Toccata 05/2022

sechzehnten Jahrhunderts aus Italien und England, ob Lauten-Musik des siebzehnten oder vertonte Gedichte des zwanzigsten - alles in einem Konzert, von einem Duo souverän als musikalisches Kontinuum interpretiert. Beasley, der einst an Europas ältester Universität in Bologna die Kurse für darstellende Kunst besucht hatte, bewies sein musikalisches wie komödiantisches Können nicht allein beim Blasen auf dem Kamm. Das wie stets inhaltsreich gefüllte und liebevoll gestaltete Programmbuch des Festivals hat für das Konzert der Ioculatores nur eine von vierundvierzig Seiten übrig. Gibt es nichts mehr dazu zu sagen? Ist alles schon gesagt? Was für ein prächtiges understatement! Zwar taucht der Name seit dreizehn Jahren in aktuellen Konzertankündigungen nicht mehr auf, vergessen ist er deswegen keineswegs. Auf der Wunschliste zum XXX. montalbâne nahm er als highlight unangefochten die pole position ein. Kein Wunder, die Ioculatores sind nicht nur die „Erfinder“ von montalbâne, sie bereicherten seit 1991, mit zwei Unterbrechungen, jeden Konzertjahrgang. Also mussten sie noch einmal ran und die inzwischen weit zerstreute Gruppe zusammenorganisieren. Einzelne Namen bleibe ich schuldig, es wären zwölf. Da sich die Ioculatores selbst als ein Ganzes, als ein - laut eigenem Bekunden - „kreatives Netzwerk“ verstehen, treten die einzelnen Namen hinter den des Ensembles zurück. Dreizehn waren es auf der Bühne, denn zu den „Auserwählten“ gehörte auch ihre „Lieblings-Gastsängerin“ Miriam Andersén, die auch ohne ein eigenes Konzert wunderbar präsent war. Das Konzert war gedacht als eine Hommage an die Festivalgründer, also nicht nur für die Musiker, gerade auch für die vielen vielen Helfer, die von Anfang an für das Leben des Festivals sorgen. Deshalb nicht nur Ioculatoes, sondern Ex Ioculatoribus. Wem mal ein kleines Latinum zugeflogen ist, konnte das schnell und schräg übersetzen: Schluss/Ende/Aus für Ioculatores. Der Altsprachenkundige übersetzt zutreffend: Aus den Ioculatores [heraus]. Das war sofort sichtbar, als sie auf die Bühne in der Marienkirche traten. Drei Söhne und ein Neffe, herausgewachsen aus den Ur-Ioculatores, eröffneten das Konzert, dann mischten sich die „Alten“ ein und kräftig mit. Trotz mancher Brille, manch grauen Haares, sind die Spielleut, wie ihr Namen zu Deutsch heißt, noch immer in bester Spiellaune. Wenn es bei den Musikanten musikalisch mal ein bisschen gehakt hat, je nun, sie haben eine kleine Ewigkeit nicht mehr gemeinsam geübt und schon gar nicht gespielt. Der Begeisterung im Publikum tat’s keinen Abbruch. Allein die Wiederbegegnung mit historischen, lange nicht gehörten Musikinstrumenten wie Trumscheit, Zink, Glockenrad, Schalmei und Kuhhorn, die dann bei Saltarelli und Estampies lebendig wie eh und jeh wurden, lösten den vertrauten Jubel aus. In den allgemeinen Jubel über dieses Konzert mischt sich die Bitternis, dass dieses Konzert nun, so wurde glaubhaft versichert, „das einzige letzte Konzert“ der Ioculatores gewesen ist. Never say never! Roman Vinkowski Telemann im Taunus Kantaten aus dem Französischen Jahrgang in Kronberg (8. Juli 2022) Von 1712 bis 1721 war Georg Philipp Telemann städtischer Musikdirektor in Frankfurt am Main. In jener Zeit schuf er u.a. seinen 72 Kirchenkantaten umfassenden „Französi-schen Kantatenjahrgang“ (1714/15). Das Collegium musicum der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und das Forum Alte Musik Frankfurt haben das Telemann Project mit dem Ziel gegründet, diesen Kantatenzyklus der Musikwelt wieder zugänglich zu machen. Neben Einspielungen (beim Label cpo) und Noteneditionen (beim australischen Verlag Canberra Baroque) sind auch Wiederaufführungen der Kantaten, die teils einen über 300 Jahre langen Dornröschenschlaf hinter sich haben, Ziele des Projekts. Eine erste Doppel-CD mit den Gutenberg Soloists und dem Neumeyer Consort unter der Leitung von Felix Koch ist kürzlich erschienen und wurde sogleich für den Opus Klassik 2022 in der Kategorie Chorwerkeinspielung nominiert. Anfang Juli dieses Jahres war Felix Koch, Spiritus Rector und treibende Kraft des Tele-mann Project, mit „seinen“ Musikerinnen und Musikern zu Gast in Kronberg im Taunus. Auf dem Programm in der Kirche St. Johann standen drei Kantaten aus dem „Französi-schen Jahrgang“, ergänzt durch Choralvorspiele und Choräle. Letztere wurden als Stil-kopien von Studierenden des Studiengangs Musiktheorie an der Johannes-Gutenberg-Universität auf der Grundlage von Telemanns Sammlungen „Fugierende und verändern-de Choräle“ und „Fast allgemeines Evangelisch-Musikalisches Lieder-Buch“ für Gesangs-stimmen und Instrumente bearbeitet. Unter der Anleitung von Professor Birger Peter-sen, der selbst mit „Vater unser im Himmelreich“ ein Arrangement beisteuerte, schufen Katharina Moos („Ach Gott, vom Himmel sieh darein“), Antonio Kapper („Was fehlt dir noch“) und Hye Min Lee („O Haupt voll Blut und Wunden“) Kantaten en miniature in vielfältigen Besetzungen und sicherem Gespür für die evangelische Kirchenmusik des frühen 18. Jahrhunderts. Im Zentrum des gut besuchten Konzerts standen Telemanns originäre Kantaten. Den Vokalpart gestalteten die 2020 geründeten Gutenberg Soloists, wobei die Solisten Kath-rin Lorenzen (Sopran), Etienne Walch (Altus), Fabian Keller (Tenor) und Gotthold Schwarz (Bass) der Aufführungspraxis zu Telemanns Zeit entsprechend als Mitglieder des 12-köpfigen Vokalensembles fungierten. Bemerkenswert ist die gelungene Mischung aus routinierten Musikerinnen und Musikern, wie dem souverän mit schlankem Bass und klarer Diktion singenden Gotthold Schwarz, und vielversprechenden Nachwuchskünstlern, die mit teils beachtlichen Leistungen auf sich aufmerksam machten. Stellver-tretend sei der junge, aufstrebende Countertenor Etienne Walch erwähnt, der mit zwei berückenden Arien aufhorchen ließ. Hier folgt das Telemann Project ganz offenkundig Wegen, die man vor einigen Jahren in den schmerzlich vermissten Kaisersaal Konzerten in Frankfurt am Main bereits eingeschlagen hatte. Hörenswert sind die Kantaten des „Französischen Jahrgangs“ vor allem hinsichtlich ih-rer inneren Geschlossenheit und formalen Vielfalt. Die geradezu unerschöpfliche kreati-ve Energie Telemanns zeigt sich hier bereits in seinen jungen Jahren. „Ach, wie beißt mich mein Gewissen“, aber auch „Was fehlt dir noch“ und „Brich dem Hungrigen dein Brot“ erwiesen sich in dieser Hinsicht unverkennbar als Vorläufer der späteren Leipzi-ger Kantaten Johann Sebastian Bachs. Felix Koch leitete die Gutenberg Soloists und das Neumeyer Consort mit sicherem Gespür für Telemanns barocke Klangwelt und gab zudem informative Erläuterungen zu den einzelnen Werken. So wurden die Wiederauffüh-rungen der Kantaten vor allem durch die Ensembleleistung ein gefeierter Erfolg. Das Konzert in der schönen, akustisch geradezu idealen Kronberger Kirche St. Johann war ein überzeugendes Plädoyer für das Telemann Project. Der Appetit auf mehr ist geweckt. Ingo Negwer 42 TOCCATA - 121/2022 FESTIVALBERICHTE Die Gutenberg Soloists und das Neumeyer Consort in der Kirche St. Johann. Am Pult: Felix Koch, Foto: Ingo Negwer

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