass aufgrund entsprechender Preise die Festspiele keine Teilhabe für alle bieten, dabei wäre es gerade jetzt ein wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste Ziel, ein breiteres und vor allem jüngeres Publikum ins Boot zu holen. Das ist sicher auch ein Anliegen der vielen treuen und begeisterten älteren Händelfans, die dem Festival eine gute Zukunft wünschen. Die nächsten Händelfestspiele sind für den 18. bis 29. Mai 2021 geplant. Weitere Informationen gibt es unter www.haendel-festspiele.de. Dorothea Mielke-Gerdes Katie Coventry als Sesto

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