Toccata 06/2022

Kunstvolle Motetten eines portugiesischen Avantgardisten in Rom Das englische Vokalensemble “The Marian Consort” gehört zu den jüngeren Chorfomationen, welche sich durch wissenschaftlich fundierte Kreativität und hohe Flexibilität in der Interpretation von weniger bekannten Vokalwerken der Renaissance und des Frühbarock auszeichnen. Es ist dem Ensemble unter der Leitung ihres Gründers Rory McCleery (Countertenor) ein großes Anliegen, durch zeitgenössische Auftragskompositionen, innovative Impulse in der Chormusikszene Brittaniens zu setzen. In Europa und in Nordamerika begeistert “The Marian Consort” sein Konzertpublikum durch seine beherzten und mitreissenden Interpretationen selten gehörter Werke; für das nächste Jahr 2023 ist eine große Asien-Tournee geplant. Von Anfang an wurden die Konzert-Projekte auch als CD auf dem DelphianLabel veröffentlicht, u.a. “Adriatic Voyage”, ein gemeinsames Projekt mit dem “llyria Consort” und Bojan Cicic, welches dort vor einem knappen Jahr heraus gebracht wurde. In der März/April-Ausgabe von TOCCATA habe ich in meiner dortigen Besprechung die Leistung des “Marian Consort” entsprechend gewürdigt. Seit diesem Jahr ist das “Marian Consort” eine langfristige Verbindung mit dem englischen Label LINN Records eingegangen; soeben liegt nun das erste (physische) Produkt der neuen Partnerschaft vor: Und zwar mit kunstvollen Motetten des Komponisten und Musiktheoretikers Vicente Lusitano (ca. 1520–ca. 1561), der als Sohn eines Portugiesen und einer Afrikanerin, als einer der ersten schwarzen Komponisten gilt, dessen Werke gedruckt vorliegen. Gesicherte Quellen weisen nach, dass es den katholisch geweihten Vicente Lusitano nach Italien und dort nach Padua, Viterbo und Rom zog, wo er als Lehrer tätig war; aber ein sinst übliches kirchliches Amt ist nicht nachweisbar. Im Rom wurde 1551 sein einzig erhaltenes Kompositionsbuch, das “Liber primus epigramatum” herausgegeben, aus dem die Werke der vorliegenden CD stammen. Warum Vicente Lusitano als Komponist keine große Karriere machte und um 1556 zum Protestantismus konvertierte und auch heiratete wird der Nachwelt ein Rätsel bleiben. Die letzten Spuren finden sich von ihm am Stuttgarter Hof von Herzog Christoph von Württemberg, einem überzeugten Reformationsanhänger. Rory McCleery und seinem “Marian Consort” gelingt es mühelos, die intime Schönheit und spirituelle Kraft von Vicente Lusitanos vier- bis achtstimmigen Motetten erstrahlen zu lassen. Die extrem homogene, sinnliche Darbietung des hervorragenden Sängerensembles betont geradezu die Originalität und Geradlinigkeit von Lusitanos Meisterwerken, auch wenn sie sich - wie in zwei Parodie-Motten - vor Josquin Desprez huldvoll verneigen. Kompositorischer und interpretatorischer Höhepunkt ist für mich aber die vierstimmige Motette “Hei me, Domine”, die im Zentrum dieser Sammlung steht und mit seinen kontrapunktischen Experimenten, seiner modern anmutenden Farbgebung und seinem improvisatorischem Gestus fasziniert. Eine anmutige Vokalaufnahme voller Überraschungen! Wolfgang Reihing Vicente Lusitano: Motets. The Marian Consort, Rory McCleery. LINN Records, CKD 694. Aufnahme: November 2021. !& © 2022 (1 CD). CD DES MONATS NOVEMBER 2022 Platte des Monats CD of the month Foto: Nick Rutter

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