Toccata 05/2022

TOCCATA - 121/2022 nen Landgrafen Hermann sagte er mittelhochdeutsch rückwärts auf, um so zu verdeutlichen, dass man auf diese Weise zum Anfang zurückkehren könne. Weil die Kirche St. Marien, gerade in dieser durch einen Krieg bedrückten Zeit, nicht nur ein probater Ort für sakrale wie auch für weltliche Musik ist, sondern auch Ort der Einkehr und des Gebets, lud Pfarrer Arvid Raschke zu einem Bittgebet ein. Nach andächtiger Stille, fast eine Minute lang, bat er zu Gott, hilf uns, ein Werkzeug des Friedens zu sein. Leones - die Löwen, eröffneten mit ihrem Programm, Musik, die vom Herzen kommt, den musikalischen Teil des Festivals. Bei dem Namen könnte man machtheischendes Gebrüll erwarten oder den Nachhall des uralten Warnrufs hic sunt leones. Nichts von alledem. Mit akademischem Wohlklang von je drei Stimmen und Saiteninstrumenten führten die Musiker unter der Leitung des hier gut bekannten Marc Lewon durch den Codex Chansonnier Cordiforme. Diese in der Form eines Herzens gestaltete Handschrift aus dem Jahre 1475 enthält Liebeslieder, die einem Geistlichen jener Zeit wohl als lichte Quelle höfischer Gunst galten, in der alle Tugend sich zeigt, wie eines der Lieder verheißt. Warum der Ur-Eigentümer des Codex andererseits als zügellos und lasterhaft beschrieben worden ist, kann man ahnen, wenn Els Janssens-Vanmunster mit ihrem gewaltigen Mezzosopran anspielungsreich von einem Robin singt, der mit seiner hübschen Flöte gern mit der sanften Schäferin und zu seinem Vergnügen spielen möchte. Abweichend vom lang gepflegten Ritual der Musiker-Bekränzung bei montalbâne gab es für die Musiker am Schluss ihres Konzerts, passend zum Herz-Codex, eine feine Flasche aus dem spendablen Weingut Herzer. Die Freyburger Doppelkapelle bietet - noch immer pandemisch begründet - derzeit nur dreißig Zuhörern Platz, weswegen Guillermo Pérez sein Nachtkonzert auf dem Organetto als Mitternachtskonzert wiederholte. Die Orgeln „erzählen“ Lieder, benannte er sein solistisches Programm, was er mit dem mobilen Instrument überzeugend demonstrierte. Der spanische Musiker, derzeit einer der gesuchtesten Organetto-Spieler, wie mir versichert wurde, bringt sein Instrument und die älteste, aus dem vierzehnten Jahrhundert überlieferte Orgelmusik, die seit der Renaissance deutlich in den Hintergrund getreten ist, in der Gegenwart wieder zu verdienter Geltung. Im Juni 2002 stand zum Abschluss des Festivals ein Ensemble aus Sardinien auf der Bühne und eroberte sofort Ohren und Herzen der Zuhörer. Solchen Gesang im Wechsel von Solo und Chor von vier Männerstimmen hatte man hierzulande noch nie gehört. Die vier stehen im Viereck zueinander und lassen mit ihren gewaltigen Stimmen das Gewölbe der alten Marienkirche geradezu erzittern. Ihre Stimmen sind größer als die Männer. Jetzt, exakt zwanzig Jahre später, begeistern Massimo Roych, Piero Pala, Gian Luca Frau und Mario Siotto erneut. Sie standen auf der Wunschliste ganz weit oben. In ihrer Sprache, von der man nichts verstehen muss, um sich von ihrem Gesang einfangen zu lassen, blitzen mitunter lateinische Vokabeln auf. Das sind dann heilige Lieder, die weltlichen und musikantischen Titel lassen den Vokalreichtum der vom Absterben bedrohten sardischen Sprache so recht aufleuchten. Dass die Dolmetscherin den temperament- und temporeichen Erläuterungen des Vorsängers nicht gänzlich folgen konnte, machte nix, alles verstand sich sowieso von selbst. Sowohl von den Musikern als auch aus dem Publikum hörte ich, es mögen nicht wieder zwanzig Jahre bis zum Wiedersehen mit Cuncordu de Orosei vergehen. Fast darf er nach Konzerten in drei Jahren und jetzt im vierten schon als „ständiger Gast“ bezeichnet werden. Die seit 2010 aufgeworfene Frage, was bei den Auftritten von Marco Beasley wichtiger sei, der Zauber seiner schönen Stimme oder seine außergewöhnliche Bühnenpräsenz, ließ sich auch jetzt beim abermaligen Wiederhören und -sehen nicht beantworten. Bei beidem blieb kein Wunsch offen. Der Titel des Programms, das er wiederum gemeinsam mit dem Arciliuto-Spieler und Gitarristen Stefano Rocco gestaltete, war Due Radici : Zwei Wurzeln benannt. Es wurde jedoch schnell offenbar, dass hier mehr als nur zwei Wurzeln „angezapft“ worden waren. Beasley hatte anfangs verkündet, es sei kein Konzert mit alter Musik, kein Konzert mit moderner Musik – it’s a concert of music. Damit unterstrich er die sich inzwischen mehr und mehr durchsetzende Erkenntnis, dass es kontraproduktiv ist, Musik nach ihrer Entstehungszeit zu rubrizieren. Ob „Mittelaltermusik“ oder „moderne“ - dass es nur eine Musik gibt, hat das Programm eindrucksvoll bewiesen. Ob Lieder des FESTIVALBERICHTE 41 Ex Joculatoribus, Foto: Alex Thieme Guillermo Pérez, Foto: Alex Thieme

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